Adrian Mikhalchishin: How to study the classics

von ChessBase
30.10.2021 – Wer das moderne Schach verstehen will, muss sich zuvor die großen klassischen Partien ansehen. Hier findet man die Motive in Reinform und kann am besten daraus lernen. Mit seiner DVD zu den Klassikern zeigt Adrian Mikhalchishin, wie man aus dem Studium der Klassiker den besten Nutzen zieht. Philipp Hillebrand hat sich die DVD angesehen.

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Eine Rezension von Philipp Hillebrand

Wie man die Klassiker studiert, eine DVD von GM A. Mikhalchishin

Wer ein Musikinstrument erlernen möchte, der wird sicher auch nahezu unabhängig vom Instrument selbst dazu abgehalten klassische Musikstücke zu üben, also jene, welche ein gewisses Alter besitzen und sich als, schön, harmonisch oder auch gut erwiesen haben. Namen welche in solch einem Atemzug genannt werden sind meist, Bach, Beethoven, Chopin, Liszt, Mozart, u.v.m. Mit dem Schachspiel verhält es sich vergleichbar und auch hier gilt der Ausspruch: „Jede Generation steht auf den Schultern ihrer Vorfahren“. Damit will man ausdrücken, dass es wichtig ist, sich auf die Vorfahren verlassen zu können, man auf ihre Erfahrungswerte bzw. Schätze aufbauen kann und das Rad nicht beständig neu erfinden muss.

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Der aus der Ukraine stammende GM Adrian Mikhalchishin hat sich insbesondere als Trainer einen Namen gemacht. Neben der offiziellen Bezeichnung Senior Trainer der FIDE zeichnet es ihn aus, dass er u.a. mit GM Anatoly Karpov oder GM Vassyl Ivanchuk zusammengearbeitet hat. Auch als Autor veröffentlichte er schon viele Werke, sowohl zu Schacheröffnungen, Mittelspielthemen als auch Endspiele sowie allgemeinen strategischen Lektionen.

Seine neueste DVD beschäftigt sich mit dem Studium der klassischen Partien. Dabei benutzt er sogar eine Partie aus dem Jahre 1857! Das eigentliche Fundament siedelt sich aber in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert an, was aber stets relativ gesehen werden sollte, anhängig von der jeweiligen Mode einer bestimmten Schacheröffnung.

Unterteilt ist dieses Werk wie folgt:

1. Wie man die Klassiker in seinen eigenen Parten nutzt

2. Strategische Handhabung von Manövern

3. Strategische Handhabung von typischen Bauernstrukturen

4. Verschiedenes

 

Zu 1.:

Nach der Vorstellung einer Partie, Geller, E – Petrosian, T 1-0 (42) Moskau 1963, anhand derer die allgemeine Bedeutung von klassischen Partien hervorgehoben wird bespricht der Autor ein Motiv bzw. eine Idee, welche er selbst in einer Partie knapp 20 Jahre später nutzen konnte gegen keinen geringeren als den Vizeweltmeister David Bronstein. Bereits diese Namen lassen erkennen, dass es sich um hochqualifizierte Spieler und Studienmaterial handelt:

 

Dies ist eine Stellung aus der Partie zwischen Geller und Petrosian, welche nach 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 b6 5.Sf3 Dd7 6.Ld2 Lf8 7.a4 Sc6 8.Le2 Sge7 9.0-0 f6 10.Te1 fxe5 entstand.

Der Ausflug des schwarzen Königsläufers macht freilich einen seltsamen Eindruck. Mit einer möglichen Fianchettierung dieses Läufers könnte es sich ergeben, dass ein weißer Bauer auf e5 zur Zielscheibe wird. Dennoch war dies sehr kostspielig im Sinne der Zeit für die Entwicklung und mit einem feinen Läuferzug nutzte Geller die Nachteile der schwarzen Stellung aus.

In der Partie zwischen Mikailchishin, A und Bronstein, D kam es zu einer Stellung mit vielen Ähnlichkeiten und auch der kraftvolle Läuferzug wiederholte sich:

 

Früher gelangte das Partienmaterial nicht so rasant schnell um die Erde, aber dennoch wirkt es ein wenig seltsam, dass Davon Bronstein eine ähnliche herbe Niederlage einstecken musste wie Petrosian. Ob Bronstein seinen jungen Gegner lediglich provozieren wollte ist reine Spekulation, da auf der DVD dazu nichts gesagt wurde (leider). Dennoch kann man anhand dieser zwei Partien jedoch erkennen, dass zum einen sehr starke Spieler auch strategische Schnitzer begehen und andererseits durch das Kennen eines Vorbildes die Entscheidungsfindung am Brett leichter fallen kann. Mikailchishin nennt es eine unbewusste Mustererkennung. In seinem Fall berichtet er davon, dass ihm die Züge, bzw. das Bild klarer im Gedächtnis hängen geblieben wären als die beteiligten Spieler oder der Ort des Turniers.

Diese Zusammenhänge macht der Autor an zwei weiteren eigenen Beispielen deutlicher, wo sogar eine Partie zwischen Milan Vidmar und Siegbert Tarrasch aus dem Jahre 1906 als Grundlage diente.

Zu 2.:

Was unter dem Thema „Flankenangriff“ zum Vorschein kommt hat mich selbst auch überrascht. Ich kannte zwar die Parallelen aus der berühmten Fernsehpartie zwischen Robert James Fischer und Ulf Andersson aus dem Jahre 1970, wo Fischer mit dem Zug 1.b3 eine heute recht bekannte Idee präsentierte, welche nunmehr für eingefleischte Anhänger von Igelstrukturen recht geläufig sein dürfte:

 

Der letzte Zug von Fischer war 13.Kh1, womit der Angriffszug Tg1 vorbereitet wird. Danach soll der weiße g-Bauer in die Waagschale geworfen werden, damit die Wirksamkeit des weißen Lb2 erhöht werden kann.

Gut 12 Jahre später nutzte GM Artur Jussupov dieses Manöver, um seinen erfahrenen Gegner Mark Taimanov zu bezwingen:

 

Der letzte Zug des Anziehenden war 18.Dg1 und nun übernahm Jussupov das von Fischer demonstrierte Verfahren durch einen Königszug. Die „Neuerung“ für mich war jedoch die Auseinandersetzung zwischen Louis Paulsen und Paul Morphy aus dem Jahre 1857:

 

Der Nachziehende steht zwar bereits traumhaft mit seinem starken Se5 und den Aussichten einmal auf h3 opfern zu können, allerdings war das folgende Manöver von Morphy vielleicht das Vorbild für Fischer? Dieser spielte besagten Zug in einer Partie mit 60 Minuten Bedenkzeit, man darf also davon ausgehen, dass er zumindest schon ein Mal im Vorfeld über ein solches (für damalige Verhältnisse recht radikales) Vorgehen nachdachte. In den Dekaden 1970 bis 1990 entwickelte sich übrigens sehr viel Theorie zu den sogenannten Igelstrukturen, Hier ist es stets lohnenswert sich die Partien von GM Mihai Suba und GM Ljubomir Ljubojevic anzuschauen, denn folglich kann eine Idee bzw. ein Manöver auch einen kompletten Eröffnungskomplex beeinflussen!

Dynamisches Gegenspiel kann man auch in altehrwürdigen klassischen Eröffnungen finden, wie z.B. im abgelehnten Damengambit:

 

Diese Stellung stammt aus der Partie zwischen Lev Psakhis und Efim Geller (Yerevan 1982). Der Anziehende hat es versäumt rechtzeitig zu rochieren und dachte vermutlich genügend Zeit zu haben für das Einkassieren eines Bauern. Durch feine Hiebe gelang es Geller aber eine Art Kurzpartie zu produzieren, welche nach 22 Zügen entschieden war:

 

Dieses Diagramm spricht für sich.

Ruft man sich jetzt noch eine Partie zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky in Erinnerung, welche im WM Kampf eine Rolle spielte, so wird klar, wie gewaltig das Schaffen von Efim Geller war, denn er hatte Spassky zu einer Neuerung geraten in besagter Eröffnung des orthodoxen Damengambits, Spassky aber lehnte es ab diese zu spielen und verlor. Später konnte Geller mit dieser Idee noch schöne Schwarzsiege einfahren.

In einem weiteren Abschnitt betrachtet der Autor typische Sizilianische Opferwendungen auf den Feldern e6 und b5. Zugegeben, die Ideen hinter einem Einschlag auf b5 im Sizilianer sind oft unterschiedlichster Art, sie grundsätzlich in Betracht ziehen sollte man jedoch immer, sowohl als Anziehender als auch als Nachziehender, gerade wenn Details im Spiel sind:

 

Hier ist das Opfer rein positioneller Natur, denn die verbundenen Freibauern sollen als Ersatz für die geopferte Figur dienen, was sie auch taten.

Dass sogar Magnus Carlsen nicht vor Einschlägen auf b5 gefeit ist, zeigte ihm Andrey Esipenko bei seinem ersten Auftritt in Wijk an Zee, wo er seine erste Partie im klassischen Schach gegen den Weltmeister gewinnen konnte:

 

Dies ist eine Stellung aus der Partie Esipenko, A -  Carlsen, M 1-0 (38) Wijk an Zee 2021 (nicht auf der DVD!), wo der junge russische Großmeister eine Gratisstunde in Sachen Taktik erteilte. Es ist hier die ungedeckte Stellung des schwarzen Turmes auf h8, wodurch der Einschlag auf b5 funktioniert.

Im Weiteren bringt der Autor wieder ein Beispiel von der Schaffenskraft aus den Händen von Efim Geller, diesmal ein elegantes Turmmanöver, aber nicht entlang der dritten Reihe um einen gegnerischen König anzugreifen:

 

Diese Stellung stammt aus der Partie zwischen Geller und Fischer aus dem Jahre 1962, wo auf der Insel Curacao der Herausforderer des Weltmeisters ermittel wurde und Fischer seinen Verdacht äußerte die russischen Spieler hätten sich gegen ihn verschworen (man lernt so durch die Ausführungen von Mikhalchishin dank dieser Erzählungen auch noch etwas über Schachhistorie und Schachkultur). Der schwarze Lg6 schützt den Königsflügel recht zuverlässig, sodass der Damenflügel allerdings etwas geschwächt zurückgeblieben ist, vor allem der Bauer auf b7. Mittels der Überführung des Tc1 nach b4 erhöhte Geller meisterhaft den Druck auf die schwarze Stellung.

Anhand solcher Partien lernten sogar die Weltmeister ihr Rüstzeug weiter zu polieren:

 

Diese Stellung stammt aus der Partie Karpov, A - Portisch, L 1-0 (40), London 1982.

Hier auf die Idee mit Tb4 zu kommen bedarf schon tieferes Verständnis, da man ja zuvor noch etwas gegen die Absicht …d6-d5 unternehmen muss, damit der weiße Turm auf b4 sicher steht.

Zu 3.:

Dieses Kapitel ist noch einmal unterteilt in Strukturen zur Königsindischen Verteidigung (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Sf3 0-0),

Ideen aus der Meraner Variante (1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.e3 (auf der DVD in anderer Zugreihenfolge),

Maroczy Strukturen (weiße Bauern auf e4 und c4, meist gegen ein schwarzen Fianchetto mit …g6 und …Lg7),

Einem starken Zentralspringer auf e5 und

einem raumgreifenden weißen Bauer auf d5

In allen Strukturen zeigt der Autor den Vorteil, welchen man in einer Partie besitzt, wenn man über ein entsprechendes Vorbild verfügt, vor allem wenn es einem mehr Sicherheit am Brett beschert!

 

Diese Stellung sieht nach heutigen Maßstäben wieder recht modern aus, sind weiße Aufbauten mit e3 und b3 wieder im Aufwind. Tatsächlich stammt diese Stellung aber aus der Partie Flohr, S. – Lasker, Em. 1-0 (35) Moskau 1936. Wichtig ist es erst auf d5 zu nehmen und dann auf e4 die Springer zu tauschen, denn so bekommt der weiße Läufer auf c4 einen sehr aussichtsreichen Platz, da er nicht nur den Damenflügel kontrolliert, sondern auch den Druck auf den schwarzen Bauern f7 erhöht.

Zu 4.:

Ein immergrünes Thema im Schach wird der Kampf zwischen einem Läuferpaar und einem anderen Leichtfigurenpaar darstellen. Auch hierzu bespricht der Autor sehr gut zwei verbundene Beispiele.

Anhand von 5 weiteren Partien bekommt man einen Eindruck davon, wie wichtig es ist, ein Verständnis dafür zu bekommen, wann es angebracht ist, die Bauernstruktur zu verändern, also z.B. von einer geschlossenen zu einer geöffneten oder umgekehrt:

 

Dies ist eine mögliche Stellung aus der Partie zwischen Alexander Beliavsky und Aivars Gipslis aus dem Jahre 1997. Der lettische GM zog nicht 12…f5 sondern 12…exf4?! Und öffnete damit selbst die Stellung. Mit …f5 hätte er versuchen können, die Partie geschlossen zu halten und es stellt sich die Frage, ob der Anziehende dies gestatten soll oder nicht.

Das Thema guter Springer gegen schlechten Läufer darf in dieser Sammlung nicht fehlen und wird auch besprochen anhand eines guten und klaren Beispiels.

Generelles zur DVD und Fazit:

Der Autor legt großen Wert darauf, dass man sich die Partiebeispiele in ihrer Gesamtheit anschaut, damit man ein Verständnis für seine Eröffnungsvarianten und Arsenal an Manövern und Ideen bekommt in Hinblick auf Mittelspiele und Übergänge zum Endspiel zwecks Realisierung eines Vorteiles. Die Besprochenen Beispiele dauern meist nie mehr als 8 Minuten, manchmal bespricht der Autor sogar 3 Partien in einem 15 Minutenvideo. Zunächst dachte ich mir: „Naja zwar hechelt der Autor nicht durch, aber viel mehr als die Kernpunkte einer Partie sagt er ja nicht.“ Wenn man aber nun weiterdenkt und es sich ja um Studienmaterial handelt, dann erscheint diese Art der Kommentierung in einem ganz anderen Licht. Eine Technik ist es z.B. sich eine Partie unkommentiert selbst anzuschauen, sich dazu eigene Gedanken zu machen und diese dann abzugleichen mit denen eines stärkeren Spielers, bzw. Kommentators. Alleine durch die gelungene Auswahl an Material, deren Bewertung und Klassifizierung wird einem schon erhebliche Arbeit abgenommen wenn man sich ernsthaft mit einer Thematik beschäftigen möchte, denn diese vorgestellte Kollektion macht auf mich einen sehr durchdachten Eindruck, zumal wenn man bedankt dass sogar Welt- und Vizemeister auf der „falschen Seite des Brettes“ sitzen können und so teilhaben an der Schaffung von Klassikern, welches es für nachfolgende Generationen zu studieren gilt, denn das Material zeigt, dass man durch eine vertiefte Schachkultur sicher den einen oder anderen Punkt mehr machen kann, und diesen vielleicht dann auch noch in einem schönen Stil.

Die gestellten Übungsaufgaben sind keine Wiederholungsfragen zu den vorangestellten Beispielen im Sinne einer 1:1 Abfrage, vielmehr geht es darum aus den unterbewusst gewonnenen Erkenntnissen Rückschlüsse zu ziehen und diese bei der Lösung von neuen (konkreten) Problemen zu nutzen.

Nach anfänglicher Skepsis kann ich diese DVD nur wärmstens Empfehlen und das auch für Einsteiger, gilt es doch sich mit guten Vorbildern vertraut zu machen! Die Fülle an unterschiedlichen und wichtigen Themenbereichen wird in dieser DVD sehr gut abgedeckt und gerade in der verkürzten Vorstellung erfährt man worauf es ankommt und ertrinkt nicht in meterdicken Wellen aus Analysen. Denn es ist für Mikhalchishin wichtig, dass die Beispiele klar sind, sich also ein Thema wie ein roter Faden durch eine Partie zieht, damit diese Ideen pur abgespeichert werden können, anstand sich mit zu vielen und vielleicht auch zu abstrakten Details zu quälen beim Lernen.

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