Auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Aljechin gewinnt in San Remo 1930 mit 14 aus 15

von Johannes Fischer
15.01.2024 – Am 15. Januar 1930 begann im italienischen Kurort San Remo eines der stärksten Schachturniere der damaligen Zeit. 16 Spieler gingen an den Start, darunter der amtierende Weltmeister Alexander Aljechin und Schachlegenden wie Aron Nimzowitsch, Akiba Rubinstein oder Efim Bogoljubow. Aljechin siegte klar mit 14 Punkten aus 15 Partien und erzielte so einen der größten Erfolge seiner Laufbahn. Großen Anteil an diesem und anderen Erfolgen Aljechins hatte wohl seine dritte Ehefrau, Nadascha Wasiljew. | Foto: Aljechin und Nadascha in San Remo 1930 | Foto: https://audiovis.nac.gov.pl/

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1927 war ein gutes Jahr für Alexander Aljechin: Mit einem überraschenden Sieg im Weltmeisterschaftskampf in Buenos Aires gegen José Raúl Capablanca wurde Aljechin der vierte Weltmeister der Schachgeschichte und im gleichen Jahr erhielt Aljechin auch die französische Staatsbürgerschaft, die er bereits 1924 beantragt hatte. Aljechin war am 31. Oktober 1882 in Moskau als Sohn einer wohlhabenden russischen Familie zur Welt gekommen, aber floh 1921 aus der neugegründeten Sowjetunion, um sich nach einem kurzen Zwischenstopp in Berlin in Paris niederzulassen. Dort studierte er Jura an der Sorbonne, wo er nach eigenen Angaben 1925 eine Doktorarbeit über "Das Gefängniswesen in China" vorgelegt hat. Allerdings wurde diese Dissertation nie gefunden und aller Wahrscheinlichkeit nach hat Aljechin den Doktortitel, mit dem er sich gerne schmückte, zu Unrecht getragen.

Von September bis November 1929 verteidigte Aljechin seinen Weltmeistertitel in einem Wettkampf gegen Efim Boguljubow mit einem klaren 15,5-9,5 (+11, =9, -5) Sieg. Einem Revanchekampf gegen Capablanca ging Aljechin aus dem Weg. Auch finanziell hatte Aljechin Anfang der 1930er Jahre keine Sorgen. Die Wettkämpfe gegen Capablanca und Bogoljubow hatten ihm stattliche Preisgelder eingebracht und als Weltmeister konnte er von den Honoraren, die er für Simultanvorstellungen und seine Artikel und Bücher erhielt, sehr gut leben. Einen großen Anteil an Aljechins Erfolgen in diesen Jahren hatte wohl seine dritte Frau Ehefrau, Nadascha Wasiljew, eine Admiralswitwe, die er 1925 kennengelernt und 1927 geheiratet hatte. Wie Aljechins spätere, vierte und letzte Ehefrau Grace Wishaar und seine beiden ersten Ehefrauen war auch Nadascha älter als Aljechin.

In dem Aufsatz "Aljechin und sein Glück", der in der Deutschen Schachzeitung vom September 1971 erschien, lästerte der österreichische Meister, Schiedsrichter und Autor Hans Kmoch, der in San Remo mit 6,5 aus 15 auf dem geteilten 11. bis 12. Platz landete, über Aljechins Hang zu älteren Frauen und zum Alkohol, allerdings beschrieb er Nadascha, die 19 Jahre älter war als Aljechin, als kultiviert und gebildet.

"[Sie] fiel auf durch Kleidung und schwere Kriegsbemalung, noch viel mehr aber durch den vielen künstlichen Schmuck, mit dem sie überladen war ... [Aber] ihre geradezu lächerliche äußere Erscheinung stand im schroffen Gegensatz zu ihren wertvollen Eigenschaften. Sie stammte aus wohlhabendem Hause, hatte offenbar eine gute Erziehung genossen, besaß gepflegte Umgangsformen und sprach außer ihrem ursprünglichen Russisch auch Deutsch, Französisch und Englisch. Dem Gemüt nach war sie stets ruhig und beherrscht. Im allgemeinen war sie sehr auf alles bedacht, das beitragen konnte, Aljechin zu ehren, insbesondere auch in gesellschaftlicher Beziehung. ... So läßt sich von dieser Frau sagen, sie habe Aljechin und sein Glück getragen durch die Jahre seiner wunderbaren Sturmsiege." (Hans Kmoch, "Aljechin und sein Glück", Deutsche Schachzeitung 9/1971, S. 300).

Hans Kmoch bei seiner Partie gegen Carl Ahues in San Remo 1930 | Foto: audiovis.nac.gov.pl/

Vielleicht war es diese Stabilität im zuvor unsteten Leben Aljechins, die mit ein Grund dafür war, dass er Anfang der 30er Jahre erfolgreicher spielte als je zuvor. In den Jahren 1930 und 1931 nahm Aljechin insgesamt an vier Turnieren teil (San Remo 1930, die Schacholympiade in Hamburg 1930, die Schacholympiade in Prag 1931 und das Turnier in Bled 1931), in denen er ein Gesamtergebnis von 57-11 erzielte (+47, =20, -1). In San Remo, wo einige der damals stärksten Spieler der Welt an den Start gingen, gewann Aljechin mit 14 Punkten aus 15 Partien (+13, =2) und landete am Ende 3,5 Punkte vor Aron Nimzowitsch, der mit 10,5 aus 15 Zweiter wurde. Auf Platz drei folgte Akiba Rubinstein 10 aus 15, Platz vier ging an Efim Bogoljubow, der auf 9,5 aus 15 kam.

Tabelle

# Spieler 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 Total
1  Alexander Alekhine x 1 1 ½ 1 1 ½ 1 1 1 1 1 1 1 1 1 14
2  Aron Nimzowitsch 0 x 0 1 ½ 1 ½ ½ ½ ½ 1 1 1 1 1 1 10½
3  Akiba Rubinstein 0 1 x 0 1 ½ 0 1 ½ 1 1 0 1 1 1 1 10
4  Efim Bogoljubow ½ 0 1 x ½ 0 1 ½ 1 1 0 1 1 0 1 1
5  Fred Yates 0 0 ½ ½ x ½ 1 1 ½ 0 0 1 1 1 1 1 9
6  Carl Ahues 0 0 ½ 1 ½ x 1 ½ 1 0 0 ½ 1 1 ½ 1
7-8  Rudolf Spielmann ½ ½ 1 0 0 0 x ½ ½ ½ 1 1 ½ 1 1 0 8
7-8  Milan Vidmar 0 ½ 0 ½ 0 ½ ½ x ½ ½ 1 1 ½ 1 ½ 1 8
9-10  Géza Maróczy 0 ½ ½ 0 ½ 0 ½ ½ x ½ ½ ½ ½ 1 1 1
9-10  Savielly Tartakower 0 ½ 0 0 1 1 ½ ½ ½ x 0 0 1 ½ 1 1
11-12  Edgard Colle 0 0 0 1 1 1 0 0 ½ 1 x 0 ½ 1 0 ½
11-12  Hans Kmoch 0 0 1 0 0 ½ 0 0 ½ 1 1 x ½ 0 1 1
13  José Joaquín Araiza 0 0 0 0 0 0 ½ ½ ½ 0 ½ ½ x ½ ½ 1
14  Mario Monticelli 0 0 0 1 0 0 0 0 0 ½ 0 1 ½ x ½ ½ 4
15  Roberto Grau 0 0 0 0 0 ½ 0 ½ 0 0 1 0 ½ ½ x ½
16  Massimiliano Romi 0 0 0 0 0 0 1 0 0 0 ½ 0 0 ½ ½ x

Partien

Aron Nimzowitsch (links, mit Schwarz) bei seiner Partie gegen Roberto Grau | Foto: audiovis.nac.gov.pl/

Max Euwe, der Aljechin fünf Jahre nach dem Turnier in San Remo den Weltmeistertitel abnehmen sollte, hält dieses Turnier für das beste in Aljechins gesamter Laufbahn. In seinem Buch Meet the Masters schreibt er:

"Anfang 1930 gelang [Aljechin] der eindrucksvollste Erfolg seines Lebens, als er das stark besetzte Turnier von San Remo überlegen gewann. Er machte nur zwei Remis und gewann alle anderen Partien gegen Gegner, die zu den besten Spielern der damaligen Zeit gehörten. Seine Siege bei diesem Turnier zeigten die Schachkunst in ihrer bis dahin vollkommensten Form. Ein Jahr später gelang ihm in Bled ein Erfolg, der schon rein zahlenmäßig kaum weniger beeindruckend war. Doch dort hatte er das Glück auf seiner Seite und seine Gewinnpartien waren bei weitem nicht so überzeugend wie in San Remo." (Max Euwe, Meet the Masters, London, Pitman 1945, S. 18.)

Die Teilnehmer des Turniers in San Remo 1930 | Foto: Wikipedia

Das Turnier begann am 15. Januar 1930 und Aljechin dominierte von Anfang an. Er begann mit fünf Siegen in Folge, bevor er gegen Rudolf Spielmann ein kurzes Remis machte. Dann folgten weitere vier Siege und ein weiteres Remis gegen Efim Bogoljubow, bis Aljechin das Turnier dann mit 4 aus 4 beendete.

Aljechin gegen Bogoljubow, San Remo 1930 | Foto: audiovis.nac.gov.pl/

Auch Aljechin selbst schien von seinem Spiel in San Remo angetan gewesen zu sein – sieben der 15 Partien, die er in diesem Turnier gespielt hat, nahm er in die Sammlung seiner besten Partien auf. Die vielleicht bekannteste Partie Aljechins aus San Remo ist vermutlich sein Gewinn gegen Nimzowitsch in Runde 3, in dem Aljechin seinen berühmten Gegner im Mittelspiel in Zugzwang brachte und zur Aufgabe bei vollem Brett zwang.

Doch nach den großen Erfolgen Anfang der 30er Jahre ging Aljechins Karriere allmählich bergab, vermutlich auch, weil er immer mehr trank. Dazu schreibt Kmoch:

"Irgendwann zwischen Bled 1931 und dem Wettkampf gegen Bogoljubow 1934 haben sich die Wege von Alexander und Nadascha getrennt. Eine vierte Madame hatte es übernommen Aljechins Glück zu tragen, aber sie trug nur sein Unglück, ... denn seine neue Gattin war ebenso wie er dem Alkohol verfallen." (Kmoch, Deutsche Schachzeitung, 9/1971, S. 301)

1935 verlor Aljechin seinen Weltmeistertitel an Max Euwe, und obwohl er den Titel zwei Jahre später zurückeroberte, konnte er danach nie wieder an seine alten Erfolge anknüpfen. Das lag zum Teil auch am 2. Weltkrieg, der 1939 begann. Im Verlauf des Krieges diente sich Aljechin den Nazis an, was ihn nach Ende des Weltkriegs in Misskredit brachte. Er starb 1946 als immer noch amtierender Weltmeister allein und verarmt in einem Hotel im portugiesischen Estoril.

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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