125 Jahre Schweizer System

von André Schulz
16.06.2020 – Wer das Schweizer System erfunden hat, ist nicht schwer zu erraten. Ja, die Schweizer waren es. Genauer: Der Name des Erfinder lautet Julius Müller. Als Geburtsdatum gilt der 15. Juni 1895 bei einem Turnier in Zürich.

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Wer hat's erfunden? Die Schweizer waren's

Das Schweizer System ist ein Wettkampf-Format für Sportveranstaltungen, das dann zur Anwendung kommt, wenn sehr viele Teilnehmer bei einem Turnier mitspielen. Und es wird in solchen Sportarten angewendet, wo der direkte Vergleich zwischen zwei Teilnehmern über Sieg oder Niederlage entscheidet. Im Unterschied zum K.o.-System scheidet der unterlegene Spieler beim Schweizer System nicht aus, sondern kann weiter am Turnier teilnehmen. Und im Vergleich zum Rundenturnier, wo jeder Spieler gegen jeden anderen spielt, ermöglicht es das Schweizer System auch Turniere mit großer Teilnehmerzahl in zeitlich überschaubarem Rahmen durchzuführen. Im Schach sind auch noch die Formate "Wettkampf", ein Vergleich zweier Spieler über mehrere Partien, und Scheveninger System üblich. Letzteres wird bei Mannschaftsvergleichen angewendet: Jeder Spieler einer Mannschaft spielt gegen jeden Spieler der anderen Mannschaft eine oder mehrere Partien.

Beim Schweizer System werden jeweils punktgleiche Spieler gegeneinander gepaart. Im Verlaufe des Turniers spielen also die erfolgreichen Spieler gegeneinander und kämpfen um den Turniersieg. Die weniger erfolgreichen Spieler kämpfen um die Plätze oder Sonderpreise. Bei der Auslosung wird darauf geachtet, dass punktgleiche Spieler gegeneinander gepaart werden und natürlich keine Spieler zweimal gegeneinander spielen. Dabei soll die Farbverteilung für im gesamten Verlauf des Turniere einigermaßen gleichmäßig verteilt sein. Jeder Spieler soll also möglichst gleich oft mit Weiß und mit Schwarz spielen. Das zweite Kriterium ist der Grund dafür, das fast alle Turniere mit ungeraden Rundenzahlen gespielt werden, üblich sind sieben, neun, elf oder dreizehn Runden. Dann haben einige Spieler eine Partie mehr mit Weiß, die anderen eine mehr mit Schwarz gespielt. Das ist erträglicher als wenn ein Spieler zwei Partien mehr mit einer Farbe gespielt hat, was bei gerader Rundenzahl vorkommen kann. Es gibt aber auch Traditionsturniere, die mit gerader Rundenzahl gespielt werden, beispielsweise das Open in Gibraltar.

Bei hohen Teilnehmerzahlen wird zumeist eine Fein- oder Zweitwertung nötig, da es am Ende des Turniers viele punktgleiche Spieler gibt. Dafür gibt es unterschiedliche Systeme, die bekanntesten sind Feinwertungen nach Buchholz und nach Sonneborn-Berger. Auch bei Rundenturnieren, wo jeder gegen jeden spielt, entscheiden bei Punktgleichheit Feinwertungen über den Tabellenplatz. Bei Schweizer Systemen mit sehr vielen Teilnehmern ist manchmal auch eine Drittwertung notwendig, da bei punktgleichen Spielern auch die Zweitwertung bisweilen gleich sein kann. Die Feinwertungen basieren im Prinzip auf den erzielten Punkten der Gegner eines Spielers am Ende des Turniers. 

Erfunden haben das Schweizer System die Schweizer - deswegen heißt es so. Genau genommen war es aber nur ein Schweizer - Dr. Julius Müller. Das System könnte also auch Müller-System heißen. Als Geburtstag wird in den meisten Quellen der 15. Juni 1895 angegeben, also ziemlich genau vor 125 Jahren.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde Schach immer populärer und immer mehr Teilnehmer meldeten sich zu den Schachturnieren an. Um allen Spielern die Möglichkeit zum Spiel zu geben und das Turnier dabei zeitlich nicht ausufern zu lassen, wurde das Schweizer System angewendet. Das System ist so intelligent und erfolgreich, das es bis heute genutzt wird und für alle Amateurturniere mit vielen Teilnehmern zum Standardsystem geworden ist. Heute übernehmen ausgefuchste Computerprogramme die Auslosung.

Dr. Julius Müller (1857-1917) war Lehrer in Brugg, einer Gemeinde in der Nähe von Zürich, ca. 20 km entfernt. In ihrer Beschreibung der Geschichte der Schachgesellschaft Zürich, 1809 gegründet und der älteste noch bestehende Schachclub der Welt, glauben Richard Forster und Christian Rohrer allerdings, dass Julius Müller schon beim Ersten Schweizerischen Schachturnier, im Zürcher "Pfauen", am 1. und 2. Juni 1889, sein neues Paarungssystem zur Anwendung brachte, zumindest in einer "Beta-Version". Da an dem Turnier schon 74 Spieler teilnahmen, erscheint das durchaus plausibel. Im Laufe der folgenden Jahre hat Julius Müller sein System aber immer weiter verbessert und so gilt gemeinhin 1895 und die Anwendung beim Fünften Schweizerische Schachturnier als Geburtsjahr bzw. Anlass. 

Als Feinwertung stand damals theoretisch schon das Sonneborn-Berger-System zur Verfügung. Es wurde 1873 vom österreichische Schachmeister Oscar Gelbfuhs entwickelt und 1882 von William Sonneborn und dem österreichische Meister Johann Berger bei einem Turnier in Liverpool erstmals in der Praxis angewandt.

Das Erste Schweizerische Schachturnier gewann übrigens Max Pestalozzi, ein entfernter Verwandter des bekannten Pädagogen und gleichzeitig der Organisator des Turniers, vor Artur Poplawski aus Polen.

Das Schweizer System, von Schachspielern erfunden, wird heute auch bei vielen anderen Sportarten, zum Teil in Variationen, verwendet. 

 




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Grebredna Grebredna 17.06.2020 02:23
William Sonneborn hat sich erst 1886 (The Chess Monthly, Vol. VII, S. 165), Johann Berger in der Deutschen Schachzeitung 1887 (S. 33 ff.) zu der Thematik geäußert. Mit einem Turnier in Liverpool 1882 haben beide nichts zu tun. Der zugehörige Wikipedia-Artikel ist - wie nicht selten bei Schachthemen - fehlerhaft und nicht zitierfähig.
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