Bologan, Chebanenko, Slawisch: Drei Bücher

08.05.2009 – Die Slawische Verteidigung ist - zusammen mit ihrer Schwester, der Halbslawischen Verteidigung - die Modeeröffnung der Saison - jeder spielt sie. Während Halbslawisch mit seinen Eröffnungen Meraner, Botvinnik- Moskauer und Anti-Moskauer Variante oft sehr aktives und scharfes Spiel bietet, garantiert die richtige Slawische Verteidigung besonders mit ihrer Hauptvariante 4...dxc4 gefolgt von 5...Lf5 sehr solides Spiel. Anfang der Neunziger tauchte aber verstärkt das Chebanenko-System mit dem pfiffigen Zug 4...a6 in den Turniersälen auf und brachte neue Impulse. Einer der Protagonisten ist Viorel Bologan. Er war Schülers von Vjatcheslav Chebanenko und hat im letzten Jahr ein sehr ausführliches Buch zu diesem System veröffentlicht. Zudem erschien gerade sein autobiographisches Werk "Ausgewählte Partien". David Vigorito ergänzt seine Arbeit zur Halbslawischen Variante nun mit einer Übersicht zur Slawischen Hauptvariante. Drei Bücher...

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Drei Bücher
Rezensionen von André Schulz

 

Viorel Bologan: Ausgewählte Partien

Gerade ist beim ChessGate-Verlag Viktor Bologans Buch "Ausgewählte Partie" erschienen. Es handelt sich um eine deutsche Ausgabe des Buches, das in englischer Sprache "Selected Games 1985-2004" heißt, ursprünglich aber einmal in russischer Sprache erschienen war. Im Titel ist der zentrale Inhalt bereis skizziert - eine Auswahl von Partien aus dem Schaffen des Autors Viktor Bologan. Doch das Buch bietet mehr, eine Beschreibung eines Schachlebens.

Aber vielleicht muss man es doch genau andersherum beschreiben: Das Buch ist eine Autobiographie. Der Autor, der Zufall wollte es so, wurde ein Schachspieler, sogar ein sehr erfolgreicher. So ist sein Lebensweg, Bologan ist allerdings erst 38 Jahre alt, von Schachparten begleitet und einige von diesen hat er in das Buch aufgenommen.

Man kann also so oder so sehen. Bologans Buch bietet beides: ein Lebensbild und Schachpartien - beides sehr geistreich vorgetragen und kommentiert.

Viktor Bologan ist in Deutschland schlagartig bekannt geworden, als er 2003 beim Dortmunder Sparkassen Chess Meeting mitspielte - und es gewann. Vor Kramnik, Anand, Radjabov, Leko und Naiditsch. Zwei Jahre später erreichte er die magische 2770-Elomarke. Zur Zeit liegt er etwas darunter. Er gehört zwar nicht ganz zur absoluten Weltspitze, aber zum erweiterten Kreis und ist für jeden Spieler ein gefährlicher Gegner. Sein momentaner Platz in der dicht gedrängten FIDE-Ratinglist ist Rang 39.

Die Partienauswahl beginnt in der Jugendzeit Bologans im Jahr 1985 und er hat sie in der Tradition von Mikhail Botvinnik kommentiert. Nach den Anmerkungen zu den kritischen Momenten, Varianten oder Zügen der Partie zieht Bologan ein Fazit, in dem er noch einmal den Charakter der Partie zusammenfasst und versucht, die Lehren dieser Partie zu formulieren. Bologan bietet hochklassige Partien, die ihm etwas bedeutet haben. Sie sind treffend kommentiert und bieten dem Nachspielenden für dessen schachliche Weiterbildung einigen Stoff zum Nachdenken und Nachahmen.

Doch zwischen zwei Partien hat Bologan immer etwas erlebt und das erzählt er mit viel augenzwinkerndem Humor. Mit einem gewissen Sinn für systematische Gründlichkeit beginnt. Bologan das Buch mit einem Bericht von seiner Geburt: "Das Kind ist tot! Rettet die Mutter!", sind die ersten Worte die Klein-Viktor, der nach dem Willen der Mutter eigentlich Viorel heißt, gehört, wenn auch wohl nicht verstanden hat. Und es sind auch die ersten Worte im Buch. Der Zuruf war jedenfalls falsch.

Viktor hat vier Brüder, will Polizist werden und ist ein begnadeter Fußballspieler. Dann bringt ihm der Vater Schach bei. Später studiert Bologan in Moskau und wird am ersten Tag schon seine gesamte Habe los, als er im Park gegen den Blitzkönig Arbakhov Vorgabepartien um Geld spielt. Von allen Stationen gibt es etwas zu erzählen und Bologan - ein gewissenhafter Beobachter - bringt die Dinge auf den Punkt. Der Leser erfährt ganz nebenbei etwas über das Leben in Moldawien und der Sowjetunion. Rumänien spielt eine wichtige Rolle, doch eigentlich ist Bologan wie viele Schachprofis Kosmopolit. Ein Teil seiner Heimat ist in der Welt verstreut, ein Teil liegt in Chisinau, wo er mit seiner Frau, einer Balletttänzerin, und seinen beiden Kindern lebt, wenn er nicht Schach spielt.

Dem "Schachtrainer aller Moldawier" Vjatcheslav Chebanenko ist Bologan ganz besonders verbunden. Chebanenko war ein Spieler auf Meisterniveau, der sich dann dem Training zuwandte. Alle moldawischen Großmeister durchliefen seine Schule. Er hatte originelle Ideen und hielt seine Lektionen grundsätzlich aus dem Gedächtnis - leider gibt es keine Aufzeichnungen. Eine seiner Ideen ist heute eine der populärsten Verteidigungen gegen 1.d4 - das Chebanenko-Slawisch mit 4..-a6. Eine andere das unaufgeforderte Schlagen Lxc6 im Rossolimo-Spanier. Eine ähnlich Wendung bietet auch die Englische Eröffnung.

Viktor Bologans Buch "Ausgewählte Partien" bietet von der ersten bis zur letzten Seite großartigen Lesestoff und langweilt nie auch nur einen Moment. Sei es, dass man die schönen Partien nachspielt oder die vielen Geschichten zwischendurch liest, stets wird man bestens unterhalten und hat das Gefühl, noch etwas zu lernen - über Varianten, über Personen, über Geschichte, über das Leben in Moldawien oder anderswo.

Woher hat der Schachspieler aber das erzählerische Talent?

"Während meines ersten Kurses am Sportinstitut wandte ich mich an Sigurd Lanka um Rat, wie das schriftstellerische Handwerk anzueignen sei. Nach einer kurzen Pause antwortete der erfahrene Schachjournalist folgendes: "Nun, hier gebe ich dir Kugelschreiber und Papier." "

Das Manuskript im russischen Original kenne ich nicht, so dass ich die Qualität der Übersetzung nur von der deutschen Ausgabe her beurteilen kann.  Der Bologan'schen Sprachwitzes scheint dank der guten Arbeit der Übersetzer Thomas Lemaczyk und Dirk Poldauf bei der Übertragung ins Deutsche bewahrt worden zu sein.

Viorel Bologan: Ausgewählte Partien. Paperback, 237 Seiten. Nettetal 2009. ca. 25 Euro. Mit einem Vorwort von Gary Kasparov

Viorel Bologan: Ausgewählte Partien wurde vom Verlag Chessgate zur Verfügung gestellt.


Webseite von Viktor Bologan...


 

Victor Bologan: The Chebanenko Slav
According to Bologan

Noch einmal Bologan, diesmal als reiner Fachautor eines Eröffnungswerkes. Wie oben bemerkt, ist der moldawische Großmeister seinem Trainer Chebanenko besonders verbunden. Leider starb dieser infolge einer Herzanfalls schon 1997 nur 35-jährig. Einer seiner tiefen Ideen war der Zug 4...a6 in der Slawischen Verteidigung. Es kommt nicht häufig vor, dass jemand schon im 4...Zug eine ganz neue Variante entdeckt, aber das Chebanenko-System gilt heute als absolut vollwertig und ist inzwischen schon eine der Hauptvarianten in der Slawischen Verteidigung.

Nach 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 spielt Schwarz 4...a6. Früher zog man hier nur entweder 4..e6, wonach der Lc8 erst einmal nicht aus dem schwarzen Häuschen heraus kann, entwickelte ihn gleich nach f5, wonach Schwarz mit Db3 rechnen muss oder spielte er erst einmal 4.dxc4. Während Weiß den Rückgewinn des Bauern organisiert, schleicht sich der Läufer dann nach f5. Der Zug 4...a6 ist eine pfiffige Alternative. Erst einmal ist nun Weiß am Zug. Wie soll er aber jetzt reagieren, Schwarz hat seinen Entwicklungsplan ja noch nicht offen gelegt? Nach 5.e3 findet der Lc8 nun ein prima Feld auf g4. Und auf gelegentliches Db3 kann der schwarze Damenturm jetzt die weiße Dame auch mal von a7 aus auslachen.

Entwickelt wurde die Idee schon in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Nachdem Bologan seinem Freund Shirov Anfang der Neunziger die Idee seines Trainers zeigte und dieser sie mit Erfolg in seinen Partien anwandte, wurde die Variante richtig populär.

Bologan gibt zu Anfang seiner ausführlichen Darstellung des Systems einen kleinen historischen Abriss, in dem er u.a. auch andeutet, wie die Idee des System evtl. entstanden sein könnte - es sollen hier nicht alle Geheimnisse verraten werden, aber eine von Chebanenkos Schülerinnen mit schlechtem Gedächtnis spielt eine Rolle.

Auf den folgenden etwa 240 Seiten werden alle Antworten und Varianten zur Chebanenko-Variante dargestellt und erläutert. Bologan hat den Komplex in fünf große Abschnitte unterteilt:

1. verschiedene Antworten, u.a. 5. cxd5,
2. die Varianten mit 5.a4 e6,
3. die Variante 5.Se5,
4. die Variante 5.e3 und
5. die Variante 5.c5.

In den Kapiteln werden die einzelnen Möglichkeiten für beide Seiten systematisch vorgestellt und gründlich abgehandelt. Der Autor kennt diese Eröffnung aus der eigenen Praxis aufs Genaueste und weiß sie aus eigener Erfahrung zu beurteilen. Am Ende jeder Variante zieht Bologan ein Fazit, das mit der Sicherheit des Spitzengroßmeister ausgesprochen wird. Ganz nebenbei erfährt der weniger versierte Spieler sehr viel zur Kunst der Stellungsbeurteilung, denn Bologan begründet sein abschließendes Urteil im Detail.

Die Chebanenko-Variante in der Slawischen Verteidigung ist sehr gesund und eine attraktive Möglichkeit für Schwarz als Antwort auf 1.d4. Auch ohne große Theoriekenntnisse kann man hier überleben, aber wer sich tiefer in die Materie einarbeiten will, findet mit Bologans  The Chebanenko Slav seine "Bibel" zum System.

Das Buch zeichnet sich zusätzlich durch einen Anhang mit Testaufgaben, einen Variantenindex und einen Namensindex aus.

Victor Bologan: The Chebanenko Slav According to Bologan. Paperback, 240 Seiten, New in Chess Verlag, Alkmaar 2008, ca. 22 Euro. Mit einem Vorwort von Alexey Shirov



David Vigorito: Tha Main-Line Slav

Vigoritos ausgezeichnetes Buch über die Halbslawische Verteidigung wurde bereits an andere Stelle vorgestellt. Nun hat der Autor eine Publikation über die Slawische Hauptvariante veröffentlicht, die im Gambit Verlag erschien. Auf etwas mehr als 100 Seiten ist die Variante 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 dxc4 - eben die Hauptvariante im Slawen das Thema. Anhand von beispielhaften aktuellen Musterpartien behandelt der Autor die Varianten 4.a4 Lf5 - das ist das weitaus populärste Abspiel -, 4...Lg4 und 4...Sa6, außerdem die Abspiele 5.e3 und das Geller-Gambit 5.e4.

David Vigorito: Tha Main-Line Slav eignet sich als Einführung in das behandelte Gebiet für Klub- und Openspieler, die mal eine andere Eröffnung ausprobieren wollen oder sich eben in das Gebiet der Slawischen Verteidigung einarbeiten wollen. Gegenüber dem oben besprochenen Buch über das Chebanenko-System ist Vigoritos Werk viel oberflächlicher, was keine Kritik sein soll.

Seit Langem erfreut sich die Slawische Verteidigung wegen ihres übersichtlichen Theorieaufwandes und ausgesprochner Solidität einer großen Beliebtheit auch auf höchstem Niveau. Vigorito fasst den derzeitigen Stand in der Hautvariante gut zusammen und gibt wie Bologan zu den einzelnen  Komplexen zusammenfassende Einschätzungen. Der Anhang bietet einen Partien- und einen Variantenindex. Auch wenn die beiden Bücher unterschiedliche Bereiche der Slawischen Verteidigung behandeln, macht es Sinn, sich mit beiden zu beschäftigen, da es doch einige Verwandtschaft und ähnliche Ideen gibt.

David Vigorito: The Main-Line Slav, Paperback, 111 Seiten, Gambit Verlag, London, 2009, ca. 17 Euro


Die Bücher Victor Bologan: The Chebanenko Slav und David Vigorito: The Main-Line Slav wurden von Schach Niggeman zur Verfügung gestellt.

 

 

 

 


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