Begeisterndes Vietnam

20.10.2008 – Mit Schach lernt man die Welt kennen, selbst in jungen Jahren! Nachdem gerade die Jugendeuropameisterschaft in Montenegro beendet worden ist, steht das nächste große Jugendturnier bevor: die Jugendweltmeisterschaft - in Vung Tau! Vung Tau ist eine bedeutende Hafenstadt unweit der vietnamesischen Hauptstadt Ho-Chi-Minh-Stadt. Trotzdem sind die meisten der 1600 Teilnehmer natürlich per Flugzeug angereist, jedenfalls insoweit sie im Besitz gültiger Reisepässe waren. Die Vietnamesen sind ein Volk auf zwei Rädern. Nirgendwo sonst ist die Dichte von Motorrollern so groß wie in vietnamesischen Städten. Auch die Begeisterungsfähigkeit ist riesig. Das bekamen die ausländischen Teilnehmer in vielfacher Hinsicht zu spüren. Während dem Einen nach den Feierlichkeiten die Börse abhanden gekommen war, konnten sich andere, zum Beispiel der Fahnenträger der deutschen Delegation Julian Jorczik, vor den Avancen seiner neuen Fans kaum in Sicherheit bringen. In jedem Fall stellten die Gastgeber eine Eröffnungsfeier auf die Beine, die im Schach seinesgleichen sucht. Bernd Rosen berichtet von den ersten Eindrücken.Turnierseite... Ergebnisse bei chess-results.com...Bericht und Bilder...

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Good Morning, Germany!
Von Bernd Rosen

Mit einem kräftigen und langgezogenen „Good Morning, Vietnam!“ begrüßte Robin Williams in dem gleichnamigen Film als Radiomoderator seine Hörer. In der Folge hatte er immer mehr Probleme damit, sein Auditorium mit schmissigen Hits und positiven Stories bei Laune zu halten und die schmutzige Wirklichkeit des Krieges auszublenden – ich hoffe, im Verlauf dieses Turnieres nicht ähnliche Schwierigkeiten zu haben, gute Nachrichten zu verbreiten. Bis jetzt fällt es mir leicht, denn alle sind wohlbehalten in Vietnam angekommen und die Stimmung ist gut.

 Alle sind gut angekommen? - Fast alle. Ein Bisschen Schwund ist immer, und das traf auch auf unsere Delegation zu. Ein für vier Turnierteilnehmer engagierter Privattrainer kam ohne Reisepass zum Flughafen in Frankfurt („So etwas besitze ich gar nicht!“) und musste zu Hause bleiben. Inzwischen kam die Nachricht, dass er die nötigen Formalitäten inzwischen erledigt hat und morgen nachkommen wird.

Der Rest der Truppe traf gestern nach einem ruhigen Flug planmäßig in Ho Chi Minh City ein, wie das frühere Saigon heute heißt. Gleich vier freundliche junge Damen empfingen uns am Flughafen:



 

Auch unseren Teilnehmerinnen waren die Strapazen der Anreise nicht anzumerken:


Sonja Bluhm – Diana Hannes

Ein Erlebnis für sich war die anschließende Busfahrt zum Hotel. Eine unüberschaubare Flut von zwei- und vierrädrigen Fahrzeugen ergoss sich mit ohrenbetäubendem Lärm durch die Straßen. Ein Gaspedal und eine Hupe – mehr braucht es ja eigentlich auch nicht, um vorwärts zu kommen. Vier Personen auf einem Motorrad, Hund auf dem Motorrad, Frau auf dem Sozius mit Baby im Schoss, Rikscha mit fünf Fahrgästen in einem Korb, in dem bei uns zu Hause vielleicht ein Hund Platz fände ... das alles und noch viel mehr haben wir mit Faszination und Grauen aus der sicheren Höhe unseres Sitzplatzes im Bus beobachten können.

 

Anschließend großer Empfang im Hotel, Gläser mit Fruchtsaft wurden gereicht (hieß es nicht, Eiswürfel können auch schon gefährlich sein? - zu spät!), ein Kamerateam filmte unsere Ankunft, ein Dolmetscher stand bereit – ein beeindruckendes Zeichen der vietnamesischen Gastfreundschaft, von der ich schon vorher viel gehört und gelesen habe.

 

Training, Erholung und Anpassung an die wirklich tropischen Temperaturen standen für heute auf dem Programm. Am Nachmittag warfen wir dann einen ersten Blick in den Turniersaal. „So tolle Rahmenbedingungen habe ich noch nicht gesehen!“ lautete der spontane Kommentar von Großmeister Thomas Pähtz, als er die Halle sah, in der die Vorbereitungen für die Eröffnungsfeier auf Hochtouren liefen. Rund um das Gebäude, das anscheinend nagelneu ist, sind noch einige Arbeiten im Gange. Hier noch einige Eindrücke vom ersten Tag:

 









Auch wenn das Turnier erst morgen beginnt, so können wir uns über mangelnde Abwechslung nicht beklagen. Ein ereignisreicher Tag begann zunächst jedoch mit Warten: Auf einen Bus, der uns zur Akkreditierung bringen sollte, dann aber doch nicht kam. Nach einer guten Stunde stellte sich plötzlich heraus, dass es doch ausreicht, wenn der Delegationsleiter mit den Passfotos alleine zum Turnierbüro fährt. Die gewonnene freie Zeit nutzte Thomas Pähtz zu einer Erforschung der näheren Umgebung. Hier ein malerischer Schnappschuss vom Hafen:

Delegationsleiter Hartmut Jorczik und ein unverhofft zum „Technical Officer“ beförderter Bernd Rosen fuhren am Nachmittag zur Willkommensparty des Organisationskomitees. Der Sportminister, der Präsident der Provinz Vung Tau, FIDE-Generalsekretär Ignatius Leong, der Vorsitzende des vietnamesischen Schachverbandes und weitere Würdenträger hatten zu einem Umtrunk mit kaltem Büffett eingeladen. Auch die gefürchteten Reden der Offiziellen waren angenehm kurz von geringer Anzahl, als der Provinzpräsident zum zweiten Mal das Rednerpult erklomm, schwante mir Böses, aber er beschränkte sich darauf, das Büffett für eröffnet zu erklären.

Ungewohnt für mich war die Anwesenheit zahlreicher aktueller und (pardon, offensichtlich) ehemaliger Schönheitsköniginnen, darunter zu meinem großen Erstaunen auch zwei Blondinen. Ob es sich um echte Blondinen oder echte Vietnamesinnen handelt, war nicht zu klären.

Ich freundete mich derweil mit meiner Kollegin als „Technical Officer“ aus dem Jemen an: Die achtjährige Nadya Ahmed Salah und ihr Vater sind die einzigen Vertreter ihres Heimatlandes bei diesem Turnier. Vermutlich hat der Vater einfach Glück, dass er wenigstens nach Außen hin der Chef sein darf... Hier also ein Gruppenfoto der kompletten Delegation aus dem Jemen:

Währenddessen plauderte Hartmut Jorczik mit GM Stellan Brynell von der schwedischen Delegation, die erst kurz vorher vor Ort eingetroffen war.

 

Auch die übrigen deutschen Teilnehmer machten sich auf den Weg zur Eröffnungsfeier:

Was dann über uns hereinbrach, ist kaum zu beschreiben – keiner von uns erinnert sich, ähnliches erlebt zu haben. Zunächst begrüßten uns zu beiden Seiten des Weges Drachen, die begleitet von einem ohrenbetäubenden Trommelwirbel wild umhertanzten.

Die Halle, in der das Turnier stattfindet, war hell erleuchtet und mit riesigen Transparenten geschmückt.

 

Eine lange Schlange weißgekleideter junger Mädchen – es müssen weit über hundert gewesen sein – bildeten links und rechts ein Spalier und winkten uns freundlich zu.

Ein riesiger Fesselballon schwebte vor der Halle.

Die Zuschauerränge der riesigen Halle waren bis auf den letzten Platz besetzt.

Erneut schloss sich eine lange Wartezeit an, die selbst für unsere DEM-gestählten Teilnehmer eine harte Probe darstellte. Schließlich bat die Moderatorin um fünf Minuten weitere Geduld, man warte auf den Beginn der Liveübertragung der Veranstaltung im vietnamesischen Fernsehen. Wie bei der DEM bewährt, führte ein Moderatorenduo durch die Veranstaltung. Ich denke, Jörg Schulz und Raphael Müdder werden sich, wenn sie diese Bilder sehen, im nächsten Jahr auch ein wenig mehr aufbrezeln!

Danach reihte sich eine farbenprächtige Darbietung an die nächste: Akrobatik, Tanz, noch einmal die Schönheitsköniginnen („war das eigentlich eine Modenschau?“), eine Kapelle, Auftritte der popolärsten vietnamesischen Musiker – wirklich unglaublich!

Stolz gaben die Moderatoren bekannt, dass insgesamt 1600 Personen (Teilnehmer und Begleiter) an dieser Meisterschaft teilnehmen. Stellvertretend für die fünf Kontinente Amerika, Asien, Afrika, Europa und Australien kamen je ein Vertreter auf die Bühne.

Beim Verlassen der Halle war Fahnenträger Julian Jorczik plötzlich umringt von einer Schar junger Vietnamesinnen, die ihn um seine Emailadresse baten – dabei hatte es vorher sanften Druckes bedurft, ihn zur Übernahme dieses ehrenvollen Amtes zu bewegen („Blasen am Fuss“ waren seine im wahrsten Sinne des Wortes lahme Ausrede).

Anschließend kamen wir gerade rechtzeitig, um ein gigantisches Feuerwerk zu bewundern.

Die Eröffnungsfeier, vermutlich aber vor allem das Feuerwerk, zog die Bevölkerung von Vung Tau in Massen an – es müssen zehntausende gewesen sein, die zu Fuß und in Fahrzeugen aller Art angereist waren, um diesem Spektakel beizuwohnen. Auch der Verkehrsstau nach der Veranstaltung war riesig – die Polizei bahnte uns schließlich eine Gasse durch die dichte Masse der Motorräder,  sonst wären wir nicht zu unserem Bus gelangt. Und das alles aus Anlass eines Schachturniers!

Leider wurde Stimmung in unserer Gruppe durch einen ernsthaften Zwischenfall arg getrübt: Herrn Osmanodja wurde im Gedränge die Geldbörse mit einem größeren Geldbetrag und sämtlichen Papieren gestohlen. Sehr ärgerlich! Doch die Extreme an diesem Abend lagen dicht beieinander. Es stellte sich heraus, dass Jonathan Carlstedt an diesem Tag 18 Jahre alt geworden war – hier das Geburtstagskind , daneben der Autor dieser Zeilen.

Abschließend noch weitere Fotos dieser denkwürdigen Eröffnungsfeier:











Bericht: Bernd Rosen
Fotos: Thomas Pähtz, Bernd Rosen

 

 

 

 


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