1. ND-Damenschachturnier in Berlin

20.11.2006 – Am Freitag nahm die überregionale Tageszeitung Neues Deutschland die alte Tradition der "Zeitungs-Schachturniere" wieder auf und organisierte zusammen mit der Zeitschrift Schach, der Lasker-Gesellschaft und ChessBase in den Ausstellungsräumen der Lasker-Gesellschaft ein Schachturnier. Eingeladen wurden vier junge Damen, die den Zuschauern vor Ort und im Internet packende Schnellschachduelle lieferten. Am Ende wurde Elisabeth Pähtz der ungeliebten Favoritenrolle gerecht und gewann das Finale gegen Inna Gaponenko. Bericht, Partien, Bilder...

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1. Damenschachturnier in Berlin
Von André Schulz
Fotos: André Schulz, Dagobert Kohlmeyer

Am vergangenen Freitag Nachmittag durften zahlreiche Zuschauer in Berlin die Wiedergeburt einer alten Tradition erleben. Das Neue Deutschland initiierte und finanzierte ein Schachturnier. Zu Beginn des Turnierschachs waren die Tageszeitungen überall in der Welt erste Anlaufstelle für das Schach. Jede Zeitung, die etwas auf sich hielt, beinhaltete auch eine Schachspalte, die in regelmäßigen Abständen erschien. Da war es nur natürlich, wenn man durch die Organisation eines Turniers auch gleich selbst für die Nachrichten sorgte, die dort erscheinen konnten.

Von den Turnieren, die in Deutschland mit Zeitungen in Verbindung standen, war das „Eliteturnier“ 1928 wohl das berühmteste. Es wurde vom 11.bis 29.Oktober im Berliner Café König, einem der großen Schachcafés jener Zeit durchgeführt. Organisator war Jacques Mieses, der das Turnier für seine Zeitung, das berühmte Berliner Tageblatt, in Szene setzte. Der Preisfonds in Höhe von 10.000 Mark und Mieses Geschick brachte ein sehr starkes Feld zusammen, heute würde man das Superturnier nennen.
 

              1  2  3  4  5  6  7       Marks

1 Capablanca  ** ½½ ½½ ½½ 1½ 11 11  8½   2000  I

2 Nimzowitsch ½½ ** ½0 ½½ 01 11 1½  7    1400  II

3 Spielmann   ½½ ½1 ** ½0 11 ½0 ½½  6½   1000  III

4 Tartakower  ½½ ½½ ½1 ** 00 ½0 1½  5½    800  IV

5 Rubinstein  0½ 10 00 11 ** 01 0½  5     600

6 Réti        00 00 ½1 ½1 10 ** ½½  5     500

7 Marshall    00 0½ ½½ 0½ 1½ ½½ **  4½    450

 


Berlin Tageblatt 1928: Capablanca, Spielmann, umgeben von Tartakower, Reti, Marshall, Rubinstein und Nimzowitsch

Nach drei Runden musste Tarrasch wegen Krankheit zurücktreten und ist deshalb in der Tabelle nicht aufgeführt. In seinen
Erinnerungen an Dr. Emanuel Lasker berichtet Salo Flohr, wie er das Turnier als Schachkorrespondent für eine Prager Zeitung besuchte und vor lauter Begeisterung vergaß, in welchem Hotel er sich einquartiert hatte.

"Ich kam nach Berlin als kleiner, unbekannter Berichterstatter von Prager Zeitungen zum Turnier des „Berliner Tageblatts“. Meine Aufregung, bald einen lebendigen Lasker, Capablanca, Tarrasch, Nimzowitsch, Rubinstein, Marshall usw. kennenzulernen, war unbeschreiblich. Ich begab mich schleunigst ins Café „König“, wo ich alle die von mir jungem Schächer vergötterten Helden sofort nach dem Foto erkannte. Aber: Beim Morgengrauen stellte ich mir die Frage: Wo wohne ich eigentlich? In der großen Aufregung klopfte mein Schachherz so stark, daß ich nach der Ankunft im Blitztempo ein Hotelzimmer nahm, den Koffer ablegte und ohne zu sehen, wie das Hotel heißt, in welcher Straße es liegt, schleunigst ins Café „König“ eilte. Was nun, kleiner Schächer? Ich ging zur Polizei, wo ich um Hilfe bat. Man sah mich etwas komisch an. Um mich für ganz verrückt zu halten, schien ich zu jung. Die Berliner Polizei erwies sich auf der Höhe, und man fand das Hotel, wo ich mich angemeldet hatte. Hätte man es nicht gefunden, wäre es auch keine solche Katastrophe, denn in meinem Köfferchen hatte ich wahrscheinlich, wie man so in Berlin sagt, „einen alten Hut“.

Warum damals Dr. Emanuel Lasker nicht mitspielte, erklärt Flohr uns auch:

"Im Café „König“ sah ich damals Dr. E. Lasker nicht. Er interessierte sich damals wenig für Schach, was bei ihm manchmal der Fall war. Aber ich fand ihn in einigen Tagen doch, wenn ich mich richtig erinnere, im Café „Trumpf“. Ich hatte Geduld, wartete bis zwei oder drei Uhr morgens, und gemeinsam mit einer Gruppe von seinen Freunden und Partnern begleiteten wir Lasker zu Fuß nach Hause. Es waren keine Schach-, sondern Bridgepartner."

Später wurde auch der von Alfred Seppelt durchgeführte Berliner Sommer, von 1981 bis 1997 von Berliner Zeitungen zumindest zeitweilig unterstützt, bis das Turnier mangels Sponsor schließlich ad acta gelegt wurde (Artikel in der Berliner Zeitung...).

In Bezug auf die Schachberichterstattung haben mit dem Neuen Deutschland und der TAZ zumindest zwei große Berliner Tageszeitungen die Tradition gepflegt. In beiden Blättern gibt es regelmäßig Artikel oder Interviews über Schachturniere oder Themen, die mit Schach im Zusammenhang stehen. Nun ist das Neue Deutschland den einen konsequenten Schritt weiter gegangen und hat eine kleines Schachturnier organisiert.

Ausgangspunkt für diese Idee war die Eröffnung der Laskerausstellung im Frühling des Jahres, wo in den Räumen der Lasker-Gesellschaft im Dorlandhaus u.a. eine kleine Schaupartie zwischen dem Freiburger Kabarettisten und früheren Bundesligaspieler Matthias Deutschmann und der Ex-Weltmeisterin Susan Polgar via Internet gezeigt wurde. ND-Geschäftsführer Olaf Koppe sah, mit welchem Interesse das Nichtfachpublikum an der Partie Anteil nahm und sprach den Vorstand der Lasker-Gesellschaft Stefan Hansen an: "Können wir das nicht auch machen?"


Stefan Hansen, Dorland-Geschäftsführer und geschäftsführender Vorstand der Lasker-Gesellschaft

Mit Raj Tischbierk und seiner Zeitschrift "Schach" wurde ein geeigneter Co-Organisator gewonnen. Das Projekt nahm seinen Anfang und wurde schließlich am Freitag realisiert.


Raj Tischbierek fungiert als Schiedrichter

Man entschied sich für ein Frauenschachturnier, das mit vier Spielerinnen in einer Vorrunde und einer anschließenden K.o.-Runde gespielt werden sollte. "Die Frauen spielen ebenfalls sehr attraktives Schach, kommen aber in Bezug auf Turniere immer etwas zu kurz," begründete Gastgeber Paul Werner Wagner die Entscheidung für ein Frauenturnier. Da das Turnier an einem Spätnachmittag durchgeführt werden sollte, wurde mit Schnellschachbedenkzeit gespielt.

Mit den beiden Deutschen Elisabeth Pähtz und Melanie Ohme, der Schweizer Meisterin Monika Seps und der ukrainischen Olympiasiegerin Inna Gaponenko bekam man ein spielstarkes und interessantes Turnier zusammen.



Elisabeth Pähtz hat sich inzwischen als klare Nummer Eins im deutschen Schach etabliert. Die 21-jährige Hauptgefreitin (sagt man so?) der Bundeswehr-Sportkompanie kann bereits auf einen Jugend- und einen Juniorenweltmeistertitel blicken. Zur Zeit ist sie Nummer 25 in der Weltrangliste - der Trend geht weiter nach oben.

In der Bundesliga ist sie neben Almira Skripchenko und Eva Moser eine von drei Frauen, die dort überhaupt spielen dürfen. Im Interview erklärte sie kürzlich, dass mit etwas Glück sogar der WM-Titel greifbar sei.

Die Leipzigerin Melanie Ohme hat gerade bei der Jugendweltmeisterschaft in der Altersgruppe U16 den sechsten Platz belegt.

"Wenn ich nicht in der letzten Runde verloren hätte, wäre es vielleicht die Vizeweltmeisterschaft geworden."

Zusammen mit Maria Schöne, Sarah Hoolt und Judith Fuchs gehört sie zu einer neuen Generation junger Spielerinnen, die von Bundestrainer Bönsch gerade für den C-Kader nominiert wurden. Einige von ihnen werden sicher bei der Schacholympiade 2008 Dresden teilnehmen.

Monika Seps ist beste Schweizer Spielerin und gehört auch bei den Männern zu den Topspielern das Landes.

Die 21-jährige vertrat ihr Land bereits bei Europameisterschaften und Schacholympiade vertreten und in den letzten beiden Jahren eine ordentlichen Leistungssprung gemacht. "Die Schwachen werden versuchen die Starken zu schlagen, im Schnellschach ist alles möglich," formulierte sie ihr Turnierziel.

Ansonsten wolle sie anspruchvolles Schach spielen.

Das die übrigen Spielerinnen kaum über 20 waren, kam der ukrainischen Nationalspielerin Inna Gaponenko mit gerade 30 Jahren schon die Rolle der ältesten Teilnehmerin zu.

Gaponenko ist Schachprofi, spielt in mehreren Ligen und hat sich außerdem um ihre 7-jährige Tochter zu kümmern. In ihrem Heimatland hat sie Platz 80 in der Gesamtrangliste inne. In der Frauenrangliste ist sie hinter Lahno und Zhukova die Nummer Drei. 

Etwa 100 Zuschauer fanden den Weg in den Leuschnerdamm, wo die Lasker-Gesellschaft im Dorlandhaus residiert. Damit dürften die durchschnittlichen Zuschauerzahlen der Weltmeisterschaften von San Luis oder Elista wohl locker übertroffen sein. Vielleicht ist es doch günstig für den Zuschauerzuspruch, wenn man ein Schachturnier in einer Millionenstadt spielt, oder zumindest in der Nähe einer solchen. Dann können Zuschauer per S-Bahn oder Taxi kommen und müssen nicht auf den Charterflug warten. Nicht auszudenken, wenn hier einmal ein Kandidatenwettkampf oder dergleichen stattfinden würde.


Die Spielerinnen zogen viele Fotografen an


Harald Fietz hat Hunger

Die Partien wurden per DGT-Bretter auf eine Leinwand über die Spielerinnen projiziert. In einem Nebenraum waren sie ebenfalls zu sehen und wurden dort von GM Thomas Pähtz kommentiert.


Elisabeth Pähtz mit Vater Thomas

ChessBase besorgte die Übertragungstechnik und schickte außerdem ein Live-Videobild in den Fritzserver.

Die Zuschauer, neben Lesern des Neuen Deutschland auch eine Reihe Schachprominenter aus Berlin, sahen vier junge Damen, die zumeist freundlich lächelten und sich auf dem Brett mit ihren Figuren dabei gleichzeitig an die Gurgel sprangen. Es floss viel Blut: Nur zwei der insgesamt zehn Partien endeten remis und das auch erst nach z.T. Langem Kampf.





Nach der Vorrunde lagen die beiden "Starken", Gaponenko und Pähtz tatsächlich an der Tabellenspitze, die beiden "Schwachen" mussten um die restlichen Plätze kämpfen. Melanie Ohme hatte zuvor etwas Pech, dass sie ein Remis-Turmendspiel mit Minusbauer gegen die routinierte Elisabeth Pähtz nicht halten konnte.


Melanie Ohme im Pech

Im Finale zwischen Gaponenko und Pähtz hatte die Erfurterin zunächst die besseren Chancen, verdarb aber ein gewonnenes Endspiel zum Remis. In der zweiten Partie überschritt Gaponenko dann in unübersichtlicher Stellung die Zeit. Elisabeth Pähtz wurde Turniersiegerin.

Im kleinen Finale gewannen Ohme und Seps je eine Partie und man einigte sich auf einen geteilten dritten Rang.

Vorrunde (10+5)

Endrunde (20+10)

Die Partien zum Nachspielen...

Die Spielerinnen erhielten neben einem Blumenstrauß  als Prämie Reisegutscheine, die die Firma GIS-Reisen gespendet hatte.

Am Ende wurde den zahlreichen Zuschauern von 16 bis 21 Uhr ein sehr netter Schachnachmittag geboten. Zwischendurch gab es Zeit für ein Buffet und anregenden Gedankenaustausch. Auf den Brettern wurde zudem ordentlich Spannung geboten und mancher hatte großen Spaß beim Mitdenken. Last, but not least hatte das Turnier mit der Ausstellung "Schach und Musik" eine schöne Kulisse. Für einen reibungslosen Ablauf sorgte Susanne Poldauf von der Lasker-Gesellschaft. Die Künstlerin Sybille Waldhausen hatte dort auch einige ihrer "schwebenden Schachobjekte ausgestellt". Die schmalen auf Schachfeldern montierten und sich Wind bewegenden Figuren weisen auf die Bewegung der Gedanken im Schach hin und erinnern an indische Schattenspielmarionetten und damit an die Herkunft des Schachs (Figuren können über die Laskergesellschaft erworben werden.).


Sybille Waldhausen

Das alles zusammen ist allemal bessere und anregendere Unterhaltung als irgendein Kinofilm oder sogar mittelmäßiges Theater.

Wann ist das nächste Turnier?


Links:

Neues Deutschland online...
Zeitschrift Schach...
Lasker-Gesellschaft...
 

 

 

 

 

 

 



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