Arabische Meisterschaften in Tunis

23.12.2009 – Während man sich in großen Teilen Europas auf das Weihnachtsfest vorbereitet, das in diesem Jahr vielleicht sogar in winterlichem Weiß begangen werden kann, wird anderswo noch Schach gespielt. Außer in Moskau, wo die russischen  Meisterschaften ausgetragen werden, ist man z.B. auch in Tunis aktiv. Unter völlig anderen klimatischen Bedingungen als im Norden finden hier die arabischen Meisterschaften statt. Zum Auftakt wurden die Mannschaftsmeisterschaften gespielt. Hier gewann der Hamburger Bundesliga-Spieler Ahmed Adly mit seinem ägyptischen Team Sharkia Dokhan die Goldmedaille. Dagobert Kohlmeyer berichtet aus Tunis und sprach u.a. auch mit FIDE-Vizepräsident Geoffrey Borg über die kommende WM in Sofia. Bericht und Bilder...

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Schach über Weihnachten am Mittelmeer
Von Dagobert Kohlmeyer

Während in Europa ständig bedeutende Schachturniere stattfinden, backen die Anhänger des königlichen Spiels im arabischen Raum etwas kleinere Brötchen. Aber auch dort wird Schach von je her mit Leidenschaft und großem Engagement gespielt. Bespiele dafür sind die am Montag (21.12.) begonnene arabische Einzelmeisterschaft in Tunesien und die gerade beendete Klubmeisterschaft der Region.

Austragungsort beider Turniere ist in diesem Jahr Tunis, wo der einheimische Großmeister Slim Bouaziz die organisatorischen Fäden zieht.


Slim Bouaziz

Im Hotel Phebus vor den Toren der Hauptstadt, direkt am Mittelmeer, rauchen in den Tagen um Weihnachten viele Köpfe. Nur wenige Kilometer von den Ruinen Karthagos entfernt,  suchen Spielerinnen und Spieler aus 12 Nationen nach den besten Zügen.

Der Reporter aus Deutschland tauschte die Eiseskälte gern mit dem milden Klima, auch wenn seine Anreise etwas beschwerlich war.

So gibt es keinen Direktflug mehr von Berlin mit Tunis Air. Bei dem notwendigen Trip via Frankfurt/Main, wo chaotische Zustände herrschten, ging mein Koffer verloren. So etwas kennen wir schon. Dafür gab es unterwegs eine nette Begegnung. Der Flieger war voll mit tunesischen Familien, die in Deutschland arbeiten und nach Hause in den Urlaub wollten. Neben mir saß Haifa, eine Frau von 29 Jahren, die zum Jahreswechsel in Tunis heiraten will. Sie wurde in Deutschland geboren, spricht vier Sprachen und arbeitet im Management einer großen Firma. Vater, Mutter und Schwester begleiteten Haifa, die am Silvestertag mit ihrem tunesischen Bräutigam zum Standesamt gehen wird. Das Hochzeitskleid wird gerade gefertigt. Sie wollen einige Tage durchfeiern. Etwa 400 Gäste werden zur Hochzeit erwartet, darunter 50 aus Deutschland. So viele Freunde hat Haifa hier. Der tunesische Ehemann kommt dann mit ihr, sie wollen in Deutschland leben.  

Und was tat mein Koffer inzwischen? Das gute Stück traf einen Tag später als ich wohlbehalten in Tunis ein. Da war die Siegerehrung für die arabische Klub-Meisterschaft schon über die Bühne gegangen. Meine Kamera habe ich ja immer im Handgepäck. Insgesamt 16 Mannschaften aus zehn Ländern kämpften um den Pokal. Zu jedem Team gehörten vier Spieler und ein Ersatzmann. Gespielt wurden neun Runden im Schweizer System. Am Ende setzten sich mit den beiden ägyptischen Mannschaften die Favoriten durch.

Das Team 1 mit Großmeister Ahmed Adly am Spitzenbrett holte den Pokal und erhielt die vergleichsweise bescheidene Siegprämie von 2 000 Dollar.


Ahmed Adly


Für die Fotografen


Team Ägypten

Einmal aber strauchelte der frühere Juniorenweltmeister, als er in der vorletzten Runde dem kurdischen IM Noah Ali Hussein unterlag. Der Mann aus dem Nordirak wurde zur Siegerehrung für die beste Leistung am ersten Brett geehrt, Adly als Zweitbester. Hier ist die Partie der beiden. 

Noah Ali Hussein – Ahmed Adly

Sizilianisch B28

1.e4 c5 2.Sf3 a6 3.c3 d6 4.d4 Sd7 5.Ld3 e6 6.0-0 Se7 7.Sbd2 b5 8.a4 c4 9.Lc2 Lb7 10.b3 d5 11.bxc4 bxc4 12.e5 Da5 13.Sb1 h6 14.h3 Sc8 15.Sh4 Le7 16.Dg4 g5 17.Sf3 Scb6 18.Dh5 Tf8 19.La3! Lxa3 20.Txa3 0-0-0 21.Dxh6 Th8 22.Dxg5 Tdg8 23.Df4 Tg7 24.Sg5 Kb8 25.De3 Sa8 26.f4 Dd8 27.Sd2 Sc7 28.Ta2 Lc6 29.Sdf3 Ka7 30.Sd2 La8 31.Tb2 De7 32.Tfb1 Tgg8 33.Ld1 a5  

 


 

34.Lf3! Diesen Zug bezeichnete der Sieger später als wichtigsten in der Partie.

34. …Tb8 35.Txb8 Txb8 36.Txb8 Kxb8 37.h4 Lc6 38.Sxc4 Lxa4 39.Sxa5 Da3 40.Le2 Lb5 41.Lxb5 Sxb5 42.Sc6+ Kc7 43.Sb4 Sxc3 44.Sd3 Da4 45.Kh2 Sb5 46.h5 Dxd4 47.Dxd4 Sxd4 48.h6 Sf8 49.h7 Sxh7 50.Sxh7 Kc6 51.Sg5 Kb5 52.Sxf7 Kc4 53.Se1 Sc6 54.Sg5 d4 55.Sxe6 d3 56.Sxd3 Kxd3 57.g4 Ke4 58.Kg3 Se7 59.Sg5+ Kd5 60.Sf3 Ke6 61.f5+ Kf7 62.Kf4 Sd5+ 63.Kg5 Sc3 64.Sd4 Se4+ 65.Kf4 Sc5 66.e6+ Ke7 67.g5 Sd3+ 68.Ke4 Sc5+ 69.Kd5 Sd3 70.f6+ Ke8 71.Sf5 Sf4+ 72.Kd6 Kf8 73.Kd7 Sg6 74.e7+ 1-0

 

Schach in Kurdistan

Neugierig geworden, sprach ich mit dem Sieger. Wir wissen bei uns ja recht wenig über diese Region. Kurdistan ist ein autonomes Gebiet im Norden Iraks.

Sie haben eine eigene Flagge, eine eigene Verfassung sowie Hymne. Noah Ali Hussein wohnt in der Hauptstadt Erbil. Der Name bedeutet so viel wie "Stadt der vier Götter". Die babylonische Göttin Ischtar siedelte sich bereits vor mehr als 4.000 Jahren dort an, danach folgten Judentum, Christentum und Islam. „Wir Kurden sind stolz auf unsere Autonomie“, sagt Noah. Das Land will endlich frei sein von seiner tragischen Geschichte und von den großen Nachbarn, den Arabern und Türken, die sich nur zu gern in ihre Angelegenheiten einmischen. In Erbil spürt man von den Erschütterungen im Irak wenig, die Kämpfe sind weit weg. Ausländische Unternehmen zieht es bereits in den ruhigen Teil des Iraks, wo ehrgeizige Projekte das Leben der Menschen verbessern sollen. 


Noah Ali Hussein

„Das alles ist gut für unser Schach, auch wenn wir sehr wenig aktive Spieler haben“, sagt der 39-jährige Noah, der erste Internationale Meister Kurdistans. Es gibt bei ihnen keine Schachcafes wie in Europa, aber Klubs.  Husseins Verein heißt Peshmerge Club. Das Team belegte hier in Tunis Platz 9. In diesem Jahr hat Noah die kurdische Landesmeisterschaft gewonnen. Vorher war er schon fünfmal irakischer Einzelmeister. Das erste Mal gelang ihm dies 1989 mit 19 Jahren. Viermal spielte er ab 2000 für Irak bei Schacholympiaden. An das vorjährige Turnier der Nationen in Dresden hat er gute Erinnerungen: „Ich habe alle elf Runden bestritten und 7 Punkte erzielt. Deshalb hatte ich leider nicht so viel Zeit, mir die schöne Stadt anzusehen“.

Noah sieht sich nicht als Schachprofi. Er hat einen Halbtagsjob in einem Büro der Stadtverwaltung von Erbil. Nachmittags geht er noch in die Universität und studiert Jura. Er kann sich vorstellen, dass in Kurdistan demnächst auch internationale Schachturniere stattfinden. „Wir haben einen eigenen Flughafen, die Gäste können sich sicher fühlen.“

Nach der Abschlusszeremonie hatten wir auch Gelegenheit mit Großmeister Ahmed Adly zu sprechen. 2007 gewann er als erster und bisher einziger Afrikaner den WM-Titel U 20. Inzwischen hat der 22-jährige Ägypter das Spielerhotel schon wieder verlassen. Warum er nicht auch noch an der arabischen Einzelmeisterschaft teilnimmt, erzählt er uns im folgenden Interview.

 

Ahmed Adly: „Ich bin so gern in Hamburg“

Glückwunsch zum Turniersieg! Bist du rundum zufrieden?

Ja. Es war eines der stärksten Turniere in der Geschichte der arabischen Team-Liga. Hier spielten die besten 16 Schachklubs aus der Region. Der Wettbewerb war ganz schön hart.

Wie bewertest du die Organisation?

Tunesien ist ein schachfreundliches Land. Sie haben sich viel Mühe gegeben, uns gute Spielbedingungen zu schaffen.

Ist Schach in Ägypten auch sehr populär?

Nicht so sehr. In letzter Zeit ist das Interesse aber etwas größer geworden. Als ich im Jahre 2007 Juniorenweltmeister wurde, hat die Öffentlichkeit das schon registriert. Einen Schachboom löste es aber nicht aus.

Du hast dich bei der Siegerehrung in zwei verschiedene Fahnen gewickelt. Warum?

Die eine ist unsere Nationalflagge, die andere die Fahne unseres Klubs Sharkia Dokhan (eine Tabakfirma).

Ein Wort zu deinem persönlichen Abschneiden in Tunis.

Ich holte 7,5 Punkte aus neun Partien, was ja nicht schlecht ist und gewann etliche ELO-Punkte hinzu. Es gab nur den einen Ausrutscher in der achten Runde, so etwas kann passieren.

Warum spielst du hier nicht auch noch das Einzelturnier mit?

Es liegt an unserem engen Terminplan. Anfang Januar findet in der Türkei schon die Mannschafts-WM statt. Ägypten ist als Afrika-Meister dafür qualifiziert. Wir müssen uns deshalb noch gut vorbereiten. Auch wenn wir bei der WM Außenseiter sind, wollen wir unseren Kontinent würdig vertreten.

Du bist Mitglied beim Hamburger SV und dort seit 2008 in der Bundesliga engagiert. Wann kann man dich dort wieder sehen?

Vielleicht im Frühling. Ich bin sehr gern in Hamburg, weil ich dort viele Freunde habe, nicht nur im Bundesligateam. Ich habe dort immer sehr viel Spaß. Und schachlich kann man in der stärksten Liga der Welt eine Menge lernen.

Du warst in Hamburg ja schon sehr erfolgreich.

2008 habe ich dort ein internationales Turnier gewonnen. Ein Grund mehr für mich, so oft wie möglich wieder zu kommen.

Wo feierst du Weihnachten?

Zu Hause in Ägypten. Ich grüße die Schachfans in Deutschland und besonders die Hamburger! Allen wünsche ich frohe Weihnachten!

 

Leichte Kavallerie

In der folgenden Partie gewann der ägyptische Großmeister locker und leicht. Ein netter Springertanz beendete den ungleichen Kampf.

Ahmed Adly -  Khalil Al-Subaihi

Englisch A 39

1.Sf3 Sf6 2.c4 c5 3.g3 g6 4.Lg2 Lg7 5.0–0 0–0 6.d4 cxd4 7.Sxd4 Sc6 8.Sc3 a6 9.c5 Dc7 10.Sb3 b6 11.Lf4 Da7 12.cxb6 Dxb6 13.Tc1 Lb7 14.Sa4 Dd8 15.Sbc5 Lc8 16.Lxc6 dxc6 17.Dxd8 Txd8 18.Sb6 Lh3 19.Tfd1 Txd1+ 20.Txd1 Te8 21.Sxa6 Le6 22.Sc7 Tb8 23.Sxe6  

1-0

 

 ARAB CLUB CHAMPIONSHIP

 

 

 

 

 

Endstand

 

 

 

 

 

 

 

Rank

Team

Gam.

+

=

-

MP

SB.

Pts.

1

Sharkia Dokhan (EGY)

9

9

0

0

18

181.00

27

2

Dakhlia Club (EGY)

9

6

2

1

14

129.25

26½

3

Omal Essekek (SYR)

9

5

2

2

12

106.00

20½

4

Kamaran  Club (YEM)

9

6

0

3

12

98.00

23

5

Alkahraba Club (IRQ)

9

5

0

4

10

86.50

18½

6

Mouthafi Alamana (JOR)

9

4

2

3

10

83.25

16½

7

Almohafatha Club (SYR)

9

3

3

3

9

84.25

18

8

La Tour Blanche (TUN)

9

4

1

4

9

63.50

17

9

Peshmerge Club (IRQ)

9

4

1

4

9

61.00

20

10

Alriady Club (LIB)

9

4

1

4

9

55.50

20½

11

General Security (LBA)

9

2

4

3

8

55.50

15

12

Club Sfaxien (TUN)

9

3

2

4

8

52.50

17½

13

Alahly Club (SUD)

9

3

1

5

7

42.50

13

14

Aldhara Club (LBA)

9

1

3

5

5

31.50

13

15

Azoun Club (PLE)

9

1

2

6

4

22.50

13½

16

Dubai Club (UAE)

9

0

0

9

0

0.00

 

In Tunis war FIDE-Vertreter Geoffrey Borg aus Malta einige Tage zu Gast. Er besuchte den arabischen Team Cup und führte Gespräche mit dem tunesischen Schachverband. Dessen Geschicke werden seit einigen Jahren von Frau Doktor Ferial Al Baji geleitet.


Geoffrey Borg und Ferial Al Baji

Gemeinsam mit einem Vertreter des tunesischen Sportministeriums nahm die Verbandspräsidentin die Siegerehrung vor. Die Gewinner und Platzierten wurden mit großem Applaus bedacht. Die Ägypter schwenkten bei der Zeremonie stolz ihre Landes- und Klubfahnen. Den dritten Platz teilten zwei punktgleiche Klubs aus Syrien und Jemen.

Borg ist auch Generalssekretär des Schachverbandes der Mittelmeerländer. Dieser hat 22 Mitglieder. Der Malteser erklärte, wie es dazu kam: „Bei der Schacholympiade 2002 in Bled haben wir unsere Föderation gegründet. Makropoulos fragte mich damals, wie ich die Idee eines solchen Verbandes finde und ob ich dort mitarbeiten möchte. Wir haben inzwischen schon viel auf die Beine gestellt. Den Anfang machte eine Jugendmeisterschaft der Mitgliedsländer in Libyen, dann kam die Männer- und Frauenmeisterschaft unseres Verbandes in Libanon. Jedes Jahr gab es Events. Zuletzt hatten wir die 7. Einzelmeisterschaft in Kroatien. Dort hat Ahmed Adly gewonnen. Das nächste Turnier wird in Italien stattfinden, und die Jugendmeisterschaft 2010 gibt es in Griechenland. Wir haben sehr aktive Föderationen. Unsere Mitgliedsländer haben 2004 (in Calvia) und 2006 (in Turin) die Schacholympiade ausgerichtet. Auch 2012 (in Istanbul) wird das wieder der Fall sein.“  

In der FIDE ist Geoffrey Borg Commercial Director. Er zeigte sich zufrieden, dass der WM-Vertrag für Sofia unterzeichnet ist. Wir fragten ihn, ob das Match zwischen Anand und Topalow seiner Meinung nach im Frühjahr reibungslos über die Bühne gehen wird. Die Antwort: „Ja sicher. Zumindest in finanzieller Hinsicht, was die Börse von zwei Millionen Euro angeht. „Wenn eine Regierung wie die bulgarische das Preisgeld garantiert, dann sehe ich keine Schwierigkeiten. Bei ihnen geht es ja um politisches Prestige. Und da macht Sofia keine Ausnahme. Etwas anderes ist es, wenn private Sponsoren im Boot sind. Die können immer mal abspringen. In der heutigen Zeit ist es sehr schwer, Privatleute zu finden, die einen Millionenbetrag für Schach auf den Tisch legen. Ein Turnier für 100 000 Euro stellen Mäzene schon mal auf die Beine, aber viel mehr Geld ist selten zu holen.“

Bei den arabischen Meisterschaften in Tunis geht es in diesen Tagen nicht um hohe Beträge. Unter den Spielern vom Mittelmeer, Roten Meer oder der Golfregion  dominiert die reine Freude am Schach.

Nach den Mannschaftskämpfen beginnen die Einzelwettbewerbe. Zu diesen erschienen mit Mohammed al-Modhiaki und Zhu Chen auch schon einige Prominente.


Mohammed al-Modhiaki


Erster Zug am Brett von Zhu Chen

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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