Arkady Dvorkovich: Schach muss sichtbarer werden

von Yannick Pelletier
14.03.2019 – Anlässlich seines Besuchs bei der Mannschaftsweltmeisterschaft in Astana gab es Gelegenheit zu einem Interview mit Arkady Dvorkovich. Der neue FIDE-Präsident berichtet von den Plänen der FIDE hinsichtlich der Weltmeisterschafts-Qualifikation, von der engeren Zusammenarbeit mit der Grand Chess Tour und einigen weiteren Projekten mehr. | Fotos: David Llada

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Ein Interview mit FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich

Zu Beginn der Mannschaftsweltmeisterschaften 2019 in Astana, Kasachstan, hatte FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich ein straffes Programm. Doch Yannick Pelletier, der Pressebeauftragte der FIDE in Astana, bekam ein paar Minuten im engen Terminkalender des FIDE-Präsidenten zugestanden und hatte Gelegenheit für ein kurzes Interview.

Yannick Pelletier: Heute trifft sich das Präsidium der FIDE in Astana. Können Sie verraten, welche wichtigen Entscheidungen debattiert werden?

Arkady Dvorkovich: Natürlich diskutieren wir viele Fragen, aber zwei Dinge möchte ich hervorheben. Erstens, den Beitrag der FIDE zur Entwicklung des Schachs auf kontinentaler und auf nationaler Ebene. Geplant sind Vereinbarungen zur Zusammenarbeit mit den Präsidenten der vier Kontinentalverbände (diese Abkommen wurden später am Abend unterzeichnet – YP). Der zweite Punkt ist nicht weniger wichtig, denn er betrifft den Weltmeisterschaftszyklus. Die Regularien für den WM-Kampf und das Kandidatenturnier werden bald veröffentlicht, und dann können sich potenzielle Ausrichter der WM-Turniere und Wettkämpfe um die Austragung bewerben.

Verträge mit den Kontinentalvertretern

YP: Sie haben sich mit Askar Mamin, dem Premierminister Kasachstans getroffen. Haben Sie mit ihm über die weitere Entwicklung des Schachs in Kasachstan gesprochen?

AD: Ja, Schach wird in Kasachstan zunehmend wichtiger und populärer. Ein kurzfristiges Ziel der Regierung ist es, Schach in allen Schulen als Schulfach einzuführen. Außerdem gibt es in Kasachstan Schachschulen, um die Spitzenspieler zu fördern. Die Frauenmannschaft Kasachstans ist jung, aber schon sehr stark, und sie könnte schon bald in internationalen Wettbewerben beim Kampf um die Spitzenplätze ein ernsthafter Konkurrent sein. Die Herrenmannschaft ist noch nicht ganz so gut, aber da ist noch Raum nach oben.

Und ein Turnier wie die Mannschafts-WM zeigt die organisatorischen Fähigkeiten Kasachstans. Dabei sollte man nicht vergessen, dass die Organisatoren nur einen Monat Zeit hatten, um alles auf die Beine zu stellen, und ich kann bezeugen, dass alles auf höchstem Niveau ablief. Der Schachverband Kasachstans hat ideale Bedingungen geschaffen, um dieses Turnier auszutragen. Das ist ein klares Signal, dass Kasachstan bereit ist, in Zukunft auch andere Turniere zu organisieren.

YP: Können Sie verraten, wie Sie Ihr Wissen über Wirtschaft und Management und die politischen Erfahrungen, die Sie in der russischen Regierung gemacht haben, zugunsten der FIDE nutzen?

AD: Die Idee, als FIDE-Präsident zu kandidieren, beruhte zu einem gewissen Grad auch auf der Überlegung, dass ich meine Fähigkeiten und Kontakte nutzen könnte, um die Lage der FIDE zu verbessern. Und genau das macht unser Team jetzt. Wir verfolgen Möglichkeiten, die es zuvor nicht gegeben hat. Ich treffe mich mit einflussreichen Geschäftsleuten und Staatenlenkern und weise mit Nachdruck auf unsere Ziele hin, die FIDE zu verbessern und Schach populärer zu machen. Wir haben die Pflicht, ihnen zu erklären, wie Schach als Lernmittel eingesetzt werden kann, um die intellektuellen Talente ihrer Länder zu fördern. Bislang funktioniert das, die Leute sind offen. Schritt für Schritt bringt das dem Schach mehr Aufmerksamkeit und Ressourcen.

Ich nutze meine Erfahrungen als Manager auch dafür, eine neue Struktur innerhalb der FIDE zu schaffen und die Beziehungen zwischen den nationalen und den Kontinentalverbänden zu erneuern. Es ist wichtig, Teams mit besonderen Fähigkeiten zu schaffen, die entscheidend dazu beitragen können, FIDE zur treibenden Kraft für die Entwicklung des Schachs in der ganzen Welt zu machen.

YP: Sie haben die Offenheit potenzieller Partner erwähnt, mit denen Sie im Gespräch sind. Hat das schon zu konkreten Ergebnissen in Bezug auf Sponsoren geführt?

AD: Ja, tatsächlich haben wir bereits Zusagen für die Unterstützung einiger Turniere bekommen. Zum Beispiel fanden die Blitz- und Schnellschachweltmeisterschaften in St. Petersburg unter der Schirmherrschaft von König Salman statt, aber darüber hinaus gab es noch weitere Sponsoren. Das hilft auch den Finanzen der FIDE, denn so wird das Budget, das die FIDE aufbringen muss, indirekt kleiner. Und jetzt erhält die FIDE auch direkt Unterstützung von der Russischen Bahn.

YP: Wie werden diese Gelder in der FIDE genutzt?

AD: Der Großteil dieser Gelder wird wieder in das Schach reinvestiert werden. Ein großer Teil unseres Drei-Millionen-Euro Budgets wird für Entwicklungszwecke genutzt werden und fließt direkt in Projekte der nationalen und der Kontinentalverbände, wie z.B. Schach in Schulen. Ein Teil werden wir auch für die Ausbildung von Trainern und Organisatoren und für Schachschulen verwenden. Geld, das wir durch die Turniere bekommen, nutzen wir, um die laufenden Aktivitäten der FIDE zu finanzieren.

Der neue FIDE-Präsident macht den Eröffnungszug

YP: Der Modus des Weltmeisterschaftszyklus wurde in ein paar Punkten geändert. Was ändert sich dadurch?

AD: Zunächst einmal machen wir unsere Turniere sichtbarer. Die neue “Grand Swiss” Turnierserie wird spektakulär und attraktiv sein. Diese Turnierserie gibt jungen und talentierten Spielern, die es noch nicht geschafft haben, in die Top 10 vorzudringen, die Möglichkeit, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren. Und sie gibt allen Teilnehmern die Möglichkeit, sich direkt mit Weltklassespielern zu messen und besser zu werden. Außerdem haben wir die Grand Prix Serie reformiert. Zum ersten Mal werden Turniere nach K.-o.-System ausgetragen, wie im Tennis. Wir glauben, dieses neue Format weckt das Interesse von Sponsoren und Medien. Alle Teilnehmer werden motiviert sein, beim Kampf um Qualifikationsplätze, Preise und Punkte in der Gesamtwertung bis zum Ende ihr Bestes zu geben.

Wichtig ist auch das Rahmenprogramm bei diesen Turnieren. Schon bei den Blitz- und Schnellschachweltmeisterschaften in St. Petersburg, aber auch hier in Astana, haben wir Wert darauf gelegt, mit den Organisatoren vor Ort zusammenzuarbeiten, um ein schönes Rahmenprogramm mit Simultanveranstaltungen, Turnieren für Kinder, Blitz, etc. auf die Beine zu stellen. Ich halte es für sehr wichtig, dass ein Topturnier sich für Schachspieler und Schachfans aller Spielstärken öffnet. Das verbessert das Image des Schachs und sorgt für Aufmerksamkeit.

YP: Eine letzte Frage in Bezug auf den Weltmeisterschaftszyklus. Geschickt hat sie mir Leonard Barden, der langjährige Schachkolumnist der renommierten englischen Zeitung The Guardian: Was wurde getan, um gute Beziehungen zu Rex Sinquefield und Garry Kasparov aufzubauen, denn offensichtlich könnte ein Einverständnis mit ihnen sehr gut für das Schach sein?

AD: Ich habe Rex Sinquefield das erste Mal bei der Eröffnungsfeier des WM-Kampfs in London getroffen, und unsere kurze Unterhaltung verlief sehr freundlich. Mein Kollege Emil Sutovsky steht im engen und intensivem Kontakt mit Sinquefields Team, das für die Grand Chess Tour verantwortlich ist, unter anderem Garry Kasparov, um den Zeitplan für die verschiedenen Turniere zu koordinieren. Die Grand Chess Tour organisiert dieses Jahr mehr Turniere als zuvor, das macht Absprachen über den WM-Zyklus sehr wichtig. Die Termine für die Turniere 2019 stehen jetzt fest, und wir haben es geschafft, dass die wichtigsten Turniere zeitlich nicht miteinander kollidieren. Vom November einmal abgesehen, da ließ sich das leider nicht anders machen. Aber die reibungslose Zusammenarbeit mit den Organisatoren der Grand Chess Tour hat geholfen, die negativen Folgen für die Spieler so gering wie möglich zu halten. Die Teilnehmer an den Turnieren in beiden Zyklen gerecht aufzuteilen, war grundlegend und wichtig. Doch jetzt sind beide Seiten zufrieden und arbeiten weiter effektiv. FIDE setzt große Hoffnungen in die nächste Weltmeisterschaft, und ich hoffe, dass wir viele Angebote aus vielen Ländern bekommen werden.

YP: Vielen Dank für das Interview.

Übersetzung aus dem Englischen: Johannes Fischer




Yannick wurde in Biel (Schweiz) geboren und lernte Schach im Alter von 7 Jahren. Er gewann die U16-Meisterschaft 1991 und wurde der erste in der Schweiz geborene Großmeister 2000. Er gewann 5 Mal die Schweizer Meisterschaft (1995, 2000, 2002, 2010, 2014) und ist der derzeitige Turnierdirektor des renommierten Bieler Schachfestivals. Yannick Pelletier spricht 6 Sprachen und ist ein populärer Schachkommentator. U.a hat er die "Zürich Chess Challenge" und das Aljechin Memorial 2013 als Kommentator begleitet.
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