Bericht aus Odessa

08.01.2008 – Die meisten Zuschauer in Odessa sahen Ivanchuk als Favoriten des 2.World Rapid Cups der ACP an. Doch würde dieser nicht in der Ukraine, sondern z.B. in Baku stattfinden, stünden die Sympathien der Zuschauer dort wohl deren Landsmann bei, meint Misha Savinov in seinem Abschlussbericht zum Schnellschachturnier der ACP. Tatsächlich war aber auch in Odessa Teimour Radjabov der motivierteste Spieler. Im Viertelfinale knockte er Ivanchuk aus, im Halbfinale Jakovenko. Im Finale war er schließlich den notwendigen Tick besser als sein Gegner Alexander Grischuk. Dieser kann immerhin auf seinen Sieg in der Pokerrunde verweisen. Auch eine Personalie gibt es zu vermelden. Pavel Tregubov (Bild) trat von seinem Amt als ACP-Präsident zurück. Sein Nachfolger ist der Pivdenny Bank Vorsitzende Vadim Morokhovsky. Bericht und Bilder...

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Radjabov gewinnt ACP World Rapid Cup
Von Misha Savinov
Fotos: Boris Bukhman (PIVDENNY Bank) und Misha Savinov

Der von der PIVDENNY Bank gesponserte 2. ACP World Rapid Cup ist beendet. Glückwunsch an den Sieger Teimour Radjabov! Auch Alexander Grischuk, der Zweiter wurde, verdient höchstes Lob.

5. Januar

Am Vortag des Viertelfinals hatten wir im Pressezentrum eine kleine Diskussion, wer denn nun Favorit ist. Dies ist natürlich Meinungssache, da alle noch im Feld verbliebenen Spieler das nötige Können und Selbstvertrauen mitbrachten. Die meisten einheimischen Beobachter neigten zu Ivanchuk,


Wer hat dir beigebracht, um das Zentrum zu kämpfen?

wohingegen ich auf den Sieger des Wettkampfs Grischuk-Svidler tippte. So eng ist unser Denken – ich vermute, wenn man aus Baku stammt, würde man sich für Radjabov entscheiden und bei Israelis wäre Gelfand Favorit.


Väter: Karjakin und Radjabov


Ehefrauen; Frau Svidler und Frau Grischuk

Wie auch immer, nach dem Viertelfinale ruhten die Hoffnungen der Ukrainer auf dem jüngsten Teilnehmer dieses World Cups, Sergey Karjakin. Der viel versprechende 17-jährige warf Gelfand aus dem Rennen, den ältesten Spieler, der die Anfangsphase des Turniers überstanden hatte. Natürlich im Blitz – in langen Partien ist Russisch wirklich schwer zu schlagen.

Ivanchuk, der Lieblingsspieler des Publikums in Odessa (okay, vielleicht nur die Nummer Zwei – nach Karpov), wurde von Radjabov ausgeschaltet. Teimour ist so konzentriert wie eh und je, er wirkt hoch motiviert und von seinen bohrenden Augen beobachtet zu werden, muss wirklich unangenehm sein. Er ist definitiv ein harter Verhandlungspartner und Ivanchuk, gekleidet in den Farben von Real Madrid, bekam das zu spüren. Dem Publikum wurde alles geboten: lange Kämpfe in den ersten beiden Partien; wechselseitige Fehler im Blitz-Tiebreak; wilde Einsteller im ICC-Stil im Armageddon, was damit endete, dass Ivanchuk auf Zeit verlor, nachdem er 57 Sekunden des ursprünglichen Handicaps von einer Minute aufgeholt hatte...


Willkommen an Bord


Wer ist da?


Achtung! Tie-break!

Es spricht für Vassily, dass er pünktlich zur Pressekonferenz erschien und dann im Pressebereich blieb. Er gab Autogramme, diskutierte Partien, trank Kaffee, plauderte mit den Damen über alles Mögliche. Sehr sportlich!


Wo ist mein Gegner?

Meine Favoriten, Svidler und Grischuk, waren mit ihrem Wettkampf viel schneller fertig. Die erste Partie brachte zahlreiche Fehler und einer davon war besonders unglücklich für Svidler: Er übersah einen relativ leichten Gewinn und musste sich mit Remis zufrieden geben. In der zweiten Partie sah Grischuks Stellung etwas bequemer aus, bis Peter beschloss, im Endspiel eine Qualität zu opfern. Plötzlich schien für Alex Weihnachten zu sein. Und im Prinzip war das auch so.


Manchmal ist Schach schwer zu verstehen

Schließlich (oder zunächst, da dies der erste Wettkampf war) wehrte Dmitry Jakovenko die Herausforderung durch Ernesto Inarkiev, allerdings nicht ohne nervöse Momente. Nachdem Inarkiev die erste Partie durch eine in Heimarbeit ausgekochte Neuerung Jakovenkos verloren hatte (die, wie Grischuk nach der Partie erzählte, zufällig auch von ihm ausgekocht worden war), gelang es Inarkiev in der zweiten Partie beinahe durch ein Qualitätsopfer im besten Topalov-Stil zurück zu schlagen: Die Kompensation war schwer zu greifen (es sei denn, man mag Ausdrücke wie “lebhaftes Figurenspiel”, “leichter zu spielen” und dergleichen), aber langfristig. Doch schwere beidseitige Zeitnot zwingt die Spieler für gewöhnlich, zweitbeste Züge zu spielen und die weiße Initiative verlangte nach größerer Genauigkeit.


Die Presse wird kontrolliert


Treffen wir uns im Finale?

“Ich bin nicht sicher, wer heute wirklich verloren hat“, meinte Ernesto hinterher. „Ich muss mich nicht mehr vorbereiten und kann mir die schöne Stadt angucken.”

Und noch etwas gefällt mir an den Turnieren der PIVDENNY Bank: Die ausgeschiedenen Spieler bleiben in der Regel da.


Die Großmeister gucken gerne zu


Komponist Sergey Tkachenko quält Karpov

Zum Teil liegt das an nicht vorhandenen Flugtickets (einer der teilnehmenden Cricket-Fans hatte große Schwierigkeiten, seine Rückkehr zeitlich passend zu planen), aber der Hauptgrund ist die Gastfreundschaft der Veranstalter und die großartige Atmosphäre im Spiellokal. Das Feld ist zu drei Vierteln dezimiert, aber die meisten Leute sind noch da und machen einen glücklichen Eindruck.

P.S. Ich kann nicht anders, aber ich muss noch ein kurzes Pokerturnier erwähnen, das für (willige) Spieler und Journalisten nach Tag 2 organisiert wurde. Die Struktur war super-schnell mit Blinds, die sich alle zehn Minuten verdoppelten. Grischuk, Shabalov, Najer und Jakovenko bewiesen, dass World Cup-Teilnehmer alles gut können.


Pavel Tregubov wurde Vierter


Überraschung! Überraschung! Der beste Spieler hat gewonnen

Ich sorgte dafür, dass der beste Spieler verdoppeln konnte, als ich nach einem pre-flop Raise mit einem Reraise All-In ging – ich hatte Pocket-Damen und ziemliche Probleme. Alexander kam in Schwung und ließ bis zum Heads-Up Finale, wo er gegen seine Frau antreten musste, nichts anbrennen. Bei der letzten Hand lag Natalia vorne, aber Alex traf am River und gewann das Turnier.


Natalia Zhukova mit Freundin


Der aggressive Shabba geht All-In


König-Zehn von Natalia gegen Bube-Neun von Alexander


Und am River kommt ein BUBE!!

6. Januar


Bei der Arbeit

Bitte entschuldigen Sie, dass ich mich kurz halte: es liegt daran, dass ich in Odessa bin und es keinen besonderen Spaß macht zu arbeiten, während die Spieler und Kollegen um mich herum feiern.

Das erste Semifinale, Radjabov-Jakovenko, endete mit einem klaren Ergebnis.


Das erste Halbfinale

Das ist ein wenig verwunderlich, da vor dem Wettkampf Leute wie Ivanchuk die Chancen als ausgeglichen bewerteten (vermutlich bis zum Armageddon).


Können wir irgendetwas mit Radjabov tun?

Aber Jakovenko war nicht in Spiellaune und leistete nicht genügend Widerstand. Der hoch motivierte Radjabov qualifizierte sich fürs Finale und bombardierte die Journalisten auf der Pressekonferenz mit langen Varianten. Er redet eindeutig lieber über Schach als über andere Dinge.


Das erste Interview mit der Trophäe

Vor dem zweiten Halbfinale muss jemand Öl aufs Brett gegossen haben. Geben Sie diesen Kindern keine Streichhölzer! Das Spiel von Karjakin und Grischuk war herzinfarktverdächtig – hoffentlich haben ihre treuesten Anhänger die Partien nicht live verfolgt. Zwei Mal stand Grischuk schlechter, zwei Mal konnte er sich retten, um dann im Armageddon im hübschen Stil zu gewinnen.

Das Finale war hart für Grisch, den das Halbfinale eine Menge Kraft gekostet hatte, und der sehr viel weniger Zeit hatte, sich zu erholen. Beinahe hätte er die zweite Finalpartie verloren (rettete sich aber durch eine wunderbare, beinahe studienartige Verteidigung) und spielte in beiden Blitzpartien weit unter seinem Niveau.


Der Countdown

Radjabov hatte seine Aufgabe in der ersten Blitzpartie gut erledigt, spielte die Eröffnung in der zweiten jedoch schrecklich, schaltete dann jedoch wieder auf ruhige Verteidigung um, wobei er irgendwie am Leben blieb (mit dankenswerter Unterstützung durch Grischuk).


Darf ich?

Die Abschlussfeier war sehr herzlich, mit vielen Umarmungen, aber es gab auch politische Neuigkeiten. So wurde verkündet, dass Vadim Morokhovsky, Vorsitzender der PIVDENNY Bank (Hauptsponsor aller großen Turniere in Odessa), großer Schachenthusiast und entschlossener Förderer des Spiels, Pavel Tregubov als Präsident der ACP ablösen wird (auf Pavels eigenen Wunsch).


Pavel Tregubov tritt als Präsident zurück, aber nimmt seine Pflichten bei der ACP weiter wahr

Diese Entscheidung wurde unmittelbar vor Beginn der Schlussfeier vom ACP-Komitee offiziell angenommen.

Jetzt würde ich gerne Feierabend machen, aber wer weiß, vielleicht treffen wir uns morgen alle im Spielsaal wieder, da schwere Schneefälle in der Ukraine den reibungslosen Ablauf vieler Flughäfen, unter anderem die in Kiev und Odessa, gefährdet haben. Das Wetter ist vermutlich das Einzige, was die Veranstalter hier nicht in unter Kontrolle haben.



Der Autor schaut zu, wie Grischuk seine letzte Partie rekonstruiert

 

 

 

 

 


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