Auftakt zum wieder vereinigten Schach

22.09.2006 – Morgen beginnt um 15 Uhr Ortszeit (13 Uhr MESZ) in Elista die erste Wettkampfpartie zwischen Veselin Topalov und Vladimir Kramnik. Kramnik führt in der ersten Partie die weißen Steine. Mit dem Ende des Wettkampfes wird gleichzeitig auch die 13 Jahre lang andauernde Trennung der Weltmeisterschaften beendet. Am Ende des Matches gibt es einen Wettkampfsieger, aber das ganze Schach wird gewinnen und auch der Verlierer wird in die Schachgeschichte als Protagonist der Wiedervereinigung eingehen. Der Schauplatz des Wettkampfes, Elista, ist den meisten Schachfreunden kaum bekannt. Wir zeigen Bilder der Stadt und der gestrigen sehr gut besuchten Eröffnungsfeier. Wettkampfseite...Bilder aus Elista...

ChessBase 14 Download ChessBase 14 Download

ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

Auftakt zum wieder vereinigten Schach
Von André Schulz
Fotos: Misha Savinov, Thomas Pähtz, FIDE

Morgen um 15 beginnt in Elista die lang ersehnte Wiedervereinigung im Schach. Kramnik und Topalov spielen ihre erste Wettkampfpartie. Gestern wurde der Wettkampf im Stadion von Elista feierlich eröffnet. Das folgende Bild stammt nicht aus dem Film von der Fußballweltmeisterschaft von Bern 1954, sondern zeigt tatsächlich das Publikum der Eröffnungsfeier der Schachweltmeisterschaft: Endlich mal etwas los in der Stadt!

Der Anflug von Elista mit Hilfe von Google Earth erweist sich als weniger ergiebig als erhofft. Offenbar fanden die Foto-Sateliten der USA, deren Bilder die Grundlage für Google Earth bilden, wenig Anreize, viel Film für Aufnahmen von Kalmückien oder deren Hauptstadt Elista zu verschwenden. Aus größerer Entfernung kann man die Lage zwischen Rostow am Don, Wolgograd (ehemals Stalingrad) und Astrachan erkennen, Städte die allesamt etwa 250-300 km entfernt von Elista liegen.


Auf dem Bild oben, wird die bereits rein agrarische Nutzung der Landschaft um Elista herum deutlich.


Schärfere Bilder als dieses gibt es bei Google Earth nicht.


Thomas Pähtz hat Elista zusammen mit seiner Tochter anlässlich der Frauen-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren besucht und ein paar Bilder gemacht, die einen Eindruck von der Stadt geben, die tatsächlich mitten in der südrussischen Graslandschaft liegt.


Anflug auf Elista


Die für die ehemaligen Sowjet-Metropolen typischen maroden Plattenbauten sind auch in Elista zu finden.


Kommunistische Wohndenkmäler


Wechsel von Antike und Moderne. Aber was ist was?


Der Leninplatz 2004 mit dem "großen Revolutionär".

Schon kurz nach dem Amtsantritt von Kirsan  Ilyumshinov 1996 fand hier der kaum beachtete Wettkampf um die FIDE-Weltmeisterschaft zwischen Anatoly Karpov und Gata Kamsky statt.


Karpov gegen Kamsky 1996

Heute wird der original Schachtisch von damals im Schachmuseum der FIDE in Elista ausgestellt.

Nur die original Stühle hat man anscheinend nicht mehr gefunden.

Bekanntlich hatten Kasparov und sein Herausforderer Nigel Short 1993 ihren Wettkampf um die Weltmeisterschaft außerhalb der FIDE durchgeführt, da sie die Vermarktung durch den damaligen FIDE-Präsidenten Florencio Campomanes als unwürdig und amateurhaft empfanden. Der eigensinnige Campomanes fand keine andere Lösung als eine Ersatz-WM zwischen den Nachrückern Karpov und Timman zu organisieren. Karpov gewann und verteidigte seinen Titel 1996 gegen Kamsky erfolgreich. Campomanes hatte sein Amt 1995 aufgeben müssen, da ihm in der FIDE der Split bei den Weltmeisterschaften als Misserfolg angekreidet wurde, heißt es. Auch das Verfahren in den Philippinen, bei dem Campomanes wegen Veruntreuung von Geldern, die für die Schacholympiade in Manila 1992 gedacht waren, verurteilt wurde, hat seine Popularität sicher nicht verbessert. Doch das ist Schnee von gestern.

Nach 1996 hat Kirsan Ilyumshinov die Präsidentschaft der FIDE übernommen und es hat nicht den Anschein, als würde er diese jemals wieder aufgeben müssen. Auch die Kampfabstimmung bei letzten Wahl während der Olympiade in Turin in diesem Jahr sah ihn als klaren Sieger. Die Länder des früheren Ostblocks und die meisten "kleinen" Schachländer gaben ihm die volle Unterstützung.

Bei der Durchführung von allgemein anerkannten Weltmeisterschaften hatte der neue Präsident nach 1996 indes keine glückliche Hand. Die K.-o.-Turniere zur Ermittlung des Weltmeisters, zudem mit später aus unbekannten Gründen verkürzten Bedenkzeiten, fanden nicht den Rückhalt bei den Schachfans und Toppspielern. Immer weniger der führenden Spieler nahmen daran teil. Auch die Wahl von Austragungsorten Tripolis fand wenig Applaus. Ein besseres System wurde dann im letzten Jahr mit der Durchführung der WM als Rundenturnier mit den (vermeintlich) besten Spielern gefunden, auch wenn es praktisch ohne richtige vorherige Qualifikation durchgeführt wurde. Veselin Topalov gewann in San Luis 2005 überlegen und begeisterte mit seinem Spiel die Schachfreunde.

In London im Jahr 2000 hatte Vladimir Kramnik Kasparow besiegt und seine Nachfolge als Weltmeister ("im klassischen Schach") angetreten. Zwei Weltmeister sind einer zuviel, fanden viele Schachfreunde. Aber welcher von beiden ist der richtige? Dieser Glaubensstreit, der seit etwa 1997 schwelt, soll nun endlich am Brett entschieden werden. Es ist gut für die Schachwelt, dass Veselin Topalov und Vladimir Kramnik die Herausforderung annehmen und in einem Entscheidungswettkampf die beiden Weltmeisterschaften wieder zusammen führen. Am Ende gibt es einen Wettkampsieger, aber das ganze Schach wird gewinnen.

In seiner Amtszeit als Präsident der teilautonomen russischen Republik Kalmückien hat Ilyumshinov zumindest in Elista einiges bewegt. Die Kalmücken und die Kosaken Südrusslands wurden im Laufe der zweiten Weltkrieges als verdächtigte Kollaborateure der Deutschen von Stalin nach Sibirien deportiert. Erst Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges durften die, die es überlebt hatten, zurückkehren. Mithilfe des Schachs und der buddhistischen Tradition der mongolischen Kalmücken sucht Ilyumshinov nach einem neuen Gesicht für die Stadt. Wenn er in Moskau Druck machen will, spricht er auch mal davon, er könne vielleicht 2 Mio. Mongolen in Kalmückien ansiedeln. Jüngst hat ihn Putin im Amt bestätigt und seine Amtszeit verlängert. 1998 ließ Ilyumshinov Chess City bauen, eine ganz nett anzuschauende Siedlung im Landhausstil mit Unterkünften und einem großen Veranstaltungszentrum. Jüngst wurde für 25 Mio. zudem ein neuer buddhistischer Tempel erbaut.

Eine Reihe von Bauten im mongolisch-chinesichem Stil soll allmählich den russischen Plattenbau-Mief aus der Stadt zwingen.


Chess Palace von der Straße gesehen...


... und von der Wiese


Blick von der Wiese auf Chess City


Vorne Landhausstil, hinten Plattenbau




Viele Parkmöglichkeiten rechts und links


Sogar ein Schwimmbad gibt es in Chess City


Auch Kramnik und Topalov mit ihren Teams sind hier untergebracht

Nur in Ansätzen ist der Wandel vollzogen. Der weitaus größte Teil von Elista ist weiter von den in vielen Jahrzehnten sowjetischer Regierung entstanden Relikten geprägt. 




Hier gibt es Obst und Gemüse,...


...hier Blumen und Fleisch.


Heute kein Markttag


Der örtliche "Palast der Republik"


Schach hat hier durchaus Tradition

Die folgenden Bilder von der Ankunft der Spieler veröffentlichte die FIDE auf ihrer Matchseite:



Präsident Kirsan Ilyumshinov und die beiden Kombattanten beim gemeinsamen Begrüßungsmahl (im Zelt?) Man ist gemeinsam vom gleichen Teller, aber es gibt Gabeln.



Erste Begegnung am Schachbrett in Elista für die Fotografen.



Besuch bei den buddhistischen Priestern.



Die Spieler stellen im Tempel Kerzen auf.


Ilyumshinov zeigt seine Schachbuchsammlung


Kramnik prüft Sitz, Tisch und Brett und ist zufrieden


Im Schachmuseum hat die FIDE Bilder ihrer Präsidenten und der Weltmeisterinnen und Weltmeister aufgehängt und außerdem niedliche Gemälde anfertigen lassen.



Die Präsidenten


Die Weltmeister


Die früheren Präsidnten


Fischer und Spassky
 

Anand


Gute Freunde stehen zusammen: Campomanes und Ilyumshinov


Der FIDE-Ehrenpräsident Campomanes sieht heute so aus (hier noch auf dem Flughafen in Moskau)
und darf bei einem FIDE-Event ebenso wenig fehlen...


...wie die FIDE-Vize Makropoulos und Asmaiparashvili


Misha Savinov schickte die Bilder von der Ankunft der Spieler und der Eröffnung:


Ansprache des Präsidenten


Kalmückische Schachmodels zeigen die örtliche Schachmode.


Wie beim Fußball: Aufmarsch der Spieler und des Schiedsrichters (li: Geurt Gijssen)


Kramnik (re,) neben dem stolzen Präsidenten


Topalov, Ilyumshinov, Kramnik


Toplov schaut sich die Eröffnungsfeier in der VIP-Lounge des Uralan-Stadions an.
Die Stühle hat der örtliche Baumarkt geliefert.


Mädchen des Landes zeigen in Trachten typische Tänze


Hier geht es um Schach


Auftritt


Das Brett als Bühne


Judomeister zeigen neue Eröffneungsmöglichkeiten


Volle Ränge auf der Haupttribüne


Die Gegentribüne ist etwas weniger stark besucht. Inszenierung ist eben alles.


Ein Feuerwerk zum Schluss

 

 

 



Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren