Anand strauchelt im Schnellschach

01.08.2009 – Weltmeister Vishy Anand hat in Mainz viele Fans. Elf Mal hat Anand die Chess Classic schon gewonnen, der Inder spricht gut deutsch und ist freundlich, offen, zugänglich. Doch bei den diesjährigen Chess Classic fragten sich nicht nur die Fans des Weltmeisters, was mit Anand los war. Bei der GRENKELEASING Rapid Weltmeisterschaft verlor er zum Auftakt beide Partien - das gab es noch nie. In der Rückrunde, die heute, 18:30 Uhr, beginnt, muss er Boden gut machen, um sich noch fürs Finale am Sonntag zu qualifizieren. Mehr Glück hatte Alexander Grischuk: der Russe gewann das gut dotierte und stark besetzte Chess960 FiNet Open. Johannes Fischer und Harry Schaack wissen mehr.Turnierseite...Bericht, Bilder, Partien...

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Fehlstart des Weltmeisters
Von Johannes Fischer, Fotos: Carsten Straub


Weltmeister Vishy Anand - 11 Mal hat er in Mainz bereits gewonnen, dieses Jahr startete er schlecht ins Turnier.

Einen schlechteren Start hatte Weltmeister Vishy Anand bei den Chess Classic wohl noch nie. Bei der GRENKELEASING Rapid Weltmeisterschaft verlor er am ersten Tag die ersten beiden Runden und muss um die Qualifikation fürs Finale bangen.

Gleich in der ersten Runde zeigte sich, dass Anand nicht hundertprozentig in Form war. Er spielte mit Weiß gegen Levon Aronian und verbrauchte schon in der Eröffnung viel Zeit. Zwar schien Anand dank seines Läuferpaars dafür auf den ersten Blick betrachtet besser zu stehen, aber wie er in der nachträglichen Pressekonferenz meinte, war die "Stellung kompliziert". Deshalb "wollte ich Remis machen, ohne mich jedoch in eine zu passive Stellung drängen zu lassen. Mit wenig Zeit auf der Uhr habe ich jedoch den Faden verloren." Das bescherte Aronian, der gestern im Finale der Chess960 Rapid Weltmeisterschaft eine bittere Niederlage gegen Hikaru Nakamura erlitten hatte, einen wichtigen Punkt und neues Selbstvertrauen.




Levon Aronian - Nach dem Verlust des Weltmeistertitels im Chess960 will er jetzt Rapid-Weltmeister werden.

In der Tat gibt nur wenig so viel Schwung, wie eine schlecht stehende Partie noch zu gewinnen. Das weiß auch Ian Nepomnichtchi. Er stand in der ersten Runde gegen Arkadi Naiditsch lange Zeit schlecht, ja fast auf Verlust, aber Naiditsch fand keinen Weg zum Gewinn und so konnte Nepomniachtchi die gegnerischen Drohungen neutralisieren und ein besser stehendes Endspiel erreichen, das er schließlich zum Gewinn verdichtete.


Hier war die Welt noch in Ordnung. Ian Nepomniachtchi und Arkadi Naiditsch begrüßen sich vor der Partie.


Doch schon bald lief es nicht mehr rund für Naiditsch. Er stand gegen Nepomniachtchi fast auf Gewinn, aber verlor am Ende doch noch.

Gleich danach trat der junge Russe gegen Anand mit Schwarz an und wieder war Fortuna auf seiner Seite. Er wählte die scharfe Bauernraubvariante im Sizilianer und wie Anand in der Pressekonferenz zugab, "konnte ich mich nicht mehr genau erinnern, was man in dieser Variante eigentlich spielt". Die Erinnerungslücken des Weltmeisters verhalfen Nepomniachtchi zu einem besseren Endspiel und einem zweiten Punkt. Anand hingegen war mit 0 aus 2 denkbar schlecht ins Turnier gestartet.



Dass es Arkadi Naiditsch nicht besser ging, war da nur schwacher Trost. Nach seiner unglücklichen Niederlage in der ersten Runde fehlte der deutschen Nummer Eins die Kraft, um Aronian nennenswerten Widerstand entgegen zu setzen. Gleich nach der Eröffnung kam er vom rechten Weg ab und musste einen Bauern geben, um Schlimmeres zu verhindern, wonach die Partie im höheren Sinne schon entschieden war.



Derart demoralisiert ging es ihm in der dritten Runde gegen Anand nicht viel besser. Er wählte mit Weiß gegen Caro-Kann eine harmlose Variante und büsste bald danach wieder einen Bauern an. Obwohl es Anand, wie er in der Pressekonferenz mit einem Anflug von Galgenhumor bemerkte, "fast noch gelungen wäre, auch diese Partie zum Remis zu verderben", erwies sich der schwarze Mehrbauer letztlich als entscheidend. Anand kam zu seinem ersten Sieg - und den brauchte er dringend, um sich noch Hoffnungen auf die Qualifikation fürs Finale zu machen.



Nepomniachtchi und Aronian riskierten mittlerweile in ihrer Partie nicht allzu viel. Vor allem der Russe hielt sich bedeckt. In einer Italienischen Partie spielte er mit Weiß vorsichtig und Spannung kam in der Partie erst auf, als Aronian einen Bauern opferte, um seinen Türmen Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Ernsthaft gefährdet war das Gleichgewicht jedoch nie und so kam es schließlich zu einem Remis.

Damit liegen Aronian und Nepomniachtchi bei Halbzeit anderthalb Punkte vor Anand. Aber trotz dieses Fehlstarts sollte man den Weltmeister noch nicht abschreiben. In der Vergangenheit hat er immer wieder gezeigt, dass er gerade in kritischen Situationen zu großer Form aufläuft. Und schließlich hat Nakamura es vorgemacht: Nach zwei Auftaktniederlagen in der Chess960 Weltmeisterschaft gewann er sieben Partien in Folge. Morgen, 18:30 Uhr, hat Anand die Chance zur Aufholjagd. Live auf der Webseite.

Tabelle:






FiNet Open Grischuk, die Dritte
Text: Harry Schaack, Fotos: Carsten Straub, Chess Classic Mainz

In der dramatischen Finalrunde des FiNet Opens schob sich Alexander Grischuk noch an dem lange Zeit führenden Gata Kamsky vorbei. Dem ehemaligen russische Blitzweltmeister, der als einziger 9,5 Punkte erzielte, gelang ein einmaliges Kunststück: Er hält nun mit drei Open-Titeln den Rekord bei den Chess Classic. Schon 2003 und 2004 entschied er das ORDIX Open zweimal für sich, nun fügte der schachliche Allrounder den Chess960 Titel hinzu.


Allrounder Alexander Grischuk

Damit verhinderte der Russe den Gesamterfolg der Amerikaner in dieser Spielart, zu deren Popularisierung die Chess Classic nachhaltig beigetragen haben. Gestern wechselte der Chess960 Titel an Nakamura, heute siegte das Programm Rybka des Amerikaners Rajlich bei der Livingston Chess960 Computer WM. Ein weiterer Erfolg hätte Bobby Fischer, dem Erfinder des Chess960, vielleicht ein Lächeln im Himmel entlockt.


Zwei Sieger aus den USA: Vasik Rajlich (links) und Hikaru Nakamura

Grischuk war trotz seines Erfolges mit der Qualität seines Spiels unzufrieden. Dreimal habe er auf Verlust gestanden. Er hatte das Glück und die Zähigkeit, die man braucht, um dieses starke Open zu gewinnen. Seine Aufgabe ist jedoch noch nicht getan. "Mein Ziel ist es, beide Open im selben Jahr zu gewinnen", sagt der exzentrische Russe. Und wer ihn schon einmal im Schnellschach beobachtet hat, wird einräumen, dass dies kein ganz aussichtsloses Unternehmen ist.

Kamsky, dem mit 9 Punkten nur der 2. Platz blieb, war dagegen sehr niedergeschlagen. Wenn man so lange souverän führt und am Ende seine einzige Partie verliert, ist das bitter.


Gata Kamsky spielt mit Schwarz gegen Alexander Grischuk

Ein Remis hätte ihm zum Gesamtsieg gereicht. Doch sein Gegner, Ex-Weltmeister und Sieger des ORDIX Opens 2006 Rustam Kasimdzhanov, ließ keinen Zweifel an seinen Ambitionen aufkommen, selbst noch um den Turniersieg mitzuspielen. Dank seines verdienten Sieges erreichte er den dritten Platz, punktgleich mit Kamsky, aber mit der schlechteren Buchholz-Wertung.

Die größte deutsche Überraschung war Rainer Buhmann. Er spielte ein riesiges Turnier. Am zweiten Tag hatte er einen Eloschnitt von über 2700 und holte beachtliche 4/6. Ein Sieg in der letzten Runde hätte ihn gar auf den geteilten 1. Platz gehievt. Was bei einer Schlussbegegnung gegen Grischuk wie ein kühner Traum klingt, wäre um ein Haar Realität geworden.


Rainer Buhmann

Der Badener, der erst kürzlich die 2600 knackte, überspielte seinen Kontrahenten und hatte schon einen Bauern mehr. Seine klare Gewinnstellung verdarb er erst in der von Zeitnot geprägten Schlussphase. Trotz dieser phantastischen Leistung des Solinger Bundesligaspielers, war seine Enttäuschung sehr groß. "Eine solche Gelegenheit kommt vielleicht nie wieder", sagte er. Am Ende reichte es immerhin noch für den symbolträchtigen 13. Platz, der sein Pech irgendwie widerspiegelte.

Zwei weitere Deutsche landeten sogar noch weiter vorne: Arkadi Naiditsch und Georg Meier erreichten mit 8,5 Punkten den geteilten 4. Platz. Beste Frau des Turniers war Kateryna Lahno, die mit 8 Punkten einen halben Zähler vor Gaponenko und Sebag lag. Und die Senioren-Wertung gewann Rigo vor Hort und Klundt. Damit fand die 8. Auflage des FiNet Opens ihren würdigen Abschluss. Neben spannender Unterhaltung stehen 263 Teilnehmer, 106 Titelträger, und die bislang stärkste Besetzung zu Buche. Die ersten zehn der Rangliste hatten einen Schnitt von 2718, der Eloschnitt des gesamten Turniers lag bei 2170 - Zahlen, die sich sehen lassen können.

Bei der Preisverleihung wies der Geschäftsführer von FiNet, Peter Kunath, auf die Schwierigkeiten hin, Sponsoring in Zeiten der Weltwirtschaftskrise zu betreiben. Um innerhalb seiner Firma mehr Rückendeckung für sein finanzielles Engagement zu bekommen, forderte er die Zuschauer auf, Emails an das Marburger Unternehmen zu schicken, in dem sie schildern, was ihnen an diesem Turnier gefällt. Das FiNet wie auch das morgen beginnende Ordix Open ist auch ein Großereignis für Amateure. Sie stehen nicht so sehr im Fokus der Medien, doch ein Erlebnis ist es für sie gewiss. Einmal gegen einen Titelträger zu spielen, oder einfach "nur" in seiner Leistungsklasse einen vorderen Rang zu erreichen, ist das Ziel der vielen, die meist in unserer Berichterstattung unerwähnt bleiben.


Sponsor Peter Kunath mit Organisator Hans-Walter Schmitt

Dabei sind zahlreiche Preise in diversen Rating-Kategorien ein Anreiz, den man bei anderen Veranstaltungen vergeblich sucht. Viele kleine Geschichten gibt es auch im hinteren Teil des Spielsaales zu entdecken, wie die des ältesten Teilnehmers Oswald Smits. Der 85-Jährige begann erst vor 10 Jahren wieder mit dem Schach, nachdem er 50 Jahre keine Zeit mehr dazu hatte. Heutzutage spielt er ein dutzend Turniere im Jahr und seine Wertungszahl hat sich seither um 300 Punkte verbessert. Auch Chess960 schreckt den rüstigen Mann nicht, wie seine Teilnahme am FiNet beweist. Er erreichte 2,5 Punkte, aber auf das Gewinnen kommt es ihm nicht vorrangig an. Er kann sich auch an einer schönen Kombination erfreuen - auch wenn sie vom Gegner gespielt wird. Er will im nächsten Jahr wiederkommen.


Keine Angst vor Neuerungen: Oswald Smits


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