"Prince of Chess:" Ein ganz normales Wunderkind

13.01.2006 – Morgen beginnt in Wijk das Corusturnier. In der B-Gruppe ist wie im letzten Jahr der junge Norweger Magnus Carlsen am Start. Im Verlauf des letzen Jahres wurde Magnus Carlsen weltbekannt, zum jüngsten Großmeister und qualifizierte sich Ende letzten Jahres sogar für die Kandidatenwettkämpfe zur kommenden FIDE-Weltmeisterschaft. Øyvind Asbjørnson hat nun eine DVD mit einer Dokumentation über den kometenhaften Aufstieg des norwegischen Wunderkindes vorgelegt. Neben vielen Szenen aus Turnieren gibt es Bilder von Trainingseinheiten mit Kasparov, der außerdem beim Bonusmaterial in einem 40-minütigen Interview über die Geschichte des Schachs spricht und seine Schwierigkeiten als einstiges inzwischen gealtertes Wunderkind gegen die heutige Generation von Wunderkindern zu bestehen. Johannes Fischer hat sich den Film angeschaut. Mehr...

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Ein ganz normales Wunderkind: Magnus Carlsen im Film
Von Johannes Fischer

The Prince of Chess: A Fascinating Film about the World's Youngest Chess Grand Master, von Øyvind Asbjørnson, DVD, Englisch und Norwegisch, Gesamtspielzeit inklusive Bonusmaterial 1h 35 Minuten, Main Island Productions 2005, ca. 19,95€.

Jedes Jahr im Januar schaut die Schachwelt nach Wijk aan Zee. Auch das diesjährige Schachfestival verspricht wieder Spannung: In der A-Gruppe möchte Veselin Topalov seine Position als Weltmeister und neue Nr. 1 verteidigen, Gata Kamsky setzt sein Comeback fort, und Newcomer wie Levon Aronian und Shakhriyar Mamedyarov wollen sich in der Weltspitze beweisen. Für Furore sorgen auch die Wunderkinder, allen voran Sergej Karjakin aus der Ukraine und Magnus Carlsen aus Norwegen. Sergej Karjakin feierte am 12. Januar seinen 16. Geburtstag, liegt mit einer Elo-Zahl von 2660 auf Platz 42 der Weltrangliste und wurde im August 2002 im Alter von 12 Jahren und 7 Monaten der jüngste Großmeister aller Zeiten. In Wijk spielt er in der A-Gruppe.





Magnus Carlsen ist zehneinhalb Monate jünger als Karjakin, wurde am 30. November 2005 15 Jahre alt, bringt 2625 Elo-Punkte auf die Waage und wurde im Alter von 13 Jahren, 3 Monaten und 27 Tagen Großmeister, hinter Karjakin der zweitjüngste Großmeister aller Zeiten. In Wijk spielt Carlsen im B-Turnier. Beide können und beide wollen möglichst bald Weltmeister werden. Wer da bessere Chancen hat, ist schwer zu sagen. Mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekommt jedenfalls Magnus Carlsen. Nach dem Buch Wunderjunge von Carlsens Trainer Simen Agdestein gibt es jetzt einen Dokumentarfilm über das norwegische Wunderkind, The Prince of Chess. Beschwingt und unterhaltsam zeigt er Schachspieler als kluge, zurückhaltende, freundliche Leute und Schach als einen Sport, der für begabte Kinder aus intakten Familien wie geschaffen ist.

Schach gelernt hat Magnus mit achteinhalb von seinem Vater, einem Vereinsspieler. Die Augen des Vaters leuchten, als er sich daran erinnert, wie er das Talent seines Sohnes erkannte und wie schnell Magnus besser spielte als er selbst. Etwa vier Jahre später, als ihr Sohn schon auf dem Weg zum Großmeister ist, machen die Eltern ein Jahr Pause in ihrem Beruf, verkaufen ihr Auto, vermieten die Wohnung und reisen mit Magnus und seinen drei Schwestern von Turnier zu Turnier, um die Schachkarriere des Wunderkinds zu fördern. Die Stimmung in der Familie ist gut, und wenn Magnus gewinnt, freuen sich alle. Eine seiner Schwestern erklärt gut gelaunt: "Wenn Magnus gut steht, bin ich immer aufgeregt. Ich wünsche mir, dass er gewinnt."

Beim Schach wirkt Carlsen konzentriert und ernst, im Kreise seiner Familie unbekümmert und vergnügt. Wüsste man nicht, dass er eines der größten Schachtalente der Welt ist, würde er wirken wie viele andere Jungen in seinem Alter. Er liest Comics, langweilt sich beim Sightseeing und kickt in der Jugendmannschaft für seinen lokalen Fußballverein als Ausputzer, obwohl er lieber weiter vorne im Sturm spielen würde. Den Rummel um seine Person nimmt er gelassen. Auf die Bemerkung eines Journalisten, dass manche Leute schöne Schachpartien für Kunstwerke halten, entgegnet er: "Ja, man kann das so sehen." Und ergänzt nach einer kurzen Pause: "Heutzutage kann man fast alles als Kunst betrachten." Über seine Einstellung zum Gegner sagt er: "Ich denke vor einer Partie nicht daran, meinen Gegner zu töten, ich denke daran, ihn in einer Schachpartie zu besiegen." Aber Carlsen weiß, wie gut er ist, und es ist kein Scherz, wenn zu Beginn eines Schnellschachturniers in Reykjavik mit ernsthafter Kinderstimme erklärt: "Gegen Kasparow wird es schwer, aber gegen Karpow rechne ich mir Chancen aus."

Eine realistische Einschätzung. Später im Turnier gewinnt er gegen Karpov, verliert jedoch den Mini-Wettkampf gegen Kasparov, wenn auch unerwartet knapp. In der ersten Partie steht Carlsen auf Gewinn, aber am Ende rettet sich Kasparov ins Remis. Der Film zeigt lange Ausschnitte von dieser Partie, und wer sich je gefragt hat, wie es aussieht, wenn Kasparov am Brett Grimassen schneidet, bekommt hier eine Antwort.

 

All das spielt später, als die beiden gemeinsam trainieren, keine Rolle mehr. Kasparov wirkt freundlich, entspannt, wie ein Vater, der seinem Sohn Dinge erklärt, die beiden wichtig sind. Carlsen erklärt hinterher, nie hätte ihm Schach so viel Spaß gemacht wie während des Trainings mit Kasparov. Ohnehin ist der Ex-Weltmeister auf der DVD sehr präsent. Die Dokumentation über Magnus Carlsen ist zwar der Hauptfilm, aber als Bonusmaterial gibt es neben drei Carlsen Partien zum Zuschauen noch einen weiteren Leckerbissen: ein vierzig Minuten langes Interview mit Garry Kasparov. Der Ex-Weltmeister spricht über Schach in der Sowjetunion, seine Entwicklung, die Förderung junger Talente und die Schwierigkeit, als einstiges Wunderkind gegen eine neue Generation von Wunderkindern zu spielen. Dieses Interview macht deutlich, welchen Verlust das Schach durch Kasparovs Rückzug aus der Turnierarena erlitten hat. Er wirkt konzentriert, wach, voller Energie, und mit seinem Charisma und seiner eloquenten Intelligenz signalisiert er stets, dass Schach wichtig ist, sehr wichtig sogar, was man ihm ohne weiteres glaubt.

Entscheidende Szenen des Films sind mit Mozart-Musik untermalt. Nicht, weil 2006 Mozart Jahr ist, sondern weil Magnus laut Nigel Farndale vom Sunday Telegraph der "Mozart des Schachspiels" ist, ein griffiger Vergleich, der schnell die Runde macht. So ahnt man bereits Böses, als bei dem Bericht über die Weltmeisterschaft 2004 in Libyen Mozarts Requiem erklingt. Carlsen trifft in der ersten Runde auf Levon Aronian, der Aufsteiger des Jahres 2005, was aber in Libyen noch kaum einer ahnt. Die beiden Partien im klassischen Schach enden Remis, im Schnellschach unterliegt der Norweger knapp. Hinterher erklärt Aronian, dass Carlsen gute Chancen hatte, zu gewinnen und ergänzt: "Ich war beeindruckt. Sehr beeindruckt."

In der ersten Runde der Kandidatenwettkämpfe für die WM 2007 trifft Carlsen wieder auf Aronian. Da hat der Norweger die Chance zur Revanche. Aber erst einmal wird er versuchen, in Wijk aan Zee gut abzuschneiden. Um den Anschluss an Karjakin nicht zu verpassen.

 

Ein Interview mit Magnus Carlsen...
Main Island Production...
Carlsen Porträt im Tagesspiegel...
Zum Turnier in Wijk aan Zee...
Die jüngsten Großmeister aller Zeiten...

 

 

 

 

 



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