Abstieg durch Anruf

17.05.2006 – Bei der zentralen Schlussrunde eines Schachverbandes in Norddeutschland - über die Namen der Beteiligten des Vorfalls soll, obzwar in der Fachpresse schon publiziert, hier der Mantel des Schweigens gelegt werden - kämpfte ein großer Schachverein mit einer seiner zahlreichen Mannschaften gegen den Abstieg aus der Landesliga. Beim Stand von 3:2 für die Mannschaft des großen Schachvereins klingelte plötzlich ein Mobiltelefon - in der Jacke seines Mannschafsführers. Der Anrufer war sein Vereinspräsident. Er wollte wissen, wie es steht. "Vor oder nach deinem Anruf?", könnte die Antwort gelautet haben. Dabei müssen solch schmerzlichen Rückschläge durch Anrufe während der Schachpartie auf dem eigenen Handy gar nicht sein - bei der Wahl des richtigen Klingeltons. (Ergänzter Beitrag). Mehr...

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Thomas S. (Name ist der Redaktion bekannt), Mannschaftsführer der betroffenen Mannschaft erklärte das Klingeln seines Mobiltelefons so: "Ich dachte, das Handy sei in der anderen Jacke. Normalerweise stelle ich es sogar schon am Abend vorher aus. Aber diesmal hatte ich es vergessen."

Welche Idee indes seinen Präsidenten bewegte, seinen Mannschaftsführer während der Partie anzurufen, um den Stand der Dinge zu erfahren, bleibt im Dunkel. Wäre das Handy ausgeschaltet gewesen, hätte er ihn nicht erreicht und der Anruf wäre nutzlos geblieben. So hat er ihn erreicht, aber zum Abstieg der eigenen Mannschaft beigetragen, denn natürlich wurde die Partie zum Nachteil des Angerufenen gewertet. Offenbar war er mit seinem Gedanken so sehr bei seiner Mannschaft, dass sich den Folgen seines Handelns in diesem Moment nicht bewusst war.

Immerhin hat unser Vorsitzende auch einige Menschen glücklich gemacht, denn der Gegner aus der Schachabteilung eines Fußballclubs schickte ihm ein von allen Mannschaftsmitgliedern signiertes "Retter"-T-Shirt.

Bald werden die meisten Mobiltelefone Klingelsignale im mp4-Format nutzen können, also Videosignale. Dann würden in der Jacke unseres Mannschaftsführers bei einem Anruf ein kleiner Videofilm abgespielt werden, der dann vielleicht seinen Vereinspräsidenten zeigt, wie er in Gebärdensprache und somit für den Schiedsrichter unhörbar fragt, wie es denn steht. Nur ein kleines rotes Leuchten auf dem Handy-Display, das durch die Tasche der Jacke scheint, könnte den Anruf verraten - aber nur, falls der Schiedsrichter gerade guckt.

Doch das ist Zukunftsmusik und unzählige Schachspieler müssen bis dahin bangen, ob sie auch wirklich ihr Handy abgestellt haben. Und wenn es sich dann doch mit lauter Dudelsack-Marschmusik meldet, den Punkt an den Gegner überreichen. Das muss aber nicht sein.

Wir bieten hier zwei mp3-Klingeltöne an, mit denen man gute Chancen hat, der Strafe zu entgehen. Klingelton 1 bietet Remis an und halbiert damit den möglichen Schaden. Bei Klingelton 2 ist nach traditioneller Schachregel eigentlich alles erlaubt. Das einzige, was der Schachspieler zur Unterstützung der Wirkung jetzt noch machen muss, ist beim kleinsten Laut des Mobiltelefons, den Mund etwas zu bewegen, um die Geräuschquelle zu tarnen.

Klingelton 1: Remis...?
Klingelton 2: J'adoube...!

 

 

André Schulz

 

Post Scriptum:

Nach der Erstveröffentlichung dieses Beitrages erreichten uns einige Stellungsnahmen zu dem Vorfall. So wurde darauf hingewiesen, dass der Mannschaftskampf zwar mit mit 3;5:4,5 - davon ein Handypunkt - für die anderen endete, aber auch ein 4:4 nicht zur Rettung genügt hätte. Zum Zeitpunkt des Anrufes durfte der Mannschaftsführer in seiner Partie objektiv bestenfalls auf Remis hoffen. Somit sei der Titel unseres Beitrages gar nicht richtig. Dazu möchten wir anmerken, dass die Partie sich in der Phase nach dem 40sten Zug befand und weisen darauf hin, dass Partien in der Blitzphase bisweilen einen völlig unerwarteten Verlauf nehmen können.

Außerdem wurde uns noch eine zusätzliche Pointe berichtet:

Nachdem der Kampf beendet war, wollte Mannschaftsführer Thomas S. seinem Vereinschef das Endergebnis melden. Dazu rief er diesen mit seinem Handy auf dessen Handy an. Genau zu diesem Zeitpunkt erschien der Vorsitzende im Spielsaal. Und als er diesen betrat, meldete sein Mobiltelefon mit den Klängen der französischen Nationalhymne, den Anruf des Mannschaftsführer, der allerdings jetzt nur noch 10 Meter entfernt stand.


 

 

 

 

 

 


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