Abenteuer Moskau

10.02.2006 – Das Aeroflot Open in Moskau ist das wohl best besetzte offene Schachturnier der Welt. Unzählige Großmeister aus den Staaten der ehemalige UdSSR nehmen hier teil. Aber auch zahlreiche gebürtige russische Großmeister, die inzwischen in anderen Ländern der Welt eine neue Heimat gefunden habe, nutzen die Gelegenheit, hier einmal ihre Kameraden aus den Schachklassen der Pionierpaläste wieder zu sehen. Der Andrang aus den westlichen Ländern ist indes weniger heftig. Wer z.B. aus Deutschland die Reise zum Aeroflot Open antreten will, muss eine Reihe von Abenteuer bestehen. Diese nehmen am russischen Konsulat in Hamburg ihren Anfang , finden mit einer Reise in einem vorgeblich flugfähigen Gerät namens Tupolev 154 ihre Fortsetzung und sind danach bei 25 Grad minus in Moskau beim Dialog mit einem russischen Taxifahrer noch lange nicht zu Ende. Evi Zickelbein hat es auf sich genommen und einen Zwischenbericht geschickt. Nach der zweiten Runde ist Arkadij Naiditsch mit 2 Punkten übrigens noch in der Spitzengruppe dabei. Turnierseite... Partienauswahl der ersten beiden Runden...Bericht aus Moskau...

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Abenteuer Moskau
von Eva Maria Zickelbein, Fotos: Sebastian Siebrecht, Eva Maria Zickelbein

Das Aeroflot Open in Moskau, das in diesem Jahr sein fünfjähriges Bestehen feiert, ist eines der stärksten der Welt. Der Preisfonds beträgt 175.000,00 € und eine Besonderheit ist, dass hier kein Großmeister Konditionen bekommt und alle für den Package-Deal Hotel, Flug und Startgeld die gleichen Tarife bezahlen müssen. Trotzdem werden durch den hohen Preisfonds und das gesellschaftliche Ereignis Aeroflot in jedem Jahr unzählige Großmeister und Amateure aus aller Welt angezogen. Es spricht für das Turnier und natürlich auch die Metropole Moskau, dass von den circa 700 Teilnehmern mehr als 350 aus aller Herren Ländern anreisen.

Unser guter Freund Sven Bakker brachte uns nach seiner erfolgreichen Teilnahme im letzten Jahr auf die Idee, in diesem eiskalten Winter den Trip nach Moskau anzutreten. Schon die Vorbereitungen waren ein Abenteuer für sich: Unsere Überweisung auf ein niederländisches Konto kam wegen fehlerhafter Währung zurück. Schließlich versuchten wir es noch einmal in Dollar und das klappte. Nächster Schritt: Ein Visum beim russischen Konsulat in Moskau beantragen. Hochherrschaftlich am Feenteich an der Außenalster gelegen, wurde es natürlich trotz Schnee und Eis von einer riesigen Gruppe Russen belagert, die vor dem Gitter warten mussten. Zum Glück kamen wir gleichzeitig mit zwei Geschäftsleuten, die sich anscheinend auskannten. Sie kämpften sich einfach durch die wartenden Russen und annoncierten über die Gegensprechanlage, dass sie ein Visum brauchten. Sofort summte es und das Tor ging auf – wir natürlich hinterher. Nachdem wir sämtliche Anträge ausgefüllt und noch einmal zur Einzahlung der Gebühr zur Bank und wieder zurück zum Konsulat gegangen waren, ließ uns die dunkle Glasscheibe, mit der wir kommunizieren mussten, wissen, dass wir in zwei Wochen die Visa würden abholen können. Nachdem wir dann das letzte Puzzleteil, die Flugtickets, im Aeroflotbüro abgeholt hatten, stand unserer Reise in die russische Hauptstadt nichts mehr entgegen.

Nur der Wetterbericht der letzten Wochen machte uns etwas Angst… Bis zu -30 Grad wurden konstant gemeldet, was uns natürlich zum Kauf neuer Winterjacken und Skiunterwäsche motivierte. Helmut Jürgens schenkte uns netterweise auch noch eine fellgefütterte Fliegermütze und zur Not können wir ja auch einfach zwei oder drei Pullover übereinander ziehen. Alexander von Gleich, der nach seiner langjährigen Tätigkeit in Georgien nun bei der Weltbank in Moskau tätig ist, versorgte uns noch mit Tipps bezüglich Taxifahrten und Rubeltausch und dann starteten wir am Dienstag, 07. Februar mit Aeroflot aus Hamburg nach Moskau:


Schon der Flug mit der Tupolev 154 war eigentlich das nächste Abenteuer, aber dass sie nur 2,5 Stunden von Hamburg nach Moskau brauchte, hat uns sehr überrascht!


Den brauchten wir zum Glück nicht!


Ankunft in Moskau Sheremetyevo bei -20 Grad. Ich hatte das Gefühl, dass beim Einatmen meine Nase gefriert…

Zuerst mussten wir die Passkontrolle überwinden – Anlass für wilde Theorien über das menschliche Verhalten in Warteschlangen. Wir standen natürlich in der falschen… Thea Lanchava und Wouter Spoelman waren uns um Längen voraus, weshalb wir uns dann auch im letzten Moment illegal vor einer japanischen Reisegruppe in ihre Schlange rüberschummelten:


Dieses Foto hätte übrigens fast einen Polizeieinsatz auf dem Flughafen provoziert – dummerweise hatte ich kurzzeitig vergessen, dass Fotografieren an und in öffentlichen Gebäuden in Russland nicht gerade erwünscht ist…


Von diesem jungen Mann aber wurden wir freundlich begrüßt – er leitete uns zu unserem Bus zum Hotel. Leider waren die Scheiben zugefroren und es war auch schon dunkel, klar war aber, dass der Fahrer sich nicht richtig gut auskannte und uns zuerst an einer Gamma-Delta „Garage“ abladen wollte. Darauf hingewiesen, dass wir zum Hotelkomplex Gamma-Delta wollen, startete er erneut und kurvte umsichtig über die vielspurige Stadtautobahn, auf der jegliche Spurmarkierung fehlt.

Im Hotel überstanden wir ohne weitere Probleme die Registrierung für das Turnier. Mit dem Spielerpass bewaffnet zogen wir dann weiter zur Rezeption, an der uns dann leider mitgeteilt wurde, dass keine Zimmer reserviert hätten. Unsere Pässe wanderten ins Hinterzimmer und wir warteten. Schließlich bat ich eine der Organisatorinnen um Hilfe und dann wurden auch leichte Fortschritte erzielt. Es wurde eine Liste gezeigt, auf der unsere Namen eindeutig vermerkt waren – Gründe für die Probleme wurden uns allerdings nicht genannt. Nach 1,5 Stunden bekamen wir dann endlich die Karten und die Pässe für unser Zimmer in neunten Stock, aber leider hatten wir durch diese Prozedur die Eröffnungsfeier verpasst…

Doch in Zeiten moderner Kommunikationstechnologie konnte ich unseren Freund Sebastian Siebrecht per SMS informieren und ihn bitten, ein paar Fotos von der Eröffnungsfeier für mich zu schießen. Sebastian war mit Michael Hoffmann, Martin Senff und der deutschen Nummer 1 beim Aeroflot Open, Arkadij Naiditsch schon am frühen Nachmittag angekommen, natürlich angemessen präpariert für -25 Grad!


Martin Senff und Michael Hoffmann warten auf den Transfer zum Hotel…


…mit Sebastian Siebrecht und der deutschen Nummer 1, Arkardij Naiditsch.

Sebastian erwischte sogar Anatoli Karpow, der die Eröffnungsrede hielt:


…und eine Millionen Elopunkte lauschte, wie bereits im Bericht von Misha Savinov zu lesen war.


Evgeny Postny und Sergey Erenburg aus Israel.

Nachdem wir unsere Koffer im Zimmer deponiert hatten, machten wir uns in der Hoffnung auf eine kleine Stärkung auch sofort auf zu den Resten der Eröffnungsfeier:


Ein Gläschen Wein zur Begrüßung konnten wir noch genießen, das Buffet allerdings war schon restlos abgegrast…

Das war aber nicht weiter dramatisch, denn das Hotel bietet neben zahlreichen Geschäften, Bars, Internetcafé und Fitnesscenter auch mehrere Restaurants, von denen das erste dann eben von uns getestet wurde – gut!

Am nächsten Morgen weckte uns die Moskauer Sonne und gab den Blick auf die Umgebung des Hotels frei:

Nach einer wenig rühmlichen, schnellen Punkteteilung gegen den Österreicher Harald Enne in der ersten Runde des C-Turniers (Spieler unter 2200) konnte ich den Rest des Vormittags nutzen, um mich ein wenig umzuschauen:


Das Hotel ist gigantisch: Es hat 2500 Zimmer und wurde zur Olympiade 1980 in Moskau gebaut.


Wir sind im Haus Gamma untergebracht, das 28 Stockwerke hat:


Vor den Runden herrscht bei den 16 Fahrstühlen dermaßen Hochbetrieb, dass man oft mehrere Minuten warten muss.


Vor dem Hotel musste viel Schnee geschippt werden


Im Hotel kann man in zahlreichen Shops Souvenirs und alles Erdenkliche kaufen


In der Halle zwischen Gamma und Delta gibt es außerdem ein sehr stark frequentiertes Internetcafé

Ich sah mich schon stundenlang in diesem Café sitzen und die Fotos für ChessBase verschicken – doch dann die gute Nachricht: Es wird einen Presseraum geben! Als am zweiten Tag dort endlich die Internetverbindung stand, hatten wir durch Hartnäckigkeit und Thea Lanchavas sprachliche Hilfe eine viel bessere Lösung gefunden: In der Hotellobby gibt es drei Drahtlosnetzwerke, zu denen aber niemand die Passwörter oder Nutzungsbedingungen zu kennen schien. In einem kleinen Laden kaufte ich mit Hilfe der einzigen Wortes, das die Verkäuferin verstand, „Internet“, eine Karte für 320 Rubel, die aber auch keinen Fortschritt brachte. Schließlich fragten Thea und ich uns durch, bis eine freundliche Dame an der Rezeption uns einen kleinen Zettel hinhielt, Vorderseite Russisch, Rückseite Englisch (!!). Dort war zu lesen, dass über den Anbieter Beeline in allen angeschlossenen Hotels freies Internet zur Verfügung steht! Benutzername beeline, Passwort beeline – genial! Große Erleichterung machte sich breit und die Frage, warum erst 20 verschiedenen Menschen die eine Frage gestellt werden musste (auch der Administrator des Internetcafés war äußerst ahnungslos, zumindest tat er so), unterdrückte ich…

Am Mittwoch, 08. Februar um 15 Uhr Ortszeit war es dann endlich soweit: Der holländische Schiedsrichter Geurt Gijssen und sein russischer Kollege gaben den Startschuss zu den unglaublich stark besetzten Open A1 und A2:


Die Spielbedingungen sind etwas beengt

Nach einhelliger Meinung der Spieler war es in den letzten Jahren im Hotel Rossija besser, doch wenigstens hat man in diesem Spielsaal auf wenigen Quadratmetern die höchste Großmeisterdichte der Welt!


Die ersten dreißig Partien werden in den Vorraum übertragen

Das Fotografieren ist aufgrund der Enge schwierig, aber einige Impressionen kann ich wenigstens schon liefern:


Die Nummer 1 des Turniers, Jugendweltmeister Shakhriyar  Mamedyarov


Eine der Sensationen der ersten Runde: Alexey Dreev, an Nummer 3 gesetzt, verlor seine Auftaktpartie – noch dazu in seiner Lieblingseröffnung Caro-Kann!


Alexander Khalifman


Alexandra Kosteniuk


Antoaneta Stefanova.

Sebastian Siebrecht spielte im A2 Turnier die längste Partie der ersten Runde. Die Putzfrauen räumten schon auf und wischten um sein Brett herum, doch leider hielt er sein Endspiel nicht und musste nach 132 Zügen und drei Partieformularen aufgeben:

Leider verpasste er wegen dieser Marathonpartie unser Essen im Piratenrestaurant im zweiten Stock, in dem nicht nur das Essen, sondern auch das Rahmenprogramm gut war:

Morgen ist Doppelrunde im C-Turnier: Dritte Runde für alle um 9 Uhr, dann zweite Hälfte (Tische 54 bis 126) um 14 Uhr und erste Hälfte (Tische 1 bis 53) um 19 Uhr. Super. Nach meinem Remis heute Morgen gegen ein Nachwuchstalent aus Kasachstan, muss ich Morgen in der dritten Runde gewinnen, damit ich erste Hälfte bin und erst abends spielen muss…

Trotzdem wird Morgen noch keine Zeit für den ersten Trip Richtung Zentrum sein. Hoffen wir aufs Wochenende und den Besuch von Alexander von Gleich!

 

Viele Grüße nach Deutschland

Eva Maria Zickelbein

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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