Asiens Tiger erobern das Westschach

17.02.2011 – Gemeinhin wird angenommen, dass Indien der Ursprung unseres heutigen Schachs ist. In Peking glaubt man allerdings, dass Schach viel älter ist und seinen Ursprung nach der Schlacht von Gaixia 202 v. Chr. in China nahm. Das Han-Volk triumphierte in der Provinz Anhui über die Chu und gewann die Herrschaft über China. Seitdem wird die historisch bedeutsame Schlacht im XianQi-Spiel nachgestellt, der chinesischen Version des Schachs. In Vietnam wurde ist das als  Cò Tuóng bekannt. Während im Westen das Schach  meist nur von Speizialisten geübt wird, ist XianQi bzw. Cò Tuóng in Ostasien viel populärer und wird dort an jeder Straßenecke gespielt. Wer das Schach aber auf der Straße gelernt hat, dem fällt der Erfolg in den westlichen Turniersälen fast automatisch zu, glaubt Asienschachexperte Dr. René Gralla. Zum Artikel...

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Die Vietnamesen kommen - GM Lê Quang Liêm hat beim Aeroflot-Open 2011 seinen Titelgewinn vom Vorjahr wiederholt


DAS GEHEIMNIS VON TÊT - WAS ASIENS JUNGE TIGER SO STARK MACHT
Text: Dr. René Gralla
Fotoproduktion: Daniel Blank

Der junge Tiger hat wieder zugeschlagen. Nach seinem Überraschungserfolg im Vorjahr hat der 20-jährige Großmeister Lê Quang Liêm aus Ho-Chi-Minh-Stadt (früher: Saigon) jetzt auch das Aeroflot-Open 2011 gewonnen. Und damit eine Offensive fortgesetzt, die aus Vietnam eröffnet worden ist: Im Anschluss an Liêms Sensationssieg in Moskau 2010 sah nämlich auch das Finale des Dortmunder Sparkassen Chess-Meetings wenige Monate später den Rising Star Lê Quang Liêm sensationell als Zweiten durchs Ziel gehen. Während in Biel 2010 vom fast gleichaltrigen Landsmann Nguyen Ngoc Truong Son der Turniersieg nach einem Blitz-Tie-Break gegen Italiens Supermann Fabiano Caruano bloß haarscharf verpasst wurde.

Die Asiaten kommen. Lê Quang Liêm und Nguyen Ngoc Truong Son gehören zu einer neuen Generation von Profis, die in den Zukunftsnationen Vietnam und China aufgewachsen sind und die keinen Respekt zeigen vor der etablierten FIDE-Prominenz - man denke nur an Pekings Hou Yifan, mit 16 Jahren die jüngste Weltmeisterin der Schachgeschichte.

Woher kriegen die Newcomer ihre Power und ihren Biss? Vielleicht daher: Eine aggressive Version des Schachspiels, die in China und Vietnam unter den Namen "XiangQi" beziehungsweise "Cò Tuóng" bekannt ist und nach leicht abgewandelten Regeln vorzugsweise auf Bürgersteigen und in Parks gepflegt wird, erfülle auf dem Sektor des Denksports die gleiche Funktion, die in Sachen Fußball dem Streetsoccer in Südamerika zukomme. Die Kids im Barrio kicken sich auf Sand und Asphalt fit für die Champions League, und Asiens Hoffnungsträger kombinieren sich im Straßenschach "XiangQi" aka "Cò Tuóng" fit für den Turnierzirkus der FIDE.

Die Vitalität und Volksnähe der Schachkultur in Fernost können ausländische Besucher aktuell am Musterfall Vietnam studieren. In diesen Wochen nach dem Neujahrsfest Têt am 3. Februar 2011 - mit dem, während die Chinesen vom "Jahr des Hasen" sprechen, aus Sicht der Vietnamesen das "Jahr der Katze" begonnen hat - inszenieren bunt kostümierte Akteure vor begeisterten Zuschauern spektakuläres Open Air-Schach als Massenunterhaltung.


Das Spiel des Generals

Grün bewaldet sind die Hänge, in der Talsohle ein Wanderweg, der zu einem stillen Tempel führt. Ein Ort der Einkehr, würde da nicht diese irritierend helle Fläche das Licht der Frühlingssonne reflektieren: ein unromantisch exaktes Rechteck in den Abmessungen eines Fußballplatzes, über den sich runde Steine groß wie Lastwagenräder verteilen.

Ein Platz zum Spielen ist das offenbar, allerdings geht es hier weniger um körperliche Betätigung, obwohl unbestreitbar ein gewisser Krafteinsatz erforderlich ist, um die Riesenscheiben zu bewegen. Vielmehr ist die Anlage bei Dali in der chinesischen Provinz Yunnan einem Denksport geweiht, der auf Mandarin "XiangQi" heißt, während ihn die Menschen weiter südlich in Vietnam "Cò Tuóng" nennen.



"XiangQi" oder "Cò Tuóng", im Grunde ist das jedoch nichts anderes als Schach. Und offenbar genießt die symbolische Jagd auf den König in der östlichen Hemisphäre eine derart hohe Wertschätzung, dass man sie mit gigantischen Denkmälern mitten in der Landschaft feiert. Wie wichtig besagtes "XiangQi", übersetzt: "Das Elefantenspiel", respektive "Cò Tuóng" (sinngemäß: "Spiel des Generals" ) sogar in Regierungskanzleien genommen werden, das erfuhr im April 2010 eine deutsche Sportauswahl, die mit den Frontleuten Elisabeth Pähtz, Dr. Robert Hübner und Jan Gustafsson zu einem Länderkampf nach Hanoi flog. Der freundschaftliche Vergleich wurde ausgetragen im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten anlässlich des 35. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Vietnam. Und um den für die bilateralen Beziehungen eminent wichtigen Anlass zu würdigen, durften die Gäste aus dem Westen nicht bloß ihr übliches FIDE-zertifiziertes Programm abspulen, sondern sie mussten sich auf ausdrücklichen Wunsch der Vietnamesen an einem Brett auch in der regionalen Spezialvariante Cò Tuóng (!) messen.

Ein ungewöhnlicher Job, den am Ende Dr. Hübner mutig annahm. Was bis dato allein Insider wussten: Der Ausnahmesportler war für diese Herausforderung prädestiniert gewesen wie kein Zweiter. Der promovierte Papyrologe hatte nämlich schon am 22. Februar 1989 in Hamburg ein Asienschach-Duell gegen Chinas Champ der Champs Hu Ronghua ausgefochten.




Damit nicht genug: Im April 1993 reiste Dr. Hübner zu Welttitelkämpfen nach Peking und schaffte im ersten Anlauf einen respektablen Mittelplatz.





Ein viel versprechendes Debüt, dem indes eine längere Auszeit folgte - bis zum unerwarteten Comeback in Hanoi 2010. Dass die Kombination aus Normaloschach und "Spiel des Generals" in Hanoi 2010 mehr war als ein folkloristischer Farbtupfer - und aus Sicht der Gastgeber geradezu zwingend - , das hat sich mancher Langnase, allen voran Bundestrainer Uwe Bönsch, freilich erst nach ausführlichem Briefing erschlossen (im Interview nachzulesen bei ChessBase : http://de.chessbase.com/Home/TabId/176/PostId/310243 ).

Tatsächlich gehören XiangQi & Cò Tuóng zur großen Schachfamilie und ähneln der hierzulande handelsüblichen Standardform. Die beiden wichtigen asiatischen Einheiten "Wagen" und "Pferd" sind beinahe 1:1-Repliken des klassischen Gespanns "Turm" und "Springer", und auch nach chinesisch-vietnamesischem Spielverständnis muss eine Zentralfigur, die allerdings "General" statt "König" heißt, ausgeschaltet werden.

Vielleicht ist das Gespann XiangQi/Cò Tuóng sogar die Mutter aller Schachvarianten, davon sind jedenfalls die Experten an der Akademie der Spiele in Peking überzeugt. Die Simulation einer Feldschlacht sei keineswegs erst im fünften nachchristlichen Jahrhundert in Indien erfunden worden, letzteres war lange die Mehrheitsmeinung in der von westlichen Stimmen dominierten Fachliteratur, sondern gut ein halbes Millennium früher im Reich der Mitte, als sich die Teilstaaten Han und Chu eine erbitterte Fehde lieferten. Mit einem blutigen Höhepunkt, der Schlacht von Gaixia 202 vor Christus nahe dem heutigen Suzhou in der östlichen Provinz Anhui, als die Han-Armee triumphierte und den Aufstieg der Han-Dynastie erzwang.

Eine schicksalhafte Wende, die auf einem Spielplan von 90 Feldpunkten vereinfacht und in stark verkleinertem Maßstab nachgestellt wird. Die verfeindeten Armeen von Rot, das ist die Signalfarbe des Han-Volkes, und Schwarz, sprich: Chu, versuchen wechselseitig, einen Grenzfluss zu überschreiten und die Festung des Opponenten zu stürmen. Zum Einsatz kommen neben Elefanten, die rückwärtige Aufmarschräume sichern, auch Geschütze. Die korrespondierenden Schachsteine waren ursprünglich Symbole für "Katapulte", sind aber später in "Kanonen" umgelabelt worden, und zwar im Zuge der Erfindung des Schwarzpulvers, das erstmals 1044 im chinesischen Buch "Wu Ching Tsung Yao" erwähnt wird.

Heute erhebt das Geschwisterpaar XiangQi und Cò Tuóng selbstbewusst den Anspruch, das beliebteste Brettspiel auf dem Planeten zu sein. Die Zahl seiner Anhänger wird rund um den Globus auf eine halbe Milliarde Menschen geschätzt. Allein Vietnam zählt rund zehn Millionen Aktive, das sind 11 Prozent der Bevölkerung; dagegen nehmen sich die ungeführ 1,2 Prozent der Bundesbürger, die der Deutsche Schachbund als Mitglieder führt, recht bescheiden aus.

Peking und Hanoi fördern XiangQi und Cò Tuóng als zentrale Elemente ihres nationalen Kulturerbes. Turniere werden inszeniert im Stil von MTV-Shows, so assistierten bei der Auslosung für den Shanghai Super Cup 2009, zu dem neben einem Vertreter Finnlands auch der Deutsche Stephan Bradler aus Braunschweig eine Wild Card erhalten hatte, sexy Hostessen in bauchnabelfreien Tops.





Asienschach begeistert die Massen. In Vietnams Hauptstadt Hanoi besetzen die Mattzocker alle Bänke an den Wegen rund um den Hô Hoàn Kiêm, den "See des zurückgegebenen Schwertes".





Ähnlich beziehungsreich ist der Treff, den die Cò Tuóng-Gemeinde in Cân Tho, der aufstrebenden Metropole im Mekong-Delta, voller Stolz auf ihre jüngere Vergangenheit favorisiert. Das ist die Uferpromenade im Schatten einer Statue, die einen lässig winkenden Ho Chi Minh verewigt hat. So dass sich jeder Sieg im Match quasi in eine patriotische Tat verwandelt: weil auch Onkel Ho, der Revolutionär und spätere Staatspräsident, das Asienschach in Ehren hielt und dessen Eleganz in leidenschaftliche Verse goss.



Heiß sind die Tage und Nächte in Saigon, offiziell: "Ho-Chi-Minh-Stadt", gute Laune und Party sind angesagt. Was aber nicht bedeutet, dass in der City mit ihren mannigfaltigen Verlockungen keine Zeit mehr bliebe für Cò Tuóng. Im Gegenteil, das dynamische Saigon ist eine Schachhochburg, und die Cò Tuóng-Junkies tummeln sich in der Gasse Su Van Hanh sowie in den Cafés des Vorortes Go Vap.



Die tropisch relaxte Atmosphäre solcher Hang-outs mag den Uneingeweihten darüber hinwegtäuschen, dass sich dort bei Phò, der leckeren Nudelsuppe, und der einen oder anderen dickbäuchigen Flasche Saigon-Bier die Profis von Morgen ihre ersten Sporen verdienen. Denn die Cò Tuóng-Treffs sind in Wahrheit eine beinharte Schule für Vietnams hungrige Wilde, die wenig später scheinbar aus dem Nichts auftauchen und mühelos die Premiumturniere im Paralleluniversum der FIDE aufmischen.

Aktuelles Beispiel ist der junge Großmeister Lê Quang Liêm, der gerade zum zweiten Mal in Folge das Aeroflot-Open in Moskau gewonnen hat, neben einem sensationellen zweiten Rang beim Sparkassen Chess-Meeting Dortmund 2010 vor Rekordsieger Wladimir Kramnik.

 

Vom Außenseiter zum Abräumer - und das Geheimnis derartiger Karrieren von Null auf Hundert heißt ... "Cò Tuóng"!



Wie das?

Das Asienschach steht seinem FIDE-Pendant viel näher, als der erste flüchtige Eindruck suggeriert. Transformiert man die chinesisch beschrifteten runden Steine des Cò Tuóng in jene Figuren, die sie konkret repräsentieren, enthüllt eine synoptische Gegenüberstellung die überraschend enge Verwandtschaft mit der Mainstream-Ausgabe Marke Kramnik, Anand und Topalow. Abgesehen von der letztlich vordergründigen Abweichung, dass im asiatischen Szenario die Steine nicht auf Feldern platziert werden, sondern auf den Schnittpunkten der Senkrechten und Horizontalen: eine spieltechnische Konvention, die sich am fernöstlichen Klassiker Go orientiert.



Die meisten Talente aus Vietnam haben Schach zunächst als Cò Tuóng kennen gelernt, im Alter von fünf bis sechs Jahren durch Kiebitzen bei Opa oder Dad.



Der asiatische Weg im Schach belohnt furchtlose Angreifer, ängstliches Mauern wird abgestraft, und die Flucht ins Remis ist nur ausnahmsweise erlaubt. Entsprechend funktioniert Vietnams Cò Tuóng - und Vergleichbares gilt für Chinas XiangQi - auf dem Sektor des Denksports wie der Streetsoccer in Südamerika. Auf Sand und Asphalt lernen die Kids im Barrio notwendigen Biss und Schnelligkeit, kicken sich gnadenlos fit für die Championsleague. Asiens Hoffnungsträger kombinieren sich im Staßenschach Cò Tuóng (gleich XiangQi) fit für den Turnierzirkus der FIDE.

Ein überzogener Vergleich? Keineswegs: Zweifler sollten sich mal anschauen, mit welcher Begeisterung und Hingabe in Vietnam das Cò Tuóng als Performance auf öffentlichen Plätzen ausgetragen wird, und sich von der guten Stimmung im Publikum anstecken lassen.

 

Das sind ernsthafte Matches, Kommandos geben Topleute mit Spitzenrating, und Akteure in Kostümen oder historischen Uniformen verwandeln Figurenmanöver in Spontantheater. Dieser Tage gehören derartige Events zum festen Programm des Neujahrsfestes Têt, aber auch während der Sommersaison unterhält "Cò Nguoi", zu deutsch: "Menschenschach", die einheimischen Touristen in Badeorten wie Nha Trang.



Schach als Publikumsmagnet, wer hätte das gedacht? Und noch einen verwirrenden Extrabonus, von dem der Westspieler nicht einmal zu träumen wagt, hat das Cò Tuóng zu bieten: Es ist ein echter Flirtfaktor!

Vietnamesische Frauen wissen es zu schätzen, wenn sich ihre Partner nicht zu dumm anstellen beim Tête-à-tête am Brett. Ein veritabler Geheimtipp ist wieder einmal mehr das Cò Tuóng-verrückte Go Vap an der Peripherie von Saigon. In netten Restaurants warten attraktive Studentinnen, die gegen ein kleines Taschengeld gerne zu einer Partie bereit sind. Und die dem allzu sorglosen Patzer verführerisch lächelnd eine charmante Abreibung verpassen.



Sollten unverbesserliche Machos hinterher in tiefe Depressionen stürzen, ist als Wellness-Center für spirituelle Rekreation der Tempel Chua Vua in Hanoi zu empfehlen. Die Pagode ist dem gottgleichen De Thich geweiht, der Überlieferung nach der beste Spieler aller Zeiten.



Und um dem mythischen Meister die gebührende Reverenz zu erweisen, zieht auf dem Höhepunkt von Têt eine Prozession in den Innenhof der Anlage, um sich anschließend in wechselnden Formationen zu gruppieren nach der Choreographie des Cò Tuóng.



Schach - in vietnamesischem Gewand - als sinnliches Spektakel: Das ist optische Nachhilfe für die ewigen Schlaumeier hierzulande, die notorisch beratungsresistent behaupten, das schlaue Spiel sei zu anspruchsvoll und spröde, um jemals medientauglich zu werden.



Einfach mal ein Ticket nach Vietnam buchen, um zu staunen - und zu lernen. Potenzieller Aha-Effekt inklusive: falls du irgendwann die Sportseiten deines Lieblingblattes aufschlägst, und die Schlagzeile über dem Foto erinnert dich plötzlich an dieses clevere Kind, das dich unlängst in einer Suppenküche am Saigon-Fluss in das geheimnisvolle Cò Tuóng eingewiesen hat ...
 

 

 

 



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