In den 1920er und 1930er Jahren fanden „auf dem Semmering“ eine Reihe von erstklassigen Schachveranstaltungen statt. Im kollektiven Gedächtnis sind vor allem die Turniere von 1926 und 1937 geblieben. Darüber hinaus wurden hier aber auch eine Reihe von interessanten Wettkämpfen durchgeführt.
Der Name „Semmering“ bezieht sich zum einen auf den 984 Meter hoch gelegenen Gebirgspass, der die Steiermark mit Niederösterreich verbindet, zum anderen aber auch auf den nahegelegenen Ort.
Der Ortsname „Semmering“ ist möglichweise slawischen Ursprungs. Im 6. Jahrhundert waren hier slawische Stämme eingewandert, nachdem die zuvor hier lebenden germanische Bevölkerung im Zuge der Völkerwanderung im 4. und 5. Jahrhundert abgewandert war. Nach anderer Deutung verweist die Endung „ing“ vielleicht aber auch auf die germanische Versammlungsstätte „Thing“.
Die Semmeringbahn, eine technisches Meisterwerk
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Semmeringgebiet zum Ausflugsziel für die höhere Wiener Gesellschaft. Um die Anreise von der etwa 90 km entfernten Hauptstadt zu erleichtern, baute die „k.k. private Südbahn“ eine Eisenbahnverbindung von Wien bis zum Semmeringpass. 1854 wurde die Bahnstrecke eingeweiht und in Betrieb genommen. Auf der gut 40 Kilometer langen Kernstrecke zwischen Gloggnitz und Mürzzuschlag muss die Bahn 457 Höhenmeter überwinden bei einer durchschnittlichen Steigung von 20 Promille. Für die Strecke wurden 15 Tunnels gegraben. Auf 16 Viadukten und über 100 Brücken überquert die Bahn Schluchten, Bäche und Flüsse und schlängelt sich in großen Bögen die Berge hinauf.
Der Konstrukteur dieses Meisterwerks war der in Venedig geborene Carl Ghega (1802-1860). Am Bau der Strecke waren 10.000 Männer und Frauen beteiligt. Die Semmeringbahn war die erste Hochgebirgsbahn, die auf normaler Spurweite fuhr. Carl Ghega konstruierte zudem Lokomotiven, die in der Lage waren, solche Steigungen zu erklettern. 1998 wurde die Bahn von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Mit der Bahn, die später nach Ljubljana, Zagreb und Triest an der Adria weiter ausgebaut wurde, nahm Semmering als Kurort oder Wintersportort noch einmal einen gewaltigen Aufschwung. Einige prächtige Grand Hotels wurden gebaut, um die erlesenen Gäste aufzunehmen, das „Südbahnhotel“, das „Kurhaus“ und das „Hotel Panhans“.



Das Semmeringgebiet wurde zum Treffpunkt der österreichischen und europäischen Hautevolee. In der Hochsasion waren alle Häuser am Semmering komplett ausgebucht. Zu den prominenten Gästen am Semmering gehörten neben anderen Kaiser Franz Josef I. höchstselbst, der Kaiserin Elisabeth, („Sissi“), der Regisseur Max Reinhardt, die Schriftsteller Arthur Schnitzler und Gerhart Hauptmann, Heinz Rühmann, Josephine Baker und die Rennfahrer Rudolf Caracciola und Hans Stuck, um nur einige Namen zu nennen.
Treffpunkt der Hautevolee
Stefan Zweig („Die Schachnovelle“) verlegte seine 1911 veröffentlichte Erzählung „Brennendes Verlangen“ auf den Semmering. Baron von Haller, ein Rennfahrer, freundet sich mit einem 12-järigen Jungen an und verliebt sich dann in die Mutter. Der Junge wird in der Folge von Eifersucht geplagt und sieht die Ehe seiner Eltern bedroht. Nach der Abreise des Rennfahrers hüten Mutter und Sohn gemeinsam das Geheimnis gegenüber dem Vater bzw. Ehemann. 1932 wurde die Erzählung verfilmt. Die Zensur gab ihn frei, doch nach der Berliner Uraufführung verurteilte das Nazi-Blatt „Der Angriff“ den Film wegen „krankhafte Schwüle und dumpfer Verworrenheit“. Die Zensur widerrief daraufhin die Freigabe und der Film wurde in Deutschland nicht mehr gezeigt.
Die Musikerin und Muse verschiedener Künstler Alma Mahler hatte sich 1913 in Breitenstein am Semmering ein Ferienhaus bauen lassen, in dem sie nach ihrer Ehe mit Gustav Mahler zeitweise mit Oskar Kokoschka lebte und sich dort später abwechselnd mit Franz Werfel und Walter Gropius traf. Ihr zahlreichen Liebschaften waren in Wien und am Semmering ständiger Gesprächsstoff.
Autorennen und Schach
Um den Urlaubsgästen zusätzliche Unterhaltung zu bieten, wurden an den umliegenden Bergen Autorennen veranstaltet. Das erste dieser „Bergrennen“ gewann 1899 Emil Jellinek, der als Finanzunternehmer stinkreich war und ein Faible für die neuartigen Automobile hatte.

Ein weniger lautes und intellektuelleres Vergnügen waren die Schachturniere, die hier durchgeführt wurden.
Das erste große Turnier auf dem Semmering fand vom 7. bis 29. März 1926 im Hotel Panhans statt, vor hundert Jahren also. Die Verbindung zwischen der Hotelleitung und den Schachspielern kam durch den Schachmeister Ossip Bernstein zustande, der zu dieser Zeit der Anwalt des Hotels war.
Das Turnier war ein absolutes Spitzenturnier, heute würde man Superturnier sagen, mit einigen der besten Spieler jener Zeit. Von den damaligen Topspielern fehlten nur Emanuel Lasker, Raul Capablanca und Efim Bogoljubow. Lasker und Capablanca hatten hohe Startgeldforderungen erhoben, die von der Turnierorganisation nicht zu erfüllen waren. Bogoljubow war nach seiner Zeit in Deutschland vorübergehend wieder nach Russland zurückgekehrt, erhielt aber von der Allrussischen Schachsektion keine Freigabe für das Turnier.
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Insgesamt 18 Spieler bildeten das Turnierfeld, unter ihnen der kommende Weltmeister Alexander Aljechin, der inzwischen schon 64-jährige Siegbert Tarrasch, Akiba Rubinstein, Lasker WM-Gegner von 1910 David Janowsky, Aron Nimzowitsch, Milan Vidmer, Savielly Tartakower, Karel Treybal, die Österreicher Rudolf Spielmann, Ernst Grünfeld und Richard Reti und einige bekannte Namen mehr.

Bei der Eröffnungsfeier am 6. März 1926 Grandhotel Panhans wurde nach der Begrüßung der Spieler durch die Verwaltungsräte der Semmeringer Hotel- und Kuranstalt A.G. Dr. Paul Hoffmann und Milan Hauser und einigen weiteren Würdenträger nahm der der Wiener Meister und Turnierleiter Heinrich Wolf die Auslosung vor und informierte die Spieler über die Spielbedingungen und die Bedenkzeiten. Gespielt wurden mit jeweils 30 Zügen in 2 Stunden, wobei die Partie am Vormittag von 10 bis 12 Uhr begann und dann am späten Nachmittag bzw. am Abend von 17 bis 21 Uhr fortgesetzt wurde.

Nimzowitsch und Aljechin
Als Turnierfavorit galt sicher Alexander Aljechin. Doch der spätere Weltmeister startete mit einer Niederlage gegen Nimzowitsch.
In der zweiten Runde konnte Aljechin auch den ungarischen Nationalspieler Arpad Vajda nicht besiegen. Vajda (1897-1967) war ein promovierter Jurist und hatte Ungarn bis 1937 bei sieben Schacholympiaden vertreten, wenn man die offiziell nicht anerkannte Schacholympiade von München 1936 mitzählt.
In Runde drei musste Aljechin gegen den Sudetendeutschen Karl Gilg, hauptberuflich Lehrer und ebenfalls ein starker Spieler, eine weitere Niederlage hinnehmen.
Karl Gilg (geb. 1901) spielte am Semmering sein erstes großes Turnier und sein Sieg gegen den Favoriten war natürlich eine Sensation. Tatsächlich waren sich Gilg und Aljechin schon im Jahr zuvor in der Tschechoslowakei bei einer Simultanvorstellung begegnet. Auch dort hatte Aljechin verloren.

Gilg, links, hier gegen Spielmann
Aljechin startete nun eine Aufholjagd mit acht Siegen und einem Remis. Nach 12 Runden hatte sich Aljechin an die Tabellenspitze vorgearbeitet, die er mit Rudolf Spielmann und Savielly Tartakower teilte (alle 9 Punkte).

Savielly Tartakower
In Runde 13 kassierte Aljechin jedoch eine weitere, nun entscheidende Niederlage gegen Milan Vidmar, während Tartakower gegen Vajda gewann und Spielmann gegen Reti immerhin remis spielte.
In Runde 14 gewann Spielmann das Spitzenspiel gegen Tartakower und Aljechin besiegte Hans Kmoch. In der folgenden Runde punkteten beide, Spielmann und Aljechin, und es blieb beim Abstand von einem halben Punkt zugunsten des Österreichers. Und auch in der vorletzten Runde gewann die beiden Spitzenreiter siegreich. In der Schlussrunde trafen schließlich Spielmann und Aljechin aufeinander. Aljechin hätte gewinnen müssen, doch die Partie endete remis und so feierte Rudolf Spielmann seinen wohl größten Erfolg.
Das Turnier bot den Zuschauern eine Reihe von interessanten Angriffspartien, an denen auch Turnierseiger Rudolf seinen Anteil hatte. Manche, aber nicht alle Partien waren aus einem Guss.
Hinter Spielmann und Aljechin belegte der Laibacher Universitätsprofessor Dr. Milan Vidmar den dritten Platz. Vidmar war Ingenieur und Experte für Transformatoren. Seine Turniere spielte er als Amateur. Rubinstein und Tarrasch belegten punktgleich die Plätze sechs und sieben vor Reti und Grünfeld. Rubinstein soll schon am Semmering einige Auffälligkeiten gezeigt haben und befand sich wohl schon auf dem Weg in die tiefe Depression seiner späteren Jahre.
Der Italiener Stefano Roselli del Turco belegte mit nur einem Punkt den letzten Platz, was aber seiner Spielstärke nicht gerecht wird.

Stefano Roselli del Turco
Im Jahr 1877 in Florenz in einer alteingesessenen Adelsfamilie geboren war er lange einer der besten Spieler Italiens, mehrfacher Landesmeister und nahm an für Italien an sechs Schacholympiaden teil. Auch 1924 in Paris hatte er schon mitgespielt. Beim Turnier in Baden-Baden 1925 waren Roselli des Turco immerhin Siege gegen Tarrasch, Colle und Yates geglückt.
1937 gab es ein weiteres großes Turnier auf dem Semmering, zur Hälfte auch in Baden ausgetragen, das von Paul Keres gewonnen wurde. Parallel spielten Vera Menchik und Sonja Graf einen Weltmeisterschaftskampf um die Weltmeisterschaft. Menchik gewann.
Im letzten Oktober gab es eine kleine Schach-Rennaissance am Semmering, als Alexander Spritzendorfer im Rahme seiner Reihe "Schach im Turm" noch einmal zu einem Schachturnier einlud. Es fand nicht im Panhans-Hotel statt, sondern im Südbahnhotel. Das 1882 erbaute Haus, wird nicht mehr als Hotel genutzt und steht leer, befindet sich aber noch im gleichen glanzvollen Zustand wie ehedem und wird für Veranstaltungen vermietet.
Südbahnhotel...
Schach im Turm 1925...