"Was, schon 50?"

02.08.2010 – Tatsächlich! Aber eigentlich müsste es heißen: "Was, erst 50?" Denn das, wofür andere ein Leben lang brauchen, hat Christian Hesse schon geschafft. Der Professor für Mathematik hat sich sich mit mehreren Fachbüchern einen Namen gemacht und sich dann wieder seiner Jugendliebe zugewandt, dem Schachspiel. "Schach ist kristallklare Mathematik in Dramaform," erläutert Hesse die Verbindung seines Berufes mit seinem Hobby. In seinem ersten Schachbuch "Expeditionen in die Schachwelt", hat er in zahlreichen Beispielen Beweise dafür geliefert. Heute feiert der gebürtige Sauerländer seinen 50sten Geburtstag. Dagobert Kohlmeyer sprach mit dem Jubilar u.a. über dessen Zugang zum Schach und einige aktuelle Vorgänge in der deutschen Schachszene. Zum Interview...

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„Ich habe meinen Platz im Leben gefunden“
Interview mit Professor Christian Hesse

Von Dagobert Kohlmeyer

Der Mathematikprofessor und erfolgreiche Schachbuch-Autor Christian Hesse feiert am heutigen Montag seinen 50. Geburtstag. Seit etlichen Jahren ist der renommierte Wissenschaftler und Olympiade-Botschafter von Dresden ein gern gesehener Gast auf dem Portal von ChessBase News, ob als Verfasser interessanter Beiträge oder als Interview-Partner. Dagobert Kohlmeyer hat vor kurzem am Rande der Dortmunder Schachtage mit Christian Hesse gesprochen. Einige Fotos des Jubilars stammen von den beiden Starfotografen Ivo Kljuce und Vlad Sasu

Christian, warum zieht es dich jedes Jahr ins Dortmunder Schauspielhaus?

Ich komme seit vielen Jahren immer gern, weil mein Elternhaus im nahe gelegenen Sauerland ist. In der Regel verbinde ich die dortigen Besuche dann mit dem Besuch des Chess-Meetings. Etliche der Großmeister kenne ich inzwischen persönlich, vor allem Wladimir Kramnik. In diesem Jahr lief es ja leider nicht optimal für ihn. Ich lernte Wladimir 2005 bei einer Kunstausstellung in Moskau kennen. Er hat auch das Vorwort zu meinem Buch „Expeditionen in die Schachwelt“ geschrieben.

Wie lange begleitet das Schach dich schon?

Ich lernte es von meinem Vater mit etwa sieben Jahren. Es war einfach schön für mich, auf diese Weise Zeit mit ihm zu verbringen. Er war Werkzeugbaumeister in der Industrie. Schach wurde bei uns zu einem Medium, die Vater-Sohn-Rivalität auszutragen. Nachdem ich es besser konnte als er, mochte er aber nicht mehr so gern mit mir spielen.

Was gab für dich den Anstoß, sich noch mehr mit Schach zu beschäftigen?

Ich bin 1960 geboren und war 12 Jahre alt, als Fischer und Spasski ihr Jahrhundertmatch spielten. Das war für mich wie sicher für viele andere auch ein Schlüsselerlebnis. Noch heute beeindruckt mich, wie Fischer es damals schaffte, Schach auf die Titelseiten der Weltpresse zu bringen. Der Amerikaner brachte es fertig, den US-Präsidentschafts-Wahlkampf, der ja zeitgleich stattfand, in der New York Times auf die Seite 2 zu verdrängen.

Hast du damals schon die „New York Times“ gelesen?

Nein, zu Hause gab es unsere kleine Lokalzeitung „Westfalenpost“. Aber selbst diese hat ganz prominent über das Schach-Duell in Reykjavik berichtet. Damals habe ich mich richtig für Schach begeistert und es auch bis zum Studium beibehalten. Danach flaute es ein wenig ab, weil ich das Gefühl hatte, das Spiel kann auch zu viel Zeit kosten und zur Sucht werden.

Du wolltest nicht abhängig davon werden.

Ja. Ich habe die Gefahr intuitiv gespürt und längere Zeit kein Schachbrett angerührt, war auch sehr beschäftigt mit meinem Studium. Zu jener Zeit befand ich mich zudem in der Selbstfindungsphase und wollte wissen, welcher Platz in der Welt der richtige für mich ist. Mein Hauptfeld ist bekanntlich die Mathematik geworden. Nach dem Studium habe ich das Schachspielen dann aber wieder aufgenommen.


Podiumsgespräch mit Vaile (hinten: Klaus Bischoff)



Die Beziehung zwischen Schach und Mathematik haben wir bei unseren Gesprächen schon oft erörtert. Ich mag den Ausspruch „Schach ist kristallklare Mathematik in Dramaform.“ Bitte sei so nett und gib uns dafür ein markantes Beispiel.

Derlei gibt es viele. Besonders interessant finde ich Aufgaben, in denen bestimmte geometrische Motive auf dem Brett sichtbar werden. Sie führen zu völlig überraschenden, kontraintuitiven Lösungen. Nehmen wir zum Beispiel die wunderbare Studie von Prokes aus dem Jahre 1947.


     
Weiß hält remis

Wie soll er das schaffen? Die Versuche 1. Ke8? h5 oder 1. a6? Kc6 helfen nicht. Es erscheint hoffnungslos, weil der schwarze Bauer immer zuerst einzieht oder der feindliche König den weißen Bauern einfangen kann. Die überraschende Lösung besteht darin, dass der weiße König sich vom schwarzen Bauern entfernen und erst einmal nach c8 und b8 gehen muss. Wenn er dann auf b7 steht, ist er auf einmal im Quadrat des gegnerischen Bauern. Das Täuschungsmanöver des Königs ist eine wunderbare geometrische Lösung dieses Problems. Erst wandert er in die Gegenrichtung ab, doch plötzlich ist er in Schlagnähe des schwarzen Bauern. Hier die feine Lösung: 1. Kc8!! Kc6 2. Kb8! Kb5 3. Kb7! Kxa5 4. Kc6 h5 5. Kd5 remis. Das Reti-Thema lässt grüßen.

Dieses schöne Beispiel findet sich auch in deinem Bestseller „Expeditionen in die Schachwelt“, der schon mehrere Auflagen erlebte. Wie viele Bücher gibt es inzwischen aus deiner Feder?

Vor etwa zehn Jahren habe ich damit begonnen, nebenher Bücher zu schreiben. Die ersten beiden waren Mathematikbücher, also richtig Hardcore-Lehrbücher für Studenten. Es ging dort um angewandte Wahrscheinlichkeitstheorie, die Mathematik des Zufallsgeschehens. Mein drittes war das  Schachbuch, das vierte ist populärwissenschaftlich: „Das kleine Einmaleins des klaren Denkens“, das derzeit ins Koreanische übersetzt wird. Im September erscheint von mir „Warum Mathematik glücklich macht“. Mein Schachbuch ist ja schon viel gelobt worden, in Dortmund zuletzt auch von Otto Borik, das hat mich richtig froh gemacht. Im nächsten Monat kommt die Übersetzung ins Spanische heraus und die englische Übersetzung nächstes Jahr bei New In Chess.

Vor zwei Jahren warst du Olympiade-Botschafter in Dresden. Welche Erinnerungen hast du daran?

Ich habe bei einem Symposium den Eröffnungsvortrag über Schach und Mathematik gehalten und versucht, an Beispielen auch die Schönheit und Leidenschaft klarzumachen, die beiden innewohnt. Auch die Veranstaltung mit der Schauspielerin und Sängerin Vaile, sie nannte sich „Beauty und Brain“, hat mir große Freude gemacht. Beide Attribute (beauty and brain) gelten für Vaile. Wir beiden haben im Dresdner Rathaus eine Flasche Wein getrunken, dazu eine Partie Schach gespielt und uns über Mathematik, Kultur, Schauspielerei und natürlich Schach unterhalten. Am Ende hat sie dann noch gesungen, und ich habe ein wenig aus meinen Büchern vorgelesen.





Nun steht die nächste Schacholympiade in Sibirien bevor. Leider tritt Deutschland dort nicht mit der besten Mannschaft an. Es fehlt das Geld, um die führenden Großmeister unseres Landes für ihren Einsatz zu bezahlen. Stimmt dich das nicht traurig, zumal man sich durch die WM 2008 in Bonn und die Olympiade in Dresden einen Schachboom in Deutschland versprochen hatte?

Ich bin auch enttäuscht darüber, weil der Betrag für die Spitzenspieler, um den es geht (15 - 20.000 Euro) ja relativ gering ist. Nun weiß ich nicht, wie intensiv die Funktionäre des Deutschen Schachbundes versucht haben, dieses Geld zu generieren. Es gibt ja auch Leute darunter, die  Beziehungen zur Wirtschaft haben und diese etwas hätten spielen lassen können. Möglicherweise ist das nicht hinreichend intensiv versucht worden

Mit dem Ergebnis, dass jetzt ein Jugendteam in Chanty-Mansysk spielt...

Auf der anderen Seite ist es auch nicht so schlecht, junge Spieler nach vorn zu lassen. Ich bin immer dafür, jungen Leuten eine Chance zu geben, weil ich selbst in meinem Leben als junger Mann die Möglichkeit bekommen habe, eine Professur auszuüben. Das hat mich zusätzlich motiviert, ich bin dadurch besser geworden. Vielleicht wachsen diese jungen Kerls über sich hinaus, und wir sind dann sehr überrascht von ihnen. Bei der Fußball-WM hat das ja auch geklappt. Die Jugend hat gegenüber dem Alter viele Vorzüge, zum Beispiel ihre Unverbrauchtheit und ihre größeren Energiedepots.

DSB-Präsident Robert von Weizsäcker bewirbt sich jetzt auch um das Amt des Präsidenten der Europäischen Schachunion. Wenn der Deutsche Schachbund aber nicht in der Lage ist, mit der ersten Garnitur bei Olympia anzutreten, wird das seine Chancen nicht gerade erhöhen, zum dortigen Kongress gewählt zu werden. Hinzu kommt, dass Professor von Weizsäcker beruflich sehr eingespannt ist. Du bist selbst Wissenschaftler. Kann man so eine Aufgabe, Präsident eines Landesverbandes und einer internationalen Sportorganisation zu sein, schon zeitlich gesehen, überhaupt schultern? Mathematisch gesehen ist das doch die Quadratur des Kreises oder?

Herr von Weizsäcker ist ja ein Wissenschaftler von Format, der an einer Spitzenuniversität Forschung betreibt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dies nicht nur ein Fulltime-Job, sondern eine mehr als 100prozentige Tätigkeit ist. Wenn es so ist, wie ich es mir vorstelle, ist das Amt des ECU-Präsidenten auch ein Fulltime-Job. Insofern ist es bemerkenswert, wenn jemand allein schon beabsichtigt, beides ausüben zu wollen. Robert von Weizsäcker ist ein Mann mit großartigen Fähigkeiten auf vielen Gebieten. Möglicherweise hat er tief in sich hineingehorcht und weiß, dass er beides gleichzeitig gut ausüben kann. Wenn er das schafft, bin ich noch mehr beeindruckt von ihm als ohnehin schon.

Sicher hat auch eine Rolle gespielt, dass Garri Kasparow ihn angerufen und zur Kandidatur gedrängt hat.

Wenn das so war, dann ist es natürlich eine zusätzliche Motivation. 

Wie betreibst du selbst Schach? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du Varianten paukst, um Dein Spiel zu verbessern?

Die Art und Weise, wie ich Schach ausübe, ist sehr speziell. Ich spiele schon viele Jahre mit einem ägyptischen Kollegen, der seit langem eine Professur in den USA hat. Er lehrt an der George-Washington-Universität, und wir spielen Fernpartien. Das geschieht ohne Zeitbeschränkung und ohne Computereinsatz. Manchmal kommt ein Zug innerhalb weniger Tage, manchmal erst nach zwei bis drei Monaten. Je nachdem, wie stark wir beruflich eingespannt sind. Wir finden beides okay, unsere Partien dauern immer einige Jahre. Das Schöne ist, wir sind etwa gleich stark, was die Partien offen macht. Was meine Spielstärke angeht, so bleibt noch viel Raum nach oben.

Christian, du bist jetzt 50 Jahre alt. Was ist das für ein Lebensgefühl?

Es ist großartig, weil mir ein paar Dinge im Leben geglückt sind. Ich fühle mich jetzt viel besser als vor 10, 20 oder sogar 30 Jahren. Ich habe eine wunderbare Familie, zwei Kinder von neun und fünf Jahren. Sie sind in einer schönen Phase und machen mir viel Freude. Ich konnte mein Hobby, die Mathematik, zum Beruf machen. Und das Schach mit all seinen Facetten ist ebenfalls eine große Bereicherung für mich. Ich denke, den richtigen Platz im Leben gefunden zu haben. Das macht mich sehr zufrieden, bisweilen sogar glücklich.

Fotos: Dagobert Kohlmeyer, Ivo Kljuce, Vlad Sasu, Christian Hesse privat

 

 

 



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