39. Capablanca Memorial

19.05.2004 – Mit Lazaro Bruzon (22) und Leinier Dominguez (20) besitzen die Kubaner zwei herausragende Talente, die sich auch zu Hause, beim gerade beendeten Capablanca-Memorial, mit den beiden ersten Plätzen bestens in Szene setzen konnten. Traditionell wird das Turnier in Kuba immer auch gerne von deutschen Spielern besucht. Diesmal spielten Thomas Luther (6.-7.Platz) und Jens Uwe Maiwald (12.) in der Elite-Gruppe, und Martin Boriss im Premier II mit. Roman Slobodjan gewann das Premier I. Mit Henrik Teske besuchte ein weiterer deutscher Großmeister das Turnier, jedoch nur als Tourist. Hier sind seine sehr lesenswerte Einblicke in ein Land, das den Weg in die Gegenwart noch nicht ganz gefunden hat. Turnierseite...Bericht aus Kuba, Partien...

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XXXIX Torneos de Ajedrez:
Jose Raul Capablanca in memoriam
La Habana-Miramar

39. Jose-Raul-Capablanca-Gedenkturnier
Havanna-Miramar 2004


Ein Vor-Ort-Bericht vom Schach-Touristen GM Henrik Teske, Oberaudorf


 

Endstand Elite Gruppe
 



Die Partien zum Nachspielen...

 

Das jährlich stattfindende Traditionsturnier des kubanischen Schachverbandes findet in diesem Jahr im etwas älteren Hotel Neptuno-Triton in Havanna-Miramar (dt.: Meeresblick) statt.


Hotel Triton

Aus den oberen Etagen bietet sich dem Gast ein herrlicher Rundblick auf das Geschäfts-, Hotel und Botschaftsviertel, sowie auf die einen Steinwurf entfernte Karibische See und abends auf das Lichtermeer der kubanischen Metropole, deren Zentrum ca. 3 km entfernt liegt. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich das Panorama-Hotel - ein Hotelkomplex mit einer interessanten Architektur. Das Gebäude ist von außen betrachtet ein gigantischer Glaspalast. Der Innenraum des Gebäudes ist hohl. Bei Außentemperaturen von je nach Jahreszeit 10(Winter) bis 40 (Hochsommer) Grad ist er angenehm klimatisiert. Die Balkons der Zimmer sind  in das Gebäudeinnere gerichtet, wo sich auch ein Fahrstuhl befindet.


Panorama Hotel

Auch nur ein paar Schritte sind es bis zum Hotel Melia. In den beiden Nachbarhotels besteht Internetverbindung - allerdings nicht gerade zum Schnäppchenpreis. Für einen Stunde in der Cyberwelt sind ab 6 USD zu berappen. Aber wie überall, gibt es auch in diesem Fall kubanische Lösungen - Man kennt jemanden, der jemanden kennt. Internationale Kommunikation ist eine Achillesferse des Karibikstaates. Telefonieren kann man nicht empfehlen: 4 USD für Gespräche nach Europa - immerhin Rabatte auf 2,70 USD um den Muttertag - sind nun wirklich kein Schnäppchen. Mit den richtigen Verbindungen und guten Spanischkenntnissen gibt´s für jedes Problem in Kuba auch günstigere Lösungen - leider habe ich die kubanische Variante für die Versendung von Bildberichten leider erst kurz vor meiner Abreise aus Havanna erfahren und konnte sie nicht mehr realisieren.

In allen Touristenhotels gibt es internationale Fernsehprogramme

Über das Weltgeschehen bleibt der Tourist durch Deutsche Welle, CNN, TV Espanya informiert. Die Bevölkerung wird nur mit den Programmen des Kubanischen Fernsehens versorgt. In  Cubavision und TV Rebelde wird man über das Weltgeschehen informiert, gelegentlich mit Berichten von CNN und TV Espanya. Die Renner sind aber Soapoperas, Musiksendungen Marke Viva/MTV und Liveübertragungen von Sportereignissen. Die Straßenfeger sind Beisbol, Boxen und Frauen-Volleyball.

Aber auch Leichtathletik und Schach(!) stehen hoch im Kurs: Jens-Uwe hat im Kubanischen Fernsehen sogar einen Schachkurs gefunden. Und auch beim Turnier waren die Fernsehkameras auf die einheimischen Stars Lazaro Bruzon - kubanischer Jugend-Sportler des Jahres 2000 nach dem Gewinn der Jugend-WM - und Lenier Dominguez gerichtet. Ganz so extrem wie in Deutschland sind die Medien allerdings nicht. Und eine Boulevard-Presse gibt es auch nicht. Sonst hätte der Nationalheld sicher die Titelseiten gefüllt. Zusammen mit dem chilenischen Kuba-Experten Ivan Morovic hatte er sich mit zwei Freundinnen getroffen, die ihre Papiere vergessen hatten, und war prompt in eine Polizeikontrolle geraten, die sich eine Weile hinzog.

Dia del madre - Muttertag

Anders als in Spanien am ersten Maisonntag, wird der Muttertag in Kuba wie in Deutschland am zweiten Sonntag im Mai gefeiert. Da die meisten Kubaner spanischstämmig sind (ca. 70 % der Bevölkerung), werden an diesem Tag die Messen in den katholischen Kirchen sehr gut besucht. So auch die Messe in der Stadtkirche von Miramar. Sie ist übrigens ein echtes Prunkstück, welches sich durchaus mit der weit bekannteren Kathedrale von Havanna messen kann.


Die Kathedrale


Iglesia de Miramar


Alte amerikanische Autos sind in Kuba typisch

Für das Elite-Turnier war am Muttertag ein Ruhetag vorgesehen. Allerdings hatte Jens-Uwe Maiwald das Pech, gegen Spitzenreiter Viacheslav Ikonnikov die wegen verspäteter Anreise des Russen verlegte Partie vom ersten Spieltag nachholen zu müssen. Thomas Luther und ich nutzten den Nachmittag für einen kleinen...

Ausflug nach Habana-Vieja (Altstadt von Havanna)

Mit dem Taxi ging´s an den berühmten Hotels Nacional und Habana Libre im Stadtteil Habana-Vedado vorbei, die Küstenstraße Malecon entlang bis zum Tunel de la Bahia. Von hier aus hat man einen herrlichen Blick auf die  Festung Castillo del Morro und den Hafen und kann das berühmte Museo de la Revolution, die Kathedrale und das

Capitolio (heute Kunstmuseum, früher Regierungssitz wie sein großer Bruder in Washington) zu Fuß erreichen.


Capitolio in Havanna

Das  Leben in Kuba: Sozialismus unter Palmen

Typisch für das Leben in Kuba und insbesondere in Havanna sind extreme Kontraste. Geradezu Parallelwelten auf engstem Raum. Auf 500 Quadratmetern findet man tiptop renovierte historische Luxusvillen, Baustellen und gelegentlich aber auch noch bewohnte Abrisshäuser.

 
Havanna Alt und Neu

Die Architektur ist ein Abbild der kubanischen Lebensverhältnisse. Diese werden noch immer vor von der gravierenden finanz- und wirtschaftspolitischen Entscheidung von 1994 beherrscht, den bis dahin verbotenen Besitz ausländischer Währung zuzulassen.

Trotz US-Embargo und Helms-Burton-Gesetz fassten die kubanischen Strategen den kühnen Entschluss, den USD zum offiziellen Zahlungsmittel zu erklären. Dadurch floss viel ausländisches Kapital nach Kuba, insbesondere durch Geldtransfers von (von mir geschätzten ca. 3 Mio.) Auslandskubanern und die Öffnung für den Tourismus. Von einem Tag auf den anderen waren Kubanische Peso nur noch Tauschwährung mit zu Anfang extremem Kursverlust. Auch die gesamte Arbeitswelt wurde durch diesen massiven Eingriff radikal verändert. Die Putzfrau im Touristenhotel verdiente plötzlich mehr als der Hochschulprofessor, der Arzt oder Arbeiter und Ingenieure  in der Energie- oder Trinkwasserversorgung.

Ausländische Touristenführer zensieren sich selbst

Insofern ist es nur ein eher irreführender Teil der Wahrheit, wenn man in Reiseführern lesen kann, dass der Durchschnittskubaner ca. 15 USD im Monat verdient. Wer wie Martin Boriss und Jens-Uwe Maiwald das erste Mal in Kuba ist und dem Reiseführer glaubt, dem geht es wie im alten DDR-Witz: Das Politbüro rätselt: "Der Durchschnittsverdienst sind 800 (DDR-) Mark. Aber 1000 Mark werden ausgegeben?! Und wie die Leute ihre Wochenendhäuser finanzieren, kriegen wir auch noch raus!!"

Bevölkerung und Staat vereint - zuweilen auch in der Schattenwirtschaft

Inzwischen hat fast jeder Haushalt geregelte oder halblegale Nebengeschäfte. Die Haupteinnahmen stammen aus dem Tourismus (Trinkgelder, Privattaxis, Privatfahrten mit Staatstaxis- und Bussen, Privatvermietungen.) Leider wird aber in der größten Not auch "Volkseigentum privatisiert" (vor allem Zigarren) und "am Mann gearbeitet".

Insbesondere hier sind die Augen des Gesetzes - Sicherheitspersonal und Angestellte der staatlichen Unternehmen - meist nicht fern. Sie weisen auf die geltende Rechtslage hin, haben aber genügend Fingerspitzengefühl und gelegentlich auch finanzielles Eigeninteresse, bei Bagatellen wegzuschauen. Der Staat machte es im Zweifelsfall nicht anders. Kontaktaufnahmen von kubanischen Bürgern zu Ausländern werden in verschiedenen Graduierungen unterbunden. Wenn die freiwilligen Leistungen des Touristen aber noch mehr einbringen, aufgehoben.

Nach einer Eheschließung kann man sich mit seiner Verwandtschaft gefahrlos in der Öffentlichkeit bewegen. Um Missverständnissen vorzubeugen, sollte man allerdings die entsprechenden Dokumente bei sich tragen. Irgendwie erinnert alles ein wenig an die Kindheit: Bürger und Staat sitzen im gleichen Boot und spielen "Räuber und Gendarm". Von Zeit zu Zeit werden extreme Auswüchse von "Geschäftstüchtigkeit" durch "semanas decisivas" (entscheidende Wochen) begradigt.

Des Weiteren steht "Fidel" (Castro), wie der Staat von seinen Bürgern praktisch synonym genannt wird, vor allem an der Kasse der Supermärkte und Geschäfte. Denn dort ist das Preisniveau ähnlich wie in Deutschland, was natürlich in keinem Verhältnis zu den Erzeugerpreisen steht. Trotzdem sind die Geschäfte voller Menschen. Frisches Obst und Gemüse von sehr guter Qualität bekommt man auf den Straßenmärkten oder in Wohngebieten auch direkt von angrenzenden Landwirtschaften zu etwa einem Fünftel des deutschen Preises.

Um auch für sehr arme Bürger eine Grundversorgung zu garantieren, gibt es noch immer Lebens- und Arzneimittelkarten. Ich habe mich mit vielen Kuba-Experten und Einheimischen unterhalten. Und alle sind sich einig. Obwohl viele Kubaner mit den aktuellen Lebensverhältnissen unzufrieden sind, erkennen sie einen deutlichen Aufwärtstrend in den letzten Jahren.  Viele touristische Einrichtung sind neu gebaut oder modernisiert worden. Viele schöne alte Bürgerhäuser in den Innenstädte werden gleichfalls renoviert. Ein Mobiltelefonnetz wurde aufgebaut. In den großen Städten gibt es Internetcafes. Wurde man 1997 auf Schritt und Tritt mit den unglaublichsten Geschichten angebettelt, so erlebt man dies heutzutage weit weniger als in Madrid oder München! Aggressive Zigarrenhändler nerven aber auch ganz schön. Bürger (und Touristen) spüren zunehmend das Interesse des Staates, die wirtschaftliche Erholung zu nutzen, um die Schattenwirtschaft wieder zurückzudrängen.

Z.B. ist nun ohne Rechnung nur noch die zollfreie Ausführung von 23 Zigarren gestattet. Die teureren Formate sind in Boxen zu 25 Zigarren erhältlich. Ein deutscher Tourist erzählte mir, man habe ihm 2 Kisten am Flughafen abgenommen. Besonders wütend war er, dass man ihm sagte, er könne die Ware nach bis zu 30 Tagen dort wieder abholen! :-))  

Das bilaterale Verhältnis von Kuba und USA

... hat durch die Verschärfung der Regelungen für Besuche und Geldtransfers durch die Bush-Regierung (US-Bürger dürfen nur noch einmal in 3 Jahren Kuba besuchen und der Höchstsatz für Geldtransfers wurde ebenfalls auf ein Drittel reduziert.) erheblichen Schaden genommen. Die kubanische Bevölkerung war durch diese Ankündigung stark verunsichert. Noch am gleichen Tag war am Supermarkt in Miramar die Hölle los - lange Schlangen an den Kassen, was sich aber schon am nächsten Tag wieder normalisierte. Auch bezüglich Internet und email brodelte die Gerüchteküche. Denn für 1-2 Tage war der Service stark eingeschränkt.

Vor allem bei Electronic-Gütern wird von den Kubanern ein sofortiger Anstieg der Preise um etwa 30 Prozent erwartet. Welchen Kubaner man auch fragte, alle waren extrem sauer auf den amerikanischen Präsidenten. Trotzdem sind sicher nicht alle freiwillig zur Großdemonstration am 14. Mai 2004 nach Havanna gekommen. Falls doch, ist es sicher ein tolles Geschäft, kubanische Flaggen und rote Hemden zu produzieren. Die Demo wurde natürlich im kubanischen Fernsehen gezeigt. Fotomontagen, die den amerikanischen Präsidenten in Naziuniform zeigen und ihn als Faschisten zu titulieren, trägt aber nicht gerade zur Deeskalation bei. 

Was die Neuregelungen betraf, konnte ich die Kubaner nur damit trösten, daß diese sicher von einem demokratischen Präsidenten zurückgenommen würden. Ob allerdings die Preise bei neuen Signalen aus Washington ebenso schnell auf den alten Stand zurückkehren werden? Erst in Deutschland erfuhr ich von Castros Ankündigung, den Warenverkehr auf Dollarbasis prinzipiell stark einschränken zu wollen.

Unterschiedliche Zahlungsmittel

Der 1:1 zum USD gehandelte Peso cubano convertible ist kaum noch im Umlauf. Die Inlandswährung Peso cubano spielt praktisch keine Rolle mehr. Touristen sie kaum zu Gesicht. Sein Wert ist in den letzten 3 Jahren von 1:20 auf 1:26 im Vergleich zum Dollar gefallen. Nützlich ist er vor allem für Inlandstelefonate, die am Tag vergleichsweise teuer sind, nach 19 Uhr nur noch die Hälfte und nach 23 Uhr nur noch ein Zehntel kosten. Auf die Einführung des Euros hat Kuba sofort reagiert. So ist er in Touristenorten wie  Varadero teilweise gültiges Zahlungsmittel!

Unsere Männer in Havanna 

... sind in diesem Jahr Thomas Luther und Roman Slobodjan, die schon reichlich Kuba-Erfahrungen gesammelt haben, sowie Jens-Uwe Maiwald und Martin Borriss, die ihre Premiere feiern. Bei Roman läuft´s nach Startschwierigkeiten besser. Die anderen beginnen ihn langsam zu beneiden. Im Scherz hat man ihn schon aufgerufen, schlechter zu spielen, um es auf die Bedingungen schieben zu können. 

 
Roman Slobodjan


Jens-Uwe Maiwald


Martin Boriss mit Havanna


Thomas Luther gegen Lazaro Bruzon

 

Kubaner dominieren in allen vier Turnieren

Im Elite-Turnier gibt es ein Kopf-an-Kopf Rennen zwischen den beiden Spitzenspielern Lenier Dominguez und Lazaro Bruzon, der den direkten Vergleich gewinnen konnte. Aber auch in den anderen Turnieren liegen die Kubaner vorn. Ein Hauptgrund dürfte die Bedenkzeitregelung sein. Gespielt wird mit der FIDE-Bedenkzeit 90 min + 30 s / Zug. Da fast alle Kubaner auch in Spanien aktiv sind, haben sie gerade in Schnellpartien immense Erfahrung und mit ihrem eher taktisch orientierten Stil häufig das glücklichere Händchen. Spanischsprachige Informationen rund ums Schach auf der Antilleninsel und seit ein paar Tagen auch einige kommentierte Partien des Turniers sowie einen Download finden Sie auf der Seite des Kubanischen Schachverbandes unter www.inder.co.cu.  Unter /capablanca/ wird man über das Turnier informiert.


Leinier Dominguez

Ein eigener Sache

Ich bin wie immer seit 1999 nur auf Urlaub in Kuba. Ltur hatte für den Rail&Fly Frankfurt - Varadero mit 299,- Euro in so günstiges Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Als ich das Leiden der deutschen Spieler nicht mehr mit ansehen konnte - Spaß, natürlich geplant - reiste ich in die Provinzstadt Cienfuegos, den Geburtsort von Jose Raul Capablanca, weiter. Von dort aus fuhr ich dann über die Touristenhochburg Varadero wieder nach Deutschland. Ein kleinen Bildbericht über das typische Leben in Wohngebieten und in der Touristenhochburg folgt demnächst.

Henrik Teske

 

 

 


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