Aeroflot Open: Neustart geglückt

von André Schulz
21.02.2019 – Der zweite Startversuch des Aeroflot Opens ist geglückt. Im dicht gedrängten Feld ist es auch für die Top-Favoriten nicht leicht, zum Erfolg zu kommen. Elofavorit Wei Yi musste gleich in Runde eins einen halben Punkt an Luca Moroni abtreten. Rasmus Svane berichtet vom Bombenalarm. |Foto: Eteri Kublashvili

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Der eigentlich planmäßige Start Start des diesjährigen Aeroflot Opens, des 17. in der Geschichte, musste abgebrochen werden. In ganz Moskau ging am Montag Nachmittag eine Welle von telefonischen Bombendrohungen ein. Viele Einkaufszentren, Kinos, Theater und Hotels wurden vorsorglich geräumt. Auch das Cosmos Hotel, in dem das Aeroflot Open ausgetragen wird, wurde evakuiert. Es gab eine Durchsage per Lautsprecher auf Russisch, der Grund für die Evakuierung wurde nicht angegeben.

Rasmus Svane ist neben Alexander Donchenko der einzige deutsche Großmeister beim Aeroflot Open und hat den Tag so erlebt:

"Nachdem etwa 45 Minuten gespielt waren, wurde per Lautsprecher im Turniersaal gemeldet, dass es einen Notfall gebe und das Hotel evakuiert werden müsse. Die Veranstalter haben erst gezögert und angesagt, dass die Spieler die Uhren anhalten und auf ihren Plätzen bleiben sollen. Nachdem die Ansage aber wiederholt wurde, haben die Organisatoren die Spieler aufgefordert das Hotel zu verlassen.

Das Haus wurde geräumt und zunächst war völlig unklar, was der Grund für die Räumung war und ob die Runde fortgesetzt werden würde. Vor dem Hotel stand also für eine Weile eine große Menschenmenge, wobei von den Schachspielern natürlich viele, darunter auch Alexander und ich, keine wetterfeste Kleidung mit zur Partie gebracht hatten.

Hotelangestellte verteilten deshalb Decken an die Spieler.

Spieler mit Decken | Foto: Russischer Schachverband

Ohne Jacke und bei Minustemperaturen war es aber immer noch ziemlich kalt. Es hat sich dann relativ schnell herumgesprochen, dass es wohl eine Bombendrohung gab und das Hotel für einige Stunden gesperrt sein würde, so dass die Runde wahrscheinlich auf den nächsten Tag verlegt werden müsste.

Die meisten Schachspieler haben sich daraufhin einen Ort im Warmen gesucht, wo sie die Zeit überbrücken konnten. Alex und ich sind mit einigen Leuten in ein Café gegangen und haben dort gewartet. Wir haben dort erfahren, dass das Hotel gegen 19:30 wieder geöffnet wurde.

Vor der Wiederholungsrunde gab es dann eine Ansage, dass am Samstag eine Doppelrunde gespielt werden muss und deswegen die Zeitkontrolle auf 90 min +30 min plus 30 Sekunden pro Zug verkürzt würde."

Einen solchen Angriff auf öffentliche Einrichtungen und Ort hatte es bereits im letzten September sogar in ganz Russland gegeben. Nachdem es im März 2018 bei einem Bombenanschlag auf die U-Bahn in St. Petersburg viele Tote und Verletzte gegeben hatte, sind die Behörden in Russland lieber vorsichtig. Zum Glück erwies sich Drohung als Fehlalarm.

Die allgemeine und nicht schachaffine deutsche Öffentlichkeit erfuhr übrigens von diesem Bombenalarm in einer europäischen Metropole nichts. Weder die TV-Nachrichten, noch die Webportale der großen Medien berichteten. 

Der zweite Start des Turniers am Dienstag glückte dann.

Auch wenn das Aeroflot zuletzt nicht mehr ganz so großartig besetzt ist, wie zu seinen Glanzzeiten, so ist es doch ein überaus stark besetztes Turnier mit großer Leistungsdichte. Von den gut 100 Teilnehmern im A-Open haben fast 40 eine Elozahl von 2600 und mehr. Über 70 Spieler liegen über 2500. Die beiden jungen deutschen Nationalspieler Alexander Donchenko und Rasmus Svane nehmen in der Setzliste mit ihren Zahlen 2600 und 2599 die Plätze 39 und 40 ein.

Sechs Spieler liegen über 2700, von denen Wei Yi mit 2733 der Elofavirt ist. Das Paarungssystem bei solchen Open sieht vor, dass für die erste Runde die besten Spieler der oberen Hälfte der Setzliste gegen die besten Spieler der unteren Hälfte gepaart werden. Für die jeweiligen Favoriten sind Partien gegen Gegner mit Elozahlen um die 2550 auch nicht immer Spaziergänge. An den fünf Top-Tischen wurde nur Valdimir Fedoseev seiner Favoritenrolle gerecht und gewann seine Partie gegen Manuel Petrosyan. In allen anderen Partien kamen die Eloriesen nicht über ein Remis hinaus.

Am ersten Tisch trafen die beiden Youngster Luca Moroni und Wei Yi aufeinander. Mit Weiß hielt der Italiener die Partie einigermaßen mühelos remis.

 

Ein Bild, das man auch nicht alle Tage sieht. Weiß am Zug begann mit 23. Txc4 auch gleich den Tripelbauern aufzufressen.

Nachdem die Schachtheorie von der Schachpraxis vollständig abgehängt wurde und das aktuelle Partienmaterial in vielen Eröffnungen so groß geworden ist, dass selbst Schachprofis es nicht mehr überblicken, sind viele Spieler auf der Suche nach neuen Eröffnungen, so wie diese hier:

1. e4 c5 2. Sc3 d6 3. Lb5+ Ld7 4. Lxd7+ Dxd7 5. d4 cxd4 6. Dxd4

 

Wie soll man das nennen? Semi-Carlsen? Es gibt zehn Vorgängerpartien, davon wurde eine bei der U12-Meisterschaft von Kanada gespielt. In einer anderen führte Anish Giri beim Isle of Man- Open 2018 die weißen Steine. Weiter ging es mit 6...Sc6 7.Dd3 Sf6 8.Lg5 e6 9.Lxf6 gxf6 10.0-0-0. Weiß gewann später die Partie.

Zu den Brettfavoriten, die sogar weniger als einen halben Punkt zum Auftakt ergatterten, gehört Parham Maghsoodloo.

Maghsoodloo guckt aufs falsche Brett| Foto: Eteri Kublashvili

Der Juniorenweltmeister begann seine Partie gegen Kaido Kulaots mit einer Eröffnungsfinesse.

 

6.Sb3 gegen Najdorf. Vorbild dürfte Valentina Guninas Glanzpartie beim Cairns Cup gewesen sein. Dort ging es mit 6...e6 7.g4 weiter und Weiß hat einen Keres-Angriff, bei dem der Sb3 nicht so schlecht steht. Kulaots spielte aber 6.g6 und nun ist es eine Drachenvariante, bei der sich Schwarz weder vor einem Sb3 noch vor einem drohenden g4 fürchtet. 

Weiß rochierte trotzdem lang und hatte später eine ordentliche Stellung, die er aber irgendwie verdarb. Schwarz war am Ende schneller.

 

36...Ta3! 0-1

Es gibt eine Reihe von jungen Spielern im Feld, nicht nur, aber vor allem auch aus Indien. Einige Namen wird man sich merken müssen, was aber für Europäer nicht unbedingt einfach ist. Schon länger "im Geschäft" ist Praagnanandhaa. Auch er spielte eine Art Drachen, gegen seinen Landsmann Ganguly, in dieser Form.

 

Auf 6.Lg5 spielte Praagnanand trotzdem g6. Das ist die Bondarevysky-Variante. Weiß kann auf f6 schlagen und wird später den schwachen d6 erobern. Schwarz bekommt Gegenspiel, aber auch genug? Ganguly blätterten in seinem internen Eröffnungsbuch, fand auf die Schnelle keine Antwort und verzichtete auf den Tausch auf f6. Schwarz erhielt gutes Spiel, kam im Endspiel dann aber unter die Räder.

Die beiden Deutschen, Alexander Donchenko und Rasmus Svane, konnte beide mit einem Sieg starten. 

Ergebnisse an den oberen Tischen

Name Pts. Result Pts. Name
Moroni Luca Jr 0 ½ - ½ 0 Wei Yi
Fedoseev Vladimir 0 1 - 0 0 Petrosyan Manuel
Fier Alexandr 0 ½ - ½ 0 Wang Hao
Dubov Daniil 0 ½ - ½ 0 Abdusattorov Nodirbek
Karthikeyan Murali 0 ½ - ½ 0 Kovalev Vladislav
Mamedov Rauf 0 1 - 0 0 Lomasov Semyon
Lalith Babu M R 0 0 - 1 0 Inarkiev Ernesto
Nabaty Tamir 0 ½ - ½ 0 Santos Ruiz Miguel
Tsydypov Zhamsaran 0 ½ - ½ 0 Korobov Anton
Safarli Eltaj 0 1 - 0 0 Hakobyan Aram
Sychev Klementy 0 0 - 1 0 Sasikiran Krishnan
Maghsoodloo Parham 0 0 - 1 0 Kulaots Kaido
Aryan Chopra 0 ½ - ½ 0 Sjugirov Sanan
Sethuraman S.P. 0 ½ - ½ 0 Ghaem Maghami Ehsan
Puranik Abhimanyu 0 ½ - ½ 0 Anton Guijarro David
Zvjaginsev Vadim 0 ½ - ½ 0 Stupak Kirill
Debashis Das 0 ½ - ½ 0 Iturrizaga Bonelli Eduardo
Ganguly Surya Shekhar 0 1 - 0 0 Praggnanandhaa R
Pourramezanali Amirreza 0 0 - 1 0 Alekseenko Kirill
Indjic Aleksandar 0 1 - 0 0 Lobanov Sergei

Turnierseite...

Ergebnisse bei chess-results...

 




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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