155 Jahre Jacques Mieses

von André Schulz
27.02.2020 – Mit 60 aktiven Jahren galt Jacques Mieses lange als der Turnierspieler mit der längsten aktiven Turnierzeit. Mieses war Zeitgenosse unter anderem von Tarrasch und Lasker. Als Turnierspieler war er weniger erfolgreich, als Publizist aber umso mehr. 1938 emigrierte Mieses zwangsweise nach England. Heute jährt sich sein Geburtstag zum 155sten Mal.

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Jacques Mieses, eigentlich Jakob Mieses wurde am 27. Februar 1865 in Leipzig geboren. Seine Eltern Julius Mieses und seine Mutter Henriette, waren jüdische Kaufleute und stammten urspünglich aus Brody, einer Stadt in der Nähe von Lemberg (Lviv). Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges gehörte die Stadt zu Österreich-Ungarn. Heute ist sie Teil der Ukraine. Schach wurde offenbar in der Familie Mieses groß geschrieben. Sein Vetter Viktor, der ein bekannte Rechtsanwalt wurde, spielte ebenfalls Schach und verfasste zudem Schachprobleme. Sein Onkel Samuel Mieses (1841-1884), der als Arzt in Bad Ems wirkte, war ebenfalls ein spielstarker Schachfreund. Samuel Mieses hatte Medizin an der Universität in Breslau studiert und wurde dort von keinem Geringeren als von Adolf Anderssen in die Geheimnisse des Spiels eingeweiht. Samuel Mieses spielte häufig mit Johannes Zukertort, ebenfalls ein Schüler von Anderssen und gewann zusammen mit seinem Lehrmeister ein Turnier in Bad Ems 1871, verlor aber den folgenden Stichkampf.

Seine Schulausbildung absolvierte Jacques Mieses in der Leipziger Bürgerschule am Augustinerplatz und dann im Thomas-Gymnasium. Sein Vater beklagte die schlechten schulische Leistungen zu Anfang der Schulzeit. Sein Abitur absolvierte Jaques Mieses dann jedoch mit Auszeichnung.

Nach der Schule studierte Jacques Mieses erst in Leipzig und ab 1887 in Berlin Physik und Chemie. In Berlin wurde Mieses Mitglied der Berliner Schachgesellschaft. Mit dem Schachspiel  hatte Mieses 1879 im Alter von 15 Jahren begonnen. Ein Jahr später veröffentlichte die Deutsche Schachzeitung schon einen Dreizüger des kommenden Meisters.

Als 17-Jähriger feierte Mieses einen ersten großen Turniererfolg, 1882, mit dem Gewinn der Berliner Stadtmeisterschaften. 1885 nahm Mieses am Hauptturnier des vierten Kongress des Deutschen Schachbundes in Hamburg teil, landete aber mit drei Siegen und fünf Niederlagen nur im hinteren Feld. In einem freien Turnier im Anschluss belegte er aber hinter Marcus Kann den zweiten Platz.

1887 gewann Mieses beim Hauptturnier des Frankfurter Kongresses den zweiten Platz in seiner Vorgruppe, verfehlte aber den angestrebten Aufstieg in die Meistergruppe. Nach guten Ergebnissen bei Turnieren 1888, einen 2. Platz im Winterturnier in Berlin, einen 4. Platz im Meisterturnier von Nürnberg und einen 3. Platz beim Turnier in Leipzig, entschloss Mieses sich zu einer Laufbahn als Schachprofi. Und beim 6. DSB-Kongress 1889 durfte Mieses dank seiner Erfolge doch in der Meistergruppe starten und belegte bei 18 Teilnehmern hinter Tarrasch und Burn einen beachtlichen 3. Platz.

Jacques Mieses

Im Dezember 1889 hatte Mieses dann aber gegen den vier Jahr jüngeren Emanuel Lasker in einem Wettkampf keine Chance und verlor deutlich mit 1,5:6,5. Für Lasker hegte Mieses zeitlebends besondere Bewunderung.

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Im Laufe seiner Turnierkarriere verzeichnete Mieses zwar eine Reihe von Rückschlägen, feierte aber auch Siege über große Spieler wie Tarrasch, Schlechter, Pillsbury, Janowski, Marshall, Teichmann, Bogoljubow, Rubinstein, Nimzowitsch oder Spielmann.

 

Beim Turnier in Ostende 1906, fertigte er Michael Tschigorin in in wenigen Zügen ab.

 

Zu den größten Turniererfolgen von Jacques Mieses gehörte aber der Sieg beim Turnier in Wien 1907.

 

Neben seinen Erfolgen als Turnierspieler machte Jacques Mieses sich aber vor allem mit seiner schachpublizistischen Arbeit einen Namen. Er schrieb Schachkolumnen für viele deutsche, auch europäischen Zeitungen und Magazine, darunter für das "Berliner Tageblatt", die "Leipziger Neueste Nachrichten" und die illustrierte Zeitschrift "Zur Guten Stunde". Außerdem veröffentlichte er zahlreiche Lehr- und Turnierbücher. Unter anderem bearbeitete er die Neuauflagen von Jean Dufresnes Klassiker "Lehrbuch des Schachspiels". Der Katalog in der Deutschen Bücherei verzeichnet über 40 Titel von Jaques Mieses. Viele wurden in andere Sprachen übersetzt, einige nach dem Krieg neu aufgelegt.

Beim berühmten Turnier 1937 in Kemeri (Lettland) war Jacques Mieses als Korrespondent vor Ort und erlebte ein der größten Krisen seines Lebens. Bei dem Versuch, noch auf einen abfahrenden Bus aufzuspringen, geriet Mieses unter den Bus und brach sich beide Beine. Infolge des Unfalls war er neun Monate ans Krankenbett gefesselt.

Mieses gab neben seinen Turnieren gerne Blind - und Simultanveranstaltungen und nahm dafür einen moderaten Preis. In seinem Artikel über Jaques Mieses im Karl, Ausgabe 3/2012, berichtet Michael Negele, dass Mieses 20 Mark für ein Simultan forderte, während Lasker mit seiner Forderung von 60 Mark deutlich darüber lag. Mieses nahm zusätzlich als Nebenkosten aber auch Kost und Logis, was ihm von den Gastgebern gerne gewährt wurde, da der Leipziger Meister angenehm im Umgang war und zudem ein interessanter und humorvoller Gesprächspartner. Außerdem soll Mieses ein ausgezeichneter Weinkenner gewesen sein.

Seine Schachkollegen bewunderten Jaques Mieses zudem wegen seiner gepflegten Erscheinungsweise. Im Gegensatz zu den Kollegen erschien Mieses stets akkurat gekleidet, seine Simultaneinladungen absolvierte er gerne im Frack. Auch als Organisator war Mieses aktiv und war unter anderem an der Organisation des Turniers San Sebastian 1911 beteiligt. Zudem betätigte er sich als Schachschiedsrichter. Als Eröffnungstheoretiker gab er verschiedenen Varianten seinen Namen, die bekannteste ist die Mieses-Variante in der Schottischen Partie. Mieses hinterließ auch einige Schachkompositionen.

Seine Aktivitäten als Spieler und Autor sicherten Mieses ein gutes Auskommen und so konnte er es sich zwei Wohnsitze leisten, einen in Leipzig und einen in Berlin. In Leipzig lebte er bis zu seiner Emigration in der Christianstraße 19 im Waldstraßenviertel.

1938 verließ Mieses unter dem immer größeren Druck gegen die jüdische Bevölkerung Deutschland und emigrierte nach England. Außer dem, was er am Leib trug, besaß er nur 15 Mark. In England fand er eine neue Heimat und dank seiner angenehmen Persönlichkeit schnell viele Freunde. Ende der 1940er Jahre nahm Mieses die englische Staatsbürgerschaft an.

Alles in allem war Jacques Mieses von 1888 bis 1948 aktiver Turnierspieler und galt deshalb lange als der Spieler mit der längsten aktiven Turnierzeit. Er nahm an etwa 60 Turnieren teil und spielte 20 Wettkämpfe. 1927 war er einer der Teilnehmer der ersten  Schacholympiade in London.

Jacques Mieses, Hastings 1945/46 | Quelle: Karl

Er wurde schließlich aber von Viktor Kortschnoj überflügelt. 1950 verlieh die FIDE Mieses offiziell den Titel eines Schachgroßmeisters, womit er formal der erste englische Großmeister ist. Bis ins hohe Alter blieb Mieses aktiv, körperlich und geistig frisch und war lange sehr reisefreudig. 

 

Seine Tage begann er mit Freiübungen und bis zu seinem 86. Lebensjahr ging er täglich schwimmen. Mit 88 Jahren nahm er noch an der Londoner Blitzmeisterschaft teil.

Auch nach seiner erzwungenen Emigration blieb Mieses mit vielen Schachfreunden in Deutschland in Kontakt. Sämisch urteilte über Mieses, den er allerdings auch für gehetzt und nervös hielt: "Mieses war eine stattliche Erscheinung, ein weitgereister, gebildeter Mann, eine äußerst vielseitige und tätige Persönlichkeit."

Jaques Mieses starb kurz vor seinem 89. Geburtstag, am 23.2.1954, in London. 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.

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