Bent Larsen: Optimistisch, originell, kämpferisch

von Johannes Fischer
04.03.2020 – Bent Larsen (4. März 1935 bis 9. September 2010) war eine der bemerkenswertesten Figuren der Schachgeschichte. In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts gehörte er zu den besten Spielern der Welt und errang zahlreiche Turniererfolge. Sein Kampfgeist, sein Optimismus und sein originelles Spiel sind legendär, außerdem war er ein brillanter Autor und wurde von seinen Kollegen und Rivalen als Mensch geschätzt. Vor 85 Jahren, am 4. März 1935, wurde Larsen in Tilsted, Dänemark, geboren. | Foto: Bent Larsen © Hans Peters

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Bent Larsen, Schachspieler aus Leidenschaft

Im Frühjahr 1970 kam es in Belgrad zu einem ungewöhnlichen und bemerkenswerten Wettkampf: zehn der besten Spieler der Sowjetunion spielten gegen zehn der besten Spieler aus dem "Rest der Welt". An jedem Brett wurden vier Partien gespielt, am Ende siegte die Sowjetunion denkbar knapp mit 20,5-19,5.

Aufregend war der Wettkampf auch deshalb, weil Bobby Fischer, der sich mehr als anderthalb Jahre vom Turnierschach zurückgezogen hatte, wieder spielen wollte. Allerdings an Brett 1 für den "Rest der Welt". Doch dagegen protestierte der dänische Großmeister Bent Larsen. Mit guten Argumenten. Denn schließlich hatte er weit mehr Erfolge aufzuweisen als Fischer und galt damals als einer der besten Turnierspieler der Welt. So hatte Larsen 1964 das Interzonenturnier in Amsterdam gewonnen und drei Jahre später wiederholte er diesen Erfolg und gewann auch das Interzonenturnier in Sousse. Dazu kamen unter anderem Turniererfolge in Havanna 1967, Winnipeg 1967, Palma 1967 und Monaco 1968.

Bobby Fischer 1970 | Foto: Norbert Rauch

Fischer lenkte ein, was für viele, die die Launen und Kompromisslosigkeit des Amerikaners kannten, überraschend kam. Doch beide, Fischer und Larsen, gewannen ihre Wettkämpfe: Fischer besiegte Tigran Petrosian klar mir 3-1 und Larsen holte am ersten Brett gegen den amtierenden Weltmeister Boris Spassky und dessen Ersatzmann Leonid Stein 2,5-1,5 Punkte. Larsens Mini-Wettkampf gegen Spassky endete 1,5-1,5 Unentschieden, doch mit einem Sieg gegen Stein in Partie vier behielt Larsen letztendlich die Oberhand.

Allerdings erlitt Larsen in der zweiten Partie gegen Spassky eine drastische Niederlage, die er später als die schlimmste seiner Karriere bezeichnete. Nach einem spektakulären Turmopfer von Spassky verlor Larsen mit Weiß in nur 17 Zügen.

 

Viele Spieler hätten nach einem solchen Desaster vielleicht pausiert oder zumindest versucht, in der nächsten Partie keine Risiken einzugehen, um nicht zwei Mal in Folge zu verlieren, aber Larsen zeigte sich unbeeindruckt und spielte in der dritten Partie gegen Spassky mit Schwarz von Beginn an auf Gewinn – mit Erfolg. Irgendwann fand Spassky nicht mehr die richtige Antwort auf die Probleme, die Larsen ihm stellte und erlitt seine erste Niederlage als amtierender Weltmeister.

 

Eine Partie, die typisch für Larsens Optimismus, seine kämpferische Einstellung und seinen dynamischen und kreativen Stil ist, mit dem er seine Gegner von Beginn an zwang, Probleme zu lösen.

Ein halbes Jahr später, beim Interzonenturnier in Palma de Mallorca im November 1970, konnten Larsen und Fischer ihre Debatte, wer denn nun wirklich der beste Spieler der westlichen Welt ist, fortsetzen. Fischer gewann das Interzonenturnier mit 18,5 aus 23 deutlich und hatte am Ende ganze 3,5 Punkte Vorsprung vor Larsen, Efim Geller und Robert Hübner, die sich die Plätze zwei bis vier teilten. Aber im direkten Duell gegen Larsen zog Fischer den Kürzeren und wurde von dem Dänen überspielt.

 

Doch im Halbfinale der Kandidatenwettkämpfe 1971 in Denver hatte Larsen gegen Fischer weniger Glück. Er spielte immer auf Gewinn, aber verlor sechs Partien in Folge und erlitt mit 0-6 eine vernichtende Niederlage. Larsens Optimismus und sein Kampfgeist hatten sich gegen ihn gewandt.

Fischer wurde ein Jahr später Weltmeister und hatte damit die Frage nach dem besten Spieler der westlichen und auch der ganzen Welt eindeutig für sich entschieden, aber auch Larsen erzielte nach dieser vernichtenden Niederlage noch eine ganze Reihe bedeutender Erfolge. So gewann er das Turnier in Teesside 1972 vor Ljubojevic und Portisch, Hastings 1972/73 vor Uhlmann und Hartston, Manila 1973 vor Ljubojevic und Kavalek, New York 1974 vor Browne und Orense 1975 vor Ljubojevic und Anderssen. Und 1976 gewann er in Biel ein weiteres Interzonenturnier, unterlag dann aber in den Kandidatenwettkämpfe dem Ungarn Lajos Portisch. Damit waren Larsens Träume, Weltmeister zu werden, ausgeträumt, aber er war immer noch für jeden ein gefährlicher Gegner, wie auch Anatoly Karpov feststellen musste, unter anderem beim "Tournament of the Stars" in Montreal 1979.

 

1979 gewann Larsen auch das 1. Clarin Turnier in Buenos Aires und zwar mit einem Vorsprung von 3 Punkten auf Spassky, Najdorf, Miles und Andersson. Auch das 2. Clarin Turnier, das 1980 stattfand, konnte Larsen gewinnen. Dieses Mal verwies er Timman, Ljubojevic und Karpov auf die Plätze.

Mit zunehmendem Alter und nachlassender Spielstärke verlor Larsen jedoch allmählich den Anschluss an die Weltspitze. Allerdings blieb er ein populärer Autor und war gern gesehener Gast bei Simultanvorstellungen, wie Peter Heine Nielsen, Dan H. Andersen und Thorbjörn Rosenlund in ihren Erinnerungen an Larsen schildern:

"Bent Larsen hat immer allein gearbeitet, aber von Anfang an war er bereit, sein Wissen zu teilen. Viele Jahre lang hat er bei den Schachcamps des Schulschachs in Dänemark Vorträge gehalten und unzählige Simultanveranstaltungen gegeben. Durch sein Charisma und seine Energie konnte er alledas unterschiedlichste Publikum faszinieren und in seinen Bann schlagen, von Schülern bis hochrangigen Manager. Garry Kasparov wollte ihn überreden, sich als FIDE-Präsident zu bewerben. Zwei politische Parteien haben ihm feste Wahlkreise angeboten, damit er sich für den Einzug ins dänische Parlament bewirbt.

Aber Bent Larsen wollte Schach spielen und schreiben. Was er über Schach schreibt, gehört zu dem Besten, was es gibt und verbindet Humor mit psychologischem Verständnis des Kampfes. …Er ist einer der großen Schachlehrer. … Das erste Schachbuch, das Magnus Carlsen gelesen hat, war Bent Larsens Find Planen (Finde den Plan)." (Peter Heine Nielsen, Dan H. Andersen, Thorbjörn Rosenlund, "The Will to Win", in Bent Larsen: Bent Larsen’s Best Games: Fighting Chess with the Great Dane, New in Chess 2014, S. 19-20).

Larsens Erfolge sind umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass er, abgesehen von seiner Zeit als Anfänger, keinen Trainer hatte und anders als viele seiner sowjetischen Rivalen nie systematisch gefördert wurde.

Bent Larsen | Foto: Harry Pot/ Nationaal Archief NL

Larsen wurde am 4. März 1935 in Tilsted, einem Ort in der Nähe der Kleinstadt Thisted in Nordwest-Jütlang geboren. Wie und wann er Schach gelernt hat, beschreibt Larsen in seinem Buch Alle Figuren greifen an:

"Im Januar 1942, gleich nachdem meine Familie nach Holstebro umgezogen war, musste ich einige Kinderkrankheiten überstehen, und in der Zeit lernte ich Schach spielen. Ich erholte mich von Windpocken und Mumps ohne irgendwelche Spätfolgen; beim Schach lagen die Dinge anders." (Bent Larsen, Alle Figuren greifen an, SchachDepot Verlag 2009, S. 11)

Bereits als Jugendspieler erzielte Larsen zahlreiche Erfolge in Dänemark und 1955 verlieh ihm die FIDE den Titel eines Internationalen Meisters. Nur ein Jahr später wurde ihm der Großmeistertitel verliehen, nachdem er bei der Schacholympiade 1956 in Moskau mit 14 Punkten aus 18 Partien das beste Ergebnis an Brett eins erzielt hatte. Später schrieb er: "Es war das einzige Turnier, in dem ich besser gespielt habe, als ich es davor erwartet oder für möglich gehalten hatte." (Alle Figuren greifen an, S. 26)

Nach dem Abitur studierte Larsen Bauingenieurswesen, allerdings beendete er das Studium nie, sondern entschied sich stattdessen für eine Karriere als Schachprofi. Vorher musste er allerdings noch zum Militär, von "Herbst 1961 bis Herbst 1963 … ein Erlebnis, über das ich nicht viel Positives zu berichten weiß". (Alle Figuren greifen an, S. 64)

Nach dem Militärdienst, als er Zeit hatte, sich ganz dem Schach zu widmen, stieg Larsen schnell zu einem der besten Spieler der Welt auf und beeindruckte immer wieder durch seinen originellen Stil und seine kompromisslose Kampfbereitschaft.

1982 zog Larsen von Dänemark nach Buenos Aires in Argentinien um mit seiner Frau Laura Benediz Benedini, einer promovierten Rechtsanwältin und Juristin, die er 1980 in Argentinien kennengelernt hatte, zusammenzuleben.

In Argentinien blieb Larsen bis zum Ende seines Lebens und er starb am 9. September 2010 in Buenos Aires. Heute, am 4. März, wäre er 85 Jahre alt geworden.

Larsen hatte viele Freunde und Bewunderer. Einer davon ist Yasser Seirawan, der sein Buch Chess Duels Larsen gewidmet hat.

"Von all den Meistern, die ich je kennengelernt habe, bewundere ich Bent am meisten. Das liegt nicht nur an der Stärke seines Charakters, seinem überragenden Verstand, seiner Sprachbegabung, seinem wunderbaren Sinn für Humor, und seinem absoluten Siegeswillen am Brett. Er hat alle diese Eigenschaften, aber außerdem noch viel, viel mehr: er ist ein Mensch mit Charakter und Prinzipien und, am wichtigsten, er ist außerdem noch ein wirklich warmherziger Mensch." (Yasser Seirawan, Chess Duels, Everyman Chess 2010, S. 46).

 




Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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