Der Status des Schachs in den moslemischen Ländern ist nicht völlig geklärt. In einigen Ländern ist es gut gelitten oder wird sogar massiv gefördert, in anderen Ländern beäugen die Hüter des rechten Glaubens die Beschäftigung mit dem Schachspiel mit Argwohn. In der Vergangenheit war es in manchen islamischen Ländern zeitweise als Glücksspiel sogar verboten. In der Beurteilung anderer moslemischer Imame wurde zwar anerkannt, dass Schach vielleicht kein Glücksspiel ist. Aber es hält die Gläubigen doch davon ab, Allah zu ehren und ist aus diesem Grund verboten. Derzeit ist Schach in Afghanistan von den herrschenden Taliban wieder einmal verboten. Die Schachklubs wurden geschlossen und wer beim Schachspiel gesehen wird, muss mit einer Geldstrafe rechnen.
Ungeachtet des Verbots nahmen afghanische Spieler unter der Flagge des Islamischen Emirates von Afghanistan, so die offizielle Bezeichnung des Staates, bei der Schacholympiade in Samarkand im offenen Wettbewerb und sogar im Frauenwettbewerb teil.
Offenbar gingen die Spieler und Spielerinnen aus Afghanistan offenbar davon aus, dass sie ohne Folgen an der Schacholympiade im Nachbarland teilnehmen können. Diejenigen Spieler, die überhaupt noch in Afghanistan leben, konnten auch noch unbehelligt ausreisen. Die meisten Teilnehmer der afghanischen Delegation leben allerdings im Ausland.
Das afghanische Männerteam kamen beim Turnier auf 10 Punkte und belegten Platz 128 von 206 Mannschaften. Die Frauen belegten Platz 169 bei 189 Teams. Die Anzahl der organisierten Schachfreunde in Afghanistan ist allerdings klein. In der FIDE-Länderliste wird der Verband auf Rang 132 geführt, mit 15 gewerteten Spielern. Bei den Frauen nimmt der afghanische Schachverband Rang 168 ein, mit drei Spielerinnen mit einer Elozahl. Die Wertungszahlen der Frauen liegen alle unter 1600, so dass die FIDE die afghanischen Spielerinnen als ungewertet einstufte.
Nun macht die Meldung die Runde, dass drei der afghanischen Teilnehmer - Khaibar Farazi, Habibullah Amini und Habibullah Guldoost, der Kapitän des Frauenteams - bei der Einreise in ihr Heimatland wegen des Verstoßes gegen das Glücksspielverbot doch verhaftet wurden. Die drei Männer wurden zunächst an der Grenze festgehalten, ihre Pässe wurden eingezogen und dann wurden sie in ihrer Heimatstadt Kabul unter Hausarrest gestellt, bis die zuständigen Behörden darüber entscheiden haben, welche Strafe für den Verstoß gegen das Verbot die angemessene ist.
Das vierte Mitglied der Mannschaft, Mirzaad Sayed Wahabuddin, konnte indes an einem anderen Grenzübergang unbehelligt einreisen. Die restlichen acht Olympiateilnemer, darunter alle afghanischen Spielerinnen, leben nicht mehr in Afghanistan und hatten so keine Probleme dieser Art.
Die Grenzposten folgten bei der Verhaftung der drei afghanischen Schachspieler einer unmittelbaren Anweisung der afghanischen Taliban-Regierung, die erst nach der Abreise der Spieler erfahren hatte, dass ihre Bürger unter afghanischer Flagge in Samarkand öffentlich Schach gespielt hatten. Die Taliban waren darüber verärgert, und noch mehr vielleicht über die Tatsache, dass die afghanischen Frauen im Ausland ohne Kopfbedeckung an Schachturnieren teilnehmen würden.
Khaibar Farazi, der beste Spieler des Landes, und zudem ein bekannter Fernsehentertainer, und Habibullah Guldoost, der Kapitän des Frauenteams, brachten über den bekannten spanischen Schachjournalisten Leontxo Garcia den Vorgang an die Öffentlichkeit. Die spanische Tageszeitung El País, für die Leontxo Garcia seit Jahrzehnten als Schachkorrespondent unterwegs ist, berichtete.
Der FIDE-Delegierte von Afghanistan, Adzhmal Mangal, wies gegenüber El País darauf hin, dass die Informationen über den Vorgang noch unbestätigt seien und man erst einmal abwarten müsse, wie sich die Situation darstellt. Besorgter zeigte sich der in den Niederlanden lebende Zaheer Asefi, der Kapitän der Mannschaft.
Welche Strafen die verhafteten Spieler erwarten, ist unklar. Für verbotenes Glückspiel sieht die Sharia unter Umständen drastische Strafen bis hin zur Amputation der Hände vor.
Der Weltschachbund FIDE hat seine Unterstützung für die verhafteten afghanischen Spieler zugesagt. Spanische Europaabgeordnete wollen den Vorgang vor das Europa-Parlament bringen.
