"Ostap Bender würde erblassen"

09.06.2010 – Nachdem die Mehrzahl der russischen Delegierten des "Aufsichtsrates" des Schachverbandes, 17 von 32 Mitgliedern, sich in einer Sitzung für Karpov als Kandidaten des russischen Verbandes bei der kommenden FIDE-Wahl aussprachen, reagierte der Vorsitzende des Gremiums, Arkady Dvorkovich, recht hysterisch und ließ in einer Aktion die Büros des Verbandes im Zentralschachklub besetzten. Was war der Grund für diese heftige Attacke? Garry Kasparov und ebenso Stanislav Belkovsky in einer Analyse für Grani.ru, die bei Karlop2010 nachgedruckt ist, vermuten Interessen einer Gruppe von russischen Geschäftsleuten, namentlich David Kaplan und Ziyavudin Magomedov, die zusammen mit Kirsan Illyumzhinov und Arkady Dvorkovich, öffentliche Gelder über die FIDE in eigene Taschen umleiten möchten. Kaplan hat zusammen mit der FIDE bereits die Verwertungs-Firma CNC gegründet, deren genaue Absicht bisher im Dunkeln liegt, für die Kaplan aber "Fantasien" formuliert hat, die laut Kasparov "den großen Kombinator Ostap Benders erblassen lließen."  Hintergrund-Artikel bei Karpov2010...Interview mit Garri Kasparov...

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Interview mit Garri Kasparov

Garri Kasparov über das „Politische Schachspiel“ in Russland: „Wenn man keine Ressourcen mehr hat um anzugreifen, muss man den Druck aufrechterhalten, um sich Möglichkeiten für den Übergang zu einer Gegenattacke zu bewahren, wenn sich eine solche Möglichkeit
bietet.“

- In unserem Moskauer Studio ist heute der Co-Vorsitzende der Bewegung „Solidarnost“, Leiter der „Vereinigten Bürgerfront“ und Schachweltmeister Garri
Kasparov. Garri Kimovich, lassen Sie uns mit dem Schachspiel beginnen.

- Darüber haben wir schon lange nicht mehr diskutiert.

- Ja, ja, wir haben schon lange nicht mehr unseren Bauern von e2 nach e4 gezogen. Sie haben die Kandidatur von Anatoly Karpov als neuen Leiter der internationalen Schachförderung unterstützt. Was gefällt Ihnen an Kirsan Ilyumzhinov, der sich ebenfalls für diesen Posten bewirbt, nicht?

- Kirsan Ilyumzhinov hat schon seit 15 Jahren das Ruder des internationalen Schachs in der Hand. Noch länger steht er allerdings schon an der Spitze von Kalmückien, nämlich 17 Jahre. Es scheint mir schon lange an der Zeit zu sein, die Resultate seiner Tätigkeit zu beurteilen, sowohl in Kalmückien als auch in der internationalen Schachbewegung. Während seine Tätigkeit dort in Kalmückien in den nächsten Monaten im Kreml bewertet wird, wenn es um die Ernennung eines neuen Chefs der Region geht…

- Oder Nichternennung, sondern fünfte Amtszeit...

- Nun, gegebenenfalls Ernennung oder Wiederernennung. Betrachtet man jedoch die Verlegung der Sitzung des Staatsrates für Ökologie an einen anderen Ort, eine Sitzung, die in Elista stattfinden sollte und auf die, meiner Meinung nach, Ilyumzhinov große Hoffnungen gesetzt hatte, unter anderem auch wegen des Kampfes um den Posten des FIDE-Präsidenten - diese unerwartete Verlegung in die Moskauer Umgebung spricht dafür, dass man im Kreml die Möglichkeit, dass Ilyumzhinov auch in Zukunft den Wohlstand des kalmückischen Volkes vergrößern wird, skeptisch einzuschätzen scheint. Was jedoch das Schachspiel angeht, so sind die Resultate hinreichend offensichtlich. Jetzt hat das Schachspiel seinen Platz im Hinterhof des gesellschaftlichen Lebens eingenommen, und dabei geht es um ein Spiel, das einmal auf den Titelseiten der Zeitungen zu sehen war, um Turniere, Spiele, die in Moskau, London, Paris und New York stattfanden. Jetzt finden die Schachturniere in Naltschik, Astrachan, Dschermuk und Chanty-Mansijsk statt…

- Das sind schöne Städte. Sie sollten sie nicht beleidigen.

- Nein, die Städte sind natürlich schön, nun in Elista, versteht sich das von selbst, aber wir sehen da nicht einfach einen Rückgang der Popularität des Schachspiels. In Wirklichkeit nimmt sie im Internet zu, das totale Fiasko der internationalen Schachföderation FIDE liegt vielmehr bei der mangelnden Gewinnung kommerzieller Sponsoren. Und das ist natürlich in erster Linie mit dem Ruf verbunden, den die FIDE hat. Denn Sponsorentum ist nicht einfach nur Interesse an irgendeiner Sportart oder an irgendeiner Art von Tätigkeit, es ist in Vielem außerdem eine Beurteilung des Rufes jener Leute, die die entsprechende Föderation leiten.

- Aber hinter Ilyumzhinov steht ja Herr Dvorkovich, der Berater des Präsidenten der Russischen Föderation, da haben Sie eine Reputation, sogar zwei bedeutende Persönlichkeiten, einen Gouverneur und einen bedeutenden Beamten.

- Nun, die Reputation von Dvorkovich wird mit einem anderen Maß gemessen, aber Ilyumzhinov hat konkrete 15 Jahre Schachführung hinter sich, und in diesen 15 Jahren konnte der Schachsport keine korporativen Sponsoren gewinnen, und wie ich schon gesagt habe, wurde er in die kaukasus-kaspische Zone verlegt, wo jetzt alle wichtigen Turniere stattfinden. Dort finden tatsächlich die größten Turniere statt. So kam vor kurzem der Grand Prix in Astrachan zum Abschluss. Die Stadt ist natürlich schön, aber dennoch wurden die Turniere des Grand Prix, sagen wir mal vor 20 Jahren, in Barcelona, Rotterdam und Brüssel ausgetragen. Mir scheint, dass es da doch einen Unterschied gibt, der sich negativ auswirkt.

- Heißt das, dass es sich um ein internes Problem der Schachspieler handelt, dass sie nicht mehr so viel verdienen?

- Für mich ist es generell schwierig zu sagen, wie die Einkünfte der heutigen Schachspieler aussehen, ich spiele schon seit 5 Jahren kein Schach mehr. Aber es ist dennoch ganz offensichtlich, dass die Möglichkeiten, die der Schachsport hatte und die in vielem mit den neuen Technologien und dem Internet verbunden sind und mit der stürmischen Entwicklung des Schachspiels in der Schule auf der ganzen Welt, total außer Acht gelassen wurden. Und das ist konkret mit der Tätigkeit von Ilyumzhinov verbunden, mit seinen „Reputationskosten“, den Korruptionsaffären und Skandalen, auch in Kalmückien. Und deshalb war das Problem für mich, als offensichtlich wurde, dass Anatoly Karpov bereit war für den Posten des FIDE-Präsidenten zu kämpfen, quasi gelöst. Abgesehen davon, dass Karpov Weltmeister war, immer große gesellschaftliche Arbeit geleistet und jetzt die Bereitschaft um diesen Posten zu kämpfen gezeigt hat, gibt es noch die Tatsache, dass er versucht hat, als ich vor drei Jahren im Gefängnis war, mich zu besuchen. Diese Episode hat vieles in unseren Beziehungen geändert. Ich fühle mich mich jetzt sehr gut, wenn ich Karpov unterstütze. Und ich hoffe, dass es uns beiden gelingen wird, viel dafür zu tun, dass das Schachspiel an jenen Platz zurückkehrt, der ihm in der öffentlichen Wahrnehmung zusteht.

- Wann sind Ihnen denn in Bezug auf Kirsan Ilyumzhinov die Augen aufgegangen? Ihre Kritiker, z.B. Evgeny Bareev, schreiben, dass Ihnen Ilyumzhinov im Jahr 2002 als Leiter der FIDE noch ganz recht war.

- Nun, das Auftauchen Ilyumzhinovs auf diesem Posten hat mir eigentlich von Anfang an nicht gepasst. Was das Jahr 2002 und im Allgemeinen den ganzen Artikel von Großmeister Evgeny Bareev angeht, so ist er natürlich voll von typischen Verdrehungen, weil sich hinter einzelnen wahrheitsgetreuen Fakten insofern eine große Lüge verbirgt, da man diese Fakten auf verschiedene Weise darbieten und beurteilen kann. Im Jahr 2000 verlor ich das Spiel um den Weltmeistertitel gegen Vladimir Kramnik, und viele in der Schachwelt begannen davon zu sprechen, dass es Zeit sei jener Spaltung ein Ende zu machen, die seit 1993 existierte, und dass es für Kasparov doch endlich an der Zeit sei, eine Möglichkeit zu finden die Beziehungen mit der FIDE in Ordnung zu bringen.

Ich versuchte in diesem gegebenen Fall nicht die Beziehungen mit Ilyumzhinov aufzubauen, sondern mit dem Präsidenten der FIDE. Leider ist daraus nichts geworden, weil nicht einmal die Möglichkeiten, die durch die Prager Vereinbarung offen standen, genutzt wurden. Die Prager Vereinbarung hatten  ja alle führenden Schachspieler unterschrieben, Kramnik, Karpov, alle waren an diesem Prozess beteiligt, die ganz großen  Schachorganisationen und die Sponsoren. Und in den darauf folgenden 2-3 Jahren hat sich die Situation nicht verbessert, sondern weiter verschlechtert, weshalb denn auch mein Versuch, dem Wunsch der Schachwelt zu entsprechen, nichts gebracht hat. Und überhaupt, Evgeny Bareev und allen anderen, die jetzt versuchen, bestimmte  Momente in der Geschichte des Schachspiels zu verdrehen, würde ich raten die hinterlistigen Absichten der heutigen Positionen genauer zu analysieren.

- Trägt diese Konfrontation einen politischen Charakter? Denn an der Seite von Herrn Ilyumzhinov treten ja z.B. jener Arkady Dvorkovich, Berater des Präsidenten, und viele hochgestellte Beamte auf. Kann man da überhaupt Widerstand leisten…

- Könnten Sie bitte genauer sagen, wer sich hinter dem Wort „viele“ verbirgt?

- Alexander Zhukov hat, glaube ich, auch Stellung genommen.

- Das ist noch ungewiss! Alexander Zhukov nimmt in dieser Sache eine Zwischenposition ein. Insgesamt gesehen wird er in keinerlei Hinsicht gegen die Position Dvorkovichs auftreten, auch wenn seine Position bei weitem nicht so kategorisch ist. Und diese drei Punkte, die signalisieren, dass noch nicht alles gesagt ist, nutzen übrigens  Dvorkovich und Ilyumzhinov, um jene Leute einzuschüchtern, die eine Entscheidung zur Aufstellung des Kandidaten der Russischen Schachföderation treffen müssen. Das ist  der Aufsichtsrat der Russischen Schachföderation. Am 14. Mai, ungeachtet des starken Drucks und der offensichtlichen Drohungen, haben 17 von 32 für die Nominierung Karpovs als Kandidaten für die FIDE-Wahl gestimmt. Er ist der Vertreter Russlands, der auf der Sitzung seiner Schachföderation aufgestellt wurde. Und am 19. Februar wurde auf dem Kongress des russischen Verbandes Aufsichtsratsrat gegründet und die neue Satzung der Föderation angenommen. Die Vertreter der Schachorganisationen, darunter sowohl bedeutende Schachpersönlichkeiten als auch Schachspieler, stellten eben auch jenen Ausfsichtssrat auf, dessen Beschluss Dvorkovich so wenig gefällt.

- Dvorkovich sagt, dass die Tagung nicht legitim gewesen sei.

- Dvorkovich kann im Prinzip sagen, was er will. 17 von 32, das ist eine beschlussfähige Mehrheit. Die Sitzung fand genau an jenem Ort statt, wohin sie einberufen worden war, im Zentralschachklub, der den von Michail Moiseevich Botvinnik führt. Die Tatsache, dass die meisten Delegierten nicht in den privaten Salon von Dvorkovich fahren wollten, ist absolut nachvollziehbar, weil sie eben jenes Haus auf dem Gogol-Boulevard nicht verlassen wollten, das den Schachspielern der Sowjetunion und Russlands heilig ist. Nicht in die private Bank zu gehen, wo sich der Salon von Dvorkovich befindet und wo man ganz offensichtlich nicht vorhatte die Presse oder jene Leute zuzulassen, die bereit waren Karpov zu wählen – es waren viele Vertreter der Schachöffentlichkeit gekommen –, ist ein absolut nachvollziehbarer Wunsch.

Das rüde Verhalten von Dvorkovich wechselt mit offener Kriminalität ab, weil er Vertreter einer privaten Bewachungsfirma in den Zentral-Schachklub geschickt hat, die ein von Dvorkovich unterschriebenes Papier hin und her schwenkten und tatsächlich eine gangsterhafte Besitzergreifung des Gebäudes durchführten. Das Arbeitszimmer des Vorstandsvorsitzenden der Schachföderation, de facto des Generaldirektors, Alexander Bach, wurde versiegelt. Man bemächtigte sich der Buchhaltung, man versiegelte den Computerraum, man bemächtigte sich der Internetseite der Russischen Schachföderation.

Das ist ein in unserer Geschichte schon fast vergessener Akt eines Überfalls unter Ausnutzung der eigenen Position, was übrigens genau jenen Instruktionen widerspricht, die Präsident Medvedjev, der unmittelbare Vorgesetzte Dvorkovichs, Ende letzten Jahres ausgegeben hat. Und übrigens wurde die Reform der Föderation gerade deshalb durchgeführt, um die Befugnisse des Vorstands und des Ausfichtsrates voneinander zu trennen, d.h., keine offensichtliche Einmischung eines Regierungsbeamten in die Angelegenheiten der Föderation zuzulassen. Dvorkovich versucht jetzt tatsächlich, indem er seine Position ausnutzt, die Sache so darzustellen, dass er die Föderation kontrolliert und das Recht hat in ihrem Namen aufzutreten, was natürlich nicht der Satzung entspricht.

- Wie ist denn das Kräfteverhältnis auf der internationalen Ebene? Schließlich wird Russland nur eine Stimme haben, aber letzten Endes gibt es, meiner Meinung nach, 150 Föderationen.

- 169 Föderationen. In Wirklichkeit verstehen wir alle, dass trotz des Prinzips „ein Land – eine Stimme“ einige Stimmen gleicher sind als andere. In diesem Zusammenhang ist die Stimme Russlands auch deshalb besonders wichtig, weil die Schacholympiade, während der der Kongress stattfindet, auf dem der FIDE-Präsident und alle anderen offiziellen Personen der FIDE gewählt werden, ja nicht einfach in Russland, sondern in Chanty-Mansijsk stattfindet. D.h., für viele ist das ziemlich exotisch, und es ist offensichtlich, dass jener, der in der Russischen Schachföderation siegen wird, die Möglichkeit hat auf verschiedene Weise die Delegierten zu beeinflussen.

Und damit sind natürlich das hysterische Verhalten von Dvorkovich und die so überaus heftigen Handlungen seiner Anhänger verbunden. Denn die Situation in der Welt sieht heute ziemlich beklagenswert aus. Keine einzige große Föderation hat Kirsan Ilyumzhinov unterstützt. Und wenn vor vier Jahren in Opposition zum bekannten Geschäftsmann Bessel Kok, der viele Jahre das Schachspiel gefördert hat – jetzt ist er Chef der tschechischen Telekom und vieler anderer Firmen –, Ilyumzhinov den Sieg davontrug, was in  vielerlei Hinsicht durch die Stimmen der arabischen Länder, Lateinamerikas und der GUS geschah, so hat die Situation gerade in diesen Gebieten angefangen sich zu ändern.

Abgesehen von der vernichtenden Niederlage, die Ilyumzhinov jetzt in Europa erwartet, noch niederschmetternder als vor vier Jahren, bekommt Karpov sogar schon Unterstützung in Regionen, von denen Ilyumzhinov glaubte, dass es per Definitionem seine wären. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass die Schachföderation der Ukraine sich schon auf Karpovs Seite gestellt hat, und höchstwahrscheinlich wird der neue Präsident der Föderation Viktor Kapustin ein Mitglied in Karpovs Mannschaft werden. Über die Positionen solcher Föderationen wie USA, Deutschland, Frankreich, Spanien, England und Schweiz muss man nicht sprechen. Ganz unerwartet traten schon, ich wiederhole, in einem frühen Stadium, noch vor Beginn der planmäßigen Kampagne, solche Länder wie Nicaragua und Salvador, Ägypten und Syrien an die Seite Karpovs. Für Karpov hat sich auch Angola erklärt und der Präsident dieser Föderation, übrigens amtierender Minister der Regierung, wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch einen Ausweis von Karpov bekommen, d.h., zu seiner Mannschaft gehören. Die Situation ändert sich also, und jeder Tag bringt objektiv gesehen schlechte Nachrichten für Dvorkovich und Ilyumzhinov, und was am Wichtigsten ist, für den Menschen, der hinter ihnen steht, für Ziyavudin Magomedov.

- Wer ist denn das?

- Die Brüder Magomedov. Ich empfehle denen, die es möchten, bei Google diese Namen einzugeben, und sie werden viel Interessantes über die Geschichte des Business in den letzten 20 Jahren erfahren. Ziyavudin Magomedov, nun, wenn wir über Geschäfte sprechen, mit denen er sich in Moskau einen Namen gemacht hat, dann z. B. die Rekonstruktion des alten Bolschoi-Theaters.

- Die unendlich lange dauert.

- Ja, das ist die unendlich lang andauernde Rekonstruktion des Bolschoi-Theaters. D.h.,  uns ist klar, dass Leute von der Straße keinen Vertrag für eine solche Rekonstruktion bekommen. Viel Interessantes kann man erfahren, ich empfehle den Artikel von Stanislav Belkovsky bei „Grani“ zu lesen, in dem von den Beziehungen Ziyavudin Magomedovs zu David Kaplan gesprochen wird, der jetzt kommerzieller Direktor der FIDE ist, seinem Business-Partner, und zu Kirsan Ilyumzhinov, und, ich glaube, zu Arkady Dvorkovich, d.h., wir erfahren viel Interessantes, und es wird offensichtlich, dass es hier im Allgemeinen nicht um Politik geht.

- Wozu brauchen sie denn das alles?

- Wie soll ich Ihnen das erklären. man kann die Motive erraten, die sie dorthin treiben.

- Nun, vielleicht streben sie nach Ruhm, bringen das Schachspiel wieder groß heraus  und gehen in die Geschichte ein.

- Das ist schwer zu sagen, nun ja, vielleicht. Obwohl, wenn man das Interview mit Arkady Dvorkovich auf Echo Moskvy in Borschevskys Sendung „Duralex“ liest, wo er so einen Freudschen Versprecher zulässt, wenn er davon spricht, dass Karpov sich um die FIDE reißt, um Business zu machen… Das ist ein typischer Freudscher Versprecher. Ich weiß nicht, in welche Richtung Ziyavudin Magomedov zusammen mit David Kaplan das Schachspiel bei der FIDE entwickeln will. Man kann sich im Internet auch das Interview mit David Kaplan ansehen, vor dem selbst die Fantasie des „großen Kombinators“,  d.h. Ostap Benders, verblassen muss.

Aber man muss begreifen, dass die FIDE mit 169 Föderationen eine sehr große internationale Föderation ist. Da existiert gewissermaßen so eine Finanzimmunität, weil sich normalerweise niemand in die Angelegenheiten einer Föderation solchen Maßstabs einmischt. Ich schätze, dass Ilyumzhinov vor 15 Jahren,  der schon damals wegen der Eröffnung einer Offshore-Zone in Kalmückien bekannt war, sich schnell des Potentials dieser Organisation bewusst wurde. Und heute hat diese Ware offenbar das Interesse von noch seriöseren und solideren Leuten geweckt.  Und wenn man das Tun von Dvorkovich quasi an einer Deutlichkeitsskala abmisst, dann wird man verstehen, dass ein Beamter auf so hoher Ebene sehr gewichtige Gründe haben muss, um sich so zu benehmen, wenn er sich nicht nur in ziemlich schmutzige Geschäfte hineinziehen lässt, sondern auch noch de facto dazu aufruft, die Kandidatur eines solchen Menschen wie Karpov für Russland nicht zuzulassen.

- Ja, also Ivan Iljich interessiert sich gerade dafür, warum Anatoly Karpov den Leuten von Putin gegen den Strich geht.

- In diesem Fall haben wir keine Ahnung, wissen nichts von Putins oder Medvedjevs Leuten. Wir sind einfach daran gewöhnt, dass jeder Konflikt in Russland zwangsläufig im Kreml endet. In diesem konkreten Fall ist der Konflikt meiner Meinung nach…

- Niedriger, ja?

- Auf jeden Fall. Ich glaube, dass es sich dabei um einen Teil von, nennen wir sie mal so, Abteilungsleitern handelt. Das ist eine bestimmte Anzahl von höher gestellten  Beamten, die mit Dvorkovich durch – schätze ich – eben jenen Ziyavudin  Magomedov verbunden sind und die im Allgemeinen geglaubt haben, dass es ihnen  gelingt die Besitzergreifung der Russischen Schachföderation, und natürlich der FIDE, ziemlich ungestört durchzuführen. Aber das ist misslungen, hat nicht geklappt. Karpov tauchte auf, und er begann offensichtlich zu stören und hat keinerlei Bereitschaft zu einem „vernünftigen Kompromiss“ gezeigt, was man offenbar von ihm erwartet hatte. Und eben diese Härte von Karpov und vor allem die Geschwindigkeit, in der Karpov nicht nur in traditionellen Schachregionen, sondern in der ganzen Welt unterstützt wurde, hat natürlich diese Hysterie ausgelöst. Und jetzt hat dieser Skandal ganz allgemein an Bedeutung gewonnen, hat schon längst den Rand des Schachspiels und der russischen Politik überschritten.

- Wissen Sie, der Kreml ist bei der Erreichung seiner sportlichen Ziele eine ziemlich hartnäckige Organisation. Nun, denken Sie mal an Sotschi, oder an den Kampf um den Fußballweltmeistertitel, der gerade begonnen hat. Meinen Sie nicht, dass es sich um ein Megaprojekt handelt, wenn man von ganz oben nach dem Schachspiel greift?

- Wenn Projekte von "ganz oben" kuratiert werden, dann wissen wir im Allgemeinen, wie das vor sich geht, und im Zentralschachklub wären nicht Vertreter eines privaten Wachdienstes, sondern Leute mit Ausweisen des FSB gekommen. Die Passivität der offiziellen Propaganda ist ziemlich offensichtlich. Es erscheinen Artikel, die quasi „dafür“ und „dagegen“ sind. Und mir scheint, dass hier eine mittlere administrative Ressource eingesetzt wird. Das ist übrigens auch auf der Ebene der Regionen sichtbar, wo jene Leute, die für Karpov gestimmt haben, Druck, Drohungen und Erpressung ausgesetzt sind, aber das ist nicht die Ebene, die es erlaubt Probleme blitzschnell zu lösen, d.h., da ist so eine administrative Ressource mittleren Niveaus am Werk plus viel Geld, das natürlich weiterhin von jenen eingebracht wird, die gerne die Kontrolle über die FIDE haben wollen.

- Nun, wenn wir bei alledem vom Schachspiel als Sport und Kunst sprechen, finden Sie dann nicht, dass die Krise des Schachspiels in einem gewissen Sinne objektiv durch die Veränderung des, sagen wir mal so, heutigen Lebensstils hervorgerufen wurde? Dieser leichte Stil, nun, dieses Verzichten auf selbständiges Denken, dieser ganze PR-Kram, „Haus 2“ (Reality-Show in Russland, Anmerk. des Übersetzers), wenn wir das mal so sagen wollen…

- Sprechen wir jetzt über die ganze Welt oder über Russland? Das sollten wir doch voneinander trennen.

- Nun, über Russland auch, aber die Massenkultur hat ihren Platz in der ganzen Welt eingenommen.

- Ja, nichtsdestoweniger denke ich, wenn wir von der Popularisierung des Schachspiels sprechen, dass das Schachspiel objektiv gesehen in der Welt des Internets in vielen Ländern einen echten Boom erlebt. In den USA kann man das schon sehen, wo Tausende von Schulen Schach in ihren Lehrplan aufgenommen haben. Es wächst die Zahl der Menschen, die Schach im Internet spielen. Schachprogramme sind auch in den Entwicklungsländern sehr populär. Und überhaupt ist das genau das, was Karpov jetzt aktiv nutzt. Karpovs Gruppe ist bereit über langfristige Programme zur Entwicklung des  Schachspiels Verträge abzuschließen, und das ruft sowohl in Afrika als auch in Latein amerika großes Interesse hervor. Das Schachspiel hat trotz allem einen guten Ruf. Schach ist ein Spiel, das Jahrhunderte überlebt hat, und man muss sagen, dass es ungeachtet seiner altertümlichen Herkunft erfolgreich in die Internetwelt und zu den neuen Technologien passt. Man kann es im Internet erlernen, man kann Turniere spielen, man  kann sie verfolgen. So wie jetzt, wenn dort ein Spiel um die Weltmeisterschaft läuft, und Abertausende es im Internet verfolgen.

- Garri Kimovich, liegt es vielleicht an der schlechten PR? Schauen Sie sich den Eiskunstlauf an. Vor 10 Jahren konnte keiner vernünftig laufen, das Interesse der Massen, wenn man es mit der sowjetischen Zeit vergleicht, war nicht vorhanden. Dann kam Kostja Ernst mit seinen Eisshows, und plötzlich wollten alle Schlittschuhe anziehen.

- Aber Medaillen gab es sofort weniger.

- Nun, das ist etwas Anderes.

- Nein, in Wirklichkeit muss man jetzt keine direkten Parallelen zwischen der Situation in Russland und der übrigen Welt ziehen. Bei uns gibt es wirklich Probleme, die damit zu tun haben, dass die Staatsmacht sich der Intelligenz als solcher gegenüber sehr verächtlich verhält, und das wirkt sich natürlich auch auf das Schachspiel aus. Es gibt nicht  wenig Talente in Russland, ich bin durch das Land gereist und habe viele 8-9-jährige talentierte Kinder gesehen. Es geht darum, dass eine Infrastruktur notwendig ist, die es diesen Kindern erlauben würde auf ein anderes Niveau zu kommen, so wie es in der  Sowjetunion war. Das hat tatsächlich funktioniert, und das war nicht einmal mit großen Kosten verbunden. Übrigens war eben gerade Evgeny Bareev in der Schachföderation für diesen Schwerpunkt zuständig. Er hätte sich lieber damit beschäftigen sollen, anstatt irgendwelche Flöhe in der Geschichte des Schachs zu suchen. Also, meiner Meinung nach kann man das natürlich alles ändern. Und Russland kann, wenn schon nicht zu den Positionen zurückkehren, die die Sowjetunion innehatte, so jedoch wenigstens aufhören weiter abzusinken. Denn betrachtet man heute die Situation unter den Teenagern, wird man in unserem Land ein Defizit an Talenten auf mittlerem Niveau beobachten können, und das hat in erster Linie mit der Beziehung der Staatsmacht und mit der Beziehung potenzieller Sponsoren intellektuellen Sportarten gegenüber schlechthin zu tun.
 

Auszug aus einem Interview mit Radio Svoboda, Freitag 28. Mai 2010
Das Interview führte Michail Sokolov.

http://www.svobodanews.ru/content/transcript/2057368.html


 


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