Auf Rekordjagd: Abhimanyu Mishra will jüngster Großmeister aller Zeiten werden

von Stefan Löffler
28.05.2021 – Abhimanyu Mishra ist zwölf Jahre alt, kommt aus den USA, hat indische Wurzeln und ein klares Ziel. Er möchte den Rekord von Sergey Karjakin brechen und der jüngste Großmeister aller Zeiten werden. Seine Chancen stehen nicht schlecht: zwei GM-Normen hat er bereits, seine aktuelle Live-Elo liegt knapp unter der notwendigen Marke von 2500 Elo und er hat bis zum 5. September Zeit, die dritte Norm und die fehlenden Elo-Punkte zu holen. In der FAZ vom Donnerstag, den 27. Mai, schildert Stefan Löffler, wie entschlossen Abhimanyu Mishra auf Rekordjagd geht. | Foto: David Llada

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Rekorde bestimmen das Leben von Abhimanyu Mishra. Sein Vater Hemant kennt sie alle auswendig.  Im Alter von sieben Jahren, sechs Monaten und zweiundzwanzig Tagen  wurde sein Sohn der jüngste "Chess Expert" in der Geschichte des Amerikanischen Schachverbands. Ein vergleichbares Niveau erreicht in Deutschland nur jeder fünfzehnte Vereinsspieler. Mit neun wurde der in New Jersey geborene Sohn indischer Einwanderer der bisher jüngste "National Master". Mit zehn der jüngste Internationale Meister. Jetzt soll er auch jüngster Großmeister der Schachgeschichte werden.

Das ist seit 2002 Sergei Karjakin. Zwölf Jahre und sieben Monate war der Russe alt, als er sich den höchsten, auf Lebenszeit verliehenen Titel holte. Um Karjakins Rekord zu brechen, bleibt genau bis zum 5. September Zeit. Hemant Mishra sagt, er habe dieses Ziel vor Augen, seit sein Sohn seinen ersten Rekord aufgestellt habe. Sein Kalkül: Dem jüngsten Großmeister winken weltweite Bekanntheit und Einladungen. Für den weiteren Aufstieg an die Weltspitze werden sich Sponsoren finden.

Doch Turniere finden während der Pandemie kaum statt, und Online-Schach zählt nicht. Als Hemant Mishra hörte, dass ungarische Veranstalter ihre Turniersäle wieder aufsperren wollten, begann er zu planen. Im April, nach seiner zweiten Impfung, flog er mit seinem Sohn nach Budapest. Rückflugtickets haben sie nicht. Sie wollen bleiben, bis der Großmeistertitel gesichert ist – oder bis klar ist,  dass  es  vor dem  5. September nicht klappen kann.

In Budapest läuft seit April wieder ein Turnier nach dem anderen. Aus der ganzen Welt reisen Spieler an, um für ein paar hundert Euro Startgeld nach Titelnormen zu jagen. Die Profis, auf die sie treffen, sind nicht besonders motiviert und haben ihre beste Zeit hinter sich. Für die Mishras hätte ihre Reise kaum besser beginnen können. Gleich in zwei Turnieren erfüllte er jeweils eine Großmeisternorm. Sein Resultat beim First-Saturday-Turnier entsprach 2739 Elopunkten oder etwa Weltranglistenplatz zwanzig. So stark spielte mit zwölf Jahren noch niemand. Sein viertes Turnier beendete er am Freitag auf dem dritten Platz. Am Samstag hat bereits sein nächstes begonnen. Eine Großmeisternorm und zehn Elopunkte fehlen Abhimanyu Mishra noch.

"Seine Intensität am Brett unterscheidet ihn von anderen Kindern. Kein Herumzappeln, völlige Konzentration", schreibt Vishnu Sreekumar, der ihn seit Jahren bei Turnieren in den USA beobachtet. Auf den Budapester Organisator László Nagy wirkt Abhimanyu Mishra "wie eine Maschine. Er lächelt nicht, redet nicht. Wenn ich hallo sage, sagt er hallo." Nur mit einigen indischen Teenagern, die in den gleichen Turnieren spielen, hat er etwas Kontakt.

Ihre Tage verlaufen alle nach dem gleichen Schema. Mittags fahren sie mit dem Taxi von ihrer Airbnb-Wohnung zum Turniersaal. Zur Rückfahrt gehört stets ein Videotelefonat mit Mutter Swati und Schwester Ridhima. Nach dem Essen, die Mishras sind Vegetarier, wird zwei, drei Stunden lang die Partie des Tages ausgewertet. Über Videokonferenz ist einer der indischen Trainer dabei. Während Vater Hemant dann noch bis zwei oder drei Uhr nachts für seine Firma arbeitet, bereitet sich Abhimanyu am Computer auf seinen nächsten Gegner vor. Geschlafen wird bis elf. So bleiben sie annähernd synchron mit New Jersey, erklärt Hemant Mishra. Vor einem Turnier in Kalifornien, bei dem abends gespielt wurde, schickte er Abhimanyu vorher zwei Wochen um drei Uhr früh ins Bett, damit er drei Zeitzonen westlich nicht am Brett einschläft.

Sein Schachprogramm ist härter als je zuvor bei einem Zwölfjährigen. Damit er mit der Maskenpflicht am Brett zurechtkommt, hat er zu Hause mit Maske trainiert. Zwölf bis dreizehn Stunden verbringe sein Sohn jeden Tag mit Schach, sagt Hemant Mishra. Das ist schon seit September so, denn für dieses Schuljahr hat er ihn beurlauben lassen. Vorher, als er noch an drei Tagen pro Woche eine Privatschule besuchte, trainierte er sieben bis acht Stunden täglich. Gibt es auch mal eine Schachpause? Nach einem Turnier kriege Abhi einen Tag frei. Wann darf er ein Kind sein? Abhi werde nie wieder elf Jahre alt sein, erwidert der Vater, aber fügt schnell an: Wer Großes erreichen wolle, müsse Opfer bringen.Zweieinhalb Jahre war sein Sohn alt, als der Schachunterricht begann. Die Wahl fiel auf Schach, weil er dadurch fürs Leben lerne und damit er seine Zeit nicht später sinnlos am Smartphone verplempere. Zwei Jahre habe es gedauert, bis Abhimanyus Interesse geweckt war. Mit fünf begann er Turniere zuspielen. Bald fuhren sie regelmäßig dreißig Kilometer in eine Schachakademie,die von zwei indischen Großmeistern geführt wird.Für Trainer, Reisen und Lehrmaterial hat die Familie über die Jahre 270.000 Dollar ausgegeben. Schachstipendien gibt es in den Vereinigten Staaten zwar viele, doch sie zielen überwiegend darauf ab, Talente an guten Universitäten unterzubringen. Im Alter von Abhimanyu ist nichts zu holen. Über die Spendenplattform "Go-FundMe" kamen immerhin 15.000 Dollar zusammen. Aber was ist das im Vergleich zu 250.000 Dollar, die Tani Adewumi eingesammelt hat?

Tani Adewumi spielt nicht annähernd so gut Schach, aber liefert die bessere Story. Vor vier Jahren floh seine Familie vor der Terrororganisation Boko Haram aus Nigeria nach New York. Sie wohnten in einer Obdachlosenunterkunft, als sein Schachtalent entdeckt wurde. Über das Leben des heute Zehnjährigen sind drei Bücher erschienen, die Filmrechte verkauft. Er hat einen PR-Agenten, und auf seinen Namen läuft eine Stiftung. Als der Fernsehsender ABC vorige Woche Tani Adewumi als bisher jüngsten "National Master" vorstellte, war Hemant Mishra außer sich. Weder der Sender noch die Familie machten die von ihm geforderte Korrektur. Dabei gehört der Rekord doch ihnen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der FAZ vom 27. Mai 2021. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung

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Stefan Löffler ist Journalist und Internationaler Meister in Wien und Lissabon. Er ist Redakteur von https://ChessTech.org, Mitarbeiter von ChessPlus Ltd. und Programmdirektor der Onlinekonferenz ChessTech 2020, https://chessconference.org
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Rustam Rummsky Rustam Rummsky 30.05.2021 10:54
@Pemoe6: genetisch versus Umwelt ist ein heikles Thema, aber unstrittig dürfte wohl sein, dass schon sehr kleine Kinder ihre Umgebung höchst aufmerksam beobachten und ihr Interesse naturgemäß leicht zu wecken ist.
Den Artikel lese ich so, dass A.M. die Regeln mit zwei Jahren gelernt hat, aber erst mit fünf "Interesse" zeigte, was man wohl so auslegen darf, dass er von sich aus intrinsische, starke Motivation entwickelte. Das wiederum kann man dem Vater positiv auslegen; er hat sozusagen drei Jahre lang gewartet, wofür der Sohn sich am stärksten interessiert, und ihn dann auf diesem Weg unterstützt. Bei den Polgars war es wohl anders, die hatten in dem Sinne "keine Wahl", und das könnte man kritisieren. Aber ich bin da zu wenig firm. Eine der drei Schwestern hat ja früher aufgehört als die anderen, aber ich wüsste nicht, dass sie sich negativ über ihre Kindheit geäußert hätte.
Pemoe6 Pemoe6 30.05.2021 10:38
@ Rustam Rummsky: Ich habe gelesen (es muss vor geraumer Zeit hier bei ChessBase mal die Polgar-Geschichte als Artikel gewesen sein), dass Polgar senior eine offizielle staatliche Sondergenehmigung erhalten hat, die Kinder zu Hause auszubilden, und natürlich war das nicht nur Schach nebst Lesen und Schreiben, sondern eine gute Allgemeinbildung.
Im ersten Moment denkt man , dass gerade für sozialistische Verhältnisse eine solche Ausnahmegenehmigung schon sehr bemerkenswert sein müsste, aber wenn es um Spitzenförderung ging, war das alles gut möglich.
Und ja, es war auch da nicht dem Zufall überlassen, ob die Kinder mal zufällig Interesse am Schach zeigen würden ... Polgars Plan, wenn ich mich richtig erinnere, war von Vornherein klar vorgefasst: Er wollte beweisen, dass Frauen ebenso gut wie Männer spielen können, wenn sie nur professionell genug arbeiten.
Aber was hat das mit Zwang zu tun? Die Interessen heranwachsende Kinder sind nunmal nicht vordergründig genetisch bedingt und vordefiniert, sondern richten sich doch größtenteils danach aus, was sie so vorgesetzt bekommen. Und wenn sie von klein auf sehen, dass alles um sie herum mit Schach zu tun hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass es auch sie selbst erwischt.
Wenn sie andererseits mit drei Jahren eine Konsole mit Tetris in die Hand bekommen oder dauerhaft vor dem Fernsehgerät abgesetzt werden, dann eben anders...
Kasparov100 Kasparov100 30.05.2021 10:36
p.s. Der Vater hat 1 schulfreies Jahr für seinen Sohn (besseres Wort - zufrieden?) bekommen, dass er offensichtlich zum Zwecke der schachlichen Förderung seines Kindes erhalten hat. Das (lerne: Differenzierung!) heißt noch lange nicht, dass er mit der Zeit seines Sohnes anstellen kann was er will, und ihn über Gebühr einer massiven physischen und psychischen Belastungen aussetzen darf (nicht einmal wenn der Junge das selbst wollte, denn die Erziehungs- bzw. die Sorgfaltspflicht obliegt uneingeschränkt den Eltern). Den Tagesplan oder sagen wir mal ‚Belastungsplan‘ wird er den US Schulbehörden wohl geflissentlich verschwiegen haben, sonst könnte es nämlich sein, dass diese hellhörig geworden wären...
Rustam Rummsky Rustam Rummsky 30.05.2021 09:59
Aber damit dieses Missverständnis gar nicht erst aufkommt: WENN hier elterlicher Zwang positiv belegt werden kann, dann wären wir uns einig, dass es da klare (=vom Gesetzgeber definierte) Grenzen gibt. Ich habe mir erlaubt, es a) dem Vater positiv anzurechnen, eine daddel-debile Handy-Kindheit verhindert zu haben und b) ebenso erlaubt, eine echte Schachbegeisterung des Jungen anzunehmen, der es - wie ich hoffe - richtig geil findet, sich gerade voll in sein Hobby stürzen zu können.
@Pemeo: Gute Frage. Um dazu etwas zu sagen, müsste man z.B. wissen, ob Vater Polgar gegen das ungarische Schulrecht verstieß. Vater Mishra tut dies jedenfalls nicht, auch wenn "Kasparov100" böswillig unterstellt, dass er US-amerikanisches Recht bricht.
Pemoe6 Pemoe6 30.05.2021 08:50
Entschuldigung, wenn ich mich in den Streit kurz einmische, aber eine kurze Zwischenfrage zu meinem besseren Verständnis:
Wie wird denn eigentlich das Thema "Polgar" von Ihnen beiden bewertet? Auch die drei Schwestern haben niemals eine Schule von innen gesehen, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, und das Arbeitspensum war wohl nicht so viel anders ... einen unglücklichen Eindruck haben die drei dennoch eigentlich niemals gemacht.
michanizm michanizm 30.05.2021 09:26
Hier plant der Vater ganz offensichtlich eine Karriere am Reißbrett und Sohnemann wird mit
12 bis 13 Stunden Training gedrillt und geschliffen.
Das liegt sogar weit über dem Pensum eines erwachsenen Schachprofis.

Und die GM-Normen werden ausgerechnet alle in Ungarn erspielt.
Gegen unmotivierte GM, die ihren Zenit längst überschritten haben.
Seine 2 Turnierteilnahmen mit entsprechender GM-Beteiligung führten prompt zu 2 GM-Normen.
Das sind doch ein paar sehr bemerkenswerte Auffälligkeiten.
Die 3. GM-Norm gilt unter diesen Umständen wohl als sicher.

Der Junge hat auf dem Bild tiefe dunkle Augenränder.
Ich hätte da eine Idee wovon das kommen könnte.
Rustam Rummsky Rustam Rummsky 29.05.2021 11:43
Der Junge macht alles richtig: spielt gut Schach und verhält sich am Brett 100% korrekt.

So wurde übrigens ein gewisser Bobby Fischer entdeckt: beim Simultan gegen Max Pavey fiel seine "altersuntypische" Ernsthaftigkeit auf, mit der er sich auf die Figuren konzentrierte. Dem aufmerksamen Zuschauer, der daraufhin seine Mutter ansprach und sie in Sachen Beitritt in einen Schachverein beriet, sollten wir alle dankbar sein.

Good luck, Abhimanyu!
knight100 knight100 29.05.2021 03:09
"Für Trainer, Reisen und Lehrmaterial hat die Familie über die Jahre 270.000 Dollar ausgegeben." -
Die Herangehensweise "Das muss! sich wieder amortisieren" wäre sehr schlecht.

Interessant wäre, zu erfahren, wie hoch der "Freiwilligkeitsanteil" des Kindes war bzw. ist, wieviel Freude oder auch negative Elemente sein Leben bestimmen.
Palmero Palmero 29.05.2021 10:29
13 Stunden tägliches Schach-Training für einen 12-Jährigen würde ich als seelische Misshandlung bezeichnen. Würde der bedauernswerte Junge in Deutschland aufwachsen, wäre das ein Fall für's Jugendamt. Vielleicht könnte mal einer der Top-Spieler, in diesem Fall vorzugsweise Anand, sich zu dieser brachialen Methode der "Talentförderung" äußern?
Chris69 Chris69 29.05.2021 06:48
Die Freude am Schachspiel scheint es nicht zu sein, was den Jungen antreibt.
Kling für mich sehr fragwürdig.
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