200 Jahre Adolf Anderssen

von André Schulz
13.07.2018 – Neben Laskers 150sten Geburtstag hat das deutsche Schach in diesem Jahr ein weiteres Jubiläum zu feiern. Am 6. Juli 1818, fast genau vor 200 Jahren, wurde in Breslau Adolf Anderssen geboren. Nach seinem Sieg 1851 in London galt er als bester Spieler der Welt. | Foto: Deutscher Schachbund

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Adolf Anderssen galt spätestens nach seinem Sieg beim Londoner Turnier von 1851 als bester Schachspieler der Welt. Heute würde man sagen "Weltmeister", aber diesen Begriff gab es zu seiner Zeit noch nicht.

Anderssen, eigentlich Karl Ernst Adolf Anderssen, wurde am 6. Juli 1818, also vor ziemlich genau 200 Jahren, in Breslau geboren. Sein Vater August Heinrich Anderssen war ein Kaufmann, schien aber noch weitere Berufe ausgeübt zu haben, unter anderem auch als Privatlehrer. Adolf Anderssen lernte das Schachspiel mit neun Jahren von seinem Vater und und brachte sich die Feinheiten des Spiels als Autodidkat mit Hilfe der Lehrbücher von Greco (in der Übersetzung von Moses Hirschel), Philidor und Allgaier größtenteils selber bei. Dabei entwickelte er einen schneidigen Angriffsstil.

Von 1830 bis 1838 besuchte Anderssen das Breslauer Elisabeth-Gymnasium. Während seiner Schul- und Studienzeit sammelte er Schachaufgaben, die er 1842 auf 64 Seiten unter dem Titel "Aufgaben für Schachspieler nebst ihren Lösungen" veröffentlichte. 1852 folgte eine zweite stark überarbeitete Ausgabe. Das Buch erregte die Aufmerksamkeit der Berliner Schachmeister, die später unter dem Namen "Berliner Plejaden" bekannt wurden. Zwischen 1845 und 1851 spielte Anderssen in Breslau einige Wettkämpfe gegen die Berliner Meister Ludwig Bledow, Thassilo von der Heydebrand und der Lasa und gegen Daniel Harrwitz. 

Anderssen studierte nach seinem Schulabschluss von 1838 bis 1843 Mathematik und Philosophie, bestand 1845 die Lehrerprüfung und absolvierte 1846 sein amtliches Probejahr am Breslauer Friedrichs-Gymnasium, wo er schließlich als Lehrer für Mathematik und Deutsch angestellt wurde. Zwischenzeitlich, von 1849 bis 1851, nahm er jedoch eine Stellung als privater Hauslehrer in Groß Machmin (heute: Machowino) in Pommern an. Im September 1851 kehrte Anderssen an das Friedrichs-Gymnasium zurück. Inzwischen hatte er im Schach schon seinen ersten großen Erfolge erzielt. Von 1853 bis 1867 stieg Andersson vom Hilfslehrer zum Zweiten Professor der Lehranstalt auf. An Schachturnieren konnte er nur noch während der Schulferien teilnehmen. Wegen seines anschaulichen Unterricht und "derben" Humors erfreute er sich unter seinen Schülern offenbar größter Beliebtheit. Zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläums 1876 überreichten die Schüler ihm zum Dank ein prächtiges Fotoalbum.

Als Howard Staunton 1851 am Rande der Londoner Weltausstellung die besten Schachspieler Europas zu einem Turnier einlud, wurde Anderssen als Vertreter der Berliner Schachgesellschaft nach London entsandt. Das Turnier fand im Mai 1851 im K.o.-System statt und gilt als Beginn des modernen Turnierschachs. Zuvor hatte man nur Wettkämpfe ausgetragen. Staunton wurde als Favorit auf den Turniersieg angesehen, doch er schied im Halbfinale überraschend gegen Anderssen aus. Der Breslauer Meister besiegte im Finale auch noch Marmaduke Wyvill und wurde Turniersieger.

Die bekanntest Partie anlässlich des Turniers wurde nicht im Wettbewerb selber gespielt, sondern erst später als freie Partie. Es ist eine der berühmtesten Schachpartien der Geschichte, Adolf Anderssens gegen Lionel Kieseritzky. Im Königsgambit opfert Anderssen als Weißspieler im Angriff erst seine beiden Türme, und dann auch noch die Dame, um Matt zu setzen. Bekannt gemacht wurde diese "Unsterbliche Partie" nicht von Anderssen, sondern von seinem besiegten Gegner.

 

Eine weitere Glanzleistung gelang Anderssen gegen Jean Dufresne 1852 in Berlin. Wegen der großartigen Schlusskombination charakterisierte Wilhelm Steinitz die Partie später als "Immergrün im Lorbeerkranze des größten deutschen Schachmeisters". Sie ging deshalb als Anderssens "Immergrüne Partie" in die Schachgeschichte ein.

 

Als 1858/59 der Amerikaner Paul Morphy auf seiner Europareise die Meister des Kontinents herausforderte, stellte sich Anderssen - im Gegensatz zu Howard Staunton  - in Paris dieser Herausforderung und verlor den Wettkampf deutlich mit 2:7 bei einem Remis. Anderssen erkannte Morphys Überlegenheit unumwunden an. Morphys Karriere als weltbester Schachspieler währte allerdings nur kurz -er zog sich schon bald vom Schach zurück.

Es ist auffällig, dass Anderssen bei seinen Turnierteilnahmen deutlich besser abschnitt als bei seinen Wettkämpfen. Zwischen 1851 (London) und 1878 (Paris) nahm Anderssen an 16 Turnieren teil und gewann von diesen elf. Bei seinem letzten Turnier 1878 in Paris erzielte er mit Platz sechs sein schlechtestes Ergebnis, war zu dieser Zeit aber schon in schlechtem Gesundheitszustand. 

In folgenden Turnieren wurde Adolf Anderssen Turniersieger oder geteilter Erster: London International 1851, Turnier des Londoner Chess Clubs 1851, London International 1862, Aachen 1868 (zusammen mit Max Lange), 1869 Hamburg (zusammen mit Louis Paulsen), Barmen 1869, Baden-Baden 1870, Krefeld 1871 (zusammen mit von Minckwitz und Louis Paulsen), Leipzig 1871 (Sieg im Stichkampf gegen Samuel Mieses), 1872 Altona, Leipzig 1876.

Er spielte außerdem 37 Wettkämpfe, seinen ersten 1845 gegen Ludwig Bledow und seinen letzten 1877 gegen Louis Paulsen. Von diesen Wettkämpfen gewann er jedoch "nur" 18, spielte sechs unentschieden und verlor immerhin 13 Wettkämpfe. 

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In seiner nachträglich ausgerechneten Weltrangliste führt der Statistiker Jeff Sonas Adolf Anderssen zwischen 1861 und 1870 mehrfach als Nummer Eins der Welt, mit der besten Wertungszahl von "2744" Elo im Jahr 1870. In diesem Jahr gewann Anderssen das große Turnier von Baden-Baden, eines der best besetzten Schachturniere jener Zeit.

Zu Anderssens bekanntesten Schülern gehören der unglückliche Gustav Neumann und Johannes Zukertort, der später im ersten offiziellen Wettkampf um die "Weltmeisterschaft im Schach" gegen Wilhelm Steinitz unterlag.

Anlässlich seines 50-jährigen Schachjubiläums wurde am Abend des 18. Juli 1877, während der "Anderssen-Feier" in Leipzig der Deutsche Schachbund gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten unter anderem der Philosoph und Schachspieler Carl Göring, der Schriftsteller und Schachspieler Rudolf von Gottschall, die Organisatoren Hermann Zwanzig, Constantin Schwede und Eduard Hammacher und die Meisterspieler Max Lange, Johannes Hermann Zukertort und Adolf Anderssen selbst.

Letzterer formulierte in seiner Festrede die Motivation zur Gründung:

"Das leitende Motiv zur Veranstaltung dieses Festes war keineswegs die Absicht einer bloßen Ovation, sondern ein anderes. Schon seit Jahren schwebt die Idee eines allgemeinen deutschen Schachbundes gewissermaßen in der Luft – oder wenigstens in der gesunden Leipziger Stadtluft, denn von Leipzig gingen die ersten Bemühungen zur Verwirklichung einer solchen Idee aus; und nur darum fand der Vorschlag, mein Jubiläum zu feiern, sofortigen Anklang, weil man sich von dieser Feier die Wirkung einer allgemeinen Zusammenkunft aller deutschen Schachkontingente versprach und durch die bloße Voraugenstellung eines so großartigen Schauspiels dem bezweckten Unternehmen Freunde und Fürsprecher zu erwecken und so den Grundstein für die künftige deutsche Schacheinheit zu legen hoffte. Möchte doch diese Hoffnung nicht fehlschlagen! Denn es wäre nichts vorteilhafter für den Aufschwung des deutschen Schachspiels, als der bisherigen Zersplitterung der Kräfte und Bestrebungen ein Ende zu machen, und ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich die unschuldige Veranlassung zu dieser für das Schach so ersprießlichen Schöpfung gewesen wäre." 

 

Anderssenfeier, Leipzig 1877 | Foto: Ballo.de

Anderssen starb kaum zwei Jahre später, am 13. März 1879, im Alter von 60 Jahren an einem Herzanfal. Er wurde auf dem Maria-Magdalenen-Friedhof beigesetzt. Infolge von Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg wurde sein Grab jedoch schwer beschädigt. Polnische Schachfreund sorgten 1957 dafür, dass Anderssen auf den Osobowicki Friedhof umgebettet wurde.

Foto: Shaaze/ Wikimedia Commons

Sein Grab findet man dort heute an der "Allee der Verdienten".  

 

 




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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RevTiberius RevTiberius 13.07.2018 10:06
Endlich mal ein Adolf, auf den man stolz sein kann ;-) Aber Spass beiseite, die unsterbliche Partie war eine der ersten Partien, an die ich mich im Jugendtraining erinnern konnte. Trotzdem ist aus mir ein eher positioneller Spieler geworden. "Ruecksichtsloses" Angriffsschach gibt's bei mir nur beim Bullet und Blitz
DSAM DSAM 13.07.2018 04:08
ChessBase hat ein gutes Werk getan, auf Anderssens Jubiläum hinzuweisen! Vielleicht wäre er ohnedies geeigneter gewesen, statt des etwas sperrigen Lasker ins Zentrum der Bemühungen des DSB gestellt zu werden, was übrigens in vielen kleinen Vereinen, die die DSB-Seite nicht lesen, gar nicht so recht ankam.
"... von Leipzig gingen die ersten Bemühungen zur Verwirklichung einer solchen Idee aus; und nur darum fand der Vorschlag, mein Jubiläum zu feiern, sofortigen Anklang, weil man sich von dieser Feier die Wirkung einer allgemeinen Zusammenkunft aller deutschen Schachkontingente versprach..."
Tatsächlich gingen diese Bemühungen zuerst vom bereits gegründeten Westdeutschen Schachbund aus, aber der kultivierte Meister wollte höflich sein. Begangen wurde in Leipzig - eine Kuriosität - weder sein Geburtstag noch, wie man sieht, sein Todestag, sondern offenbar der Tag, an dem er Schach erlernte bzw. im eher privaten Rahmen seine erste Partie spielte.
Und diese Leipziger Zusammenkunft zum "Anderssen-Tag" war auch mitnichten der "Gründungstag" des DSB - wird von ChessBase ja auch nicht behauptet - sondern es wurde von den nun mal glücklich, wohl bei Speis und Trank, im sommerlichen Leipzig Versammelten ein, wie man es heute nennt, "Letter of Intent" beschlossen, also eine vertragsähnliche Absichts-Erklärung, den DSB (bald) gründen zu wollen. Schließlich mussten dafür u.a. die Schachfreunde in West- und Süddeutschland, auch die Berliner und die Morddeutschen, einbezogen werden.
Und so kam es dann eben zu der Fehlkonstruktion, die auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht korrigiert wurde, nach der die Landesverbände - nicht die Vereine oder am besten die Spieler - die Mitglieder des DSB sind, mit allen bekannten Reibungsverlusten und mit der Wirkung, dass der DSB die Spieler überhaupt nicht direkt erreicht, um z.B. auf Turniere, Regeländerungen, Verbands-Aktivitäten in Fragen der FIDE oder des DOSB u.ä. hinzuweisen. Ein zentrales (freiwilliges) Register der e-mail-Adressen aller deutschen Spieler neben ihren Ratings könnte das Schlimmste zu lindern helfen.
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