"Sofia ist Europa, der Rest ist Bulgarien"

06.05.2010 – Mit seinem Sieg in der 8.Partie hat Bulgariens Volksheld Topalov in seinem Heimatland für Euphorie gesorgt. Nach dem Anand - abgesehen von der Auftaktpartie - den ersten Teil des Wettkampfes dominierte, kam der Herausforder mehr und mehr auf Augenhöhe und in der 8.Partie schließlich auch in Gewinnvorteil. Das Match ist offen, vier Partie stehen noch aus. Den Ruhetag hat unser Schach-Korrespondent Dagobert Kohlmeyer dazu genutzt, sich in Sofia umzusehen. Dabei hat er vieles entdeckt, was ihm Freude bereitete. Übrigens wird nicht nur im Militärclub Schach gespielt. Auch im Stadtpark warten viele Blitzkünstler auf einen Gegner. Der Einsatz ist weitaus geringer als beim Sofioter WM-Kampf. Hier ist man schon mit zwei Lewa dabei. Sofioter Impressionen...

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Die Ruhe vor dem Sturm
Von Dagobert Kohlmeyer, Sofia

In Sofia beginnt am heutigen Donnerstag das letzte WM-Drittel. Beim Stand von 4:4 haben beide Finalisten die gleichen Aussichten, den Schachtisch als Weltmeister 2010 zu verlassen. Ein besseres Szenario gibt es nicht.
 
In den ersten acht Partien erlebten wir zwei ganz unterschiedliche Hälften. Zuerst dominierte der Weltmeister Vishy Anand das Geschehen (sieht man einmal von seinem Fehlstart ab), dann übernahm der Herausforderer Wesselin Topalow mehr und mehr die Regie in diesem packenden Kampf. Wir sehen hier zwei ganz unterschiedliche Schachphilosophien. Auf der einen Seite der reife, universelle Anand, auf der anderen der kompromisslose Kämpfer Topalow. Wessen Spielkunst, Nervenstärke und vielleicht auch Glück wird am Ende den Ausschlag geben?


Die 8.Partie


Im Pressezentrum


Topalow nach der 8.Partie


Die bulgarische Presse nach der 8.Partie

Die Spannung steigt jetzt mit jedem Tag. Beinahe in allen Partien wurden bisher interessante Neuerungen ausgepackt, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Am meisten war die Fachwelt in der zweiten Partie von Anands Damenmanöver nach a3 verblüfft. Nach seinem Sieg im achten Spiel scheint jetzt Topalow psychologisch etwas im Vorteil zu sein, das ist nicht nur die Meinung seiner Anhänger. Aber was heißt das schon. An jedem Tag werden die Karten neu gemischt, oder besser gesagt die Figuren neu aufgestellt. Ganz sicher können wir uns noch auf spannende Partien freuen. Tiebreak am Ende nicht ausgeschlossen!

Viva Maria

Im Militärklub von Sofia treffen wir jeden Tag die halbe bulgarische Frauen-Nationalmannschaft. Neben Exweltmeisterin Antoaneta Stefanowa, die dort die WM-Partien live in ihrer Muttersprache kommentiert, auch Maria Velcheva.


Maria Velchewa

Die zierliche Großmeisterin hat schon bei sieben Schacholympiaden gespielt, nur einmal weniger als Bulgariens berühmte Schachkönigin Antoaneta.

Anatoli Karpow unterstrich bei seinem Besuch vor ein paar Tagen noch einmal, dass „die große Schachnation UdSSR“ und Bulgarien bisher die einzigen Länder gewesen sind, die gleichzeitig den männlichen und weiblichen Schach-Champion stellten. In Bulgarien waren es Topalow (2005) und Stefanowa (2004-2005) zur gleichen Zeit.

Beide Amazonen, Antoaneta wie Maria, glauben fest daran, dass ihr Landsmann in wenigen Tagen zum zweiten Mal Schachweltmeister wird. Die 7. Partie war nach Stefanowas Ansicht großartig.


Antoaneta Stefanowa

„Weselin hat herrlich geopfert, die Ideen dazu stammen von seinem Sekundanten Iwan Cheparinow. Beinahe hätte er die Partie gewonnen. Schade, dass es nicht ganz geklappt hat, Topalow hatte etwa eine Stunde mehr Bedenkzeit“.

Maria Velcheva, fünfmalige bulgarische Landesmeisterin, erzählte mir, dass sie sich nun langsam aus der Turnierarena zurückziehen möchte. Die 33-Jährige gibt schon seit einigen Jahren die Zeitschrift „Schach in der Schule“ heraus.

Das Journal hat 28 Seiten, ist ordentlich gedruckt, hat Farb- sowie Schwarz-weiß-Fotos und kostet nur 2 Lewa (=1 Euro). Verteilt wird die Zeitschrift vor allem bei Kinderturnieren, die im Schachland Bulgarien häufig stattfinden.

Sofia ist eine Reise wert

Am gestrigen Ruhetag war etwas Gelegenheit, durch das sonnige Sofia zu flanieren. Man sieht bedeutend mehr Frauen als Männer auf der Straße. Auch der tägliche Arbeitsweg des Schachreporters in der bulgarischen Hauptstadt ist reizvoll. Vom Hotel geht es nach links an der Universität vorbei.


Studentinnen vor der Uni


... und im Park

Nach etwa 200 Metern sieht man rechts die imposante Alexander-Newski-Kathedrale.

Dann kommt noch ein Regierungsgebäude, und schon ist man am Zentralen Militärklub, wo Anand und Topalow seit fast zwei Wochen um die Schachkrone streiten. „Sofia ist Europa, der Rest ist Bulgarien“, heißt es. Prunkstück der Hauptstadt und ihr größtes Wahrzeichen ist die Kathedrale.

 


Das prächtige Bauwerk wurde Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zum Dank an die vielen Soldaten Russlands, der Ukraine und anderer Länder errichtet, die Bulgarien vom langen osmanischen Joch befreiten. Architekt war der Russe Alexander Pomeranzew, der auch das berühmte Warenhaus GUM in Moskau erschuf.

Überall gibt es Reste aus der Römerzeit. Hinter dem Präsidentenpalast führen Treppen hinunter in die Vergangenheit. Ruinen mit archäologischen Funden bilden einen reizenden Kontrast zu den Regierungsgebäuden. Sofia galt früher als das zweite Rom.

„Die kleine idyllische Stadt aus vergangenen Zeiten, die ich noch kannte, gibt es nicht mehr“, erzählt der 78-jährige Georgi, den ich vor der Alexander-Newski-Kathedrale treffe. Auch wenn Sofia heute noch nicht den Standard anderer EU-Metropolen erreicht hat, pulsiert an vielen Stellen ein reges Nachtleben. In Tschalga-Bars tanzen leichtbekleidete Damen vor neureichen Geschäftsleuten, von denen es in Bulgarien nicht wenige gibt. Der übrige Teil der Bevölkerung lebt indessen mehr als bescheiden.

Hundert Meter von der Kathedrale entfernt lockt ein Basar mit Antiquitäten, Ikonen und Gemälden die Touristen an.


Hier locken Bücher


Bezahlbare Kunst


Spielt Schach und malt

Ein Maler, dem ich zwei Bilder abgekauft habe, spielt auch gern Schach. Wenn ich vorbeikomme, stehen Brett und wetterfeste Figuren schon bereit. Wir spielen dann eine Schnellpartie. Meist wird es remis. Im Park vor dem Grand Hotel, wo Topalow und sein Team logieren, zocken die Hobby-Schachspieler.

Sie spielen um zwei Lewa pro Blitzpartie.


2 Lewa für eine Partie

Das WM-Eintrittsgeld in den Militärklub ist ihnen zu teuer. „Wir erfahren früh genug, wie die Partien zwischen Anand und Topalow ausgehen“, sagt einer der Schachrentner.

Mein Hotel liegt direkt neben der Universität.

Tagsüber strömen hunderte von Studenten hinein. Abends sind die Restaurants und Bars in der Umgebung vor allem mit jungen Leuten gefüllt.


Grüße nach Deutschland

Schachfreund, kommst du nach Sofia, dann probiere unbedingt die einheimischen Biersorten Kaminitza, Sargorska und Schumensko. Sie sind preiswert und schmecken besser als Heineken oder Tuborg. Immer wieder gern esse ich den berühmten Shopska-Salat und Tarator, eine kalte Gurkensuppe. Die Bulgaren essen gern und reichlich. Für ein Dinner sollte man sich Zeit nehmen. Hektik ist hier fehl am Platz. Zum Shopska-Salat gibt es einen obligatorischen Rakia, der in anderen Ländern unter dem Namen Slivovic (Polen, Tschechien) oder Pálinká (Ungarn) bekannt ist.

Welches schachliche Menü werden uns die beiden WM-Finalisten im letzten Drittel anbieten? Anand hat heute wieder Aufschlag.


 

 



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