200 Jahre Accademia Romana

von André Schulz
09.07.2019 – Schon im 16. Jahrhundert gab es in Italien Schachzirkel, die nach antikem Vorbild in Akademien organisiert waren. Die 1819 gegründete Accademia Romana ist einer der ältesten noch existierenden Schachclubs Italiens und feiert in diesem Jahre ihr 200-jährigen Bestehen.

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Eine lange Schachgeschichte in Rom

Während das Schach und die Schachzirkel im übrigen Europa sich eher in den Kaffeehäusern der großen Metropolen entwickelten, folgte es in Italien mehr der Tradition der antiken Akademien. Eine bekannte Schachakademie gab es in  Neapel schon im 16. Jahrhundert. Später wurden weitere in Modena, Reggio, Padua oder Parma gegründet.

Die Accademia Romana wurde 1819 von römischen Schachfreunden im Caffè dei Pastini ins Leben gerufen, feiert in diesem Jahr also ihren 200sten Geburtstag. Im Laufe der Zeit wurde die Accademia Romana mehrfach aufgelöst und dann wieder neu gegründet. Heute hat sie ihren Sitz in der Via Luigi Pulci.

In ihre Geschichte folgte die Accademia Romana allerdings weniger dem Vorbild der italienischen Akademien, sondern mehr der Tradition nordeuropäischer Schachcafés. Mitte des 19. Jahrhunderts wechselte die Accademia Romana nämlich ihren Stammsitz mehrfach und zog von Café zu Café. 1851 war sie im Caffè sul Corso zu Hause, 1865 dann wieder im Pastini, 1871 im Caffè di Santa Chiara, 1878 im Caffè della Minerva, 1881 im Caffè del Campidoglio, dann im Caffè Conti auf der Piazza di Pietra und dann im Caffè Centrale auf der Piazza Rosa. Oft traf man sich auch bei den Mitgliedern zu Hause.

Das erste offizielle Schachturnier der Accademia Romana wurde 1865 in der Residenz des Marquis Forcella gespielt, einem wohlhabenden Mäzen.

1878 und 1890 gab es auf Initiative des Bankiers und Schachspielers Giovanni Tonetti Neugründungen der Accademia Romana, mit veränderten Satzungen. Ab 1890 trafen sich die Schachfreunde der Accademia Romana im Circolo Enofilo im Palazzo Odescalchi al Corso. 1902 nahm der Club im Circolo della Stampa auf der Piazza Colonna seinen Hauptsitz. Die neue Heimat erwies sich als besonders gut geeignet und der Club entwickelte sich nun zu einem der wichtigsten Schachclubs in Italien.

Das Ende der goldenen Zeiten

Die goldene Zeit dauerte bis 1939, dann sorgte eine Episode für ein plötzliches Ende der Erfolgsgeschichte. Als in der großen Halle des Circolo della Stampa gerade die italienischen Landesmeisterschaften gespielt wurden, trat ein hoher Funktionär (ein "Gerarca") der faschistischen Partei PNF ein und erklärte lautstark, Schach sei "ein Spiel für Mädchen". Tatsächlich hatten sich in den Schachclubs der italienischen Metropolen Widerstandszirkel gegen den bevorstehenden Krieg gebildet, die der Partei ein Dorn im Auge waren. Graf Saccconi (Foto: Wikipedia), Landesmeister von 1935, stand von seinem Brett auf und ohrfeigte den Funktionär für seine respektlose Aussage.

 

 

Der Graf wurde daraufhin von allen Turnieren in Italien ausgeschlossen und die Accademia Romana verlor ihre Räumlichkeiten im Circolo della Stampa. Zur gleichen Zeit verlor der Club auch die Unterstützung des Adels, der nach der Machtübernahme der Faschisten seine politische Macht eingebüßt hatte.

Neustart nach dem Krieg

1946 konnte die Accademia Romana allerdings wieder ihren Betrieb aufnehmen, führte das erste Meisterturnier der Stadt Rom nach dem Krieg durch und organisierte den ersten Nachkriegskongress. Römischer Stadtmeister wurde Graf Sacconi vor Nestler, Castaldi, Napolitano, Romi und Staldi.

Graf Sacconi war noch einige Zeit ein starker Gegner, auch für die kommende Generation.

 

1959 gewann Vincenzo Nestler die Italienische Meisterschaft und die Accademia Romana die erste Italienische Mannschaftsmeisterschaft mit Nestler, Giustolisi, G. Primavera, Sacconi und Tatai.

In den 1950er Jahren hatte die Akademie ihren Sitz in der Via S. Giovanni Decollato, begab sich später aber wieder auf Wanderschaft. 1960 verlegte die Akademie ihren Sitz in die Via dei Barbieri, in die Dopolavoro Dipendenti Comunali. Dann geht zog sie in das Caffè del Corso unter dem Palazzo Odescalchi um, von dort in das Caffè Cyrano auf der Piazza Lecce.

1973 wurde Accademia Romana erneut italienischer Mannschaftsmeister mit Mariotti, Zichichichi, Giustolisi, R. Primavera, Frichera. 1974 suchte die Akademie dann erneut nach einer festen Bleibe, fand aber keinen Ort, der allen Ansprüchen gerecht wurde. Zunächst war sie in der Viale Giulio Cesare zu finden, zog dann zur Via Paisiello in den Circolo del Bridge, danach in die Via Re Tancredi und schließlich ihren Sitz in der Via Pulci.

Die großen römischen Schachspieler

Zu den Spielern, die die Geschichte des Clubs im 19. und frühen 20. Jahrhundert prägten, gehörten unter anderem der Prinz Valguarnera, der Rechtsanwalt Francesco Belli, der auch die erste Satzung der Akademie schrieb, Ciccolini, der erste Präsident der Akademie, Luchini, Filiberti und Toni, die seinerzeit mit den englischen Parlamentariern Marmeduke Wywill und Knight bei deren Besuch in Rom spielten.

Die italienischen Spieler waren im Vergleich mit Spielern aus anderen Ländern etwas gehandicapt, denn in Italien wurde noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nach den so genannten "italienischen Regeln". Es gab kein en passant, bei der Rochade konnten die Felder für König und Turm frei gewählt werden, Bauern konnten nur in Steine umgewandelt werden, die schon geschlagen waren. Erst mit dem Turnier von Mailand 1881 setzten sich auch in Italien die europäischen Regeln endgültig durch.

Der mit Abstand stärkste römische Spieler jener Zeit war allerdings Serafino Dubois (1817-1899) . 

 

Er wurde von einigen Mäzenen unterstützt, unter anderem vom Marquis Forcella, von Prinz Gaetani und Lord Vernon, und konnte so in Europa herumreisen und sich mit den stärksten Spielern messen. Dubois spielte im Café de la Régence in Paris, im Divan in London und nahm am Londoner Turnier von 1862 teil. Dank der Erfolge von Serafino Dubois nahm das Schach in Italien einen spürbaren Aufschwung.

 

Zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Akademie eine Reihe von starken Spielern in ihren Reihen, wie Ing. Seni, Giovanni Tonetti, Luigi Sprega, Prof. Guglielmetti und Augusto Ferrante. Prof. Guglielmetti machte sich sowohl als starker Spieler wie als Problemlöser einen Namen. 

Der oben erwähnte mutige Graf Antonio Sacconi wurde 1951 von der FIDE zum Internationalen Meister ernannt. Zu den führenden Spielern in der Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre gehörten Vincenzo Nestler, Alberto Giustolisi, Guiseppe Primavera (1917-1998) und sein Sohn Roberto Primavera (geb. 1941), Sandro Meo, Stefano Tatai (1938-2017), Alvis Zichichi (1938-2003), Sergio Mariotti (geb. 1946), Pierluigi Passerotti, Mario Sibilio (geb. 1969) und Carlo D'Amore (geb. 1964).

Vincenzo Nestler (1912-1988) gewann zweimal die italienische Meisterschaft, 1943 und 1954 (nach Stichkampf). In den Jahren 1937, 1953, 1956, 1959 wurde er jeweils Vizemeister. 1942 war er einer der Teilnehmer beim Europaturnier in München. 1950 und 1952 vertrat er Italien bei der Schacholympiade. Das Schlüsselerlebnis für Nestlers Schachbegeisterung war ein Besuch als Schüler bei Remo Calapso in Messina. Calapso (1905-1975) stammte aus einer Familie von Mathematikern und Schachspielern, war der stärkste Spieler von Messina, Fernschachspieler und auch Problemist. Als die Schüler bei Calapso eintrafen, wurde dieser gerade von einem Barbier rasiert und spielte währenddessen gegen vier Spieler blindsimultan - das war wirklich beeindruckend.

Alberto Giustolisi (1928-1990) war vierfacher italienischer Meister. Er gehörte zur Mannschaft der Accademia Romana, die 1959 die italienische Mannschaftsmeisterschaft gewann. Giustolisi gewann eine Reihe von Turnieren in Italien und nahm für sein Land an den Schacholympiaden 1950 und 1968 teil. Zudem wurde er zu einigen internationalen Turnieren eingeladen. 1950 belegte er in Luzern hinter Euwe und Pilnik den 3. Platz.

Stefano Tatais Familie stammte aus Ungarn, er selber ist aber in Rom geboren. Mit 12 Titeln bei italienischen Landesmeisterschaften hält Tatai den Rekord. Tatai war ein großer Eröffnungstheoretiker und veröffentlichte Eröffnungsbücher zum Jänisch-Gambit und zur Najdorf-Variante. 1966 wurde er zum Internationalen Meister ernannt. Zwischen 1966 und 1992 vertrat er Italien neunmal bei Schacholympiaden, mit einer Ausnahme am ersten Brett. Tatai nahm mit Erfolg an zahlreichen internationalen Turnieren teil.

 

 

 

 

 

Zuletzt lebte er mit seiner Familie auf Teneriffa.

Alvise Zichichi stammte eigentlich aus Mailand, zog aber nach Rom, nachdem er dort bei der Banco di Roma eine Anstellung bekommen hatte. Als 18-Jähriger nahm er 1956 erstmals an den italienischen Meisterschaften teil. Im Laufe seiner Karriere spielte er 14 mal mit und konnte die Meisterschaft auch einmal gewinnen (1985). Er war ein starker Schachspieler, aber auch ein sehr aktiver Organisator, der zahlreiche Meisterschaften von Rom organisierte. Zichichi gründete einen Verband der Schachlehrer und war zeitweise Redakteur von Scacchitalia, dem Organ des Italienischen Schachverbandes und der Zeitschrift der Schachlehrer, Mondoscacchi. Zichichi gewann eine Reihe von Turnieren, die meisten in Italien.

Sergio Mariotti war dann der erste italienische Spieler überhaupt, der von der FIDE den Titel eines Großmeisters erhielt. 1969 war er Internationaler Meister geworden. 1974 erzielte er nach seinem guten Ergebnis bei der Schacholympaide (Bronze in der Einzelwertung) seine dritte GM-Norm und wurde zum Großmeister ernannt.

1964 war Mariotti italienischer Jugendmeister, 1969 und 1971 gewann er die Landesmeisterschaft. Viermal spielte Mariotti bei der Schacholympiade, 1972, 1974, 1986 und 1988. 1973 gewann er mit der Accademia Romana die italienische Mannschaftsmeisterschaft, danach spielte er für die Mannschaft Banca di Roma und gewann den Mannschaftsmeistertitel noch mehrfach. Mariotti nahm an vielen internationalen Turnieren teil und war 1976 der erste Italiener, der sich für ein Interzonenturnier qualifizieren konnte.

 

Nachdem Mariotti sich aus beruflichen Gründen mehr und mehr vom Turnierschach zurück gezogen hatte, war er von 1994 bis 1996 Präsident es Italienischen  Schachverbandes. Von 2005 bis 2009 war er dann Trainer der italienischen Nationalmannschaft. Seit 2011 nimmt er regelmäßig an den Senioren-Europameisterschaften teil und gewann 2018 dort den Titel.

Der jüngste der starken Spieler der Accademia Romana ist Carlo d'Amore. Er kam als Neunjähriger zum Club in der Viale Giulio Cesare und erzielte als Jugendlicher eine Reihe von Erfolgen. Später konzentrierte er sich aber auf seinen Beruf. D'Amore ist hauptberuflich Psychiater und hat das Schachspiel schon regelmäßig bei der psychiatrischen Rehabilitation eingesetzt.

Eine Reihe der genannten Spieler waren nur zeitweise Mitglieder der Accademia Romana, andere wie Sandro Meo blieben ihr ein Leben lang treu. Sandro Meo hat die Accademia Romana über Jahrzehnte geprägt und viele kommende Meister ausgebildet. Mit seinem Wissen um die Schachgeschichte gilt er vielen als das historische Gedächtnis des römischen Schachs. 

Neue Zentren: Marostica und Padua

Bei den italienischen Mannschaftsmeisterschaften spielte die Accademia Romana zuletzt allerdings keine große Rolle mehr. Wie in anderen Ländern auch, ist der nationale Charakter des Wettbewerbs etwas, keinesfalls aber völlig, aus den Augen verloren worden und starke Spieler aus dem Ausland prägen die Meisterschaften. 

In den frühen 2000er Jahren dominierte die Mannschaft Vimar Marostica die Meisterschaft und konnte den Titel fünfmal gewinnen, mit Robert Hübner am ersten Brett. Dann übernahm Padua die Rolle des Platzhirschen, anfangs noch mit Fabiano Caruana und Hikaru Nakamura an den Spitzenbrettern, zuletzt mit Ivan Saric und Gawain Jones. Seit 2009 gewann der Club neun Titel.

Liste der Italienischen Mannschaftsmeister (Wikipedia)...

 

 




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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tcbull tcbull 09.07.2019 01:17
Besonders nett fand ich die Information, dass man den König und Turm bei der Rochade nach italienischen Regeln auf das gewünschte Feld ziehen durfte. Ich wusste, dass mein Vater eigentlich Italiener war...
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