40 Jahre WM-Kampf Karpov-Kortschnoj

von André Schulz
17.10.2018 – Heute vor 40 Jahren, am 17. Oktober 1978, endete in Baguio City eine Nervenschlacht, die über vier Monate und 32 Partien geführt wurde. Der Dissident Viktor Kortschnoj kämpfte gegen den linientreuen Weltmeister Anatoly Karpov um die Schachweltmeisterschaft. Der Wettkampf zwischen Fischer und Spassky war dagegen Kinderkram.

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"Sonst wäre Schach in der Sowjetunion verboten worden."

Am 17. Oktober 1978, heute vor 40 Jahren, endete der vielleicht "verrückteste" Weltmeisterschaftskampf der Schachgeschichte überhaupt. Er fand in Baguio City auf den Philippinen statt und wurde zwischen Antatoly Karpov und Viktor Kortschnoj ausgetragen. Begonnen hatte er am 18. Juli 1978, dauerte also gut vier Monate, in denen sich die beiden Spieler in 32 Partien am Brett gegenüber saßen.

Die Vorgeschichte dazu begann schon vier Jahre zuvor in Moskau. Der aufstrebende neue Star des Sowjetschachs Anatoly Karpov traf 1974 im Kandidatenfinale auf den schon etwas älteren Viktor Kortschnoj der sich aber in jenen Jahren, nun schon 43 Jahren alt, in blendender Form befand. Kortschnoj kannte Karpov schon aus der Zeit, als dieser noch ein schmächtiger Jugendlicher war und Kortschnoj gegen ihn simultan gespielt hatte. Für einen älteren Spieler ist es immer schwer, die Entwicklung eines jüngeren zu verarbeiten, wenn der jüngere Spieler dann plötzlich sogar besser ist. Karpov gewann nämlich das Kandidatenfinale gegen Kortschnoj und durfte nun Weltmeister Bobby Fischer herausfordern. Der Amerikaner trat zum Wettkampf 1975 nicht an und so wurde Karpov kampflos Weltmeister. Kortschnoj hatte sich aber nach dem verlorenen Kandidatenfinale in einem Interview in einer jugoslawischen Zeitschrift über mangelnde Unterstützung durch den Verband und Bevorzugung von Karpov beklagt. Das kam zuhause nicht gut an. Kortschnoj geriet unter Druck. So entschloss er sich zur Flucht aus der Sowjetunion. Als einer des besten Spieler des Landes besaß Kortschnoj das Privileg auf Turnieren im westlichen Ausland teilnehmen zu dürfen und er nutze 1976 ein solches Turnier, um sich von seiner Sowjetdelegation abzusetzen. Der damalige FIDE-Präsident Max Euwe half ihm und versteckte Kortschnoj in Amsterdam, denn Kortschnoj fürchtete um sein Leben - wohl nicht ohne Grund.

Von nun an war Viktor Kortschnoj in den Augen der sowjetischen Führung ein Dissident und wurde bei allen seinen Turnieren von den Spielern aus dem Einflussgebiet der Sowjetunion boykottiert. Er war nicht der erste Spieler, dem dies passierte, aber er war der prominenteste. Wenn Kortschnoj an einem Turnier mitspielte, nahm dort grundsätzlich kein Spieler aus dem Ostblock teil. Bei offiziellen Turnieren der FIDE wie Kandidatenkämpfen und Weltmeisterschaften ließ sich dieser Boykott allerdings nicht durchhalten. Die Gegner Kortschnojs wären dann disqualifiziert worden.

Viktor, der Schreckliche

Als Kandidatenfinalist von 1974 war Kortschnoj für die Kandidatenkämpfe im folgenden WM-Zyklus vorqualifiziert. 1977 besiegte er im Viertelfinale zunächst Tigran Petrosian. Im Halbfinale schlug er Lev Polugajevsky. Dann traf er im Kandidatenfinale auf auf Boris Spassky. Die beiden früheren Freunde aus Leningrad lieferten sich dabei einen veritablen Psychokrieg. Kortschnoj glaubte von Mitgliedern der Sowjets aus dem Zuschauerraum heraus bestrahlt zu werden und spielte mit verspiegelter Sonnenbrille. Spassky fühlte sich durch die Lichtreflexionen geblendet und saß schließlich mit einer Taucherbrille auf der Bühne. Der Wettkampf war nicht unbedingt geeignet, die Reputation von Schachgroßmeistern in der übrigen Welt zu verbessern. Auch Spassky wurde besiegt und Kortschnoj erhielt nun den Beinamen "Viktor, der Schreckliche". Nun war er der Herausforderer von Anatoly Karpov.

Der Psychokrieg zwischen Spassky und Kortschnoj war Kinderkram gegenüber dem, was nun kommen sollte. Es gab mehrere Angebote für die Durchführung des Wettkampfes. Schließlich einigte man sich auf Baguio City auf den Philippinen als Austragungsort. Kortschnoj wollte möglichst weit entfernt von der Sowjetunion zu spielen, da er dachte, dann dem einflussreichen Arm des KGB zu entgegen. Doch der Chefrorganisator vor Ort Florencio  Campomanes erwies sich bei den folgenden Ereignissen nicht unbedingt als neutraler Ausrichter. Auch die öffentliche Meinung vor Ort war eher gegen Kortschnoj gerichtet, der sich in einem Interview unvorsichtigerweise negativ über die politischen Verhältnisse im Land geäußert hatte. Es war noch die Zeit des Diktators Ferdinand Marcos.

Viktor Kortschnoj, Lothar Schmid, Anatoly Karpov | Aus dem Film: The Closing Gambit

Da Karpov wusste, dass Kortschnoj an Dinge wie Parapsychologie glaubte, engagierte er den Psychologen Wladimir Suchar zur "mentalen" Unterstützung. Im Wettkampf 1974 hatte Kortschnoj schon selber einen Psychologen im Team. Suchar saß dann während er Wettkämpfe im Zuschauerraum und starrte Kortschnoj an. Der fühlte sich mental "bestrahlt" und wurde rasend. Zur Neutralisierung des psychologischen Angriffs holte sich Kortschnoj Hilfe von zwei indischen Gurus.

Kortschnoj mit seinen Gurus | Aus dem Film: The Closing Gambit

Jogurt verboten

Deren Auftauchen rief wiederum Karpovs Delegationsleiter Victor Baturinsky auf den Plan. Das Kortschnoj-Team, im Grunde war das nur er selber und seine Partnerin Petra Leeuwerik, versuchte sich mit allen Mitteln gegen die zahlenmäßg weit überlegene Sowjetdelegation zu wehren. So protestierten sie dagegen, dass Karpov während er Partie ein Joghurt gereicht wurde - die Farbe des Joghurts könnte schließlich eine Bedeutung haben. Schiedsrichter Lothar Schmid hatte fast noch mehr zu tun als beim WM-Kampf Fischer gegen Spasski. Kortschnoj und seine Lebensgefährtin Petra Leeuwerik hatten an mehreren Fronten zu kämpfen. So arbeitete der als Sekundant engagierte Raymond Keene noch während des Wettkampfes an einem Buch über das Match und schickte nach jeder Partie seine Analysen per Fax an den Verlag, was so mit Kortschnoj natürlich nicht vereinbart war.

Kortschnojs Vorbereitung während des Wettkampfes verfing nicht so, wie Kortschnoj sich das vorgestellt hatte und er fühlte sich abgehört. Tatsächlich war die Sowjetdelegation mit großer Mannschaft - nicht nur Schachspieler - und einigen Containern Technik angereist. Später wurde erzählt, dass die Sowjet-Großmeister selber über die geplanten Varianten nur in einem abhörsicheren Raum sprechen durften.

Der Wettkampf verlief für Karpov zunächst nicht schlecht. Gespielt wurde zu jener Zeit noch nach der alten "Fischer-Regel", also auf sechs Gewinnpartien, ohne Partienlimit. Nachdem Karpov die achte, Kortschnoj die elfte Partie gewonnen hatte, ging Karpov mit Siegen in der 13., 14. und 17. Partie mit 4:1 in Führung. Die 21. Partie ging an Kortschnoj, die 27. an Karpov. Stand: 5:2. Karpov fehlte noch ein Sieg zur Titelverteidigung. Doch dann gewann Kortschnoj die 28., 29. und 31. Partie und glich aus. Die Offiziellen des Weltschachbundes, die in Baguio City den  Wettkampf verfolgten, wurden immer nervöser, denn der Beginn der Schacholympiade in Buenos Aires stand unmittelbar bevor. Einen solch langen WM-Wettkampf hatte man nicht erwartet.

Am 17. Oktober 1978 wurde beim Stand von 5:5 die 32. Partie gespielt. Die Spannung hatte inzwischen den Siedepunkt erreicht, denn der, der die nächste Partie gewinnen würde, wäre Weltmeister.

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Für die 32. Partie, in der er die schwarzen Steine führte, hatte Kortschnoj in der Eröffnung eine Überraschung vorbereitet, von der er sich viel versprochen hatte, den Zug 6...c5 in der Pirc-Verteidigung. Allerdings zeigte sich Karpov nicht im mindestens überrascht, sondern absolvierte die Eröffnungszüge auch nach dem ungewöhnlichen Zug ohne großes Nachdenken. Nicht Karpov kam in der Folge Schwierigkeiten, sondern Kortschnoj. Karpov gewann diese Partie und verteidigte damit seinen Weltmeistertitel erfolgreich.

 

Angeblich soll die Sowjetführung im Kreml damals alle Partien des Wettkampfes über Telex live mitverfolgt haben. So hoch war der Stellenwert dieses WM-Kampfes politisch angesiedelt. Im "Schwarzbuch des KGB" wurde Ex-Weltmeister Michail Tal zitiert, einer der Sekundanten von Karpov ("Ich habe Karpov deshalb geholfen, weil ich Angst hatte, dass Schach bei uns verboten wird, wenn Kortschnoj gewinnt".). Tal soll mitbekommen haben, dass der KGB plante, Kortschnoj umzubringen, falls der Dissident den Wettkampf gewonnen hätte.

Die FIDE-Funktionäre vor Ort waren glücklich, dass der epische Kampf endlich vorbei war. Sie konnten nun noch rechtzeitig zur Schacholympiade nach Buenos Aires abreisen. 

1981 gab es in Meran eine Neuauflage des Wettkampfes zwischen Karpov und Kortschnoj, doch der Herausforderer hatte seinen Zenit inzwischen überschritten und verlor klar. 

Zum 40sten Jahrestag dieses legendären Wettkampfes erschien in diesem Jahr ein Dokumentarfilm "The Closing Gambit", von Alan Byron.

Trailer Closing Gambit

  




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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