Anna Sharevich gewinnt ND-Gala

01.12.2009 – Etwas überraschend gewann Anna Sharevich am vergangenen Donnerstag die von der Tageszeitung Neues Deutschland im Berliner Verlagshaus durchgeführte 4.ND-Schach-Gala. Neben der späteren Siegerin bildeten diesmal die für Slowenien spielende Ukrainerin Anna Muzychuk sowie die beiden deutschen Nationalspielerinnen Elisabeth Pähtz und Maria Schöne das Feld. Nach der Vorrunde lagen die beiden eloschwächeren Spielerinnen Anna Sharevich und Marie Schöne in Front und qualifizierten sich für den Finalkampf. Hier hatte dann die Weißrussin das Glück auf ihrer Seite und gewann im Stichkampf. Dr. René Gralla berichtet aus Berlin. Frank Hoppe hat das Ereignis in Bildern fest gehalten. Artikel beim ND...Bericht, Bilder, Partien...

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Der Artikel erschien in der Tageszeitung "Neues Deutschland".

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

 

Anna Sharevich gewinnt 4.ND-Gala
Von Dr. René Gralla
Bilder: Frank Hoppe
 


Und plötzlich ist dann alles aus. Lange hat das Match auf der Kippe gestanden, mal stürmen die Weißen, mal kontern die Schwarzen. Aber kurz vor dem Abpfiff rast eine Gestalt im dunklen Trikot heran und grätscht in den Strafraum der Verteidiger. Die Sensation ist perfekt, Anna Sharevich (23) aus Belarus triumphiert bei der 4. Damenschachgala der Tageszeitung „Neues Deutschland“ (ND). Vorjahressiegerin und Sechste der Weltrangliste, die gebürtige Ukrainerin Anna Muzychuk (19), landet auf Platz 3, und erst weit dahinter schafft es Deutschlands Vorzeigefrau Elisabeth Pähtz (24) völlig abgeschlagen über die Ziellinie.

“Nichts ist unmöglich“, hat sich Anna Sharevich selbstbewusst schon vor Turnierbeginn gegeben. Eine Ansage, die das Motto dieses Tages ist, wie auch die der Papierform nach Beste der Republik bald erfahren soll. Eigentlich will Elisabeth Pähtz unbedingt den Einzug ins Finale schaffen, nachdem sie 2008 den Hattrick mit einem dritten Gewinn des Wettkampfes in Folge knapp verpasste. Ein ehrenvolles Ziel, aber leider out of reach: Die einstige Erfurterin und jetzige Berlinerin kann, obwohl um mehr als 200 ELO-Punkte besser, nicht verhindern, dass die Magdeburger Studentin Maria Schöne (22) an ihr vorbeizieht. Enttäuscht muss Elisabeth Pähtz vom Katzentisch der Trostrunde aus der davon geeilten Landsfrau zusehen, die mit Anna Sharevich um den ND-Titel kämpft.


Arik Braun kommentiert



Eine Paarung, die zuvor wohl niemand unter den rund 150 Zuschauern im Verlagsgebäude am Franz-Mehring-Platz erwartet hätte. Viel Prominenz aus der Szene hat sich eingefunden. „Das ist ein Turnier, das auch Weltmeister Lasker gefallen würde“, sagt Paul Werner Wagner, Vorsitzender der Emanuel Lasker Gesellschaft, die Partner des ND bei der Realisierung der Veranstaltung ist. „Lasker setzte sich stets für die Popularisierung des Schachsports ein.“ Besonders breit strahlt Dr. Dirk Jordan, Mr. Schacholympia Dresden 2008. Er hat die elektronischen Bretter von iChess mitgebracht, auf denen die Blitzduelle ausgetragen werden. Bedient wird die Hardware von deren Erfinder persönlich, dem jetzt in Erfurt lebenden Österreicher Felix Fürnhammer. Aber Hand auf’s Herz: Ob der 45-jährige ernsthaft den Kampf gegen den gegenwärtigen Marktführer DGT aufnehmen wolle? „Ach nein“, wiegelt Fürnhammer im Gespräch mit dem ChessBase-Reporter ab, „das ist für mich bloß ein Hobby, ich habe einen anderen Job.“ Wobei er allerdings nicht zu erwähnen vergisst, dass die Performance seiner Entwicklung robuster sei als die der Konkurrenz, weil er die Bretter mit modernen Chips statt mit konventionellen Magneten hochgerüstet habe.

Diese Robustheit ist gleich beim Hammer-Showdown Anna Sharevich versus Maria Schöne gefragt. Dicht umlagert wird die Bühne, als Anna Sharevich, immerhin dreimalige Landesmeisterin von Weißrussland, und die vermeintliche Außenseiterin Maria Schöne die Entscheidung unter sich klar machen. Eine Rolle, die der jungen Deutschen ohnehin liegt, wie sie nach der Siegerehrung resümiert: „Dann liegt der Druck auf der anderen Seite.“ Abgesehen davon hat Maria Schöne, die das Diplom in Psychologie ansteuert, auf ihre mentale Stärke vertraut. Schach sei eben keine pure Mathematik, so ihr Credo, und „schlau“ sei es, „Varianten zu spielen, die meine Gegnerin nicht leiden kann“.

Entsprechend wenig zu lachen hat Anna Sharevich in den ersten beiden Treffen der Endrunde. Vergeblich rüttelt die Weißrussin, die in Brest wohnt, wenn sie nicht gerade zu Schachevents jettet, an der Position von Maria Schöne. Zweimal Punkteteilung, das Publikum hält spürbar den Atem an: Stellt Maria Schöne womöglich alle Prognosen auf den Kopf? Und der deutsche Meister Arik Braun, der in einem Nebenraum das Brettgeschehen kommentiert, ist fasziniert: „Maria Schöne dreht selbst schlechte Stellungen.“

Ein ähnliches Bild in den folgenden zwei Stichpartien, wieder fängt Maria Schöne den permanenten Druck von Anna Sharevich ab. Drama im Tiebreak, schließlich wartet nun der ultimative Test auf die Kandidatinnen: die Feuertaufe des „Sudden Death“. Nach der Sonderregel „plötzlicher Tod“ bleiben Anne Sharevich als Schwarzspielerin bloß vier Minuten Bedenkzeit, dafür reicht ihr ein Remis für den Erfolg, während Maria Schöne mit Weiß und fünf Minuten auf der Uhr unbedingt gewinnen muss. DSB-Sportwart Horst Metzing, der gleichzeitig als Schiedsrichter amtiert, gibt das Brett frei, und rasch hält es niemanden mehr auf den Sitzen, alle sind aufgesprungen und fiebern mit. In der schwarz-weißen Miniarena brennt es lichterloh an allen Ecken und Enden, fast hätte Maria Schönes Überfall auf die schwarze Rochadeburg die Besatzung kalt erwischt, im nächsten Augenblick freilich entgeht ihrerseits die Deutsche bloß knapp einem Grundlinienmatt. Bis unversehens ein Läufer von Anna Sharevich aus der Tiefe des Raums auftaucht und, indem er sich selbstlos opfert, eine klaffende Bresche in Maria Schönes Schanze reißt. Die Dame von Anna Sharevich proklamiert ewiges Schach, wieder ein Unentschieden, aber ein Unentschieden der speziellen Art: das Unentschieden des „Sudden Death“.


Spontaner Applaus setzt ein: für Anna Sharevich und für die ehrenvolle Zweite Maria Schöne, die ohne Niederlage geblieben ist. Und die 13-jährige Jenny Linh Vu Dieu, die das Duell der Stars verfolgt hat, ist tief beeindruckt: „Unglaublich, wie schnell sich diese Frauen in neue Situationen hineindenken können!“ Die Schülerin aus Friedrichshain-Kreuzberg nimmt mit ihrem Bruder Johnny zum zweiten Mal an der ND-Gala teil, weil neben Spitzensport gerade auch das Jugendschach den zweiten Schwerpunkt der Veranstaltung bildet. „Schach ist der wichtigste Mindsport im Wissenszeitalter“, betont ND-Geschäftsführer Olaf Koppe, und folglich freut er sich ganz besonders, dass die Vereine SV Empor Berlin, SG Narva und Schachpinguine Charlottenburg mit ihren Nachwuchstalenten massenhaft vertreten sind.



Parallel zu den Qualifikationsläufen der Gala-Damen spielen sich die Teenys warm in einem Blitzturnier. Der Jüngste, Vladimir Gorochov von SV-Empor, zählt gerade mal sechs Jahre und wird trotzdem auf Anhieb Dritter. Mutter Irina Gorochova, die momentan Philosophie studiert und später Journalistin werden möchte, ist stolz auf ihren Sohn und beglückwünscht im gleichen Atemzug die anderen Kinder, „die hier sehen, dass es sich lohnt, Schach zu üben“. Eine Einschätzung, die von Raj Tischbierek, Redaktionsleiter des Fachmagazins „Schach“, ohne Einschränkung geteilt wird: „Spitzenschach und Einbindung der Kinder, diese Verbindung finde ich sehr gelungen.“

Ein Buffet lädt zur Stärkung ein, frische Energien sollen getankt werden, schließlich startet in der Pause vor dem Galafinale das Kräftemessen Profis gegen Amateure. Anna Muzychuk und Elisabeth Pähtz blitzen gegen ND-Leser, die den Problemwettbewerb der Zeitung gewonnen haben, und Anna Sharevich fordert im Tandem mit Maria Schöne die Berliner Schachkids simultan heraus.



Wer bis dahin bezweifelt haben mag, dass Schach ein Sport sei, der wird endlich eines Besseren belehrt: Im Laufschritt eilen die blonde Anna Sharevich, in modisch langen Stiefeln fast permanent im Fokus der Fotografen, und Maria Schöne die Tischreihen entlang, ziehen Figuren und drücken Uhren. Die Champs der Zukunft halten tapfer das Tempo mit, und einer beweist den längsten Atem: Leon Hertzfeld aus dem Empor-Kader. Als alle anderen schon resigniert haben, knickt der 11-jährige immer noch nicht ein, so dass ihm Anna Sharevich schwer beeindruckt das Unentschieden anbietet.

Das ist die zweite Riesenüberraschung, und Anna Sharevich ist des Lobes voll: „Eine Zeitreise zurück zu meinen Anfängen, als ich mit den Meistern üben durfte. Heute bin ich auf der anderen Seite, kann den Kindern etwas zurückgeben. Ich liebe das.“


Anna Sharevich

Und dann setzt sie sich noch einmal hin und spielte eine Extrapartie exklusiv mit der kleinen Luise Schnabel aus Treptow. Das Resultat ist zwar am Ende eindeutig, doch das schockt die selbstbewusste Fünfjährige keineswegs: „So gut wie Anna Sharevich werde ich auch mal. Ich habe schon eine DWZ, ich habe DWZ 750!“

Einen völlig anderen Plan nach Hause nimmt Jenny Linh Vu Dieu. Vom 13. bis zum 17. April 2010 soll, das hat der DSB-Vertreter Horst Metzing im ChessBase-Gespräch angekündigt, ein gemischtes Damen-Herren-Team in Hanoi einen Länderkampf gegen eine Auswahl der Gastgeber bestreiten. Und die Vietnamesen haben vorgeschlagen, dass an Brett 1 nicht nach dem üblichen FIDE-Kanon gefightet wird, sondern dass dort eine Partie ausgetragen wird im chinesischen Schach „XiangQi“, das in Vietnam „Co Tuòng“ heißt, übersetzt „Spiel des Generals“. Ein spektakulärer Test, dem sich auf Seiten der Republik wahrscheinlich Dr. Robert Hübner stellen wird, immerhin ist der Vielseitige in den 90-er Jahren bereits zu einer Chinaschach-WM nach Peking gereist und hat dort einen furiosen Einstand gegeben.
East meets West kommenden April 2010 in Hanoi? Jenny Linh Vu Dieu findet das ziemlich abgefahren. Und nimmt sich vor, noch am selben Abend ihren Vater zu fragen, wie dieses ominöse „XiangQi“ aka „Co Tuòng“ eigentlich funktioniert.

Hinter’m Horizont – und sei es der vermeintlich unverrückbare Horizont des 64-Felder-Quadranten – geht’s immer weiter …

ERGEBNIS

4. Internationale ND-Damenschnellschachgala am 26.11.2009

STAND NACH DER VORRUNDE:

1. + 2. (geteilt) Maria Schöne 2 Pkt.
1. + 2. (geteilt) Anna Sharevich 2 Pkt.
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3. Elisabeth Pähtz 1,5 Pkt.
4. Anna Muzychuk 0,5 Pkt.

Die Plätze 1 und 2 qualifizieren sich für das Finale, die Plätze 3 und vier spielen im kleinen Finale Platz 3 aus.

SCHLUSSSTAND NACH DEN FINALKÄMPFEN (GROSSES UND KLEINES FINALE)

1. Anna Sharevich 2,5 Pkt. (nach 0,5 Pkt./Remis mit Schwarz im „Sudden Death“-Tiebreak)
2. Maria Schöne 2,5 Pkt. (nach 0,5 Pkt./Remis mit Weiß im „Sudden Death“-Tiebreak)
3. Anna Muzychuk 2 Pkt.
4. Elisabeth Pähtz 0 Pkt.

 

Partien, soweit aufgezeichnet

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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