Aus Liebe zum Schach

13.08.2013 – Matthias Biermann-Ratjen hat kürzlich ein etwas anderes Schachbuch veröffentlicht: die Partienauswahl eines "Normalsterblichen" - mit seinen eigenen Partien. In Hamburger Schachkreisen war der Notar über Jahrzehnte eine feste Größe - als gefährlicher Taktiker, aber auch als Mäzen. Und in seinem Notariat am Mittelweg gaben sich viele prominente Spieler die Klinke in die Hand. Mehr...

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In den 1980er und 1990er Jahren gab es im Mittelweg eine in Hamburger Schachkreisen bekannte Anlaufstelle für Schachfreunde - das Notariat Biermann-Ratjen. Viele prominente Schachspieler gaben sich bei Matthias Biermann-Ratjen die Klinke in die Hand. Robert Hübner, der seinerzeit für den Hamburger Schachklub im Hamburger Sportverein spielte und dort Training gab, war zum Beispiel ein gern gesehener und häufiger Gast des Notars. Dem Hamburger Schach ging es nämlich gut zu jener Zeit. Es fand mit dem damaligen Präsidenten des HSV, Dr. Wolfgang Klein, mit dem HSV-Manager Felix Magath oder eben auch mit Matthias Biermann-Ratjen wohlwollende Unterstützer. Als Garry Kasparov seine ersten Besuche in Hamburg absolvierte, fand auch er selbstverständlich den Weg ins Notariat am Mittelweg. Mit Boris Spasski spielte Biermann-Ratjen Tennis.

Biermann-Ratjen gründete auch einen Schachverein, die SG Mittelweg und nahm mit dieser am Hamburger Ligabetrieb teil, zuletzt in der Hamburger Stadtliga. Zu Anfang spielte in der Mittelweg-Mannschaft ein schon älterer Herr mit, dessen Name im Schach einen guten Klang hat, von dem die meisten Schachfreunde vermutlich aber wenig wissen - Martin Beheim-Schwarzbach. Der Schriftsteller, 1900 auf einem Schiff im Londoner Hafen geboren, weshalb er die britische Staatsbürgerschaft besaß, wuchs am Mittelweg auf, emigrierte aber während der Nazizeit nach England. Zuvor war er in Deutschland unter anderem als Übersetzer der Romane "Vom Winde verweht", "Oliver Twist" oder "Tom Sawyer und Huckleberry Finn" bekannt geworden. Nach der Rückkehr nach Deutschland veröffentlichte der Schachliebhaber das "Knaurs Schachbuch", dessen feuilletonistischer Zugang zum Schach viele beeinflusst haben, nicht zuletzt auch Helmut Pfleger. Als alter Herr besetzte der inzwischen 80-Jährige Beheim-Schwarzbach am Mittelweg noch eines der hinteren Bretter und "gewann so gut wie jede Partie", wie sich Matthias Biermann-Ratjen später erinnerte.

Die Mittelweg-Mannschaft trug ihre Wettkämpfe im Notariat aus, über zwei Räume verteilt, wobei "der Notar", wie Matthias Biermann-Ratjen der Einfachheit halber genannt wurde, seine Partie selbstverständlich an seinem geräumigen Schreibtisch spielte. Die Brettreihenfolge war daher bei den SG Mittelweg-Heimkämpfen nicht ganz linear - mittendrin war das Brett von Mannschaftsführer Biermann-Ratjen an dessen unverrückbarem Schreibtisch aufgebaut.

Ein besonderer Heimvorteil der SG Mittelweg bestand auch darin, dass die Häuser dieser Straße nicht wie sonst üblich auf der einen Seite mit den geraden, auf der anderen Seite mit den ungeraden Hausnummern nummeriert ist. Stattdessen sind die Grundstücke am Mittelweg auf der einen Seite die Straße hoch, auf der anderen Seite die Straße wieder hinunter durchgezählt. Wer das Prinzip nicht gleich versteht, weil es ja auch völlig unüblich ist, konnte bei der vergeblichen Suche der richtigen Adresse des SG Mittelwegs, bzw. des Notariats Biermann-Ratjen unter Umständen wahnsinnig werden. Die Mannschaften der Hamburger Stadtliga wussten natürlich größtenteils Bescheid, aber mancher unkundige Aufsteiger lief in diese Falle und kam dann schon mal reichlich zu spät.

In der Küche des Notariats konnte geraucht werden, allerdings musste man sich mit einem dort stehenden Schlagzeug der Jazz-Band des Notars arrangieren. Der Jazz-Musik gilt die zweite große Liebe "des Notars". Er spielt Kontrabass. Als Biermann-Ratjen in den Ruhestand ging und sein Notariat schloss, war auch Schluss mit der SG Mittelweg.

Kürzlich hat Matthias Biermann-Ratjen ein Schachbuch veröffentlicht. Es heißt "Schachprotokolle", umfasst 144 Seiten und enthält eigene Schachpartien. Im Laufe der Geschichte haben schon viele Schachspieler Sammlungen ihrer Partien herausgegeben, zuletzt blieb dies allerdings den Topspielern oder Profis vorbehalten. Das Bedrucken von Papier kostet schließlich Geld und man braucht einen Verleger, der dies bezahlt und sich Rendite erhofft. Wahrscheinlich träumen aber doch viele, auch weniger gute Schachspieler davon, die eigenen Partien zu veröffentlichen, zumindest die guten Partien. Die Schachspieler sind doch alle sehr stolz auf ihre Leistungen und Erfolge. Matthias Biermann-Ratjen hat es einfach gemacht.

Die Sammlung enthält Schachpartien aus den 60 Jahren, über die sich Matthias Biermann-Rajen sich mit Schach beschäftigt hat, wobei der Notar eine scharfe Klinge führt. Wenn die richtige Stellung auf dem Brett ist, dann müssen auch deutlich bessere Gegner auf der Hut sein und im Laufe der Zeit hat Biermann-Ratjen auch einige bessere Spieler mit seinen kombinatorischen Feuerwerken zur Strecke gebracht oder ihnen wenigstens ein Remis abgejagt.

Die ersten Partien stammen aus dem Jahr 1955. Mit einem Freund spielte Mattias Bierman-Ratjen diese im Landschulheim Louisenlund und schrieb sie damals schon auf. Später spielte der Notar bei Vereinsmeisterschaften, Hamburger Einzelmeisterschaften und regelmäßig auf Open mit. Die Sammlung enthält aber auch eine Reihe von Partien gegen prominente Gegner, so zwei Partien, die Biermann-Ratjen gegen Martin Beheim-Schwarzbach Anfang der 1960er Jahre spielte. Mir ist sonst keine Quelle bekannt, in der man Partien des Schriftstellers nachspielen könnte. Man findet Partien gegen Frank Waligora, der lange Jahre die Schachspalte der Zeitschrift "Hör Zu" leitete, und andere lokale Hamburger Schachgrößen. Häufig nahm der Notar an Simultanveranstaltungen teil, zum Beispiel gegen Boris Ivkov, Fernschachweltmeister Jakov Estrin, Robert Hübner (Blindsimultan) oder Viktor Kortschnoj. Die Partien wurden von Biermann-Ratjens Schachfreund und Mannschaftskollegen Rolf Gehrke unter Zuhilfenahme einer Schachengine kommentiert.

In seinem Geleitwort hat Robert Hübner die Sammlung treffend skizziert: "Wie kaum eine andere Liebhaberei ist das Schachspiel geeignet, den Menschen das ganze Leben lang zu begleiten," und:  "Nicht nur die Spitzenspieler leisten Bemerkenswertes, auch die Partienmasse eines unbekannten Spielers enthält manches Lehrreiche."

In diesem Sinne sei das Büchlein allen empfohlen, die mit Matthias Biermann-Ratjen die Liebe zum Schach teilen.

 

André Schulz

 

Matthias Biermann-Ratjen: Schachprotokolle

22 Euro

Verlag: Adlibri Verlag Gmbh & Co. Kg (April 2013)
ISBN-10: 3899270371
ISBN-13: 978-3899270372

 

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