"Spiel mir den Tod vom Lied"

01.12.2006 – Schach gilt vielen als eine der schöpferischsten menschlichen Betätigungen in denen eine besondere Begabung, Fantasie und ein hohes Maß an Intuition zum Erfolg führt. Derzeit beobachtet die verblüffte Menschheit, wie eine Maschine das Schachproblem mit 32 Steinen zwar noch nicht vollständig löst, aber dem besten Menschen im Schach, dem Weltmeister nicht nur Paroli bietet, sondern nach drei Partien mit 2:1 führt. Zum Glück gibt es ja einige weitere Rückzugsgebiete rein menschlichen Leistungsvermögens wie z.B. Malerei, Poesie oder Musik. Letzteres wurde jedoch gerade maschinell in Angriff genommen - mit Mitteln, die aus der Schachprogrammierung abgeleitet wurden. Gestern hielt Matthias Wüllenweber in Bonn einen Vortrag über das neue Komponier -und Musiklernprogramm "Ludwig". Schon sieht das Feuilleton das Ende der Komponierzunft - "Spiel mir den Tod vom Lied" titelt die Süddeutsche Zeitung.  Spiel mir den Tod vom Lied... Mehr...

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Weltpremiere: Ludwig
Von André Schulz
Fotos: Wolfgang Rzychon


Der Wettkampf zwischen Weltmeister Kramnik und dem Schachprogramm Deep Fritz im Forum der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle ist Teil einer Veranstaltungsreihe, die sich mit verschieden Berührungspunkten zwischen Schach und Kunst beschäftigt.


Stephan Andreae, Leiter des Forums der Bundeskunsthalle

Am vergangenen Sonntag wurde dies zunächst in einer Podiumsdiskussion angerissen. Am Montag erläuterte Philidor-Biografin Susanna Poldauf anhand der Persönlichkeit von Philidor die Verbindungen von Schach und Musik.  Francois Andre Danican genannt Philidor (1726-1795) war ein erfolgreicher Opernkomponist und nebenbei der beste Schachspieler der Welt.

Gestern erschütterte Matthias Wüllenweber das Musikfeuilleton durch die Vorstellung seines Komponier - und Musiklernprogramms "Ludwig".


Mathias Wüllenweber

Eine Maschine, die Musik komponiert? Oh, Gott! Matthias Wüllenweber, Erfinder, Geschäftsführer und Entwicklungsleiter von ChessBase ist vielseitig interessiert und meistens entspringt seinem Interesse ein hoch interessantes Programm. Als Physikstudent spielte er gerne Schach und als die ersten bezahlbaren Personal Computer auf dem Markt erschienen, war es für ihn völlig natürlich, für diese ein Schachdatenbankprogramm zu entwickeln, die heute als ChessBase-Programm in Schachkreisen flächendeckend bekannt ist und von sehr vielen Schachfreunden genutzt wird. Später heimste Wüllenweber für sein Physik-Simulationsprogramm "Albert" zahlreiche Entwicklerpreise ein.

Eine weitere Liebe von Wüllenweber ist die Musik, wobei er nicht nur Zuhörer ist, sondern auch selbst als Musiker eine gewisse Reife erlangt. Zusammen mit seinem Freund Jochen Marheinecke (Geschäftsführer von
comosoft) gab er kürzlich auf Einladung des Deutsch-Russischen Hauses einen Liederabend in Königsberg, das heute Kaliningrad heißt. Vorgetragen wurden die Eichendorff-Lieder von Schumann. Wüllenweber begleitete Bariton Marheinecke am Klavier

Auch wer sich das Fritz-Schachprogramm genauer anschaut, stößt an verschiedenen Stellen auf Musik, die vom Entwicklungsleiter Wüllenweber an den Schachprogrammierern vorbei dort hinein "geschmuggelt" wurde.

Die gleichzeitige Beschäftigung mit Schachalgorithmen und Musik führt zu einer interessanten Entdeckung. Tatsächlich kann man nämlich laut Wüllenweber aus der Technik der Baumsuche eines Schachprogramms etwas für die Generierung von Melodien in der Musik ableiten. Oder stark vereinfacht ausgedrückt: Schachprogramm können komponieren.


Baumsuche beim Schach





Die Verbindung zwischen Schach und Musik war stets augenfällig, konnte aber bisher nicht genau formuliert werden. Es gibt eine Reihe von Doppeltalenten, von denen nach Philidor der Weltklassepianist und WM-Kandidat Mark Tajmanov der bekannteste ist. Viele gute Schachspieler fühlen sich zumindest auch zur Musik hingezogen. Der Topschachspieler Peter Svidler meinte einmal auf die Frage, warum er Schach spiele: "Nach meinem Verständnis streben die Dinge der Welt danach, Musik zu werden. Schach ist sehr nah dran." Der russische Pianist
Nikolay Lugansky, Pianist und Gewinner des Internationalen Tschaikowsky Wettbewerb, spielt seinerseits leidenschaftlich gerne 

Schach. In Deutschland ist der Fagottist und Schachbundesligaspieler Marco Thinius ein erfolgreiches Bespiel für diese Doppelbegabung.

Für die Musikwissenschaftler dürfte die Idee maschinell erzeugter Melodien ziemlich bedrückend sein.




Querflöte im Orchester

Der erst Ansatz klingt immerhin alles andere als perfekt - wenn auch nicht so schlecht, wie man als Advokat menschlicher Schöpfungskraft zu hoffen gewagt hat. Als vor 20 Jahren die ersten Computer versuchten Schach zu spielen, war das Gelächter unter den Meistern über die deren dilettantische Versuche beim Schach groß. Heute spielt Deep Fritz gegen den Weltmeister. Bei Wüllenwebers Ansatz hat man aber gar nicht mal das Gefühl, dass die Maschine so weit weg vom menschlichen Können ist, wie die Schachprogramme damals.

Das Programm "Ludwig" komponier Melodien nach bestimmten Vorgaben und erlaubt dem Übenden mit einem eigenen Instrument in ein Orchester einzusteigen und so seine Fertigkeiten bei wechselnden, immer wieder neu generierten Melodien zu vervollkommnen. Es ist ein Musiklernprogramm. Die eingebaute Komponierengine dient dabei dazu, blitzschnell die Melodien zu erzeugen. In welche Richtung wird sich dies wohl entwickeln? Warten wir es ab.


Den Vortragabend eingeläutet hatte der Verschwörungstheoretiker Mathias Bröckers, der über Paranoia und Verschwörungstheorien bei Spielergenies sprach und als hauptsächlichen Ansatzpunkt seiner Betrachtungen Bobby Fischer wählte. Aber soweit zurück hätte man gar nicht schauen müssen.


Mathias Bröckers

 

 

 

 

 



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