Arthur Fischer (1942-2021): Frankfurter, Sozialforscher, Schachsponsor – Ein Nachruf

von Johannes Fischer
26.01.2021 – Arthur Fischer war angesehener Sozial- und Marktforscher und engagierter Förderer des Schachs. Er war großzügig, ehrgeizig, hochintelligent, ein loyaler Freund, streitbar und beruflich erfolgreich, aber er blieb von Schicksalsschlägen nicht verschont. Letzte Woche starb Arthur Fischer am 21.01.2021 in einem Frankfurter Pflegeheim. Ein Rückblick auf die Laufbahn eines leidenschaftlichen Schachmäzens. | Fotos: Privatarchiv Hans D. Post

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Arthur Fischer (1942-2021)

"Ich bin in Frankfurt geboren und lebe dort, aber eigentlich komme ich aus Bornheim – einem Stadtteil Frankfurts. Ich bin Europäer, ich bin Deutscher, ich bin Frankfurter, aber im Herzen bin ich Bornheimer", erklärte Arthur Fischer 2018 in einem Interview mit der Schachzeitschrift Karl ("Ich wollte, dass in Frankfurt eine Schachkultur entsteht", Karl 02/2018, S. 44-50. Alle folgenden Zitate stammen ebenfalls aus diesem Interview).

Geboren wurde Fischer Ende 1942 während des Zweiten Weltkriegs. Er wuchs in schwierigen Verhältnissen auf.

Meine Eltern haben sich früh scheiden lassen, mein Vater war schlimmer Alkoholiker. Allerdings mussten meine Mutter und mein Vater auch nach der Scheidung noch eine Zeitlang in der gleichen Wohnung leben, denn meine Mutter konnte nicht wegziehen, da sie als Verkäuferin einfach ein zu geringes Einkommen hatte. ... So hat mein Vater dafür gesorgt, dass ich schon früh ein ziemlich unregelmäßiges Leben geführt habe. Er kam jeden Morgen gegen zwei, drei oder vier betrunken nach Hause, ging auf sein Zimmer und fing kurz darauf an zu singen. Nicht gut, aber laut, und davon bin ich wach geworden.

Trotz aller Schwierigkeiten macht Fischer mit Hilfe von Stipendien Abitur und studiert anschließend in Frankfurt Psychologie.

Arthur Fischer 1967

Nach dem Studium gründet er die Marktforschungsfirma Psydata, mit der er 1981 für Aufsehen sorgt: Im Auftrag des Ölkonzerns Shell veröffentlicht Fischer die sogenannte Shell-Jugendstudie, die einen von ihm konzipierten neuen Ansatz der Sozialforschung verfolgte und für weitere Jugendstudien und Nachahmer sorgte.

Durch den Erfolg der Psydata kann Fischer seiner Leidenschaft für das Schach nachgehen, das er sich mit zehn Jahren selber beigebracht hatte.

Da ich immer mit großer Begeisterung mit meiner Oma Mühle gespielt habe, bekam ich einmal eine Spielesammlung geschenkt, und in dieser Spielesammlung gab es Mühle, Dame und Schach. Schach konnte ich nicht, aber ich habe mir die Regeln durchgelesen und das Spiel schließlich gelernt. Ich war fasziniert, denn das war eine Sportart, bei der man sich wenig bewegen musste.

Durch Zufall stößt Fischer in Frankfurt auf eine Anzeige, in der die Schachabteilung der Frankfurter Turngemeinschaft (FTG) neue Mitglieder sucht. Die Schachabteilung dieses großen Frankfurter Sportvereins hatte damals nur vier Mitglieder und spielte im Schachleben Frankfurts keine Rolle, aber Fischer sieht in dem Verein eine Möglichkeit, das Schach in Frankfurt zu fördern:

Ich schmiedete damals schon den Plan, in die Bundesliga zu kommen. ... [Aber] ich wusste auch, dass die guten Schachspieler nicht kommen, weil ich so einen schönen Namen habe. [...] Geld muss fließen. Hier verfiel ich auf ein ungewöhnliches Finanzierungsmodell: Ich wollte, dass die Leute zu Turnieren fahren und besser werden, und sorgte deshalb dafür, dass der Verein die Hälfte der Turnierkosten übernahm. Jedes Vereinsmitglied aus jeder Mannschaft konnte jedes Turnier mitspielen und der Verein – das heißt ich – erstattete die Hälfte der Kosten. Ich wollte etwas Neues ausprobieren und wollte einen Verein, der dem Frankfurter Schach Impulse gibt. [...] Ich wollte, dass in Frankfurt so etwas wie eine Schachkultur entsteht.

Anfangs scheint der Plan aufzugehen. Immer mehr Spieler kommen zur FTG und in der Saison 1990/1991 spielt die erste Mannschaft tatsächlich in der 1. Bundesliga. An den Spitzenbrettern spielen Alexander Khalifman, Eric Lobron, Lev Gutman und Raj Tischbierek.

Doch Fischer unterstützt nicht nur die Mannschaft der FTG, sondern organisiert auch, internationale Turniere in Frankfurt.

Das letzte internationale Turnier in Frankfurt ... wurde 1930 gespielt. Mein Traum war, irgendwann einmal jedes Jahr ein Großmeisterturnier in Frankfurt stattfinden zu lassen. Das erste FTG-Turnier fand 1988 statt ... nach Elo-Schnitt war es ein Turnier der Kategorie 2. ... Ein Jahr später erreichten wir schon Kategorie 4 mit einem Elo-Schnitt von 2343. ... Das dritte, stärkste und letzte Turnier folgte dann 1990. Wieder waren 14 Teilnehmer dabei, aber mit einem Schnitt von 2412 Elo kamen wir bereits auf Kategorie 7.

Arthur Fischer und Wolfgang Uhlmann, Frankfurt 1990

Doch 1992 kommt es zur Krise und all das, was sich Fischer mit der Psydata und der Förderung des Schachs aufgebaut hatte, wird in kurzer Zeit zerstört:

Alles lief gut, die FTG hatte sieben Mannschaften, die erste Mannschaft spielte schon die zweite Saison in der Ersten Bundesliga und die zweite Mannschaft in der Zweiten Liga. Aber die Schachabteilung war eine One-Man-Show, und das war nicht gut.

Die Nachteile der "One-Man-Show" zeigen sich, als der Psydata wichtige Kunden weg brechen und die Firma in eine "finanzielle Schieflage" gerät. Zudem wird bei Arthur Fischer 1992 Diabetes diagnostiziert und während eines dreiwöchigen Krankenhausaufenthalts beschließt er, die Förderung des Schachs vollkommen einzustellen. Seine Bilanz fällt ernüchternd aus:

Was das Schach in Frankfurt oder in der Bundesliga betrifft, so ist von der FTG nichts geblieben. Es floss kein Geld mehr, die Leute sind gegangen und Vieles fiel auseinander. Die erste Mannschaft hat sich aus der Ersten Liga zurückgezogen und die FTG ist dann noch aus der Zweiten Liga abgestiegen.

Wenig später geht der Psydata das Geld aus und Fischer muss Konkurs anmelden.

Ich war wieder bei Null: Ich war zuckerkrank, die Psydata war Pleite gegangen und ich hatte all mein Geld verloren. Denn das Vermögen, das ich im Laufe der Jahre ansammeln konnte, hatte ich für den Bankkredit der Psydata verpfändet. Es war von heute auf morgen weg. Doch ich habe das sehr gelassen hingenommen. Ich habe mir gedacht, erst kommen die fetten Jahre, dann die mageren. Den Zustand, kein Geld zu haben, kannte ich aus meiner Kindheit.

Mit Hilfen von Freunden kommt Fischer finanziell bald wieder auf die Beine. Er unterrichtet an der Universität und ist angesehener Fachmann für die Auswertung statistischer Analysen.

Schach genießt er mit Hilfe seiner umfangreichen Bibliothek, aber er selber spielt nur noch selten. In dem 2018 mit dem Karl geführten Interview berichtete Fischer noch von seinen Plänen, sich "intensiv mit der Lyrik von Gottfried Benn und Bertolt Brecht" zu beschäftigen. Doch dazu kommt er nicht mehr. Im September 2020 wird er mit Anzeichen von Demenz in ein Frankfurter Pflegeheim eingeliefert, wo er am 21.01.2021 gestorben ist.

Karl 02/2018...


Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".

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Chessstef Chessstef 05.03.2021 07:26
Lieber Johannes Fischer,

ich bedanke mich ganz herzlich für diesen einfühlsamen Nachruf!

Als ich 1980 das erste mal mit 14 Jahren zum Vereinsabend der FTG kam, war ich wohl etwas früh dran, denn nur Arthur war anwesend, und ich schlug ihm keck eine Partie vor. Was folgte war eine fachgerechte Zerlegung meinerseits, obwohl ich doch stolz meine frisch memorierte Variante des geschlossenen Spaniers auf’s Brett bringen konnte. Auch deutlich stärkere Spieler haben mich danach nicht so in die Schranken verwiesen wie Arthur an diesem Abend. Ich habe dann für ein paar Jahre in der zweiten Mannschaft gespielt und Arthur ist mir bis heute mit seinem herzlich-bissigen Humor und seiner großzügigen Art in wärmster Erinnerung geblieben.
Das letzte Mal begegnet sind wir uns Anfang der 90er Jahre bei einem Erstligamannschaftskampf dem ich als Zuschauer beiwohnte. Arthur hatte mich bereits ausgiebig mit seinem intelligenten Charme, der keinen Widerspruch duldete, bearbeitet, um mich aus meinem schachlichen Ruhestand wieder zur FTG zurückzuholen. Ich erinnere mich noch gut an eine Säule inmitten des Spielsaales, die in meiner Erinnerung der Stärke einer zweihundertjährigen Buche entsprach. Als ich diese rechts passieren wollte um zu den Spieltischen zu gelangen, sah ich gerade noch aus dem Augenwinkel wie Arthur im Begriff war, mir den Weg abzuschneiden um mich, wie ich annahm, noch ein bisschen „weich zu klopfen“. Kurzentschlossen machte ich auf dem Absatz kehrt um mich vermeintlich geschickt links von der Säule an ihm vorbeizuschleichen. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne den vielzitierten Wirt gemacht. Er hatte mein bescheidenes Manöver sofort durchschaut und ebenfalls auf dem Absatz kehrt gemacht, so dass ich ihm unweigerlich direkt in die Arme lief. Sein Kommentar, unterlegt mit seinem typischen Grinsen: „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du mich mit so billigen Tricks auf‘s Kreuz legen kannst“. Ich werde ihn vermissen!
Dirktrol Dirktrol 28.01.2021 07:27
Ich habe Arthur auch als einen sehr sympathischen, offenen und freundlichen Menschen kennengelernt und bin traurig, dass er von uns gegangen ist. War er nicht auch ein starker Fernschschachspieler?
Boeser Wolf Boeser Wolf 28.01.2021 10:10
Ich bin traurig und erschüttert. Auch wenn ich seit gut 20 Jahren nicht mehr aktiv bin habe ich Arthur nie vergessen. War selbst 3 Jahre bei der FTG. Arthur war weit mehr als ein Sponsor oder Mäzen. Er war vor allem ein feiner Mensch, der nie mit seiner Meinung hinter dem Berg hielt, einen ausgesprochenen Sinn für (teils auch schrägen) Humor hatte und für so ziemlich alles ein offenes Ohr. Trotz seiner damaligen finanziellen Situation hat er nie den reichen Boss heraushängen lassen, sondern war stets ein geerdeter, freundlicher, hilfsbereiter Zeitgenosse. Ein echter Bernemer.
GoldeneKlobasa GoldeneKlobasa 27.01.2021 05:20
Eine sehr traurige Nachricht. Ich spielte zuletzt 2013 eine Partie gegen Arthur. Ein feiner Mensch, der da geht. Mein Beileid den Angehörigen!
DoktorM DoktorM 27.01.2021 02:27
In den Schachmedien wird viel zu selten ein Rückblick - auf lokale Entwicklungen - gemacht. Doch es lohnt sich. Wie man an diesem Bericht sieht. Ob ich Herrn Fischer in den 80ern/90ern live begegnet bin? Das kann gut sein. Aber eine Erinnerung habe ich daran nicht.
Pamela An. Pamela An. 26.01.2021 06:16
Ein wirklich schöner Bericht resp. Nachruf. Danke dafür!
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