Als Weizsäcker den Intendanten anrief...

13.07.2005 – Sollten im September Neuwahlen stattfinden, dann ist das wahrscheinlich schlecht für das Schach im Fernsehen. Das fürchtet zumindest Helmut Pfleger, der lange Jahre für den WDR Schachsendungen gemacht hat, die wohl bald nicht mehr produziert werden. Warum das so ist, verriet Helmut Pfleger, der seit 24 Jahren die Schachspalte in der Zeit betreut und die Partien in Dortmund live kommentiert, in einem Interview mit Conrad Schormann.TurnierseiteInterview und Fotoreportage...

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Dortmunder Schachtage, vierter Spieltag, Pressezentrum. Großmeister Dr. Helmut Pfleger kommentiert dieses Mal nicht fürs Publikum im Schauspielhaus. Heute Nacht, 1.10 Uhr, wird er eine Schachsendung im WDR moderieren, vielleicht die vorletzte. Bevor er zum Sender fährt, berichtet er über seine Arbeit als Zeitungskolumnist und Fernsehmoderator:

...für die "Zeit" schreibe ich seit 24 Jahren eine wöchentliche Schachspalte, für die "Welt" auch. Außerdem für das Ärzteblatt (Pfleger praktiziert als Internist, Anm. der Red.) und eine Gewerkschaftszeitung. Im Ärzteblatt bemühe ich mich, medizinische Themen aufzugreifen, in der "Zeit" eher feuilletonistische.

Ihre Schachaufgaben in der "Zeit" sind nicht ohne.
Manche sagen, das ist mir zu einfach, andere findens zu schwer. Ich kann es nicht allen recht machen. Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker schreibt mir ab und zu, was mich sehr freut. Von Weizsäcker sagt, etwa ein Drittel könne er lösen, der Rest sei zu schwer trotz allen Bemühens. Herr von Weizsäcker, durchaus ein guter Amateurspieler, ist allerdings sehr bescheiden.

Für das Dortmunder Schachpublikum müssen Sie die Zügel wahrscheinlich anziehen.
Nicht unbedingt. Hier sind etliche Leute, die Schachatmosphäre schnuppern wollen. Für die müssen wir eine Mischung machen. Wir erzählen Geschichten und unternehmen Ausflüge in die Schachgeschichte, die Schachkultur. Nur Springer f3, Läufer c6 und sowas, da schaltet irgendwann jeder ab.

In neun Stunden, nach 1 Uhr, sehen wir Sie im Fernsehen. Sind Sie vorbereitet?
Noch nicht. Nachher im Zug schaue ich mir die Partien ein bisschen an. Die Auswahl ist groß - und schwierig, weil das Turnier hier so kämpferisch verläuft. Später treffe ich Vlastimil Hort, der mit mir kommentiert, und den Redakteur Dr. Claus Spahn, und wir entscheiden, was wir reinnehmen. Die Sendung dauert eine Stunde, meist ist das viel zu kurz für komplette Partien. Wir zeigen die Highlights.

Früher kam mehr Schach im Fernsehen.
30, 40 Schachsendungen im Jahr, alle dritten Programme, ZDF, 3Sat - die goldenen Zeiten. Das ist viel, viel weniger geworden und droht zu verschwinden. Claus Spahn ist schon im Ruhestand.

Und das soll keine gute Nachricht für die Zuschauer sein?
Spahn ist der Zuständige beim WDR, und wenn der Zuständige kein Schach macht, dann kommt kein Schach im Fernsehen. Vor diesem Problem stehen wir jetzt. Eine ähnliche Situation gabs vor Jahren mal beim NDR. Die wöchentliche Sendung über die Weltmeisterschaft sollte gestrichen werden. Richard von Weizsäcker hat den Intendanten angerufen und gesagt, dass ihm die Schachsendung gefällt. Sie blieb drin. Aber solchen Beistand hat man nicht alle Tage.

Sie sollten Richard von Weizsäcker mit Fritz Pleitgen verbinden.
An solche ultima ratio denke ich sehr wohl. Peer Steinbrück hat uns ja hier besucht, ein begeisterter und guter Schachspieler. Dummerweise kein Ministerpräsident mehr. Gegen seinen Vize Michael Vesper habe ich neulich bei einem Simultan gespielt. Beide sind nicht mehr im Amt, Schachspieler Otto Schily bald auch nicht mehr, fürchte ich. Steinbrück, den hätten wir gefragt, ob man das beim WDR irgendwie hinkriegen kann, und ich nehme an, da wäre was gegangen.

Und die Quote?
Die Schachsendungen hatten ordentliche Quoten - zu ordentlichen Sendezeiten. Mit der Quote kann man sogar argumentieren. Bis zu eine Million Leute haben zugeschaut, und es hat den Sender fast nichts gekostet. Billiger geht es nicht, aber trotzdem (klopft auf den Tisch) hängt es dann immer an irgendeinem Redakteur, der sich die Sache zu Eigen macht und im Sender dafür ficht. Oder, noch besser, ein Intendant oder Programmdirektor setzt sich ein.

Kennen Sie einen?
Nein.

Poker und Darts senden die.
Poker oder Eisstockschießen, die haben sich eingekauft. Viele bezahlen die Privaten, um ins Fernsehen zu kommen. Mit Horst Metzing habe ich darüber gesprochen, dem Geschäftsführer des Deutschen Schachbunds. Schach hat bislang nicht bezahlt. Irgendwann ist es beim Bayerischen Rundfunk rausgeflogen und beim NDR. Beim WDR ist es geblieben dank Claus Spahn. Auch bei den Zeitungen wird es weniger. Meine Kolumne in der "Welt" ist jetzt kürzer wegen irgendeines Zahlenrätsels, einfach so. Vielleicht kann der Schachbund was machen. Ich mag Metzings Optimismus, vielleicht weil ich oft so skeptisch bin. Horst, sage ich immer, dieser Saustall im Weltschach und so.
Die Fotoreportage (mit Fotos vom 4. Spieltag):


"Wenn der Zuständige kein Schach macht, kommt kein Schach im Fernsehen"


Peter Leko


"Schachspieler Otto Schily ist bald nicht mehr im Amt, fürchte ich"


Emil Sutowski (stehend, vorne) hat gerade gegen Etienne Bacrot keine Ausrede gefunden und aufgegeben. Er schaut kurz auf die anderen Partien, dann verlässt er die Bühne. Bacrot, Schwarzsieger des Tages, ist längst draußen, gibt ein Interview...


...und erscheint im TV-Chessbase-Studio bei Oliver Reeh (rechts).


Charmant am Schachstand.


"Leichenfledderei" wäre es, sagte Klaus Bischoff (links), Gewinnvarianten für Bacrot gegen Sutowski vorzuführen. Zu klar stehe der Franzose auf Gewinn. (Von links) Oliver Reeh und Christopher Lutz haben nicht widersprochen.


Michael Adams (mit Dagobert Kohlmeyer), nicht zufrieden mit dem Weißremis gegen Naiditsch.


Gute Laune am Spielfeldrand: Marion van Wely hat ihren Mann Loek nach Dortmund begleitet.


Veselin Topalow will lieber als Marion van Wely fotografiert werden (sagt sie).


Peter Heine Nielsen hält den Druck Topalows aus: remis.


Zu spät: Peter Swidler wartet auf Loek van Wely.


Arkadij Naiditsch (rechts) hielt mit Schwarz gegen Michael Adams stand, ohne in Bedrängnis zu geraten.


Michael Adams


Peter Leko wartet auf ein vertrautes Gegenüber.


Immer von vorne.


Kopfhörer aufsetzen, zurücklehnen, Schach.


Veselin Topalow brauchte viel Zeit für sein Damengambit.


Laptopvergleich mit (von vorne) Benjamin Bartels, Dagobert Kohlmeyer und dem australischen Großmeister Ian Rogers.


Carsten Hensel (links) im Gespräch mit Oliver Reeh.


Nielsen guckt Spanisch.


Und spielt Damengambit.


"Wie fühlen Sie sich?" Etienne Bacrot im Interview nach der Partie.


Unklares Spiel am Kopfhörerstand.


Vladimir Kramnik

(Fotos: Alexandra Buck, Text: Conrad Schormann)

Und noch einmal zur Erinnerung: Heute nacht, 1.10, WDR, berichtet Helmut Pfleger über das Turnier in Dortmund.


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