Als Schach-Missionar in Sambia

26.10.2010 – Björn Lengwenus gehörte zu den auserwählten Fußballfans, die bei der vergangenen Fußballweltmeisterschaft in den Besitz einer Eintrittskarte zum Finalspiel gekommen waren. Vielleicht war das Endspiel dann weniger aufregend als erhofft. Dafür bot ihm die anschließende Reise nach Sambia einzigartige Eindrücke. Sambia ist eines der ärmsten Länder der Erde und leidet unendlich unter den Folgen der Aidsseuche. Fast eine ganze Generation ist verschwunden, unzählige Kinder und Senioren als Waisen übrig geblieben. Lengwenus besuchte ein Waisenprojekt, das Bekannte in Limulunga ins Leben gerufen haben. Vierzehn elternlose Mädchen werden hier betreut und in einer selbst gebauten Schule unterrichtet. Im Nu sprach sich der Besuch des deutschen Lehrers in der ganzen Umgebung herum, besonders da dieser neben einigen anderen Spielen dieses spannende Figurenspiel "Schach" zeigte. Nachdem Lengwenus in Limulunga für Schach geworben hat, wirbt er nach seiner Rückkehr nun für das Waisenprojekt in Sambia. Vielleicht haben einige Leser seines farbigen Berichts Interesse, sich durch eine Spende oder auf andere Weise daran zu beteiligen. Zum Artikel...

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Schach und Wichtigeres in Sambia
Von Björn Lengwenus

Um dem großen Glück eines WM-Finaltickets Tribut zu sollen, beschloss ich zusammen mit meiner Kollegin Sandra Domagalla nach dem Finalspiel nach Sambia zu fliegen und in einem Waisenprojekt für Mädchen zu arbeiten. Dieses Projekt hatten wir durch Zufall durch eine weitere Kollegin kennen gelernt, die im vergangenen Jahr schon ihre Sommerferien dort mit helfenden Händen verbrachte.


Blick über das Sambesi-Tal während der Trockenzeit

Sambia gehört zu den ärmsten Ländern der Welt (Im Human Development Index 2009 liegt Sambia auf Platz 164 von 182) Im Jahr 2003 hatten 64% der Menschen weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung.

Das größte Problem des afrikanischen Kontinents ist auch in Sambia allgegenwärtig: HIV (PLAN International http://www.plan-deutschland.de/kinder-afrika-sambia) ). Durch HIV wurde nahezu eine ganze Generation ausgerottet, so dass die Alterspyramide eine große Anzahl alte Menschen und eine riesige Anzahl Kinder und Jugendlicher aufweist. Die Elterngeneration wurde durch HIV derart dezimiert, dass die Lebenserwartung in den letzten Jahren um zehn Jahre auf 38,6 Jahre sank http://www.care.de/sambia-zahlen-fakten.html . Im Jahr 2006 gab es 750.000 AIDS-Waisen in Sambia. Für das Jahr 2015 wird mit einer Million Waisen gerechnet, was 20 Prozent der Kinder im Land entspräche. Die meisten der Waisen werden keine formale Schulausbildung erhalten. Sechs Prozent leben auf der Straße, UNICEF spricht von zehn Prozent. Nur ein Prozent findet Platz in einem Waisenhaus

http://de.wikipedia.org/wiki/Sambia

Hilfe ist also dringend notwendig und so machten wir uns zum Waisenprojekt nach Limulunga auf, einer Kleinstadt am westlichen Rand von Sambia, acht Bus-Stunden von der sambischen Hauptstadt Lusaka entfernt.

Eine der wenigen asphaltierten Straßen führt ohne Abbiegung stundenlang geradeaus.


Man fährt nie alleine durch Sambia

Auf der Tour, die durch typische sambische Familiendörfer am Wegesrand gesäumt ist, durchquert man auch den größten Nationalpark des Landes den „Kafue-Nationalpark“. Dort erlebt man quasi aus dem Linienbus die gesammelte Tier- und Landschaftsschönheit Afrikas. Hier sind alle Tiere der so genannten „Big Five“ (Elefant, Nashorn, Leopard, Afrikanischer Büffel, Löwe) zu finden und während in vielen afrikanischen Ländern der große Tourismus Einzug gehalten hat, kann es in Sambia passieren, das man einziger Gast einer Großsafari ist.


Das gefährlichste Tier Afrikas


Das zweitgefährlichste Tier Afrikas: Krokodile!

Darüber hinaus ist Sambia eines der sichersten Länder des Kontinents.

Dies gilt nicht für die Straßenqualität: Schlagloch an Schlagloch reiht sich selbst auf dieser Hauptstraße und die Strecke zieht sich.


Tankstelle zwischen Lusaka und Mongu


Die Waschanlage in Mongu


Ein Frisör


Reis trocknen


Die Apotheke

Aber mit jedem unnützen Blick auf die Uhr, mit jedem ungeduldigen Durchatmen, wird einem klar, dass man wirklich im ursprünglichen Afrika angekommen ist und nirgendwo das Sprichwort besser passt: „Die Europäer haben die Uhr erfunden und die Afrikaner die Zeit!“

In Limulunga leben nicht nur 7500 Einwohner sondern, dort steht auch die Regenzeit-Residenz des Königs (Litunga) der Lotsi in West-Sambia. Diese wird immer dann bezogen, wenn der Sambesi über die Ufer tritt und der Trockenzeit-Palast unbewohnbar wird. In einer der bekanntesten und größten Prozeduren Afrikas zieht der König samt Gefolge dann nach Limulunga

http://www.hupeverlag.de/Allgemeines/Spezialthemen/Kuomboka_2009/kuomboka_2009.html


Die Königsstraße in Limulunga

Aber Limulunga ist auch der Sitz eines sehr bemerkenswerten Hilfsprojekts wie es so viele Afrika gibt, die auf private Initiative beruhen.

Das Waisen-Projekt „Liyoyelo“  http://www.liyoyelo.com wurde vom pensionierten deutschen Lehrer Michael Scholz und seiner Frau Anni, die selbst aus Limulunga stammt, gegründet und beherbergt zur Zeit 14 Waisenmädchen, die ihre Eltern an AIDS verloren haben. Das Projekt wird mir Hilfe von Spendengeldern und großem persönlichen Engagement finanziert:
www.limulunga.de


Die Waisenkinder aus Limulunga

Neben den Waisen-Mädchen leben auch zwei ältere Damen im Dorf, die hier ihren Lebensabend verbringen. HIV machte auch sie wie viele andere alte Menschen in Sambia zu Senioren-Waisen.


Eine alte Waisen-Dame

Neben den Waisen-Kindern in Sambia ist dieses das zweite große Problem des Landes: Durch den Verlust fast einer ganzen Generation sind viele alte Menschen ohne die traditionelle familiäre Hilfe auf sich alleine gestellt und können dieses nicht mehr bewerkstelligen. Diese "Senioren-Waisen" sind ebenfalls wichtiger Bestandteil des Konzepts. Schon drei Generationen erlebten ihren Lebensabend in Liyoyelo.

Irgendwann standen wir dann mittendrin, zwischen den Mädchen und Waisen-Senioren in einem kleinen durch einen Bastzaun abgegrenzten Projektareal.

Die Füße scharrten im staubigen Sand und wir fühlten uns ein wenig verloren und nur noch wenig war von der üblichen Selbstsicherheit geblieben. Im Gepäck eine Oberfräse für die Projektleitung (was viele Diskussionen mit Zollbeamten mit sich geführt hatte) und viele Geschenken für die Mädchen und natürlich viele Spiele, Spielideen und Schachbretter.

Doch die ersten Minuten waren schnell verflogen und dann begannen aufregende wunderbare Tage in Limulunga.


Kinder in Limulunga

Wir hatten uns zur Aufgabe gemacht den Nachmittag im Projekt spielerisch zu gestalten. Vormittags besuchen alle Mädchen die Schule von Limulunga, die Dank großzügiger Hilfsprojekte erbaut werden konnte.


Automatische Pausenglocke der Schule in Limulunga


Schule in Sambia. Inspiration für Deutsche Schulpolitik? Es gehen noch mehr in einer Klasse

Dabei ist es für hiesige Lehrer wirklich verblüffend mit welch Klassengrößen, welch bescheidenen Mitteln und welcher unfassbaren Eigenmotivation dort gelernt wird.

Immer wenn die Mädchen aus der nahen Schule kamen, ging es los: Spielen, stundenlanges Spielen!

Und während am ersten Tag, die 14 Projektmädchen mit wenigen Freunden zusammen am Spielangebot teilnahmen, steigerte sich die Zahl der Kinder täglich.


Er strebt allerings eine Karriere im Showbiz an

Erst 20, dann 40 zum Ende waren fast 100 Kinder im Projekt angekommen und hatten dabei Fußwege von zum Teil sieben Kilometern auf sich genommen um die vier Stunden am Nachmittag bis zum Sonnenuntergang mit uns zu verbringen.


Spielen!



Unser Schwungtuch war im Dauereinsatz, Jongliermaterial heiß begehrt und wenn das Singspiel „Come on riding on my Pony…“ durchs Dorf „ritt“ gab es sowie kein Halten mehr.


Sensationelle Schwungtuchspiele





Eine unfassbare Dynamik, die uns alle ergriff.

Und mittendrin: Schach. Was hatte man mich in Hamburg ausgelacht, als ich mich mit dem Brett im Steckfach des Rucksacks aufmachte, mit desaströsen Englischkenntnissen das Spiel der Könige nach Limulunga zu bringen?


Ok, das ist der König


Hier ist die Dame





König und Dame

Aber schon am ersten Tag hatten die Mädchen Feuer gefangen. Neben Fallschirmspielen, wilden Actionspielen und ruhigen Kreisspielen war es der Dauerrenner im Projekt. Nahezu ohne Unterlass was das Brett am schattigen Tisch im Zentrum des Projektes belegt. Kinder begutachteten stolz die Figuren, strichen mit ihren Fingern über die Oberfläche des Brettes und spielten Schach. Schnell waren die Regeln allen klar und jede Partie begann mit dem obligatorischen Händedruck. Schnell waren auch die Cracks des Dorfes gefunden, die sich durch unzählige Partien als „Schachköniginnen“ profilierten.


Die erste Partie


Schön auch die Geschichte des dritten Aufenthaltstages, als eines der Mädchen mit traurigen Augen die erste Stunde am Rande des Geschehens saß und uns beim Murmelspielen zuschaute. Auf meine Frage, was sie denn hätte, konnte sie nur ein Wort herauspressen. Kaum traute sie sich dieses zu formulieren, würde ihr Wunsch vielleicht als unverschämte Forderung missgedeutet werden. Und dennoch schien ihr Wunsch so groß, dass sie es sagte: Chess! Ich hatte vergessen das Brett und die Figuren aus meiner Tasche zu holen.

Wir spielten und wir lachten und da sich mittlerweile im ganzen Dorf herumgesprochen hatte, dass zwei weiße Menschen aus Deutschland im Liyoyelo-Projekt zu Gast waren, wuchs nicht nur die Zahl der mitspielenden Kinder von Tag zu Tag. Auch immer mehr Erwachsene schauten einfach mal vorbei. So wurde der letzte Aufenthaltstag zum großen Abschiedsfest. Trommeln, Gesänge und sogar ein traditioneller Mkishi-Tänzer tanzte mit uns bis zum Abschied. Und so endete auch dieser sambische Tag ausgelassen und einem grandiosen Sonnenuntergang über dem Sambesi-Tal.


Die Abschiedsfeier





Am nächsten Tag machten wir uns wieder auf den achtstündigen Rückweg über die Piste ins ferne Lusaka.

Natürlich blieb die Oberfräse und alle anderen Geschenke in Limulunga, aber auch sämtlich Spielgeräte ließen wir dem Projekt. Am Ende sortierte ich meine T-Shirts und Pullover aus
und natürlich die Schachbretter. - eben alles was ich dort lassen konnte. Dafür nahm ich aber auch einiges mit zurück nach Deutschland: mein Herz war voller Erlebnisse und tief berührt von diesem Land und den Menschen. Ich wusste schon vorher, dass ich ein glücklicher Mensch war, aber irgendwie war ich hier am westlichen Rand von Sambia, in dieser kleinen Stadt, bei diesen tollen Mädchen noch ein bisschen reicher geworden. Viele kleine Probleme des Alltags daheim waren nichtig geworden, viele Ärgernisse schier lächerlich.



Meine starke Sehnsucht die Welt und noch weitere Menschen kennen zu lernen, wird allerdings bis zum Sommer 2011 warten müssen, wenn ich im Rahmen meines Sabbatjahres auf Weltreise gehe. Wo diese Reise beginnen wird, ist nach den Erlebnissen in Limulunga allerdings klar: Sambia!

Zu guter Letzt bleibt eine Bitte:

Liyoyelo freut sich über Spendengelder, über kleine wie über einmalige Unterstützung. Dazu findet sich alles auf der Homepage www.limulunga.de

Aber eigentlich möchte ich mehr bewirken: Wer langfristig das Projekt unterstützen möchte, könnte sich an der Verwirklichung meiner Idee beteiligen:

Ich möchte helfen ein weiteres Haus in Limulunga zu finanzieren. Um weitere sechs Mädchen aufzunehmen und vor dem leben auf der Straße zu retten (die Unterkunft, die Verpflegung, die Ausbildung und sämtliche Kosten zu übernehmen), müssen monatlich 300€ Spendengelder zusammenkommen. Eine Summe die zwar mächtig, aber nicht übermächtig erscheint.

Ich weiß, dass es viele ähnlich bedürftige Projekte weltweit gibt und es ist gut, dass ein jeder sein Projekt findet. Falls Sie aber noch ohne Spendenziel sind und ich Ihr Interesse wecken konnte, dann würde ich mich freuen, wenn Sie Kontakt zu mir aufnehmen würden.

BjoernLengwenus@aol.com

Herzlichen Dank!




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