Bibel für Kaffeehausspieler

05.03.2009 – Wer der ewig anwachsenden Eröffnungstheorie überdrüssig ist, wer sich als Freigeist fühlt, dies auch am Brett zur Schau stellen möchte und wer überdies gerne in verdutzte Gesichter blickt, dem wird das Büchlein "Bastard-Indisch" von Rainer Schlenker aus dem Randspringer Verlag gefallen. "Bastard-Indisch" ist dem Reich der "Unregelmäßigen Eröffnungen" gewidmet und dort vor allem jenen Abspielen, die ganz bestimmt "unseriös" sind und erst mit solchen Opfern zur Geltung kommen, für die man nie mehr Kompensation als die hoch gezogene Augenbraue des Gegners erhält. Immerhin: In manchen Schachdisziplinen kann das Hochziehen einer Braue schon den entscheidenden Unterschied ausmachen. Rezension...

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"Bastard-Indisch"
Von Rainer Schlenker


Der Scan hat die Farbe verfälscht. In Wirklichkeit ist das Cover eher giftgrün

Das Buch - mehr: die Broschüre - "Bastard-Indisch" würde niemals einen Preis für gelungene Buchbinderkunst gewinnen. Das will es auch nicht. Hier geht es mal wirklich nur um den Inhalt. Auch der Layouter war übrigens kein Meister seines Fachs, was man auch dann erkennt, wenn der einst kritische Blick durch das Lesen vieler Schachbücher schon arg getrübt ist. Manche Abschnitte im Heft verwenden auch eine ziemlich kleine Schriftgröße. Das erweckt den Eindruck, als würden die Zeilen sich eng aneinander kuscheln, vielleicht weil sie Angst vor sich selber haben und dem was der Autor mit ihnen zum Ausdruck bringt. Hier werden nämlich Varianten vorgeschlagen, denen man nicht im Dunklen begegnen möchte.

Mit "Bastard-Indisch" spricht Rainer Schlenker die Zocker und Kaffeehausspieler mit Gebrauchtwagenhändler-Mentalität an. So wie früher Stabsaugervertreter gutgläubigen Hausfrauen minderwertige Sauggeräte im Tausch (natürlich mit gehörigem Aufpreis) gegen ihre eigentlich einwandfreien "Altgeräte" andrehten, so bietet Schlenker allerlei gemeine Tricks für den Naturspieler, dem es nicht ums Schach geht, sondern darum, den Gegner - gerne auch mit unerlaubten Griffen - von der Matte bzw. hier vom Brett zu werfen. Im Nu werden nämlich mit den angegebenen Varianten den Schachästheten die harmonischen Stellungen in unübersichtliche Figurenklumpen verwandelt. 

Als Beleg für das Gesagte, hier ein paar willkürlich gewählte Beispielvarianten aus dem Buch:

Schon die Titelvariante gibt zu denken und widerspricht jeder Schachlehre:

1.c4 g5

Da kann man nur mit dem Kopf schütteln. Wohin will denn der schwarze König später rochieren. Oder will er das gar nicht?

1.e4 e6 2.d4 b5 3.Lxb5 Lb7

Bauer weg.

1.d4 e5

Hier auch. Den Db4-Trick dieser Eröffnung dürfte wohl jeder kennen.

1.d4 e5 2.Sc3!?

Als wenn man nicht auf e5 ohne Schaden nehmen könnten...

1.d4 g6 2.e4 Sf6 3.e5 Sh5

Randspringer! Die Variante wird Norwegisch genannt. Ob Magnus Carlsen dagegen Einspruch erheben kann?

1.d4 b5 2.f4 g5

Kein Kommentar

1.Sf3 g5 2.Sg5 e5 (Oberndorfer Gambit)

Urkks

1.e4 g5 (Basman-Defence)

Was hätte aus Basman werden können, wenn er nicht diesen Spleen gehabt hätte...

Geradezu seriös mutet in dieser Sammlung jetzt das Lettische Gambit an.

Insgesamt sind 152 Seiten mit derlei Zügen und reichlich anregenden Beispielpartien bedruckt, zumeist starke Kost, die man besonders als Neuling nur sehr dosiert und am besten unter ärztlicher Aufsicht zu sich führen sollte. Wer alles durchgearbeitet hat, wird wohl niemals mehr ins normale Leben zurückfinden.

Nicht alle Beispiele sind allerdings so extrem wie die oben zitierte Auswahl. Manche Ideen sind tiefzügiger und kommen erst im fortgeschrittenen Eröffnungsspiel zur Anwendung. Erwähnt werden soll in diesem Zusammenhang noch das Halloween-Gambit, das in Kaissiber 27 (2007) eine ausführliche Würdigung erfuhr:

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 und nun, bevor Langeweile aufkommt: 4.Sxe5!? Sxe5 5.d4 Nun werden die schwarzen Springer gejagt und vielleicht sind für eine abschließende Bewertung die gegenwärtigen Engines im Moment einfach noch zu schwach.


"Bastard-Indisch" bietet eine Fülle von originellen Ideen für das Eröffnungsspiel, besonders für die Partien in der eigenen Schachkarriere, in denen nicht ein Remis zum Turniersieg reicht. Der Autor trägt die Beispiele überzeugend vor - am liebsten selbst am Brett - und nicht ohne Humor. Vielleicht ist Humor sowieso der Hauptantrieb für die Anwendung solcher Varianten. Der Gegner wird zur Strecke gebracht und nicht einmal mit objektiv korrektem Schach. Und: "In den ersten drei Zügen ist alles erlaubt!", wusste schon Tartakower.

In seiner Bewerbung weist Rainer Schlenker darauf, dass seinem alten Schachkumpel Matthias Deutschmann das Heft gut gefallen hat, wohl weil dieser Kabarettist ist, wie er selber anmerkt. Wer Matthias Deutschmann z.B. in seiner Partie gegen Susan Polgar gesehen hat - Blackmar-Diemer-Gambit! - ahnt schon, wessen Schachschule der Freiburger entsprungen ist. Das Cello ist doch nur schöngeistige Tarnung - auf Deutschmanns Brett regiert die Axt!

Auf keinen Fall aber sollte das Buch "Bastard-Indisch" in die Hände von minderjährigen Schachfreunden fallen! Sonst wird deren Stil für immer verdorben.

Schützen Sie Ihre Kinder!

 

Bastard-Indisch: kartoniert 14,80 Euro

Bezug:

Randspringer-Verlag
Rainer Schlenker
78056 VS-Schwenningen
Tel: 07729-4620446
 

André Schulz

 

 

 

 



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