Arbeiterschach marschiert

23.01.2006 – Kürzlich gab es in Serpuchow einen denkwürdigen Wettkampf zwischen einer deutschen Arbeiterschachdelegation und einer russischen Arbeitermannschaft. Der Wettkampf war der verspätete Rückkampf einer Begegnung zwischen Mannschaften aus Serpuchow  und Berlin, die 80 Jahre zuvor, 1925 in Deutschland stattgefunden hatte. Unter großem Interesse der örtlichen Medien - sogar das Fernsehen war gekommen - und vor vielen Zuschauern siegte ausnahmsweise das deutsche Team. Nun soll es in Halle zur dritten Auflage des Wettkampfes kommen.  Dr. René Gralla interviewte mit Anton Csulits einen der Initiatoren für Neues Deutschland. Interview im Neuen Deutschland...Nachdruck...

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Totgesagte leben länger. Arbeiterschach marschiert. Im Herbst in Halle
Von Dr. René Gralla

Lange hat sie geschlafen, die Arbeiterbewegung in dieser Republik. Aber jetzt herrscht wieder Aufbruchsstimmung, zumindest im virtuellen Quadranten der 64-Felder: 80 Jahre, nachdem eine Abordnung von Werktätigen aus Serpuchow bei Moskau zu einem Schachturnier mit proletarischen Kampfgenossen nach Berlin gereist war, ist es nun durch Vermittlung der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu einem Rückspiel im Mutterland der Revolution gekommen. Damit nicht genug: Gegenwärtig laufen schon die Vorbereitungen für Runde Nr. 3 des freundschaftlichen Ost-West-Duells voraussichtlich kommenden Oktober 2006 in Halle. Einer der Organisatoren: ANTON CSULITS (63), der als Veteran des deutschen Arbeiterschachs in Serpuchow am Start gewesen ist; mit dem Hallenser hat der Autor DR. RENÉ GRALLA gesprochen.


DR. RENÉ GRALLA: Das fast vergessene deutsche Arbeiterschach wird wiederentdeckt bei einem Freundschaftstreffen in Russland. Was haben Sie empfunden, als Sie nach Serpuchow gereist sind?

ANTON CSULITS: Das war ein erhebendes Gefühl.



Foto: Roland Neubert

DR. GRALLA: Immerhin ist ja so an die einstige Bedeutung des Arbeiterschachs erinnert worden; bis zur Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 zählte die Bewegung mehr Mitglieder als der bürgerliche Deutsche Schachbund.

CSULITS: Im Osten unseres Landes sind diese Wurzeln aber niemals ganz verschüttet gewesen. Noch im Dezember 1961 spielte mein damaliger Verein "SC Chemie Halle" gegen den Arbeiterschachverein Stockholm.


DR. GRALLA: Ihr ehemaliger Club verbindet sich mit großen Namen der DDR-Chemie ...

CSULITS: ... genau, das waren die Werke Leuna und Schkopau.

DR. GRALLA: Offenbar ist in der DDR die nach 1945 im Westen nicht wieder aufgenommene Tradition des Arbeiterschachs fortgesetzt worden.

CSULITS: Das kann man so sagen.

DR. GRALLA: Vermutlich deswegen, weil sich die DDR als Arbeiter- und Bauernstaat verstanden hat; so dass, wenn ein Schachverein aufgrund seiner örtlichen Lage nicht überwiegend von Bauern besucht wurde, der betreffende Klub logischerweise ein Zusammenschluss von Arbeitern sein musste?!

CSULITS: Im Ergebnis ist das zutreffend.

DR. GRALLA: Was ist nach 1989 aus dem "SC Chemie Halle" geworden?

CSULITS: Inzwischen heißen wir "USV Halle".

DR. GRALLA: Da hat die so genannte Wende mit den einst Beschäftigten, die heute arbeitslos sind, am Ende auch gleich das Arbeiterschach abgewickelt.

CSULITS: Auf die Tradition des Arbeiterschachs ist zwischenzeitig tatsächlich leider nicht mehr zurückgegriffen worden - bis zur Initiative der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die hier womöglich ein Signal zum Umdenken gegeben hat.

DR. GRALLA: Momentan sind Sie, abgesehen von Ihrem eigentlichen Beruf als Lehrer, Geschäftsführer des Landesschachverbandes Sachsen-Anhalt. Was verbindet Sie persönlich mit dem Arbeiterschach?

CSULITS: Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie; mein Vater war im Bergbau tätig.

DR. GRALLA: Nun zum Freundschaftskampf in Serpuchow. Wie wurden Sie von Ihren Gastgebern aufgenommen?

CSULITS: Ich habe schon an vielen internationalen Begegnungen teilgenommen, aber einen derartigen Empfang habe ich noch nie erlebt. Die Kamerateams von drei Fernsehstationen berichteten über das Turnier; viele Zuschauer fieberten bei den Partien mit. Das war wirklich großartig.






DR. GRALLA: Scheinbar hat das Interessen an Schach im modernen Russland seit dem Untergang der Sowjetunion nicht abgenommen ...

CSULITS: ... dem Schach wird weiterhin ein hoher Stellenwert beigemessen. Da können wir in Deutschland neidisch werden.

DR. GRALLA: Sogar ein Kosmonaut und Held der Sowjetunion, der 71jährige pensionierte Luftwaffengeneral Wiktor Wassiljewitsch Gorbatko, gab der Mannschaft aus Serpuchow moralische Unterstützung.

CSULITS: Der saß im Publikum geschmückt mit allen Orden.


Kosmonaut Wiktor Wassiljewitsch Gorbatko


DR. GRALLA: Den Russen hat das nichts genützt. Nach dem 3,5:1,5-Kantersieg 1925 in Berlin ist den deutschen Arbeiterveteranen mehr als ein halbes Jahrhundert später mit 4:1 die Revanche geglückt.

CSULITS: Die Russen haben uns wohl unterschätzt und ihre stärksten Leute auf der Reservebank gelassen.


DR. GRALLA: Diesen Fehler dürfte Serpuchow beim Gegenbesuch in Halle voraussichtlich im Oktober 2006 nicht mehr machen. Wie ist der aktuelle Planungsstand?

CSULITS: Wir sind dran; allerdings benötigen wir auch wieder die Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

DR. GRALLA: Mit welchen Kosten rechnen Sie?

CSULITS: Zwischen 6000 und 7000 Euro.

DR. GRALLA: Das müsste doch wohl zu packen sein. Und möglicherweise kann das auch die Initialzündung geben für eine Renaissance des Arbeiterschachs in Deutschland.

CSULITS: Vielleicht ist das dann tatsächlich ein Anstoß, das Arbeiterschach zu neuem Leben zu erwecken.


Gary Lineker und ein Signore Greco

Wie sagt das doch so schön der Gary Lineker? "Fußball ist ein Spiel mit 22 Leuten, und zuletzt gewinnen immer die Deutschen." Und Schach? Ist ein Spiel mit 32 Steinen, und zuletzt gewinnen immer die Russen. Wenn nicht ausnahmsweise auch hier wieder mal die unvermeidlichen Deutschen nach vorne duseln - unlängst geschehen bei einem Treffen von Arbeiterschach-Veteranen in Serpuchow rund 100 Kilometer südlich von Moskau, wo ein Team aus der Bundesrepublik die reichlich konsternierten russischen Gastgeber mit 4:1 Punkten überrumpelt hat.

Dem Göttinger Manfred Tietze ist dabei ein besonderes Kunststück gelungen: mit einem Läufer-Opfer auf dem Punkt h7 einen furiosen Mattangriff zu starten. Besagter Einschlag in die äußerste Zinne der Rochade-Burg direkt am Brettrand, wo es aus Sicht des belagerten Königs dann nur noch steil nach unten geht, gehört zum klassischen Repertoire des Kombinationsspielers. Schon der große Gioacchino Greco, genannt: "Der Kalabrese", hat in seinem Handbuch von 1619 die Stammpartie zu diesem berühmten Motiv publiziert.

Weiß: G. Greco
Schwarz: X

Handbuch von 1619

Französisch - Unregelmäßig

1.e4 e6 2.d4 Sf6(?) 3. Ld3 Sc6 4.Sf3 Le7 5.h4 0-0(??) 6.e5 Sd5

Bereits nach sieben Zügen ist der schwarze Signore X reif für die Exekution.

7.Lxh7+! Kxh7 8.Sg5+ Kg6

Die Alternativen sind auch nicht erfreulicher:

A.8.... Kh8? 9.Dh5+ Kg8 10.Dh7# ;
B.8.... Kg8 9.Dh5 Lxg5 (I.9.... Te8? 10.Dh7+ Kf8 11.Dh8# ; II.9.... Sf6 10.exf6 Te8 11.Dh7+ Kf8 12.Dh8#) 10.hxg5 f5 11.g6 Dh4 12.Dxh4 ... & 13.Dh7# bzw. 13.Dh8# ;
C.8.... Lxg5 9.hxg5+ Kg6 (9.... Kg8 10.Dh5 f5 11.g6 ... pp.) 10.Dh5+ Kf5 11.Dh3+ Ke4 (11.... Kg6 12.Dh7#) 12.Dd3# ;
D.8.... Kh6 9.Sxf7++ ... & 10.Sxd8 ... und gewinnt.

9.h5+ Kf5

Falls 9.... Kh6, dann 10.Sxf7++ ... & 11.Sxd8 ... und gewinnt.

10.g4# 1:0

386 Jahre nach Greco wandelt weit im Osten der Deutsche Manfred Tietze auf den Spuren des Maestro aus Kalabrien.


Weiß: Manfred Tietze
Schwarz: Boris Kotschetkow

Serpuchow/Russland, Arbeiterschach-Treffen 12. - 15.12.2005

Damenbauernspiel

1.d4 e6 2.Sf3 Sf6 3.e3 d5 4.Ld3 c5 5.c3 Sc6 6.0-0 Ld7 7.Sbd2 Dc7 8.Te1 Le7 9.b3 0-0 10.Lb2 a6 11.h3 b5

Mit seinem Aufmarsch beweist der Nachziehende zu seinem Pech, dass er die unterschwellige Spannung der Position verkennt.

12.dxc5 Lxc5 13.e4 Se5(?)

Lädt zum folgenden Schlagabtausch ein, der den weißen Zentralvorstoß begünstigt.

14.Sxe5 Dxe5 15.Sf3 ...

A tempo.

15.... Dc7 16.e5 Se8




17.Lxh7+!? ...

Nicht ganz korrekt, aber erfolgreich.

17.... Kxh7 18.Sg5+ Kg6

Raus ins Freie: wie der unglückliche schwarze Monarch bei Greco.

19.Dg4 f5 20.Dh4 Le7?

Bessere Chancen hätte Schwarz mit 20.... Sf6! gehabt.

21.Dh7+! ...

Verzichtet auch noch auf den Springer, um freies Schussfeld zu kriegen.

21.... Kxg5 22.f4+! ...

Und auch dieser Bauer gibt sein Leben für das große Ganze.

22.... Kxf4 23.Lc1+ ...


Das Ende naht.

23.... Kg3 24.Dg6+ Kh4 25.Kh2!! ...

Ein sehr schöner stiller Zug, der das Mattnetz zuzieht. Nun droht undeckbar 26.g3# - und die einzige Verteidigung dagegen führt ebenfalls in den Hades.

25.... f4 26.Dg4#

Das ist auch mal nett: Der Schwarze gönnst seinem Gegner den verdienten Triumph und lässt sich sogar matt setzen.

1:0


Das hätte auch einem Greco gefallen.


DR. RENÉ GRALLA, Hamburg



 

 

 

 

 


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