Amaurosis scacchistica: Schachblindheit

28.11.2006 – Schachlehrer Tarrasch, studierter Mediziner, hätte die Diagnose sofort gestellt. Was Kramnik in der 2. Partie seines Wettkampfes gegen Deep Fritz passierte war ein klassischer Fall von Schachblindheit. Tarrasch sah "das Wesen der Krankheit in einer konzentrischen Einengung des Bewusstseins" und bei Kramnik scheint genau das passiert zu sein. Bis zum Schluss übersah er das drohende Matt. Nachdem er in aller Ruhe 34...De3?? gespielt hatte, stand er auf, ergriff die neben dem Brett stehende Tasse und schickte sich an, von der Bühne in seinen Ruheraum zu gehen. Fritz-Programmierer und Bediener Mathias Feist hingegen traute seinen Augen kaum: Fritz zeigte einzügiges Matt an - und der Computer irrt sich in solchen Fällen bekanntlich nie. Auf der anschließenden Pressekonferenz suchte Kramnik nach Erklärungen für das Unerklärliche.Video Partie 2 mit Pressekonferenz...Deep Fritz 10 jetzt kaufen...Mehr...

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Von Johannes Fischer

"Ich hatte die Partie bis dahin ordentlich gespielt und die Stellung unter Kontrolle, bis mir dieses ärgerliche Missgeschick unterlief. Eigentlich fühlte ich mich heute gut, berechnete die Varianten ohne Probleme und hatte Stellungsvorteile. So ein Patzer ist mir in meiner ganzen Karriere noch nicht passiert", meinte Kramnik..

Immerhin stand Kramnik die Pressekonferenz bis zum Ende tapfer durch - obwohl er sichtlich erschüttert wirkte. Jeder Schachspieler kennt das eklige Gefühl, eine gute Stellung durch einen dummen Fehler verloren zu haben. Manche beschimpfen sich, andere ihren Gegner, viele wollen nur noch alleine sein und laufen die nächsten Stunden kopfschüttelnd und in sich selbst versunken durch die Welt. Unterläuft einem solch ein Fehler bei irgendeinem Mannschaftskampf oder Turnier, wird meist der gnädige Mantel des Schweigens über dieses Versehen gebreitet. Kramnik weiß jedoch, dass die ganze (Schach-)Welt zugeschaut hat und sein Blackout in die Schachgeschichte eingehen wird - mit Sicherheit kein schönes Gefühl.

"Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen" weiß der Volksmund, und Mitleid mit Verlierern ist beim Schach selten. Letztendlich ist der Verlierer immer an seiner Niederlage schuld, denn beim Schach gibt es weder Würfel- noch Kartenglück. Dabei ist Kramniks Patzer in der zweiten Partie zwar ein ziemlich grober Fall von Schachblindheit, aber liefert dennoch nur den anschaulichen Beweis, dass Menschen Fehler machen, die Computern nicht unterlaufen. Eine Binsenweisheit, die man vor und während des Wettkampfes immer wieder hören konnte. So gesehen war die zweite Partie eine typische Partie Mensch gegen Computer. Der Mensch spielte strategisch geschickt, wich zahlreichen taktischen Drohungen aus, doch in einem bestimmten Moment führten Nervenanspannung und Überkonzentration zu einem klassischen Blackout. Das wird Kramnik nicht wirklich trösten, ebenso wenig wie der Umstand, dass er sich in guter Gesellschaft befindet. Fast allen Weltmeister und Spitzenspielern unterliefen im Laufe ihrer Karriere unerklärliche drastische Fehler. Kramnik und den normalsterblichen Schachspielern zum Trost hier ein paar Beispiele:

Tigran Petrosian, Spitzname "Der eiserne Tigran", Weltmeister von 1963 bis 1969, galt immer als einer der sichersten Spieler überhaupt. Er galt als ausgesprochener Defensivkünster und verlor nur selten. Doch auch ihm unterlief der eine oder andere grobe Schnitzer. So stellte er 1956 beim Kandidatenturnier in Amsterdam gegen David Bronstein einzügig die Dame ein:


Der letzte schwarze Zug war 35....Sd4-f5. Petrosian war nicht in Zeitnot und spielte seelenruhig 36.Se4-g5?? und gab nach ...Sxd6 sofort auf.

Manchmal geht auch gleich am Anfang etwas schief. So war Petrosian in der folgenden Partie von allen guten Schachgeistern verlassen:
A. Kotov - T. Petrosian, 17. UdSSR-Meisterschaft Moskau 1949
1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.cxd5 exd5 5.Lg5 Le7 6.e3 c6 7.Dc2


In seinem Wunsch, die Stellung zu vereinfachen, spielte Petrosian jetzt ...Se4??. Und nach 8.Lxe7 Dxe7 9.Sxd5 war die Partie eigentlich schon vorbei. Es folgte noch ...cxd5 10.Dxc8+ Dd8 11.Lb5+ Sc6 12.Lxc6+ bxc6 13.Dxc6+ und Schwarz gab auf.

Und wie leicht ein Matt auf h7 bzw. h2 zu übersehen ist, demonstrierte Wilhelm Steinitz einmal, auch er ein Defensivkünstler unter den Schachweltmeistern. Gegen den Amerikaner Voight erreichte er in Philadelphia 1885 folgende Stellung:


Vermutlich fühlte sich Steinitz in dieser Stellung ziemlich sicher. Weiß hat Entwicklungsvorsprung und Raumvorteil. Doch bevor er ernsthaft aktiv wird, so hatte sich Steinitz wahrscheinlich gedacht, bringt er doch besser erst einmal seinen König in Sicherheit. Gedacht, getan: Weiß zog 12.0-0??, was den König jedoch nicht wirklich in Sicherheit brachte. Schwarz entgegnete trocken 12...Dxh2# und setzte einzügig Matt.

Vor Steinitz galt der deutsche Adoph Anderssen als bester Spieler der Welt. Seine "Unsterbliche Partie" gegen Kieseritzky und seine "Immergrüne" gegen Dufresne belegen sein taktisches Geschick. Doch 1851 unterlief ihm beim Turnier in London gegen Howard Staunton ein ein kleines Missgeschick:


Anderssen hatte Schwarz und der letzte weiße Zug war 29.Sf6+. Nach ...Lxf6 30.Dxe6+ Kh7 kann Weiß den Punkt g2 nicht mehr decken und Schwarz steht auf Gewinn. Anderssen zog jedoch 29....Kf7??, wonach Staunton ohne einen Zug auszuführen, "Schachmatt" sagte. 30.De8# bringt den schwarzen König zur Strecke.

Anderssen steckte die Niederlage jedoch gut weg: Trotz dieses bitteren Übersehens gewann er den Wettkampf gegen Staunton noch, genauso wie anschließend das Turnier.

Und es muss ja nicht immer Matt sein. Eine Figur einzustellen reicht meistens auch. Auch da herrscht an groben Fehlern der Spitzenspieler kein Mangel. Ein Beispiel ist die Partie Christiansen - Karpov, Wijk aan Zee 1993.


Hier zog Karpov mit Schwarz 11...Ld6 und gab nach 12.Dd1 sofort auf.

Unvergessen ist auch Robert Hübners Fehler aus dem Kandidatenfinale gegen Viktor Kortschnoi 1980:


Hier vertiefte sich Hübner geraume Zeit in die Stellung und spielte dann 63.Kd5?? Nach 63...Se3+ zog er noch 64.Ke5 und gab gleichzeitig auf.

All dies sind Fehler, die Spitzenspielern und Weltmeistern beim Spiel gegen Menschen unterlaufen sind. Doch wie viel schwerer ist es, gegen Computer zu spielen, die keine offensichtlichen taktischen Fehler machen, aber jeden taktischen Fehler ausnutzen. Es ist kein Zufall, dass Kasparov gegen seine Kollegen kaum Patzer begangen hat, aber sich 1997 im Wettkampf gegen Deep Blue gleich zwei grobe Schnitzer leistete.

Besonders verheerend war dabei die sechste und letzte Partie des Wettkampfs. Kasparov, der sich auf seine Wettkämpfe, Turniere und Partien vorbereiten konnte wie kein Zweiter, wählte gegen Deep Blue eine Eröffnungsvariante, die als schlecht bekannt war - vermutlich, weil er annahm, der Computer würde davor zurückscheuen, ein laut Theorie günstiges Opfer zu spielen. Deep Blue folgte der Theorie und Kasparov erlitt die schlimmste Niederlage seiner Laufbahn:

Deep Blue - Kasparov, New York, 11.05.1997.
1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.Sg5 Sgf6 6.Ld3 e6 7.S1f3 h6 8.Sxe6


Schwarz steht kritisch. Erschüttert wählte Kasparov ...De7, ein Zug, nach dem Weiß laut Datenbank in dreizehn von vierzehn Partien gewonnen hatte. Nach 9.0-0 fxe6 10.Lg6+ Kd8 11.Lf4 b5 12.a4 Lb7 13.Te1 Sd5 14.Lg3 Kc8 15.axb5 cxb5 16.Dd3 Lc6 17.Lf5 exf5 18.Txe7 Lxe7 19.c4 war es vorbei und der Ruf der Menschheit erst einmal gründlich ramponiert.

Diese Partie zeigt ein typisches Muster: Im Kampf gegen den Computer besiegt der Mensch sich oft selber. Ihm unterlaufen Fehler, die nur gegen Computer passieren. Ein weiteres Beispiel ist die zweite Partie aus dem Wettkampf Kasparov gegen Deep Blue 1997.


In dieser Stellung gab Kasparov die Partie auf. Hinterher entdeckte man, dass ...De3 zum Remis geführt hätte. Gegen einen Menschen hätte Kasparov wahrscheinlich einfach weiter gespielt. Aber hier vertraute er den Rechenkünsten der Maschine so sehr, dass er darauf verzichtete, sie zu überprüfen.

Kramnik hat Mittwoch, 15 Uhr, wieder Gelegenheit dazu.

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