100 Jahre Paul Keres

von André Schulz
07.01.2016 – Heute jährt sich zum 100sten Mal das Geburtsdatum von Paul Keres. Der estnische Großmeister gehörte 40 Jahre lang zu den besten Spielern der Welt, schlug neun Weltmeister, konnte den Titel aber nie gewinnen. In seiner Heimat wird er als Nationalheld verehrt und anlässlich des Jubiläums gab die estnische Regierung eine 2-Euro-Gedenkmünze heraus. Mehr...

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Paul Keres wurde heute vor genau 100 Jahren, am 7. Januar 1916, in Narwa, im Osten Estlands geboren. Seine Eltern sind Peeter (sic) und Marie Keres. Später zog die Familie nach Pärnu. Im Alter von 4 oder 5 Jahren lernte Paul Keres zusammen mit seinem älteren Bruder Harald das Schachspiel, indem er seinem Vater beim Spiel mit Freunden zusah.

Vater und Bruder waren anfangs die einzigen Spielpartner, später spielte Keres gegen Mitschüler in der Schule. Dann entdeckten Harald und Paul Keres, dass man Partien aufschreiben konnte und sie begannen, Zeitungsausschnitte mit Partien und Studien zu sammeln. Da sie keinen Zugang zu Schachbüchern hatten, schrieben sie jede Partie ab, derer sie habhaft werden konnten. Bald hatte Keres eine "Datenbank" auf Papier von fast 1000 Partien.

1928 besuchte der litauische Meister Vladas Mikenas (geb. 1910) Pärnu und gab eine Simultanvorstellung. Später erinnerte er sich:

"Im Jahr 1928 besuchte ich Pärnu und gab für die dortigen Schachfreunde eine Simultanvorstellung. Indem ich mein Spiel Runde um Runde fortsetzte, blieb mein Blick immer häufiger auf einem dunkelhaarigen Jungen haften, der für sein Alter sehr erfindungsreich spielte. Am Brett meines jungen Gegners musste ich mich wiederholt zum längeren Nachdenken aufhalten, aber es war nichts zu machen. Mit jedem Zug wurde meine Lage schlimmer, und bald gratulierte ich unter stürmischem Applaus der Anwesenden meinem jungen Partner zum hervorragenden Spiel."

Bereits mit 11-12 Jahren war Paul Keres den erwachsenen Schachspielern in Pärnu ein gleichwertiger Gegner. Nun begann er, sich auch mit Fernschach zu beschäftigen und spielte mit Gegnern in der ganzen Welt.

Mit 13 Jahren gewann Keres die Blitzmeisterschaft von Pärnu. 1934/35 wurde er estnischer Landesmeister. Außer im Schach zeigte Keres auch im Tennis großes Talent. Hier wurde er in dieser Zeit estnischer Vizemeister.

Keres als Tennisspieler

Als erst 19-Jähriger war Keres schon Mannschaftsführer einer estnischen Mannschaft bei der Schacholympiade 1935 in Warschau und traf dort am ersten Brett auf die besten Spieler der Welt. 1936 wurde er in Bad Nauheim zusammen mit Aljechin geteilter Erster, spielte aber ein Turnier in Dresden kurz danach kläglich. Er nahm an der nicht anerkannten Schacholympiade von München 1936 teil und gewann das stark besetzte Turnier in Semmering 1937.

Keres im Interview 1936

Spätestens nach dem Gewinn des AVRO-Turniers 1938 galt Keres als heißer Anwärter auf den Weltmeistertitel. Doch Versuche, einen Wettkampf gegen Aljechin zustande zu bringen, misslangen. Nach dem Turnier schickte die AVRO, eine holländische Radiostation, Aljechin eine Herausforderung, doch die vom Weltmeister gestellten Bedingungen waren für die AVRO nicht akzeptabel. Parallel bemühte sich aber auch Botvinnik um ein WM-Match gegen Aljechin.

Keres gewann nun das Turnier in Margate 1939 vor Capablanca und Flohr. Und in einem 1939 organisierten Wettkampf zwischen Euwe und Keres sollte die Frage geklärt werden, wer von den beiden als Herausforderer von Aljechin zu gelten hat. Keres gewann das Match, aber da inzwischen der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war, musste er die Hoffnungen auf einen Titelkampf begraben.

1940, Estland war im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes inzwischen von der Roten Armee besetzt und Teil der Sowjetunion, spielte Keres die Sowjet-Meisterschaften mit und wurde Vierter. Zwei Jahre später war Estland ein Teil des vom Dritten Reich besetzten Europas. Keres spielte nun Turniere im Einflussbereich des faschistischen Europas. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Estland erneut von der Roten Armee besetzt. Wegen seiner Turnierteilnahmen im Deutschen Reich drohte Keres die Deportation nach Sibirien, doch nach Fürsprache estnischer Kommunisten durfte er seine Karriere als Schachspieler in der Sowjetunion fortsetzen.

1947 wurde Keres Landesmeister der Sowjetunion. 1948 war er einer der fünf Teilnehmer des WM-Turniers von Den Haag/Moskau. Seine Niederlagen gegen den protegierten Botvinnik sind so augenfällig, dass der Eindruck entstand, Keres musste, oder wollte, absichtlich verlieren. Tatsächlich hat Botvinnik selber später eingeräumt, dass Stalin damals persönlich den Vorschlag gemacht hatte, beim zweiten Umgang des Turniers in Moskau mögen die beiden anderen Sowjetspieler, Smyslov und Keres, so spielen, dass der Sieg Botvinniks sicher gestellt würde. Natürlich hatte Botvinnik diesen Vorschlag zurückgewiesen - die anderen beiden Spielern aber vielleicht nicht.

Keres und Botvinnik

Da Keres später häufig Zweiter wurde, so bei den Kandidatenturnieren von 1953, 1956, 1959 und 1962, entstand der Mythos vom "ewigen Zweiten". Zwar war Keres nie Weltmeister, aber gegen neun der insgesamt 16 Weltmeister konnte er mindestens eine Partie gewinnen - das ist Rekord.

Keres starb 1975 bei der Rückreise von einem Turnier in Vancouver an einem Herzinfarkt.

Anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums hat die estnische Regierung eine Zwei-Euro-Gedenkmünze herausgegeben. Zuvor gab es in Estland schon einen Fünf-Krooni-Geldschein mit dem Konterfei des in seinem Heimatland als Nationalhelden verehrten Sportidol.

 

 

 

Johannes Fischer hat für einen Beitrag über Paul Keres dessen Anmerkungen zu seinem Sieg über Aljechin ins ChessBase-Format übertragen:

 

 

 

Johannes Fischer: Paul Keres gegen die Weltmeister...

 

 


Themen Paul Keres

André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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