75 Jahre Lubomir Kavalek

von André Schulz
09.08.2018 – Lubomir Kavalek wurde in Prag geboren, verließ aber schon 1968 sein Land und fand in den USA eine neue Heimat. In den 1970er Jahren war er einer der weltbesten Spieler und auch als Sekundant und Trainer erfolgreich, unter anderem mit Bobby Fischer. Heute feiert er seinen 75sten Geburtstag. | Foto: Kavalek

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Lubomir Kavalek wurde am 9. August 1943 in Prag geboren. Die weitaus größere Zeit seines Lebens  verbrachte er jedoch in seiner neuen Heimat, den USA. In seiner Jugend gehörte Kavalek zur "goldenen Generation" tschechoslowakischer Spieler, zu denen man außerdem Michael Janata, Vlastimil Hort, Vlastimil Jansa, Jindrich Trapl, Slavoj Kupka und den etwas jüngeren Jan Smejkal zählte. Manche meinen, Kavalek sei der talentierteste dieser Spielergeneration gewesen. Viele der tschechoslowakischen Talente wurden von Ludek Pachmann trainiert. Zweimal gewann Kavalek die Meisterschaften der Tschechoslowakei, 1962 und 1968. Im Jahr 1965 verlieh ihm die FIDE ihre beiden Ehrentitel: Kavalek wurde im selben Jahr zum Internationalen Meister und zum Großmeister ernannt. Zweimal, 1964 in Tel Aviv und 1966 in Havanna, spielte Lubomir Kavalek für die Tschechoslowakei bei Schacholympiaden mit. Nebenher studierte er an der Karls-Universität Kommunikation und Journalismus.

Kavaleks Vater war schon 1948 nach der kommunistischen Machergreifung aus der Tschechoslowakei geflohen und lebte seitdem in München. Er arbeitete für den US-Propagandasender "Radio Free Europa", was das Leben für seinen Sohn in der Tschechoslowakei nicht einfach machte. Nach der Niederschlagung der liberalen Bewegung des "Prager Frühlings" durch die Streitkräfte des Warschauer Pakts nutzte Lubomir Kavalak die Teilnahme an einem Turnier in Polanica Zdroj 1968 und setzte sich ebenfalls nach Deutschland ab. Er lebte eine zeitlang in der Bundesrepublik Deutschland und zog 1970 schließlich in die USA, wo er in Washington mit seiner Frau Irena eine neue Heimat fand. In Deutschland spielte er seit seiner Flucht in der Bundesliga für die Solinger SG, mit der er 1974, 1975, 1980, 1981, 1987 und 1988 die deutsche Mannschaftsmeisterschaft gewann.

Kavalek in jungen Jahren | Foto: Arhiv Kavalek

Für die Tschechoslowakei wurde Kavalek jedoch zur Persona non grata. Wenn er an Schachturnieren teilnahm, wurde in seiner alten Heimat darüber entweder gar nicht berichtet oder sein Name wurde aus den Listen gestrichen. Als Vlastimil Jansa und Vlastimil Hort einmal ein Taktikbuch veröffentlichten, in dem auch der Name von Lubomir Kavalek in einem der Aufgaben Erwähnung fand, musste der Verlag das Buch auf Anweisung der Zensur zurückziehen und aus den 18.000 gedruckten Exemplaren den Namen von Kavalek entfernen. Der Verlag schnitt die betreffende Seite aus dem Buch, erzählte Kavalek einmal, druckte die Seite ohne seinen Namen neu und ließ sie manuell in die 18.000 Exemplare des Buches nachträglich wieder einkleben.

In seiner neuen Heimat setzt Kavalek seine Schachkarriere fort, nachdem er zunächst versucht hatte, als Journalist Fuß zu fassen, unter anderem für Radio Free Europa und Voice of America. Seine Frau Irena wurde Bibliothekarin in der Washingtoner Regierungsbibliothek. Mit dem Regisseur Milos Forman (Einer flog über das Kuckucknest, Hair, Amadeus), im April 2018 verstorben, der die Tschechoslowakei ebenfalls 1968 in Richtung USA verlassen hatte, war Kavalek sehr gut befreundet. 1993 besuchte Forman in London den WM-Kampf zwischen Kasparov und Short .

Zwischen 1972 und 1986 spielte Kavalek auf insgesamt sieben Schacholympiaden für die US-Nationalmannschaft. 1976 gewann er mit der US-Mannschaft bei der Schacholympiade in Haifa in Abwesenheit der Ostblockmannschaften die Goldmedaille. Fünfmal gewann Kavalek mit dem US-Team Bronze. 1973 gewann er die Landesmeisterschaft der USA (mit John Grefe), 1981 die Internationale Deutsche Meisterschaft. Kavalek gewann zudem eine Reihe von weiteren Turnieren und nahm zweimal, 1967 (Sousse) und 1976 (Manila), an Interzonenturnieren teil, ohne sich für die Kandidatenkämpfe qualifizieren zu können. Seine beste Wertung hatte Kavalek 1974 mit 2625 als Zehnter der Weltrangliste.

Als Trainer sekundierte Kavalek Robert Fischer während seines WM-Kampfes 1972 gegen Boris Spassky und arbeitete später auch Yasser Seirawan und Robert Hübner zusammen.

Fischer, Kavalek (Fotoarchiv: Kavalek)

Nigel Short führte Kavalek 1993 als Trainer und Sekundant bis ins Finale der Kandidatenwettkämpfe. Die Zusammenarbeit wurde mit Short wurde aber zu Beginn des WM-Kampfes gegen Garry Kasparov beendet.

1979 organisierte Lubomir Kavalek ein stark besetztes doppelrundiges Turnier in Montreal und spielte dort auch selber mit. Anatoly Karpov gewann vor Michail Tal.

Mitte der 1980er Jahre war Lubomir Kavalek auch bei der Gründung der Spielergewerkschaft GMA aktiv und fungierte hier als rechte Hand des Vorsitzenden Bessel Kok.

Vaclav Havel und Bessel Kok beim Schach, Kavalek als Kiebitz | Foto: Archiv Kavalek

1996 hatte Kavalek die Schachspalte der Washington Post übernommen. Nach 23 Jahren und 760 Ausgaben wurde die Rubrik 2010 eingestellt. Kavalek betreute später die Schachspalte der Online Zeitung Huffington Post. 

Kavalek pflegte einen sehr taktisch orientierten Stil, ähnlich wie Michail Tal. Ein seiner schönsten Partien gelang ihm in Marienbad gegen Eduard Gufeld.

 

Anlässlich des 75sten Geburtstages von Lubomir Kavalek fiel Vlastimil Hort folgende Geschichte ein:

Zwei Tschechen – ein Idee!

Von Vlastimil Hort

Mit Schachspielern kann die Schweiz nicht unbedingt punkten, sie zählten und zählen nicht zu den Überfliegern. Ausgenommen natürlich die Zugewanderten. Aber in der Organisation besonderer Events sind die Schweizer unübertroffen. Dementsprechend war auch die Schach-Olympiade in Luzern 1982 hervorragend ausgestattet!

Walter Browne, Lubomir Kavalek, Luzern 1982 | Foto: Collection of the World Chess Hall of Fame

Zwei meiner angenehmsten Erinnerungen ereigneten sich dort am gleichen Tag und haben sich auf ewig in mein Gedächtnis eingegraben. Es war der 11. November 1982. Der Wettkampf CSSR-UdSSR am 4. November war mit mit 1,5:2,5 zu unseren Ungunsten ausgegangen – trotzem standen wir am Ende auf dem Sieger-Podest. Wir gewannen die Silbermedaille!

Am 10. November war Ruhetag. Am 11. November erhielten wir vor dem Rundenbeginn über den Lausprecher die Top-News vom Vortag. Leonid Iljitsch Breschnew war in den frühen Morgenstunden des 10. November 1982 an „plötzlichem Herzstillstand“ gestorben. Seine Stimme im sowjetischen Politbüro hatte über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten entschieden. Die bedrohlichen Panzer im August 1968 in Prag und die Folgen sind für uns Tschechen unvergessen. Wir hassen ihn noch heute dafür!

Nein, bis heute kann ich mich nicht mit der „hohen Kunst der Diplomatie“ anfreunden. Kurz vor dem Gongschlag, mit dem die Runde eröffnet werden sollte, hatten die Organisatoren sich eine „besondere Überraschung“ einfallen lassen. Zu Ehren von Breschnew war die Sowjetische Nationalhymne mit ins Programm aufgenommen. Ganze drei Minuten und vierzig Sekunden sollten wir seiner gedenken…

Alle meine Mannschafts-Kollegen waren zusammen mit den Spielern der UdSSR mit aufgestanden. Ich sah, wie Anatolij Karpov bittere Tränen weinte. Ja, Tolja, des einen Leid ist des anderen Freud!

Wir spielten auf dem Podium – weithin sichtbar also. Ich werde mich nicht zum Narren dieses toten Tyrannen machen, war mein spontaner Gedanke. Ich lief zum Rand des Podiums und mit einem herzhaften Sprung landete ich im Parkett. Mein Ziel war die Toilette, ein sicherer Rückzugsort. Ein schneller Blick zurück überzeugte mich, dass viele Spieler der westlichen Mannschaften sitzengeblieben waren. Richtig! Diplomatie hin, Diplomatie her.

Ich suchte mir eine der weißen, schweizerisch gepflegten Pissoir-Vorrichtungen am Ende der Reihe. An diesem stillen Örtchen war die sowjetische Hymne Gott sei Dank kaum noch zu hören. Stattdessen, die unmissverständliche Melodie des Plätscherns.

Was für eine Überraschung! Mein früherer Mannschaftskollege Lubomir Kavalek, der nach der sowjetischen Invasion in die USA emigriert war, stand ein paar Meter neben mir. Zwei Tschechen - eine Idee!

Lieber Lubos, erinnerst Du Dich noch daran, als wir zwei auf die Ehrung Breschnews im wahrsten Sinne des Wortes gep…. haben?

 

Anmerkung der Redaktion: In der Urfassung dieser schönen Anekdote hatte Vlastimil Hort aus einer falschen Erinnerung heraus, nach fast 40 Jahren, den Wettkampf UdSSR-CSSR am 10. November vermutet, am Tag als Breschnew starb. Wir haben den Text entsprechend der richtigen Daten nachträglich korrigiert.

 

 

  

Link:

Lubomir Kavalek: Nailed to the Chessboard for 50 years...

 




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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