Bauernopfer im Politschach

06.09.2004 – Der 11.Schachweltmeister Bobby Fischer sitzt derzeit im Internierungszentrum Ushiku bei Tokio. Ein Versuch der japanischen Behörden, ihn in einer Nacht-und-Nebel-Aktion schnell außer Landes zu schaffen, scheiterte am raschen Eingreifen seiner Verlobten Miyoko Watai. Seit 1973 kennen sich Fischer und die heutige Präsidentin des japanischen Schachverbandes (600 Mitglieder), blieben über die Jahre in Kontakt und lebten seit vier Jahren zusammen in einer Wohnung in Tokio. Der seltsame Fall wirft auch ein Licht auf die Beziehungen zwischen den USA und Japan, in denen Fischer von der japanischen Regierung als belangloses Bauernopfer behandelt wird. Miyoko Watai äußert sich in einem neuen Interview, das Dr.René Gralle für Neues Deutschland führte, über die politischen Aspekte des Falles. Zu Neues Deutschland...Interview mit Miyoko Watai...

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Das folgende Interview erschien in Neues Deutschland, Ausgabe vom 4./5.September 2004. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
 

Eine Frau kämpft für Bobby Fischer: „Bobby fürchtet um sein Leben, wenn er in US-Haft kommt“

Ohne diese Frau säße Robert James Fischer, genannt „Bobby“,  wahrscheinlich schon lange in einem US-Knast. Miyoko Watai kämpft seit dem 13. Juli, als der ehemalige Schachweltmeister auf Tokios Flughafen Narita verhaftet worden ist, gegen die Auslieferung ihres Idols an die Vereinigten Staaten. Fischer soll sich vor einem amerikanischen Gericht verantworten, weil er 1992 im damaligen Jugoslawien einen Wettkampf gegen seinen alten Rivalen Boris Spasski ausgetragen hat. Begründung: Bruch eines Wirtschaftsembargos gegen Belgrad, als Siegprämie kassierte Fischer nämlich drei Millionen Dollar.

Zwischenzeitig hat ein heftiges Tauziehen um Fischer begonnen. Der 61-jährige ist im Internierungszentrum Ushiku bei Tokio festgesetzt worden; der notorische Exzentriker hat seinerseits einseitig die US-Staatsbürgerschaft aufgegeben. Japans Behörden versuchten ihrerseits vor wenigen Tagen, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den lästigen Gast los zu werden; Fischer sollte innerhalb weniger Stunden außer Landes geschafft werden, obwohl über seine eingelegten Rechtsmittel noch nicht entschieden worden ist. Das Manöver hätte klappen können, wäre da nicht Miyoko Watai gewesen. Die Fischer-Unterstützerin alarmierte ihre beiden Anwälte, und mit einer Eilentscheidung vom Bezirksgericht Tokio konnte sie die Deportation in letzter Minute stoppen.

Miyoko Watai ist Präsidentin des japanischen Schachverbandes, eines verschworenen Zirkels von rund 600 Mitgliedern in einer Nation, wo 20 Millionen das heimische Strategiespiel Shogi vorziehen. Die 59-jährige interessiert sich aber nicht nur als Funktionärin für das Schachgenie von einst: Die gelernte Pharmazeutin hat angekündigt, dass sie Bobby Fischer heiraten will. Der Autor Dr. René Gralla hat mit Miyoko Watai ein Telefoninterview geführt. Miyoko Watai hat übrigens einen neuen wichtigen Verbündeten gewonnen: den früheren stellvertretenden Außenminister Ichiji Ishii. Der Gründer eines elitären Schachklubs bietet sich als Fischers „Bürge“ an. Der 70-jährige verfügt über gute Kontakte und hat bereits einen komplizierten Kasus gelöst: Als sich Perus Ex-Präsident Alberto Fujimori nach Japan absetzte, wehrte Ichiji Ishii erfolgreich alle Vorstöße aus Lima ab, das flüchtige Staatsoberhaupt in der Andenrepublik zurück zu schaffen und dort hinter Gitter zu bringen.  

Tokios Behörden wollten Bobby Fischer in einer Blitzaktion an die USA ausliefern. Obwohl noch sein Einspruchsverfahren gegen die Abschiebung läuft: Warum diese Eile?     

Tokio folgt ganz einfach der amerikanischen Rechtsauffassung. Deswegen versuchen unsere Behörden, alles im Schnellverfahren abzuwickeln.

Sollen Fakten geschaffen werden - da  Fischer, wenn er erst einmal in einem amerikanischen Gefängnis sitzt, ja keine Chance mehr hat, die Maßnahme rückgängig zu machen?

Die japanische Regierung kann wohl nichts machen: Offenbar muss sie den Wünschen aus Washington nachkommen. Wissen Sie: Als Bobby die Schweiz besuchte, hat die US-Regierung niemals versucht, ihn verhaften zu lassen. Obwohl er sogar die amerikanische Botschaft in der Schweiz zweimal aufgesucht hat und dort seinen Pass vorgelegt hat, um den Ausweis zu verlängern. Aber die Schweiz ist eben ein neutrales Land, deswegen ist Bobby dort unbehelligt geblieben.

Japan ist doch eine große stolze Nation. Warum zeigt sich Tokio im Fall Fischer gegenüber Washington derart willfährig?

Denken Sie daran, wie Premierminister Junichiro Koizumi unsere Armee in den Irak geschickt hat – auf Druck der Amerikaner …

… obwohl die japanische Bevölkerung mehrheitlich gegen den Kriegskurs gewesen ist. Wie geht der juristische Kampf um Fischer jetzt weiter? 

Er hat in Japan Asyl beantragt. Aber es ist sehr schwer, das durchzukriegen. Deswegen versuchen wir, ein drittes Land zu finden, das Bobby Asyl gewährt - um seine Menschenrechte zu bewahren. Denn was hat er eigentlich verbrochen? Er hat nur Schach gespielt, 1992 im damaligen Jugoslawien. Und sehen Sie: An diesem Wettkampf sind auch andere Menschen beteiligt gewesen, Bobbys Gegner Boris Spassky und der Schiedsrichter, Großmeister Lothar Schmid aus Deutschland. Aber diese Leute werden dafür nicht belangt!

Man darf nicht vergessen: Fischer hat sich wiederholt offen antisemitisch geäußert. Ist es nicht angebracht, sich dafür zu entschuldigen?

Ich nehme nicht an, dass er das tun wird: Bobby ist Bobby. Ich weiß, dass man in Deutschland den Vorgang unter diesem Gesichtspunkt auf keinen Fall sehen, geschweige denn überhaupt diskutieren darf. Aber Bobby – und in diesem Zusammenhang lege ich Wert darauf zu betonen, dass ich insofern allein den persönlichen Standpunkt von Bobby Fischer wiedergebe - glaubt davon ausgehen zu können, dass er bloß sein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen hat.

Außerdem hat Fischer die Anschläge vom 11. September 2001 als Lektion für die USA begrüßt: eine weitere schwere Entgleisung, die ihm den Zorn der Amerikaner eingebracht hat. Und die ein weiterer sehr schwerer Fehler gewesen ist …

… das denke ich auch, ja. Er hätte seine Ansichten für sich behalten oder meinetwegen nur im privaten Kreis äußern sollen. Er hätte darüber aber niemals öffentlich reden dürfen.

Wäre es dann nicht an der Zeit, wenigstens diese anti-amerikanischen Ausfälle vor der Welt und dem Volk der Vereinigten Staaten zurückzunehmen? Vielleicht könnte Fischer so auch seinen Fall günstig beeinflussen?!

Dazu kann ich nichts sagen, kein Kommentar.

Aus Serbien-Montenegro soll es Signale geben, man könnte Fischer dort vielleicht als politisch Verfolgten aufnehmen?

Das stimmt. Aber wie ich gleichzeitig aus gewissen Quellen erfahren habe, versucht die US-Regierung nun, das zu verhindern. Indem sie als Druckmittel das Geld einsetzt, mit dem sie jährlich den Teilstaat Montenegro unterstützt.

Der deutsche Schachpromoter Hans-Walter Schmitt, der sich besonders engagiert für das von Fischer erfundene „Fischer Random Chess“ -  und das neue Konzept unter dem Namen „Chess960“ propagiert - hat eine Kampagne „Free Bobby Fischer“ gestartet …

… das habe ich im Internet gelesen.

Schmitt hat einen offenen Brief an Bundesinnenminister Otto Schily geschrieben und angeregt, dass Deutschland den Ex-Weltmeister aufnehmen möge. Erste Reaktion aus Berlin: Fischer solle sich direkt an die deutschen Behörden wenden. Haben Sie in diese Richtung schon Schritte unternommen?  

Wir versuchen, einen deutschen Pass für Bobby zu bekommen, unter Hinweis auf seine deutschen Vorfahren. Wir haben alle dafür notwendigen Dokumente vorgelegt und das deutsche Außenministerium kontaktiert. Aber das alles geht sehr langsam: Momentan warten wir auf eine Antwort.

Sie, Frau Watai, haben angekündigt, dass Sie Bobby Fischer heiraten wollen. Wie lange kennen Sie Ihren Verlobten?

Seit langer Zeit, seit 1973. Und seit vier Jahren leben wir zusammen.

Davon hat die Öffentlichkeit aber bisher nichts erfahren …

… weil wir unsere Beziehung geheim gehalten haben.

Sie können sich leicht vorstellen, dass böse Zungen nun unterstellen werden, Ihre Heiratspläne seien bloß ein Trick, um Fischers Auslieferung an die USA zu verhindern.

Sollen die Leute sagen, was sie wollen. Wir glauben aneinander, und wir vertrauen einander. Er hat seine Mutter verloren und seine ältere Schwester: er hat keine Familie mehr gehabt – und jetzt sind wir zwei zusammen.

Sind Sie, Frau Watai, schon früher einmal verheiratet gewesen?

Nein.

Jeder weiß, dass Fischer kein leichter Mensch im Umgang ist. Er ist etwas exzentrisch – trotzdem wollen Sie ihn heiraten?

Ja. Außerdem: Im Privatleben ist er ganz anders, als ihn die Öffentlichkeit kennt.

Spielt er noch immer Schach?

Ja, er mag Schach noch immer.

Sie beide sind Schachspieler, Bobby Fischer und Sie, Frau Watai. Wie sollen wir uns eine Ehe zwischen Ihnen beiden vorstellen: Wird das nicht eine äußerst spezielle Beziehung werden – in der Sie beide im Wesentlichen ständig Schach spielen?

Das glaube ich kaum (lacht).

Ohnehin haben wir gehört, dass Bobby Fischer nur noch das von ihm erfundene „Fischer Random Chess“ spielen soll; dabei werden bekanntlich die Anfangspositionen von  Offizieren und König von Partie zu Partie verändert.

Ja. Bobby sagt, das normale Schach sei tot.

In Japan ist eine eigene und wunderbare Schachvariante viel populärer als das internationale Schach: Die heißt Shogi. Spielt Bobby

Fischer jetzt auch Shogi?

Nein.

Das Shogi interessiert ihn nicht?!

Nein! Er sagt, er sei zu alt, um noch Shogi zu studieren.

Wie oft sehen Sie Bobby Fischer?

Ich besuche Bobby jeden Tag im Internierungszentrum. Das liegt zwei Fahrstunden von Tokio entfernt. Ich will Bobby aufmuntern und ihm seelische Kraft geben.

Wie ist seine Stimmung?

Er ist verzweifelt; denn die ständige Drohung, dass er deportiert werden kann, heute oder morgen, belastet ihn sehr stark. Er fürchtet um sein Leben, wenn er in amerikanische Haft kommt.

Der Weltschachbund FIDE schweigt zur Verhaftung seines ehemaligen Weltmeisters. Ist es nicht beschämend, dass sich FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow nicht dazu aufraffen kann, ein Wort der Verteidigung für Bobby Fischer zu finden?

Ich stimme Ihnen zu: Das ist eine Schande, wie sie Bobby behandeln. Obwohl er so viel für das Schach getan hat: Er hat sein ganzes Leben für Schach geopfert.

Sie sind Präsidentin der Japanischen Schachverbandes. Wenn Sie Herrn Fischer heiraten und ein drittes Land nimmt dann Ihren Ehemann als Asylanten auf: Würden Sie, Frau Watai, Ihrem Mann folgen und Japan tatsächlich verlassen?

Eins nach dem anderen: Darüber können wir später nachdenken.

Wie schätzen Sie die Lage insgesamt ein: Sind Sie optimistisch, dass Fischers Auslieferung an die USA verhindert werden kann?

Wir wollen den Kampf gewinnen, deswegen muss ich Optimistin sein. Andernfalls haben wir bereits von vorneherein verloren.

Interview: Dr. René Gralla

  

 

 


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