"Nachts träume ich von Kramnik"

28.10.2006 – Viele Schachfans waren erstaunt, dass Veselin Topalov kurz nach seinem Wettkampf gegen Vladimir Kramnik schon wieder beim Großmeisterturnier in Essent spielt. In einem Interview mit dem holländischen IM Gert Ligterink, das in der holländischen Zeitung de Volkskrant erschienen ist, verrät Topalov, warum er in Holland angetreten ist. Außerdem spricht er über seine Sicht auf den Wettkampf und erklärt, warum er nachts von Kramnik träumt.Zum Originalinterview in de Volkskrant (holländisch)...Zur deutschen Version des Interviews...

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"Elista verfolgt mich immer noch"

Interview mit Gert Ligterink in de Volkskrant

IM Ligterink traf Veselin Topalov in einem Landhotel am Stadtrand von Hoogeveen, kaum der Ort, an dem man mit einem Ausbruch unterdrückten Zorns rechnet. Aber Topalov bekommt rote Flecken am Hals und seine Stimme wird schrill, wenn das Gespräch auf das Verhalten Vladimir Kramniks während des vor kurzem beendeten Weltmeisterschaftskampfes kommt. Andererseits beklagt er sich nicht über seine Niederlagen in den ersten beiden Runden des Turniers in Essent und lobt im Gegenteil sogar das Spiel seiner Gegner.


Ex-Weltmeister Veselin Topalov

Topalov gibt zu, dass er mit seiner Teilnahme in Hoogeveen zuviel wollte. "Ich habe die Reaktion meines Körpers unterschätzt. Es ist nicht verwunderlich, dass er sich nach der intensiven Konzentration während des Wettkampfs in Elista entspannt. Hätte ich hier nicht spielen sollen? Daran habe ich nicht eine Sekunde gedacht. Ich habe niemals einen von mir unterschriebenen Vertrag gebrochen. Ich bin nicht Kramnik. Wie oft hat er sich mit vagen Beschwerden über Erschöpfung zurückgezogen? Dieses Frühjahr zog er seine Teilnahme am Turnier in Monaco zurück, unmittelbar nachdem er den Vertrag über den Wettkampf gegen mich unterzeichnet hatte."

Ligterink sagt, dass der Name Kramnik auf Topalov wirkt wie ein rotes Tuch. In den Tagen nach dem Wettkampf hielt sich Topalov zurück, aber jetzt hat er das Gefühl, die Zeit ist gekommen, um die Geschichte aus seiner Sicht zu erzählen. "Aus den Artikeln, die ich gelesen habe, gewinne ich den Eindruck, dass das große Publikum Kramnik als Märtyrer sieht, der sich gegen Unterdrückung behauptet hat. Für sie bin ich der Hund, der bellt, und mein Manager Silvio Danailov die Verkörperung des Bösen. Das ist eine völlige Verzerrung der Wirklichkeit und macht keinen Sinn. Unser Protest gegen Kramniks Verhalten, den jeder verurteilt hat, war keine Provokation, sondern Ausdruck ernsthafter Bedenken. Während der ersten beiden Partien hat Kramnik zweieinhalb Stunden in seinem Ruheraum hinter der Bühne verbracht. Das kann man nicht machen, nicht wahr? Wenn man ein faires Match spielt, dann kann man sich nicht verstecken. Das Publikum muss einen auf der Bühne sehen.

"Nach der vierten Partie wollte mein Manager die Überwachungsbänder sehen, um genau herauszufinden, wie mein Gegner seine Zeit im Ruheraum verbringt. Er sah, dass Kramnik sehr oft auf die Toilette ging und da schöpften wir Verdacht. Natürlich ist dies Verhalten verdächtig. Die Toilette war der einzige Bereich, den die Überwachungskameras nicht im Blick hatten.



Veselin Topalovs Manager Silvio Danailov, der in Essent vor Partie vier eintraf, mit einem kleinen Scherzartikel, der Erinnerungen an "Toiletgate" weckt. Peter Doggers, der das Photo gemacht hat, berichtet, dass Veselin am Tag zuvor im Presseraum gescherzt hatte: "Ohne Kameras in den Toilettenräumen spiele ich hier nicht." Woraufhin Judit Polgar zur Antwort gab: "Nun gut, aber nicht in meiner Toilette!" Worauf Topalov hinzufügte: "Und ich will auch die Bänder!"

"Das Appeals Committee hatte beschlossen, die Toiletten in den Ruheräumen abzuschließen. Kramnik reagierte wie die verletzte Unschuld. Vertrag hier und Vertrag da. Es ist immer das gleich mit ihm. Ununterbrochen bricht er die Regeln, aber Gott behüte, dass seine eigenen Rechte verletzt werden. "Dass Kramnik zur fünften Partie nicht erschienen ist, war sein eigener Fehler. Er hat geglaubt, er könnte sich alles erlauben. Ich hätte es vorgezogen, wenn wir die Partie gespielt hätten und unser Protest umfassend behandelt worden wäre. Stattdessen bekam ich einen kampflosen Punkt. Aber in allen anderen Punkten bekam Kramnik, was er wollte. Er konnte in seinem Ruheraum alles tun, was er wollte, und das Appeals Committee wurde entlassen.

"Die Konsequenz daraus war, dass ich ab der sechsten Partie nicht mehr länger wusste, gegen wen ich spielte. Im letzten Jahr war Kramnik ziemlich anfällig, aber in diesem Wettkampf hat er kaum taktische Fehler gemacht. Ich begann, Zweifel zu hegen. War Kramnik mein Gegner oder war dies Kramnik, der von einem Computer unterstützt wurde? Um ihn so viel wie möglich am Brett zu halten, begann ich sehr schnell zu spielen. Manchmal zu schnell. Der Fehler, durch den ich die neunte Partie verlor, war die Folge einer Entscheidung, die ich zu schnell getroffen hatte.

"Ich akzeptiere, dass ich den Wettkampf verloren habe. Aber die Vorgänge in Elista verfolgen mich immer noch. Nachts träume ich von Kramnik. Ich träume, dass er den Vorschlag eines Revanchekampfs in Sofia angenommen hat. Oder ich mache mit ihm einen langen Spaziergang in Moskau, wonach wir in eine exklusive Disco gehen. Das Seltsame ist, dass wir beiden dort die einzigen Besucher sind."

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