Bücher 2010

21.12.2010 – Mit der Erfindung des Computers war das Ende des Buches für viele Kommentatoren beschlossene Sache. Das Gegenteil war der Fall: Niemals zuvor erschienen so viele Bücher, denn niemals zuvor war es so einfach Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen. Inzwischen wurde allerdings mit dem IPad und anderen Tabletts-PCs ein neuer Mordversuch unternommen - man wird sehen, wie das Buch sich behaupten wird. Im Jahr 2010 erfreute es jedenfalls noch bester Gesundheit, auch im Bereich der Schachpublikationen. Bücher z.B. bei Schach Niggemann kaufen...Fünf Bücher...

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Bücher 2010
Von André Schulz

Glenn Flear: Starting Out: Open Games



Mit "Open Games", in der Reihe "Starting Out "des Everyman Verlages erschienen, gibt Glenn Flear einen Überblick über die Hauptvariante der Offenen Spiele mit Ausnahme der Spanischen Partie. Das Buch ist nicht nur für Spieler interessant, die mit 1...e5 den Anfangszug 1.e4 beantworten wollen, in der Spanischen Parte vielleicht schon eine Hauptwaffe gefunden haben und sich nun aber auch noch durch alle anderen Offenen Spiele durcharbeiten müssen. Allerdings sind mit der Russischen Verteidigung und der Philidor-Verteidigung auch zwei Eröffnungen enthalten, die man als Hauptwaffe (oder Zweitwaffe) gegen 1...e4 einsetzten kann. Aber auch wer mit den weißen Steinen auf der Suche nach einer Waffe gegen 1....e5 ist, findet hier mehrere Angebote (Italienisch, Schottisch etc.).

Die behandelten Varianten werden mit Hilfe von größtenteils recht aktuellen Partien aus der GM-Turnierpraxis illustriert. Flear hat dabei auch eine Vielzahl von eigenen Partien verwendet. Die Übersicht ist nicht etwa auf Repertoirevorschläge reduziert. Stattdessen bemüht sich der englischen Großmeister alle Alternativen für beide Seiten aufzuzeigen und so einen Gesamteindruck der entsprechenden Eröffnungen zu vermitteln. Bei der Vielzahl der heutzutage gespielten Partien ist es unmöglich, ein umfangreiches Gebiet wie die Offenen Spiele in extenso darzustellen. Die Kunst besteht also darin, geschickt zu reduzieren und zu komprimieren. Dies ist Glenn Flear gut gelungen und er tritt mit seinem Buch in diesem Sinne auch die Nachfolge von John Emms an, der seinerzeit im Gambit Verlag eine ähnlich komprimierte Darstellung der Offenen Spiele aus, allerdings nur aus schwarzer Sicht (Play the Open Games as Black) veröffentlich hatte. Über die Variantendarstellung hinaus werden zwischen den Zügen übrigens auch allgemeine Spieltipps gegeben - ob man z.B. in einer bestimmten Variante früh oder spät rochieren soll, ob man im Zentrum oder am Flügels spielt und welche Gefahren bestimmte Varianten mit sich bringen, etc.

Flears Buch ist ein hervorragender Einstieg ins Reich der Offenen Spiele für Klub- aber auch Turnierspieler.

Glenn Flear: Starting Out: Open Games
Everyman, 318 S., Paperback in englischer Sprache
17,95 Euro


Lars Schandorff: The Caro-Kann



Es ist noch nicht so lange her, dass die englische Großmeisterin Jovanka Houska ein schickes Repertoirebuch zur Caro-Kann Verteidigung veröffentlich hat. Vom früheren "Langweiler", in dem die Schwarzspieler einst - meist in Bauchlage - ein ereignisloses Remis anstrebten, hat sich die Caro-Kann Verteidigung seit einiger Zeit zu einer ziemlich scharfen Eröffnung entwickelt. Wenn Schwarz auf den vollen Punkt geht oder einfach Spaß an verwickelten Varianten hat, strebt er in der Hauptvariante (1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Lf5) die kurze Rochade an. Falls Weiß dann nicht hart zupackt, hat Schwarz meist wenig Sorgen. Ein Kampf auf des Messers Schneide entsteht, wenn Weiß auf Königsangriff spielt. Weiß kann das Spiel auch auf andere Weise ehrgeizig anlegen, z.B. mit der experimentellen "Fantasy-Variante" (3.f3, s. erste Finalpartie der Frauen-WM 2010) oder mit der Vorstoßvariante, in der man wahlweise taktisch oder strategisch vorgehen kann.

Schandorffs Buch ist wie der Vorgänger von Houska als Repertoirebuch für den Schwarzspieler angelegt. Zum Teil empfiehlt der dänische Großmeister die gleichen oder ähnliche Systeme, z.T. aber auch ganz andere Spielweisen als die Engländerin. Wer als Caro-Kann-Spieler Houskas Buch mochte, wird auch an Schanddorffs aktuellerem Werk Gefallen finden. Der Däne bietet einige neue Erkenntnisse in der Beantwortung des Panow-Angriffs und hat hier auch interessante Varianten aus dem Fernschach parat. Im Gegensatz zu Houska behandelt Schandorff in der Vorstoßvariante den "Normalzug" 3...Lf5, Houskas Schwerpunkt lag auf 3...c5.

Lars Schandorff: The Caro-Kann
Quality Chess, 250 S. Paperback in englischer Sprache
24,99 Euro


Boris Avrukh: 1.d4 Volume Two



Das nun mit dem zweiten Band vollständig vorliegende Werk des israelischen Großmeisters über die Eröffnungen nach 1.d4 aus weißer Sicht wird selbst von Großmeistern gerne als "Die Bibel" (für d4-Spieler) bezeichnet. Tatsächlich bieten die zwei Bände mit zusammen ca. 1050 Seiten die vollständige Antwort auf alle Eröffnungsfragen, die nach 1.d4 entstehen können. 1.d4 Volume One und Volume Two zeigen ein komplettes für GM-Turniere geeignetes Eröffnungsrepertoire, angelehnt an Avruhks eigenes Repertoire. Wenn es nicht gerade völliger Unfug ist, empfiehlt der mehrfache Olympiateilnehmer Varianten mit der Fianchettierung des Läufers nach g2. Außer ihm spielt z.B. in der israelischen Nationalmannschaft auch Boris Gelfand viele Eröffnungen nach 1.d4 auf diese Weise.

Im ersten Band waren die Eröffnungen nach 1.d5, darunter auch Katalanisch, das Thema. Band 2 widmet sich nun auf über 600 Seiten den übrigen Eröffnungen. Dazu gehören die Bogoindische Verteidigung, das Budapester Gambit, Königsindische Eröffnung, die Grünfeld-Eröffnung, die Moderne Verteidigung, die Holländische Verteidigung, verschiedene Benoni-Varianten und eine Reihe von kleineren unabhängigen Varianten.

Bei seinen Empfehlungen ist Avrukh immer auf der Suche nach dem akademischen Vorteil für Weiß (was oft, aber nicht nicht immer gelingt), wird dann auch in bestimmten Varianten bisweilen sehr prinzipiell und konkret. Oft gibt Avrukh auch Alternativvorschläge. Eins ist sicher: Wer diese beiden Bände konzentriert durchgearbeitet hat, kann selbst auf GM-Turnieren zumindest in der Eröffnung mithalten (zumindest mit Weiß).

Boris Avrukh: 1.d4 Volume Two
Quality Chess, 614 S, Paperback in englischer Sprache
24,99 Euro


Karsten Müller: Bobby Fischer



Damit ist Karsten Müllers Werk über Bobby Fischer nun auch in einer deutschsprachige Ausgabe erschienen. Das Buch enthält alle Partien von Robert James Fischer, durchgesehen und mit Anmerkungen versehen. Die letzte Partie aus dem "Revanche"-Wettkampf gegen Boris Spasski, 1992, trägt die Nummer 736. Fischer ist einer der großen Mythen der Schachgeschichte. Seinem kometenhaften Aufstieg und erstem Angriff auf die Weltmeisterschaft folgte eine Zeit der Stagnation, bzw. ein erste Rückzug vom Schach. Der zweite Angriff gelang, danach verschwand Fischer aus dem Blick der Öffentlichkeit. 1992, zwanzig Jahre nach dem WM-Sieg gegen Spasski, tauchte er für besagten "Revanche"-Kampf erneut auf, und verschwand danach erneut. Schließlich wurde er in Japan bei der Ausreise verhaftet und fest gesetzt - irgendjemand im Regierungsapparat der USA wollte anscheinend noch eine Rechnung mit dem 11. Schachweltmeister begleichen. Mit seinem zweiten Wettkampf gegen Spasski hatte Fischer gegen ein Wirtschaftsembargo verstoßen und sich dort und bei anderer Gelegenheit später erneut abfällig über sein Geburtsland geäußert. Nach Monaten des Kampfes wurde Fischer von seinen isländischen Freunden auf juristischem Wege befreit und verbrachte die letzten Jahres seines Lebens auf Island.

Es war Zeit, dass Fischer mit einer kommentierten Sammlung seiner Partien sein schachliches Denkmal erhielt. GM Dr. Karsten Müller hat es ihm mit der ihm eigenen Sorgfalt gesetzt. Die biographischen Anteile daran sind eher kurz.. Der Schwerpunkt liegt ganz klar auf den Partien. Aber es gibt einen Abriss seiner schachlichen Karriere und einige Anekdoten, die bekanntlich zu jedem Mythos dazu gehören. Zudem ist ein Überblick zu Fischers Eröffnungen vorangestellt. Der Partiesammlung wurden außerdem einige Statistiken angefügt.

Das Buch ist eine gute Gelegenheit, noch einmal Fischer in seinen Partien Revue passieren zu lassen. Das Nachspielen derselben ist purer Genuss. Es ist aber auch sehr interessant, dieses Schach mit dem Schach zu vergleich, das heute gespielt wird.

Karsten Müller: Bobby Fischer
New in Chess, 408 Seiten, Paperback in deutscher
29,90 Euro


Karsten Müller / Raymund Stolze: Zaubern wie Schachweltmeister Tal



Ganz anders als das obige Buch über Fischer ist dieses Buch über Michail Tal angelegt, obwohl mit Karsten Müller ja die Hälfte der Autoren die gleichen sind. Das Tal-Buch ist Band 82 der Schachreihe bei Edition Olms, was daran erinnert, das dieser Verlag in Bezug auf deutschsprachige Schachbücher der renommierteste und fleißigste ist. Der Band enthält auf etwas über 300 Seiten Partien und Taktikaufgaben des "Magiers von Riga" und nähert sich seiner von vielen Zeitgenossen als überaus liebenswürdig beschriebenen Persönlichkeit mit Hilfe von Aufsätzen, Erinnerungen und Interviews. In 15 kleineren Texten bzw. Interviews berichten Weggefährten, darunter Boris Spasski, Vladimir Kramnik oder Robert Hübner, außerdem Tals Witwe Engelina, von ihren Erinnerungen an den achten Schachweltmeister. Robert Hübner hat zudem die Partie Tal-Keller, Zürich 1959 einer ausführlichen Betrachtung unterzogen und seine Beobachtungen notiert, die sich im Druck über 43 Seiten erstrecken. Er greift dabei auf sieben Vorgängerarbeiten zurück, darunter auch eine eigene aus dem ChessBase Magazin 5/1992, von denen sechs "gänzlich ohne Behinderung durch schachspielende Computerprogramme erstellt wurden." Immerhin.

Das Buch und Tals schachliche taktische Hinterlassenschaft wird in vier Kapiteln präsentiert: 1. Warm-up, 2.Korrekte Opfer, 3.Spekulative Opfer 4. Richtig Verteidigen gegen den Magier und ist ein Fest für alle Freunde taktischer Verwicklungen.

Karsten Müller / Raymund Stolze
Zaubern wie Schachweltmeister Tal
Edition Olms, 308 Seiten, Paperback in deutscher Sprache
19,95 Euro

 

 

 

 

 



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