Ashot Parvanyans Debakel im Königsinder

von Thorsten Cmiel
13.11.2020 – Ashot Parvanyan ist hinter Vincent Keymer und Luis Engel die Nummer drei der deutschen Juniorenrangliste. Beim Tegernsee Masters belegte er allerdings nur den letzten Platz. Er hätte besser abschneiden können, wenn er nicht mit seiner Hauptwaffe gegen 1.d4, der Königsindischen Verteidigung, so gründlich Schiffbruch erlitten hätte. Was lief da schief? Thorsten Cmiel versucht es zu ergründen

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Ashot Parvanyans Debakel im Königsinder

Beim kürzlich abgedrehten Tegernsee Masters 2020 musste Ashot Parvanyan, Nr.3 der deutschen Juniorenrangliste, bei seiner Hauptwaffe gegen geschlossene Eröffnungen fünfmal hinter sich greifen. Was ist passiert? Lag es an der Eröffnung, oder waren die Gegner zu stark? Einige ungefragte Überlegungen.

Eine spielstarke Engine anschmeißen und in einer Datenbank stöbern, um damit die scheinbare „Wahrheit“ zu ergründen ist ein erster Schritt. Aber das ist deutlich zu wenig, wenn man sich verbessern will. Wichtiger ist es, Schlüsse aus den gefundenen Erkenntnissen zu ziehen. Aber wie soll man dabei vorgehen? Es folgt ein kleine Methodik zur Selbstanalyse. Für unsere Überlegungen nutzen wir die neuesten Partien des deutschen Talents aus dem Norden.

Bei der einen Monat zuvor gespielten Deutschen Meisterschaft 2020 war Ashot Parvanyan als guter Fünfter durch das Ziel gegangen und hatte zu Beginn sogar das Feld angeführt. Er ist nach Luis Engel (2002) und Vincent Keymer (2004) aktuell die deutsche Nummer 3 im Juniorenbereich aus dem Jahrgang 2001 und bereits Internationaler Meister.

Die Aufgabe für Ashot

Das Turnier in Bayern war ein geschlossenes Turnier, in zweierlei Hinsicht. Von den 48 gespielten Partien begannen nur vier Partien mit dem Königsbauern. Die Vorliebe für die Eröffnungszüge 1.d4, 1.c4 und 1.Sf3 der Spieler war natürlich vorher bekannt. Es kam also auf die Vorbereitung gegen geschlossene Spieleröffnungen an. Zum Vergleich: Beim diesjährigen German Masters waren 1.e4 und 1.d4 gleichberechtigt vertreten. Bei der zeitgleichen Deutschen Meisterschaft dominierte der Königsbauer sogar das Geschehen.

Ashot setzte bei diesem Turnier auf genau eine Eröffnung, seine Hauptwaffe: Königsindisch. Dabei hatte er schon bei der deutschen Meisterschaft zuletzt zwei Niederlagen mit dieser Struktur hinnehmen müssen (gegen Alexander Graf gegen eine englische Struktur und Julius Muckle).

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Schwarz beim Tegernsee Masters 2020

Ashot war der einzige Spieler, der in Bayern neun Partien spielte. Das war die Folge des quarantänebedingten Ausscheidens von Vincent Keymer nach der ersten Runde in der Ashot mit den schwarzen Steinen gegen das deutsche Ausnahmetalent antrat. Die Auslosung hatte ergeben, dass bei Ashot eine weitere Schwarzpartie gegen den Italiener Pier Luigi Basso folgte. Kein einfacher Start also in das mit Abstand am stärksten besetzte Turnier, das Ashot bisher mitspielen durfte. In Runde 4 folgte eine weitere Schwarzpartie gegen den tschechischen Großmeister Nguyen, ebenfalls Jahrgang 2001. In Runde 6 war Matthias Bluebaum der Gegner und in der Vorschlussrunde folgte der belgische Jungstar Daniel Dardha, Jahrgang 2005. Zwischendurch, in Runde 5, spielte Ashot gegen Liviu-Dieter Nisipeanu, diesmal als Weißer gegen Königsindisch. Die Ausbeute für Ashot im Königsinder lag am Ende bei Null aus 6.

Königsinder

Die Königsindische Verteidigung ist im Spitzenschach ein eher seltener Gast. Die meisten Spieler der zweiten Reihe (sagen wir ab 2700) setzen auf diese kämpferische Struktur vor allem, wenn sie einen vollblütigen Kampf gegen schwächere Spieler wünschen. Daher ist die Königsindische Verteidigung in Open-Turnieren öfter zu sehen als in geschlossenen Wettbewerben. Als einzige Waffe setzt in der erweiterten Weltspitze kaum jemand noch auf Königsindisch – selbst Gawain Jones stellte sein Repertoire zuletzt um. Das fehlende Engagement der Topspieler in dieser Eröffnung mag mehrere Gründe haben, über die hier nur kurz spekuliert werden soll: Moderne Engines mögen die zunächst kampflose Aufgabe des Zentrums nicht – es sollte daher nicht verwundern, wenn manche Engines nach 1.d4 d6 2.Sf3 den Zug 2...d5 vorschlagen. Zudem, und das ist sicher das gewichtigere Argument, stehen Weiß mehrere gute Bekämpfungsmethoden zur Verfügung – einige sehen wir später bei unserer Auswahl.

Neben Ashot und Nisipeanu spielte der Brasilianer Alexander Frier zweimal den Königsinder und holte einen halben Punkt. Die Gesamtausbeute am Tegernsee aus schwarzer Sicht lag bei anderthalb Punkten aus acht Partien. In den meisten Partien waren aus der Eröffnung heraus bereits die Weichen für Schwierigkeiten des Nachziehenden gestellt.

Die Partien

Zur Bewertung der Eröffnungsduelle wollen wir zunächst die Partien ab dem zwanzigsten Zug von Schwarz genauer anschauen. Das garantiert in der Regel eine noch recht junge Phase im Mittelspiel. Wie ist Ashot bis zu diesem Zeitpunkt aus der Eröffnung gekommen? Hinweis: Der zwanzigste Zug ist ein zufällige, aber begründete Wahl gewesen. Genauso hätte man den 19. oder 21. Zug wählen können. Bei offenen Spielen kommt ein etwas früherer Moment für solch eine Betrachtung in Frage, da hierbei der „Feindkontakt“ früher zu erwarten ist.

Zunächst werten wir die Meinung zweier spielstarker Engines nach dem zwanzigsten Zug von Schwarz aus. Hier die Zusammenfassung vorab: In drei seiner fünf Schwarzpartien hatte der Schwarzspieler zu diesem Zeitpunkt bereits eine klar schlechtere (Bluebaum) oder gar aus Rechnersicht bereits verlorene Position (Keymer, Nguyen). Gegen Basso war die Kompensation knapp, aber greifbar. Nur gegen Dardha sah der Rechner zu diesem Zeitpunkt Ashot etwas im Plus, wobei der neue Zug von Weiß im 19. Zug erfolgte. Die Weißpartie gegen Liviu-Dieter Nisipeanu sah ebenfalls zu Beginn deutlich besser für Weiß aus.

Keymer – Parvanyan

Gegen Vincent hatte Ashot die klar schlechteren Chancen, aber Vincent versäumte seine Entwicklung konsequent abzuschließen. Ashot erreichte dann nach einer weiteren Ungenauigkeit etwa gleiche Chancen, verlor dann jedoch bei einigen taktischen Verwicklungen den Überblick und verlor klar.

 

Basso – Parvanyan

Gegen Pier Luigi Basso wählte der Italiener seine Hauptfortsetzung. Ashot setzte auf Kompensation für einen geopferten Bauern. Es sah lange Zeit so aus, als könne der deutsche Spieler die Partie ausgeglichen gestalten, aber dann folgte eine Unaufmerksamkeit im 27. Zug und die Partie war verloren, eigentlich. Nach einer weiteren Ungenauigkeit entstand ein Turmendspiel mit beiderseits Freibauern und der Italiener gewann überraschend klar.

 

Nguyen – Parvanyan

Nguyen-Parvanyan

In seiner nächsten Begegnung mit den schwarzen Steinen hatte es Ashot mit dem tschechischen Großmeister Thai Dai Van Nguyen zu tun. Wie in den Partie gegen Vincent spielte in dieser Partie das Thema Königssicherheit eine wichtige Rolle. Vermutlich gab es schnellere Gewinnmöglichkeiten für Ashots Gegner. Am Ende gab es noch einen kleinen Theorietest, den der Großmeister ohne Probleme absolvierte.

 

Bluebaum – Parvanyan

Gegen Matthias Bluebaum ging es nach dem zwanzigsten Zug plötzlich ganz schnell. Der deutsche Spitzen-Großmeister konnte recht früh eincashen. Interessanterweise gab die Datenbank (Mega 2020) wenig her, um zu erahnen, welche Variante auf den Tisch kommen würde. Ähnlich ging es Ashot vermutlich bei seiner Vorbereitung gegen Vincent.

 

Dardha - Parvanyan

Gegen Daniel Dardha stand das Brett im zwanzigsten Zug bereits in Flammen. Wie sich herausstellte, folgten beide Spieler bis zum 19. Zug Vorbildern. Es folgten beidseitig in verwickelter Stellung einige Ungenauigkeiten. Erneut hatte Ashot letztlich das schlechtere Ende in der Hand.

 

Parvanyan – Nisipeanu

Als Bonus betrachten wir die sechste Königsindisch-Partie von Ashot. Im zwanzigsten Zug stand der jüngere Spieler noch besser. Kurz zuvor hatte er sogar die Chance auf Mehr gehabt. Ashot unterschätzte offenbar die strategische Bedeutung eines Blockadespringers und verlor später.

 

Alle Partien komplett, mit Theoriehinweisen

 

 




Thorsten Cmiel ist Fide-Meister lebt in Köln und Milano und arbeitet als freier Finanzjournalist.
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blitzky blitzky 16.11.2020 01:36
Muss hier wirklich das Eröffnungsrepertoire junger Spieler derart breitgetreten und kritisiert werden? Das ist Aufgabe der Trainer, nicht der Medien oder anderer selbsternannter oder tatsächlicher Experten. Mit einer Ausnahme waren alle Gegner deutlich besser klassiert. Wer in jungen Jahren trotzdem auch mit Schwarz den Kampf sucht, wird zunächst oft verlieren, aber dem muss nicht so bleiben. Einmal bei 2600+ angekommen kann man noch lange genug Damengambit und Berliner üben.
dp05 dp05 14.11.2020 10:57
Wie einer der größten KI Experten zu sagen pflegt: Der Fehler liegt immer am Anfang. KI ist bis Niveau 2650 locker spielbar, wenn man was von der Eröffnung versteht. Der Zug 20 hat wenig mit der Eröffnung zu tun, da bis dahin schon meist viele ungünstige Entscheidungen getroffen wurden. Also passt die Überschrift nicht zum Artikel. 5 Daumen nach unten....
siocat siocat 14.11.2020 09:56
Noch besser abschneiden? Beim letzten Platz?
Kevin23121989 Kevin23121989 13.11.2020 10:09
Ich finde auch die Überschrift zumindest hochgradig unglücklich gewählt. Einen solch sympathischen und talentierten, jungen deutschen Schachspieler mit "Debakel" so assoziieren, das muss doch nicht sein, oder? Zumal der Autor ja selbst festhält, dass auch andere mit dem Königsinder nicht viel besser gefahren sind.
Ich jedenfalls fände es weniger lustig, dass wenn man meinen Namen via Google sucht, dieser Artikel einer der ersten Treffer wäre. Auch im Hinblick auf eine Karriere neben oder nach dem Schach. Bitte ändert das doch.
DoktorM DoktorM 13.11.2020 09:53
"Noch besser abschneiden" klingt merkwürdig (und ist es auch), wenn der letzte Platz erreicht worden ist.
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