"Opa beißt noch!"

04.12.2008 – Mit seiner gerade erschienen Dezember-Ausgabe ist Schachmagazin 64 das erste Schachheft, in dem die Dresdner Schacholympiade ihren ausführlichen Niederschlag findet. Neben Statistiken, vielen Fotos und Partien gibt es auch eine Reihe von Geschichten um Personen oder bemerkenswerte Vorgänge bei diesem großen Schachereignis auf deutschem Boden. Eine der Geschichten beschäftigt sich mit dem ältesten Großmeister auf der Schacholympiade. Der 77-jährige Viktor Kortschnoj war bereits bei der Schacholympiade 1960 am Start. "Opa beißt noch," lautet die Einstellung des nun in der Schweiz lebenden Schachprofis. Hartmut Metz hat ihn für SM64 portraitiert. Weitere Themen des Hefts sind die Senioren-Weltmeisterschaft, die Offenen Internationalen Meisterschaften von Bad Wiessee, der Auftakt zur österreichischen Bundesliga und vieles mehr. Mit ChessBase 10, Fritz&Fertig für Nintendo sowie Alexei Shirovs My best Games in the Spanish, Vol.3 werden zudem drei Software-Produkte vorgestellt. Schachmagazin 64 erscheint zwölfmal im Jahr. Zum Schnuppern wird ein besonders preisgünstiges Probeabo angeboten (Drei Ausgaben für 5,40 Euro)Schachmagazin 64... Probeabo bestellen... Rezensionen in SM64...Opa beißt noch: Nachdruck...

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Seit 48 Jahren bei Schacholympiaden aktiv
Viktor Kortschnoi, der älteste Leistungssportler von Weltrang *
Vier Weltmeister würdigen den 77-Jährigen Vizeweltmeister *
Von Hartmut Metz

Über ein Medium will er schon gegen den verstorbenen ungarischen Großmeister Geza Maroczy gespielt haben. Selbst ist Viktor Kortschnoi schachlich nicht totzukriegen: Mit 77 Jahren gilt der Schweizer als ältester Leistungssportler von Weltrang. „Die meinen, sie könnten Opa den Finger in den Mund stecken – aber Opa beißt noch!“ Dieses Kortschnoi-Bonmot bekam Peter Swidler gleich in der ersten Partie der Olympiade in Dresden zu spüren. Der Weltklassespieler von Topfavorit Russland hatte zwischenzeitlich enorme Mühe, am Spitzenbrett gegen „Viktor den Schrecklichen“ ein Remis zu retten.



Kommentator Klaus Bischoff musste im Kongresscenter ständig auf die Begegnung der unverwüstlichen Legende eingehen: „Ja, ich weiß, ihr wollt Viktor Kortschnoi sehen. Bei ihm ist immer noch etwas los auf dem Brett“, sagte der Großmeister und beugte sich gerne dem Wunsch des Publikums. Der 77-Jährige verließ die Bühne jugendhaft strahlend, nachdem er gegen den russischen Meister einmal mehr in seiner Lieblingsrolle brilliert hatte: Einen seiner Enkel ließ der mehrmalige Vizeweltmeister nicht nur wie einen Bäckerburschen aussehen – er behandelt seine Nachfolger auch so. Anstatt Swidler ein Remis zu offerieren, raunte der Eidgenosse, wie das Original mit diebischer Freude erzählte, nur übers Brett: „Ich kann nicht mehr gewinnen!“ Sein 46 Jahre jüngerer Widersacher hatte verstanden und reichte die Hand zum Friedensschluss übers Brett. Dem großen Kortschnoi verzeiht jeder derlei Affronts. In den drei ersten Begegnungen glänzte der Diplom-Historiker mit einem Sieg und zwei Remis. Dann kam aber der 16-jährige italienische Großmeister Fabiano Caruana und düpierte ihn. „Die strengen sich gegen mich besonders an, weil sie mit dem Sieg über den Dinosaurier prahlen wollen“, beklagt sich der gebürtige St. Petersburger.

„Ich patze in einer Partie nicht nach drei, vier Stunden“, betont der Senioren-Weltmeister von 2006 und nennt den Hauptgrund, warum er zuletzt aus den Top 100 rutschte, „ich gerate von Anfang an in Nachteil. Ich mache vermutlich zu wenig mit dem Computer, so dass die Jungen die Eröffnungstheorie viel besser kennen. “ An schnelle Punkteteilungen verschwendet Kortschnoi dennoch keinen Gedanken. Vielmehr begrüßt er die neue Regel in Dresden, die Remisangebote vor dem 30. Zug untersagt. „Das gefällt mir!“, bestätigt der alte Kämpfer, der von seinen mehr als 4 500 Partien seit 1946 die wenigsten früh friedlich beendete. „Der Ehrgeiz schwindet im Alter, und dem Sinn steht es nach freundschaftlichen Partien – das ist aber nicht mein Stil“, unterstreicht Kortschnoi. Den seit 30 Jahren in der Schweiz lebenden Emigranten stört daher nur eines an seiner neuen Heimat: „Ich betrachte Neutralität als schlimme Krankheit! Und ich will nicht von Neutralität angesteckt werden!“ Wenig neutral fällt folglich auch sein Urteil bezüglich seiner Leistung in Dresden aus: „Ich habe schlecht gespielt und nur eine Partie gewonnen – aber drei verloren!“ Nein, damit kann ein Viktor Kortschnoi nicht zufrieden sein. Sechs zusätzliche Remis und insgesamt 4:6 Punkte machen das Abschneiden für ihn keineswegs besser. „Am Schluss wusste ich schon gar nicht mehr, wie es ist, eine Partie zu gewinnen.“



Mit der Schweiz verschwand der Spitzenspieler im Mittelmaß der Olympiade: Die auf Position 36 gesetzten Eidgenossen landeten mit 12:10 Zählern auf Platz 52 unter 146 Teams. Während der Abschlussfeier lässt Kortschnoi die Olympiade Revue passieren. Ständig drängeln neue Spieler – zum Beispiel aus Ecuador – heran. Sie alle wollen ein Erinnerungsfoto mit dem dreifachen Vizeweltmeister und ein Autogramm erhaschen.Anders als am Brett zeigt Kortschnoi eine für ihn seltene Eigenschaft: Geduldig erfüllt er alle Wünsche. Vor allem die jungen Mädchen und Jungs sind ganz aufgeregt, einmalkurz mit einem der größten Schachspieler allerZeiten posieren zu dürfen. „Bitte machen Sie ein Foto von uns“, werden Umstehende bedrängt und bekommen kurzerhand eine kleine Kamera in die Hand gedrückt. Kortschnoi beweist derweil Eigenschaften,die ihn zeitlebens auszeichnen: schonungslose Analyse und Hartnäckigkeit. Während des Fotoshootings setzt er fort: „Ich habe Ihnen ja schon vor der Olympiade gesagt, dass wir kein richtiges erstes Brett haben!“, erinnert der Routinier daran, dass er sich diesmal auf Position zwei aufbieten lassen wollte. Doch seine „Enkel“ hielten den „Opa“ weiter für rüstig genug, um zum elften Mal an vorderster Front für die Schweiz die Kohlen aus dem Feuer zu reißen. Nun mäkelt Kortschnoi mit Blick auf Platz 52, „ohne einen starken Spitzenspieler kann man nichts erwarten“. Kritik an seinen Mitspielern übt der 77-Jährige derweil nicht, obwohl die viel, viel jüngeren Stammkräfte – Yannick Pelletier, Florian Jenni (beide SG Zürich) und Joe Gallagher (Joeur Lausanne) – auch alle unterhalb ihrer üblichen Leistungszahl blieben. Lediglich sein Mannschaftskamerad bei Nati-A-Meister SG Zürich, Werner Hug, erfüllte als Ersatzmann am letzten Brett mit 4:1 Zählern die Erwartungen. Wenn Kortschnoi seinen „hohen Blutdruck“ erwähnt und die „Medikamente, die mich beeinträchtigen“, könnte man überdies zum Schluss kommen, das Alter mache sich nun langsam bemerkbar.



Nach seiner Niederlage gegen den Ungarn Peter Leko, der die Goldmedaille als bester Spitzenspieler gewann, sitzt Kortschnoi allem eventuellen gesundheitlichen Ungemach zum Trotz eine kleine Ewigkeit am Tisch mit Nationaltrainer Artur Jussupow zusammen: Ringsum sind bis auf eines alle der 552 Bretter mit ihren 8832 Schachfiguren verwaist. Fans bestaunen die Analyse beider Großmeister. Gebannt verfolgen sie, wie sich Kortschnoi auf die verzweifelte Suche nach der Wahrheit begibt. Wann unterlief ihm der entscheidende Schnitzer gegen den Jungspund Leko? Die Figuren wandern hierhin, die Damen und Türme wandern dorthin. Jussupow denkt schon allein aus Respekt nicht daran, die ausufernde Fehlersuche abzubrechen – schließlich hielt der einstige WM-Kandidat die Legende bei einer Umfrage einer Fachzeitschrift „für den größten Schachspieler des 20. Jahrhunderts“. Dass Anatoli Karpow dieses Urteil nicht unterschreibt, liegt auf der Hand. Schließlich wirbt der Russe gerne mit seinen „167 Turnier- und Zweikampf-Siegen“ für sich, darunter auch die drei Duelle mit Kortschnoi, die ihm den WM-Titel bescherten. Aber selbst der Ex-Weltmeister kommt in Dresden nicht umhin, dem Erzrivalen Respekt zu zollen: „Ich kenne Kortschnoi, seit ich zehn Jahre alt bin. Im Ural gab er 1961 ein Simultan gegen zahlreiche Amateure.“ Ein Jahr zuvor, 1960, hatte er in Leipzig erstmals an einer Schacholympiade teilgenommen und mit der Sowjetunion – wie auch später – dauernd Gold abgeräumt. Inzwischen reden die beiden Koryphäen auch wieder miteinander. Das war nach Kortschnois Flucht 1976 bei einem Turnier in Amsterdam anders, als der linientreue Karpow im Auftrag der Kommunistischen Partei sowie aller Arbeiter und Bauern den Dissidenten vom Schach-Thron fernzuhalten hatte. Der altersmilde gewordene Karpow regte sogar vor zwei Jahren an, das einstige Feindbild für sein Vereinsteam im Ural zu verpflichten. „Er spielte damals sehr gut“, erzählt der 57- Jährige und schiebt doch eine Spitze nach, „er zeigte sogar Teamgeist! Das war früher in der Sowjet-Auswahl anders.“ Sogar er muss aber anerkennen: „Kortschnoi spielt mit 77 Jahren noch immer stark. Ich bewundere es, dass er in diesem Alter so ambitioniert zu Werke geht!“ Karpow agiert schon lange nicht mehr ambitioniert und tritt lediglich sporadisch gegen andere Topleute an. Ein weiterer Weltmeister aus Russland spricht auch automatisch während einer Pressekonferenz über Kortschnoi. Boris Spasski, der 1972 vom Amerikaner Bobby Fischer abgelöste Champion, spielt seit einem Vierteljahrhundert kaum mehr richtig. Erst remisierte er lustlos gegen alle, dann stellte er auch das ein. Anders Kortschnoi, der den mittlerweile 70-Jährigen dereinst aus einem WM-Zyklus beförderte: „Der kämpft gegen alle Rivalen und will den Gegner zerstören. Er kann drei Partien hintereinander verlieren, aber dann gewinnt er die vierte und ist glücklich“, klingt Bewunderung bei dem friedfertigen Spasski durch. Auch dem früheren Weltmeister und aktuellen Weltranglistenersten Veselin Topalov fällt der Name Kortschnoi ein, als er in einer Pressekonferenz über seine Chancen räsoniert, wieder Weltmeister zu werden: „Im Schach kann man auch mit über 40 exzellent spielen. Das bewiesen Garri Kasparow wie Karpow – und damit habe ich Kortschnoi noch gar nicht erwähnt!“, äußert der Bulgare und grinst. Der ebenfalls aus St. Petersburg stammende Alexander Chalifman komplettiert das Quartett der Ex-Weltmeister, die in Dresden am Vizeweltmeister nicht vorbeikommen: „Was soll ich zu Kortschnoi sagen? Er ist ein großer Schachspieler.“ An dem Urteil von oberster Stelle ändern daran ein oder zwei Punkte mehr oder weniger in Dresden nichts. Der einzige, der das anders sieht, ist der weiterhin vor Ehrgeiz brennende Viktor Kortschnoi selbst.

 

 

 



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