Anands Comeback

13.05.2002 – Mit der Eurotel Trophy in Prag hat Vishy Anand eines der am stärksten besetzten Turniere der letzten Zeit gewonnen. Nach seinem Sieg bei der FIDE-Weltmeisterschaft 2000 hatte der Inder Motivationsprobleme und musste als Folge schlechte Turnierergebnisse hinnehmen. Jetzt ist Anand wieder da und freut sich, dass er in Prag sogar einige gute Partien gespielt. Nach dem Turnier gab er ein Interview für ChessBase. Interview mit Vishy Anand...

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Interview mit Vishy Anand



ChessBase: Wie fühlt man sich als frischgebackener Sieger der Eurotel World Cup Trophy?

Anand: Klasse, natürlich, richtig klasse. Aber besonders hat mich gefreut, dass ich wieder Schach gespielt habe, einige wirklich gute Partien, nach so vielen Enttäuschungen.

ChessBase: Dann ist Anand wieder da?

Anand: Sieht fast so aus, nicht?

ChessBase: Welchen Partien haben Ihnen besonders gefallen?

Anand: Die Siege gegen Khalif und Sokolov, und natürlich das Finale gegen Karpov...

ChessBase: Aber vorher war da das Match gegen Ivanchuk. Stand das nicht ein bisschen auf der Kippe?

Anand: Ja, beide normalen Partien endeten remis. In der ersten stand ich total auf Verlust, konnte mich aber retten. Nach der zweiten erklärte mir Khalif die Feinheiten von Nimzoindisch, wo ich offensichtlich mit einem Minustempo gelandet war. Die vierte war hübsch, mein Sieg in der Blitzpartie. In diesen Begegnungen läuft niemals alles so glatt, und es war ein ständiges hin und her. Aber irgendwann erlaubte er mir, auf der sechsten Reihe zu verdoppeln und 46.b6 zu spielen. Wenn der Bauer erst mal durchbricht, ist er bereits in großen Schwierigkeiten.

ChessBase: In der Zwischenzeit bahnte sich Karpov in erstaunlichem Stil seinen Weg ins Finale. Was sagen Sie zu seiner Leistung?

Anand: In der entscheidenden Partie gegen Morozevich hat er sein Glück ein bisschen gezwungen. Doch um ehrlich zu sein, hatte Morezevich in der Runde zuvor auf fast identische Weise Grischuk ausgeschaltet. Aber abgesehen von dieser einen prekären Moment war Karpov ziemlich beeindruckend. Er war voll auf der Höhe und hat alle seine Chancen genutzt. Er hat sein Schachgefühl nicht verloren, und das ist im Schnellschach nun mal das Wichtigste. Deine Instinkte, deine Intuition, wie viel von der Vorbereitung du abrufen kannst. Dieses Format scheint Karpov offenbar zu liegen.

ChessBase: Doch dann musste er gegen Sie antreten, und alles nahm ein unglückliches Ende für ihn.

Anand: Naja, in der ersten Partie war die Stellung nach seinem Läuferrückzug nach d7 eigentlich ziemlich tot. Doch mit 25. g3 gelang es mir, ihr ein bisschen Leben einzuhauchen. Es folgte der Turmtausch, und ich spielte 27.De4, wonach es nach Remis aussieht. Aber Schwarz hat doch noch Probleme. Zunächst einmal drohe ich Dh7; wenn er ...g6 spielt, ziehe ich h5, auf...g5 schlage ich, und falls er mit dem Bauern wiedernimmt, folgt Sd5. Es ist einfach ein bisschen unangenehm für ihn. Schwarz hat das Remis fast in der Tasche, aber es gibt niemals ein Abspiel, wo er es tatsächlich bekommt. Und dann erlaubte er diesen Einschlag auf f7. Natürlich war da seine Lage bereits sehr schwierig. Wenn er beispielsweise 30...Dg7 spielt (statt 30...Df6), dann gewinnt 31.Db1. Tatsächlich war Db1 so stark, dass ich überlegte, ob ich 31.Lxf7 überhaupt nötig hätte. Ich verwarf diesen Zug nur deshalb, weil ich nicht wollte, dass hinterher alle Leute Fritz einschalten und sagen, "Oh, Vishy hat Lxf7 übersehen!" Darauf konnte ich wirklich gut verzichten; daher beschloss ich, diesen dummen Bauern einfach zu nehmen, damit mir niemand vorwerfen konnte, ich hätte es übersehen. Ich dachte, wenn es am Ende remis ausgeht, wird es überall heißen, "er hätte Lxf7 spielen sollen, ist doch sonnenklar!" In der Partie schien das jedenfalls zu reichen. Ich musste nur höllisch aufpassen, nicht die Springer zu tauschen; soviel war mir klar. Nach dem Springertausch stellt Schwarz nämlich seinen König auf f6 und den Läufer auf e8; Weiß muss irgendwann g5+ ziehen, hxg5+ fxg5+, und dann geht der König zurück nach g7. Weiß hätte dann zwar einen Freibauern auf g5 und die drei Damenflügelbauern, Schwarz ebenfalls drei, aber es wäre fast unmöglich einzudringen, da der Läufer die weißen Felder kontrolliert. Daher musste ich bis zum Ende den Springertausch vermeiden. Als es erst mal zu Sc4 kam, lief von da an eigentlich alles wie am Schnürchen.

ChessBase: Die zweite Partie.

Partie zum Nachspielen...

Anand: Ich entschied mich für Slawisch, weil ich annahm, dass er meine beiden anderen Eröffnungen in diesem Turnier - Damenindisch und Damengambit - unter die Lupe nehmen würde. Ich hielt es nicht für nötig, voll in seinen Vorbereitung zu laufen. Jedenfalls, er wählte ein solides Abspiel mit 6.Dc2, worüber ich mich freute, denn ich brauchte ja nur ein Remis, und glaubte, dies sei bequem für mich zu spielen.
Nicht besonders glücklich war ich über 13....Te8, was kaum brillant ist, aber 14.Te1 war noch schlechter, denn danach hat Schwarz ausgeglichen. Er sollte die Stellung im Schlaf remis halten können, doch ich war leider hellwach und fand ein paar grottenschlechter Züge - besonders hervorheben würde ich 20...De7 und 21...Tad8. .Danach wurde es tatsächlich etwas unangenehm, obwohl Schwarz niemals wirklich viel schlechter steht. Aber man muss eben ein kleines bisschen aufpassen.

ChessBase: Was war mit 22...g6?

Anand: Was soll damit sein?

ChessBase: Manche hielten dies für einen Bock.

Anand: Nein, nein, der Zug war absolut in Ordnung. Die Möglichkeit 22...h6 23.h4 schien mir nicht für besser. Es wäre etwas anderes, wenn ich meinen schwarzfeldrigen Läufer nicht hätte, aber der steht da auf c5 und kommt wieder zurück. Im weiteren Verlauf wird er sogar recht nützlich, denn sobald ich einmal mit meiner Dame eindringe, bekomme ich allmählich wirklich gute Chancen..

ChessBase: Am Ende war Ihre Position ganz in Ordnung.

Anand: Es war witzig, denn als er in der Schlussstellung 34.Lxh5 spielen konnte, wählte er 34.Lf3, und ich hatte Dxf2 nicht mal gesehen. Wir beide hatten dieselbe Halluzination.
34...Lxf3 35.Txf3 Df5. Wir betrachteten die Stellung, dann schlug er Remis vor, und ich nahm nach wenigen Sekunden an. Später fragten mich einige Zuschauer, warum kann man nicht den Bauern f2 nehmen? Und mir dämmerte, dass ich nach 34.Dxf2 oder sogar 34...Lc5 deutlich besser stehe. Wenn ich dass gesehen hätte, hätte ich definitiv weitergespielt.

ChessBase: Obwohl Sie nur ein Remis brauchten und das Risiko bestand, etwas zu übersehen?


Partieanalyse nach dem Finale mit Radjabov, Karpov und Anand

Anand: Nein, wenn ich eine Gewinnchance gesehen hätte, hätte ich selbstverständlich weitergespielt. 2-0 ist ein tolles Ergebnis, und es bedeutet fünf Wertungspunkte mehr. Das kann man nicht einfach so abtun. Aber letztendlich bin ich nicht unzufrieden, dass ich das Remis annahm. Übrigens bot es mir auf Russisch an. Ich ersuchte ihn, es auf Englisch zu tun, weil ich keine Missverständnisse wollte. Er hätte mich ja auch fragen können, ob ich aufhören könnte zu husten oder ob es nicht ein wunderschöner Tag sei. Ich wollte es auf Englisch hören.

Partie zum Nachspielen...

ChessBase: Am Ende gab es eine Menge Jubel, und jetzt klingen wirken Sie sehr zufrieden.

Anand: Ja, ich habe ein paar gute Partien gespielt. Das ist ein schönes Gefühl.



 



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