"Verrückte Katzen und Betrunkene Elefanten" - Shogi im Neuen Deutschland

22.11.2004 – Neues Deutschland veröffentlichte ein von Dr.René Gralla geführtes Interview mit der französischen Shogi-Spielerin Stéphanie Delille. Diese war neben Kateryna Perepechay aus der Ukrainedie einzige weibliche Teilnehmerin bei der vergangenen Europameisterschaft. Über ihren Manga-Laden „Baka Neko“ (jap.: "Verrückte Katze") in Colmar hat die 23-Jährige inzwischen eine schlagkräftige rein weibliche Shogi-Mannschaft zusammen getrommelt. In Hannover fand unterdessen am vergangenen Wochenende die Offene Deutsch Shogi-Meisterschaft statt. Shogi ist die japanische Variante des Schachs. Einer der wesentlichen Unterschiede besteht darin, dass man geschlagene gegnerische Figuren bei sich selber wieder einreihen kann. Diese Regel sorgt dafür, dass das Spiel weit schwerer zu berechnen ist als Schach und es keine wirklich guten Shogiprogramme gibt. Zu Shogi.de... Interview im Neuen Deutschland...Interview mit Stephanie Delille...

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Das folgende Interview erschien in Neues Deutschland. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
 

Verrückte Katzen und betrunkene Elefanten –
Stéphanie Delille ist eine der wenigen jungen Frauen in Europa, die Schach à la japonais spielen
Von René Gralla

„Baka Neko“ heißt die Buchhandlung. Das ist Japanisch, bedeutet übersetzt „verrückte Katze“ und passt zu einen Laden, in dem krasse Mangas aus dem Fernen Osten angeboten werden. Und wo sich, in Colmars Rue Golbéry Nr. 20, die Freunde einer Schachvariante treffen, bei der Drachenpferde und Goldgeneräle aufeinander losgehen; ein buntes Treiben, bei dem dereinst sogar ein „betrunkener Elefant“ regelmäßig dazwischen trompetete, bis das beschwipste Rüsseltier durch kaiserliches Dekret aus dem Arsenal verbannt wurde. Trotzdem ist Japans Shogi auch heute noch wild und abenteuerlich, und Stéphanie Delille, zusammen mit ihrem Freund Sébastian Martel die Chefin von „Baka Neko“, zählt gegenwärtig zu den wenigen jungen Frauen in Europa, die das strategische Spiel beherrschen. Immerhin hat die 23-jährige mittlerweile in Colmar eine schlagkräftige weibliche Shogi-Truppe um sich versammelt – während die deutsche Meisterschaft im Japanschach, die an diesem Wochenende in Hannover entschieden wird, zum x-ten Mal eine reine Männerveranstaltung bleibt. Sind die Französinnen deswegen schlauer? Der Autor Dr. René Gralla hat mit Stéphanie Delille gesprochen.

Fühlen Sie sich einsam unter Männern: als Ausnahmefrau, die Japans Schach beherrscht?

Ich bin ja gar nicht einsam! Denn hier in Colmar haben wir mindestens vier bis fünf Mädchen, die Shogi spielen; das ist mehr als die Hälfte der Shogi-Fans bei uns vor Ort.

Damit ist Colmar im Elsass eine europaweite Ausnahme. Wie kommt das?

Das liegt am persönlichen Kontakt. Mädchen und junge Frauen kommen in unser Geschäft und wollen Manga-Comics kaufen. Schnell kriegen sie mit, dass Sébastian und ich Shogi lieben, wir haben auch ein paar Lehrbücher im Sortiment. Das macht sie dann neugierig auf Shogi.

Wann haben Sie Shogi gelernt?

Vor fünf Monaten.

Wie hat das bei Ihnen angefangen?

Der Shogi-Club suchte ein neues Vereinslokal. So fragten sie auch uns, ob sie ihre Trainingsabende im Buchladen veranstalten dürften. Wir haben zugestimmt, seitdem wird bei uns jeden Donnerstag ab 20 Uhr Shogi gespielt. Erst habe ich zugeschaut; dann habe ich das selber ausprobiert und gemerkt, das ist spannend. So bin ich dabei geblieben.

Spielen Sie auch das übliche Schach?

Das habe ich ein-, zweimal getestet. Aber das gefällt mir wirklich nicht. Im Vergleich zu Shogi hat Schach weniger Figuren; und wenn diese geschlagen werden, verschwinden die einfach. Dann sind noch weniger Steine im Spiel, das ist etwas langweilig.

Während Shogi eine Besonderheit hat: Steine, die ich dem Gegner wegnehme, kann ich auf meiner Seite wieder einsetzen. Überraschend, wie Fallschirmjäger …

… ja, genau, das ist richtig aufregend (lacht).

Demnach ist das gängige Schach für Sie zu simpel?

Nicht zu einfach, nein, ich weiß, das Schach sehr schwierig ist. Aber mir bringt Schach nichts: Wenn im Endspiel nur noch zwei oder drei Steine auf dem Brett sind, finde ich das nicht mehr interessant. Für andere mag das eine Herausforderung sein; für mich nicht.

Es ist doch aber sehr schwer, im Shogi die zwei Parteien Weiß und Schwarz auseinander zu halten. Schließlich sind die Steine flach und einfarbig, und allein japanische Schriftzeichen geben an, welche Figur das jeweils sein soll.

Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, ist das einfach.    

Bei der Europameisterschaft Ende August in München sind sie neben Kateryna Perepechay aus der Ukraine die einzige weibliche Teilnehmerin gewesen. Hat das nicht für Aufregung unter den Männern gesorgt? Sind Sie oft zum Essen eingeladen worden?

Das sind echte Spieler. Die fahren zu einem Wettkampf, um zu spielen – nicht um zu flirten.

Gerade die EM hat unübersehbar demonstriert: Colmar macht Frankreich zur Leading Nation, was den weiblichen Shogisport angeht. Haben Frauen in Frankreich mehr Sinn für Intellekt und kühles Rechnen als zum Beispiel die deutschen Frauen?

Nein, das glaube ich nicht. Wie ich schon gesagt habe: Die Kombination aus Buchladen und Shogi-Club bei uns in Colmar ist optimal. Gäbe es das woanders auch, würden sich dort ebenfalls mehr Mädchen und Frauen für Shogi begeistern.-

Generell scheint das allerdings typisch zu sein: Mehr Männer als Frauen beschäftigen sich ernsthaft mit strategischen Spielen; das ist nicht nur im Shogi zu beobachten, sondern auch im normalen Schach. Warum?

Jungen spielen, um zu gewinnen. Frauen mehr zum Spaß.

Und um im Schach erfolgreich zu sein, muss man eben seinen Gegner vernichten wollen, wie das Bobby Fischer mal gesagt hat. Das gilt dann natürlich auch für Shogi.

Ich weiß nicht, ob meine Meinung ein wenig sexistisch ist; aber ich denke, dass Mädchen weniger zu Konkurrenzdenken neigen als die Jungen. Jedenfalls trifft das auf mich zu.

Sie spielen nicht, um zu gewinnen?

Nein. Ich spiele, weil das Spaß macht. Bei Shogi weiß man nie, was demnächst geschehen wird. Selbst wenn ich in eine Falle tappe und keine Ahnung habe, wie das schon wieder geschehen konnte: Das ist trotzdem unterhaltsam, ich liebe nämlich das Laufen und Abhauen. In unserem Shogi-Club haben wir alle ein persönliches Motto. Mein Markenzeichen ist: „Entkommen“; das ist mein persönlicher Stil.

Das kann offenbar auch eine Möglichkeit sein, ein Spiel herumzureißen. Wie Sie bei der EM gezeigt haben.

Na ja, da habe ich allerdings bloß eine Partie gewonnen. Und das war gegen den Fahrer der Delegation aus der Ukraine; der hatte erst drei Tage zuvor Shogi gelernt. Das Niveau der EM ist eben sehr hoch. Ich bin zum Lernen in München gewesen; denn vorher hatte ich erst wenige Male gespielt.

Um so bemerkenswerter ist es, dass Sie es auf Anhieb zur Nr. 50 in Europa gebracht haben. Können Sie sich vorstellen, bei der Amateur-WM in Tokio zu starten? Die nächste ist für Oktober 2005 geplant.

Wenn man mich einlädt: Das wäre natürlich klasse. Zumal ich begonnen habe, Japanisch zu lernen. Erst einmal muss ich aber Fabien Osmont schlagen, der ist Sekretär des Shogi-Verbandes im Elsass und trägt den 9.Kyu; ich selber bin ja noch Anfängerin mit dem 15. Kyu. Hierbei muss ich erwähnen, dass die Spielstärke im Shogi nach Kyu und Dan eingestuft wird. Das geht los mit dem 15. Kyu und steigert sich bis zum 1. Kyu; es folgen die Grade 1. bis 9. Dan. Die Dan-Klasse liegt für mich, c’est clair, momentan außer Reichweite; ich bin schon zufrieden, wenn ich nach Fabien den stärkeren Eddy Camacho mit seinem 7. Kyu besiege … anschließend sehe ich weiter.

Ihr Buchladen ist spezialisiert auf Asien, mit dem Schwerpunkt Japan. Was fasziniert Sie an diesem Land?

Der Zusammenprall und die Symbiose aus Tradition und Moderne: die Tempel, die Geishas, der Mythos der Samurai – und auf der andere Seite Hypertechnik und eine verrückte Szene. Gleichzeitig schenken die Japaner Dingen, die wir in wenigen Minuten abreißen, eine besondere Aufmerksamkeit. Ein Sushi-Meister investiert 15 Jahre seines Lebens, um die Herstellung perfekter Sushis zu lernen: vielleicht sieben Jahre für das Waschen der Bestandteile, fünf Jahre für das Reiskochen, anschließend kommt das Zuschneiden der Fische dran – das bewundere ich.

Interview: Dr. René Gralla

Japanschach „Shogi“ für Elsass-Urlauber: Shogi in Colmar, Librairie „Baka Neko“, 20, Rue Golbéry, Donnerstags ab 20 Uhr, Tel.: 0033/3/89235618



Shogi wird nicht auf einem 8x8-Plan wie im westlichen Schach gespielt, sondern auf einem 9x9-Brett; die Shogi-Felder sind auch nicht schwarz-weiß kariert, sondern einfarbig.

Im Shogi - insofern vergleichbar dem FIDE-Chess - tritt ebenfalls Weiß (japanisch: "gote") gegen Schwarz ("sente") an; freilich sind die Steine farblich nicht voneinander unterschieden. Es handelt sich um flache und unregelmäßig geformte Pentagramme; allein deren Spitze zeigt an, wo der Gegner steht. Ist die Spitze wie bei einer mittelalterlichen Attacke mit Lanze und Pike auf mich gerichtet, dann weiß ich: Das ist der Feind.



Die einheitliche Kolorierung soll jene Shogi-Sonderregel praktikabel machen, dass geschlagene Steine des Gegners auf der eigenen Seite wieder eingesetzt werden dürfen - durch "Drops", indem die Figuren wie Fallschirmjäger und aus heiterem Himmel an irgendeiner Stelle auf dem Brett zuschlagen.
 
Das Anzugsrecht ist im Shogi übrigens der schwarzen Seite vorbehalten. Daher findet sich Sente, die Dunkle Macht im Shogi, anders als in FIDE-Schach-Diagrammen unten und die helle Gote-Front oben.

Weiß:
König e1; Goldgeneräle d1, f1; Silbergeneräle c1, g1; Springer b1, h1; Lanzen a1, i1; Läufer b2; Turm h2; Bauern a3, b3, c3, d3, e3, f3, g3, h3, i3.

Schwarz:
König e9; Goldgeneräle d9, f9; Silbergeneräle c9, g9; Springer b9, h9; Lanzen a9, i9; Läufer h8; Turm b8; Bauern a7, b7, c7, d7, e7, f7, g7, h7, i7.
 

 

Während das Shogi-Originaldiagramm noch sehr rätselhaft aussieht, verändert sich der Eindruck radikal, wenn man das Konzept betrachtet, das Douglas Crockford auf seiner Seite www.crockford.com/chess/shogi.html präsentiert. Und da wird plötzlich klar: Shogi und Schach sind viel enger miteinander verwandt, als man zuerst annehmen könnte (zur Beachtung beim Crockford-Diagramm: wie von westlichen Diagrammen vertraut, ist Weiß „unten“ und Schwarz „oben“; da im Shogi aber die schwarze Partei beginnt, wird von „oben“ nach „unten“ gezogen; siehe insofern den klassischen Partiebeginn mit dem Vorrücken der beiden Flankenbauern: 1. … g7-g6 2.c3-c4 …, unter gleichzeitiger Öffnung und Konfrontation der zwei Läufer von Schwarz und Weiß  auf der großen Diagonalen a1-i9).

 

 



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