Abschied vom Schachkalender

von Hartmut Metz
16.12.2022 – Der von Schachverleger und Fernschach-GM Arno Nickel herausgegebene "Schachkalender" ist eine Institution. 2023 erscheint die 40. Ausgabe dieses handlichen Kalenders, der Schachspieler und Schachfans seit vier Jahrzehnten unterhaltsam und informativ durch das Jahr begleitet. Aber wahrscheinlich ist die 40. auch die letzte Ausgabe. Was Hartmut Metz - und nicht nur er! - sehr bedauert. Umso mehr, weil auch dieser Schachkalender sehr gelungen ist.

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Ein zu schwerer Abschied vom Schachkalender

Die schöne 40. Ausgabe für das Jahr 2023 dürfte die letzte sein

Arno Nickel, musste das unbedingt sein? Statt mit einem Durchschnittsprodukt oder noch besser einem schlechten, wäre der Abschiedsschmerz ein geringerer geworden! Doch jetzt stehen die Fans da wie ein Verliebter, der am Bahnsteig seiner Verflossenen hinterherwinkt und diese unwiderruflich von dannen fährt – tränenreich und ohne Hoffnung auf eine Rückkehr! Und die "Liebste" kommt optisch noch mit 40 Jahren schöner daher als je zuvor: Schwarz und mit güldenen Lettern: "Schachkalender 2023", darunter ein majestätischer König und der Schriftzug Edition Marco.

Auf der Rückseite ist ein Hund auf dem Globus, der aus lauter schwarz-weißen Quadraten besteht, zu sehen – und vor die Hunde geht jetzt leider auch der Schachkalender! Mehr dazu am Ende – erst einmal seien die Gründe der Freude genannt, die das 272 Seiten starke Bändchen für 17,50 Euro zu einem unterhaltsamen Begleiter für die 365 Tage des neuen Jahres macht.

Fangen wir damit an, was es glücklicherweise am häufigsten gibt hinter den täglichen Geburtstagen der Schach-Prominenz: Die Kurzgeschichten zu den bekannten und weniger bekannten Meistern des königlichen Spiels, die Stefan Löffler und Verleger Arno Nickel kredenzen. So wird auf das Werk von Garri Kasparow verwiesen, dessen Weitsicht inzwischen zu bewundern ist: Unter dem Titel "Vorausberechnung" wird auf das Buch verwiesen, das "Warum wir Putin stoppen müssen" heißt – und den Überfall der Russen auf die Ukraine prognostiziert!

Erfreulicher sind alle anderen Ausführungen, etwa zu Krimi-Autor Tim Krabbe, der auch mit seiner Sammlung an Schach-Kuriositäten zu begeistern weiß, wie Alireza Firouzja zufällig zum Schach kam oder dass der potenzielle Betrüger Niemann schon seit seiner Kindheit ein Prahl-Hans war. Schön auch die Story, warum Pal Benkö zwei Wetten gegen Bobby Fischer gewann, der ein Matt in drei Zügen tatsächlich nicht in 30 Minuten finden konnte.

Apropos: Der womögliche beste Spieler aller Zeiten ist natürlich auch im Schachkalender 2023 ein Thema. Löffler beschäftigt sich mit dem Fischer-Kult der anderen "Art". Lesenswert sind allein wegen seiner Sprachkünste die zwei Beiträge von Robert Hübner, der damit den 2022 verstorbenen Dr. Michael Trauth würdigt, und aufzeigt, wie aus einer unangenehmen Simultanvorstellung doch noch etwas Angenehmes erwuchs. Freuen dürfte die vielen Fans auch das Interview mit dem beliebten Matthias Wahls. Der einstige deutsche Hoffnungsträger kehrte aus der Versenkung zurück, entdeckte den "Reiz des Schachs" wieder, spielt in Hamburg sogar Mannschaftskämpfe und bietet Schachkurse an.

Ein anderer Hanseat, der auch mit dem Hamburger SK verbandelt ist, widmet sich der Königsdisziplin des Schachspiels, noch vor dem Matt: dem Patt! Großmeister Karsten Müller bricht eine Lanze für den Patt-Sieg, den Weltmeister Emanuel Lasker und Richard Reti mit einem 3/4-Punkt bewertet sehen wollten. Die Patt-Motive, die Müller beispielsweise mit drei Springern zeigt, sind grandios! Derlei Pattbilder ermatten einen deutlich langsamer als die Gefahr, die bei langen Partien droht.

Ein halber Punkt war ihm nicht genug: Emanuel Lasker | Foto: Cleveland Public Library

Auch Richard Reti wollte die Regeln ändern | Foto: Ernst & Cesanek (Wikipedia)

Eine wissenschaftliche Studie gibt dabei Aufschluss, warum manche nach vier, fünf Stunden zu patzen anfangen. Mit "Schach unter Strom" hat das rein gar nichts zu tun. Hierbei geht es um einen bemalten Stromkasten in der Nähe des Spiellokals des Rössl Muggensturm, zu dessen Glanzzeiten Gambit-Prophet Emil-Joseph Diemer auch für Kost und Logis bei einer Witwe ans Brett ging. Noch historischer fällt die Abhandlung von "Schach im deutschen Generalgouvernement in Polen" aus, in der Bernd-Peter Lange die schrecklichen Bedingungen beleuchtet, die unter der Nazi-Herrschaft auch Schachspieler betrafen.

Die Fundgrube für Schachspieler soll nun ein letztes Mal erschienen sein? Arno Nickel macht einem wenig Hoffnung: "Bis jetzt habe ich keinen Nachfolger für meinen Schachkalender gefunden, was vielleicht einfach daran liegt, dass Taschenkalender heute nicht mehr so gefragt sind wie in der Zeit vor dem Smartphone, zumindest bei den jüngeren Generationen. Außerdem sind die jetzigen finanziell unsicheren Zeiten, in denen es exotische Printmedien, wie Schach-Spezialliteratur, schwer haben, auch nicht gerade einladend, um ein solches Projekt in neuer Regie zu starten", meint der Fernschach-Großmeister und erläutert weiter, "viele Schachverlage, die noch in den 1990er Jahre existiert haben, sind verschwunden, und es sind kaum neue entstanden." Nickel verweist auf die einstigen Großen der Branche wie "Rau/Mädler, Rudi Schmaus, Sportverlag, und Rattmann".

Arno Nickel, Fernschach-Großmeister und Herausgeber des Schachkalenders

Nach Ansicht des Berliner Verlegers wird der Schwund "durch die starke Präsenz englischsprachiger Verlage auf dem deutschen Schachbuchmarkt übertüncht. Die bringen teilweise auch deutsche Ausgaben heraus, aber nach meinem Eindruck ist der Trend rückläufig". So entdeckt Arno Nickel "viele Nachdrucke bewährter deutschsprachiger Ausgaben, etwa beim Gambit-Verlag, aber kaum deutsche Neuausgaben". Und nun also das Ende von Edition Marco? Einen kleinen Lichtblick deutet Nickel im Kalender etwas vage auf Seite 183 "In eigener Sache" an. Allerdings wäre es kein wirklicher Ersatz "Archivmaterialien online" zu stellen.

Das weiß keiner besser als Helmut Pfleger. Bei seinen "Berliner Reminiszenzen", die das Schachleben in der Hauptstadt gewohnt unterhaltsam Revue passieren lassen, schließt der beliebte Kolumnist der "Zeit" mit dem Wunsch, dass "der Schachkalender, Edition Marco und Arnos Schachladen Laskers von einem im besten Sinne ähnlich ,verrückten’ Schachliebhaber vielleicht doch weitergeführt werden – zum Wohle des Schachs und Berlins, aber auch aus meinen ureigenen, ganz egoistischen Gründen!" Dem ist nichts hinzuzufügen!

Schachkalender 2023, Hrsg. Arno Nickel, Taschenkalender für Schachspieler, 40. Jahrgang, Hardcover: 272 Seiten, Verlag: Edition Marco, 17,50€


Hartmut Metz ist Redakteur beim Badischen Tagblatt mit Hauptsitz in Baden-Baden. Er schreibt außerdem unter anderem für die taz, die Frankfurter Rundschau und den Münchner Merkur über Schach und Tischtennis. Zudem verfasst der FM von der Rochade Kuppenheim regelmäßig Beiträge für das Schach-Magazin 64, Schach-Aktiv (Österreich) und Chessbase.de.
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