Botvinnik-Euwe ein ausgeglichenes Duell

von Stephan Oliver Platz
25.06.2018 – Der 5. Weltmeister Max Euwe und sein Nachfolger Mikhail Botwinnik spielten im Laufe der Zeit insgesamt 12 Partien gegeneinander. Der jüngere Botwinnik war dabei keineswegs überlegen. Stephan Oliver Platz erzählt die Geschichte dieser Begegnungen. | Foto: van Orschoot via Nationaal Archief/ Wikimedia Commons

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Botwinnik gegen Euwe – ein spannendes Duell

Partien zwischen Schachweltmeistern hatten schon immer ihren besonderen Reiz. So auch die Duelle zwischen Dr. Max Euwe aus den Niederlanden (Weltmeister 1935 – 1937) und Dr. Michail Botwinnik aus der Sowjetunion (Weltmeister 1948 – 1957, 1958-1960 und 1961-1963). In seinen "Schacherinnerungen" äußerte sich Botwinnik sehr aufschlussreich über den holländischen Exweltmeister, der selbst einiges Interessantes über Botwinniks Spielauffassung zu berichten weiß.

Ein unangenehmer Gegner

In seinen "Schacherinnerungen" schreibt Botwinnik über Euwe folgendes:

"Es war für mich schwierig, mit ihm zu spielen: ich verstand sein Spiel nicht. Er veränderte geschickt die Situation auf dem Brett und machte irgendwelche 'langen' Züge mit Figuren, die ich übersehen hatte." (a)

Michail Botwinnik, 1936 | Foto: Nationaal Archief/ Wikimedia Commons, Fotograf unbekannt

Diese Feststellung erstaunt nicht, denn immerhin war Euwe (Jahrgang 1901) zehn Jahre älter als Botwinnik und hatte dementsprechend mehr Turnier- und Wettkampferfahrung gesammelt. Mit 20 Jahren hatte er die holländische Meisterschaft gewonnen und mit 21 Jahren einen Wettkampf gegen den ungarischen Großmeister Géza Maróczy mit 2:2 bei acht Remisen unentschieden gehalten. Spätestens seit 1926 gehörte Euwe zur absoluten Weltspitze. Das zeigen seine Wettkämpfe gegen Aljechin 1926/27 (2:3 bei 5 Remisen), Bogoljubow 1928 und 1929 (jeweils 2:3 bei 5 Remisen), Capablanca 1931 (0:2 bei 8 Remisen) und Flohr 1932 (3:3 bei 10 Remisen). Am bemerkenswertesten ist dabei sicherlich die Tatsache, dass Aljechin, der 1927 den als unschlagbar geltenden kubanischen Weltmeister José Raúl Capablanca mit 6:3 bei 25 Remisen entthronte, seinen vorher ausgetragenen Wettkampf gegen Euwe nur denkbar knapp gewinnen konnte.

Max Euwe 1935 | Nationaal Archief/ Wikimedia Commons, Fotograf unbekannt

1934 – 1938: Euwe dominiert

Zum ersten Mal trafen Euwe und Botwinnik bei einem Turnier in Leningrad (Sankt Petersburg) am 22. August 1934 aufeinander. Botwinnik gewann das Turnier mit 7 ½ aus 11 vor Nikolay Rjumin und Peter Romanowsky (je 7). Euwe landete mit 5 ½ aus 11 (+2 -2 =7) im Mittelfeld auf Platz 6. Die Partie zwischen Botwinnik (Weiß) und Euwe, ein offener Spanier, endete nach 49 Zügen mit einem Remis in einem ausgeglichenen Schwerfigurenendspiel.

In Hastings 1934/35 büßte Botwinnik gegen Euwe im Mittelspiel einen Bauern ein und konnte das entstehende Endspiel trotz Läuferpaar nicht mehr halten. 1:0 für Euwe. Der holländische Großmeister gewann das Turnier zusammen mit den punktgleichen Sir George Thomas und Salo Flohr mit 6 ½ Punkten vor Exweltmeister Capablanca (5 ½). Botwinnik belegte punktgleich mit Andor Lilienthal Rang 5-6 (beide 5 Punkte).

 

In Nottingham 1936 hat Euwe zum ersten Mal Weiß gegen Botwinnik. Im frühen Mittelspiel versäumt er eine gute Gelegenheit, zum Angriff überzugehen. Die Partie endet nach beiderseitigen Fehlern in einem komplizierten Läufer-Springer-Endspiel mit einem Remis. Am Ende teilen sich Capablanca und Botwinnik mit 10 aus 14 den ersten und zweiten Preis, dicht gefolgt von Euwe, Fine und Reshewsky (je 9 ½). Sechster wurde Aljechin (9), den 7. und 8. Platz unter insgesamt 15 Teilnehmern teilten sich Lasker und Flohr (je 8 ½). Bemerkenswert an diesem Turnier ist, dass neben dem amtierenden Weltmeister Euwe, der sich 1935 im WM-Kampf mit 9:8 bei 13 Remisen gegen Aljechin durchgesetzt hatte, auch noch alle seine drei Vorgänger und der künftige Weltmeister Botwinnik mit von der Partie waren.

Im AVRO-Turnier 1938, welches den nächsten Herausforderer von Weltmeister Dr. Alexander Aljechin ermitteln sollte (er hatte sich 1937 den Titel von Euwe zurückgeholt), wurde doppelrundig gespielt. Die erste Partie zwischen Botwinnik und Euwe wird nach 41 Zügen in einem gleichstehenden Endspiel remis gegeben. In der zweiten Partie ergreift Botwinnik mit Schwarz in einem Grünfeld-Inder frühzeitig die Initiative, macht dann selber einen "langen" Zug mit seiner Dame, der sich aber schon bald als schwerer Fehler erweist. Euwe gewinnt die Qualität für einen Bauern und nach 34 Zügen die Partie.

 

Das sollte für längere Zeit die letzte Turnierpartie zwischen Euwe und Botwinnik bleiben, denn erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs trafen sie wieder aufeinander. Zwischenstand: 2:0 für Euwe bei 3 Remisen.

"In seiner Jugend war er manchmal undiszipliniert."

Über die folgenden beiden Begebenheiten während des Turniers in Nottingham 1936 berichtet Botwinnik in seinen "Schacherinnerungen" (b):

"Max Euwe war 35 Jahre alt. Er kam mit seiner Gattin Karo, und wir nahmen im Restaurant zu viert an einem Tisch Platz, solange er an der Spitze lag. Als die Führung an mich überging, saß der Holländer an einem anderen Tisch."

Wahrscheinlich hat es Euwe doch ziemlich geärgert, dass er als amtierender Schachweltmeister in diesem Turnier mit einem halben Punkt Rückstand hinter dem 25-jährigen Botwinnik und dem 48-jährigen Exweltmeister Capablanca nur Dritter wurde.

Botwinnik schreibt weiter:

"Dr. Euwe begann damals, die russische Sprache zu lernen. Als Bogoljubow an uns vorbeiging, rief Euwe ihn heran und sagte auf Russisch: "Ich will Russisch lernen." Jener winkt mit der Hand ab: "Sie lernen es sowieso nicht." "Lump", gab der Doktor zur Antwort. Jetzt ist Professor Euwe ein ausschließlich feiner und rücksichtsvoller Mensch. Aber in seiner Jugend war er manchmal undiszipliniert."

Dazu würde ich bemerken, dass rücksichtsvolle Menschen es sicherlich schwerer haben, Schachweltmeister zu werden. Diese beiden Anekdoten zeigen jedenfalls, dass Euwe den für einen Titelträger nötigen Ehrgeiz und Charakter zweifellos besaß. Er ist unter den bisherigen Schachweltmeistern vielleicht der am meisten unterschätzte.

Botwinnik, der sowjetische Botschafter Vassily A. Valkov, Botwinniks Frau Gayane (Ganna) Davidovna und ihre Tochter | Nationaal Archief/ Wikimedia Commons, Foto: Snikkers

Groningen 1946: Ein hart erkämpftes Remis

In Groningen spielen Botwinnik und Euwe am 24. August 1946 ihre erste Turnierpartie seit 1938. In einem angenommenen Damengambit ergibt sich ein interessanter taktisch zugespitzter Schlababtausch. In einem Turmendspiel, in dem Euwe die klar besseren Chancen zu haben scheint, wird die Partie abgebrochen. Doch Botwinnik gelingt es, bei der Analyse der Hängepartie einen Remisweg zu finden. Aus psychologischen Gründen will er jedoch Euwe in dem Glauben lassen, dass die Stellung für ihn gewonnen ist. Was dann geschah, schildert Botwinnik so:

"Mit hängendem Kopf erschien ich im Saal. Zweitausend Holländer hatten sich anderthalb Stunden nicht von ihren Plätzen gerührt. Jeder fürchtete, seinen Platz zu verlieren und nicht die Kapitulation des sowjetischen Champions zu sehen. Euwe klopfte mir gönnerhaft und wohlwollend auf die Schulter, tiefbetrübt nickte ich als Antwort, das war alles – ich schien zu begreifen. Das Spiel begann, ich führte anscheinend einen belanglosen Zug aus (er führte in der Tat zum Remis). Euwe war verwundert, wurde nachdenklich, warf mir einen prüfenden Blick zu und vertiefte sich in die Position. (…) Grabesstille – die Zuschauer waren vor Verwunderung sprachlos." (c)

Max Euwe, Michail Botwinnik | Nationaal Archief/ Wikimedia Commons, Fotograf unbekannt

WM-Turnier 1948: Botwinnik gleicht aus

1948 gewann Dr. Michail Botwinnik das vom Weltschachbund FIDE organisierte Turnier um die Nachfolge des 1946 verstorbenen Weltmeisters Dr. Alexander Aljechin mit 14 Punkten aus 20 Partien klar vor Wassili Smyslow (11), den punktgleichen Paul Keres und Samuel Reshewsky (je 10 1/2) sowie Dr. Max Euwe (4).

Die Teilnehmer des WM-Turniers (The Hague 1948). Von links nach rechts: Max Euwe, Wassili Smyslow, Paul Keres, Michail Botwinnik und Samuel Reshewsky. | Foto: J.D. Noske, Nationaal Archief/ Wikimedia Commons

Es wurde fünfrundig gespielt, so dass zwangsläufig ein Spieler gegen den anderen einmal öfter Weiß hatte, ein seltsamer Modus. In diesem Turnier schaffte es Botwinnik zum ersten Mal, den holländischen Exweltmeister zu bezwingen, und das gleich zweimal. Drei weitere Partien zwischen den beiden wurden remis.

Das WM-Turnier endete am 16. Mai 1948, genau vier Tage vor Euwes 47. Geburtstag. Das erklärt wohl auch den Misserfolg des Holländers. Botwinnik und Reshewsky waren jeweils zehn, Keres fünfzehn und Smylow sogar zwanzig Jahre jünger als er.

Sehen wir uns die beiden Gewinnpartien Botwinniks näher an:

In der zweiten Runde des WM-Turniers hat Botwinnik Weiß gegen den holländischen Exweltmeister. In einem Damengambit weicht Euwe der Meraner Variante in der Slawischen Verteidigung aus und greift zu einer Fortsetzung, in der Schwarz nur mit Mühe das Gleichgewicht wahren kann. Dies misslingt ihm dann allerdings gründlich.

 

Die zweite Entscheidung fällt in Runde 12. Diesmal lässt sich Euwe mit Schwarz auf die Meraner Variante ein, versäumt es aber in der Folge zu rochieren. Das gibt Botwinnik die Gelegenheit, mit Hilfe eines schönen Springeropfers Dame und Turm auf der siebenten Reihe zu verdoppeln, so dass Euwe die Dame hergeben muss, um seinen König zu retten.

 

Endstand zwischen Euwe und Botwinnik: 2:2 bei 8 Remisen

Die letzte Turnierpartie spielten Euwe und Botwinnik am 9. September 1954 während eines Länderkampfes Niederlande gegen Sowjetunion in Amsterdam zur Qualifikation für die Schacholympiade. Sie endete nach nur 29 Zügen in einem Endspiel, das trotz eines Mehrbauern für den mit Weiß spielenden Botwinnik nicht zu gewinnen war. Damit hieß es im Endergebnis nach insgesamt 12 Partien von 1934 bis 1954 unentschieden 2:2 bei 8 Remisen. Wobei allerdings hinzugefügt werden muss, dass Botwinnik achtmal Weiß hatte, Euwe dagegen nur viermal.

 

"Botwinniks Stil ist bemerkenswert"

In dem von Dr. Max Euwe und H. Kramer verfassten 12-bändigen Werk "Das Mittelspiel" (d) wird der Spielstil von Weltmeister Dr. Michail Botwinnik folgendermaßen charakterisiert:

"Botwinnik ist in gewissem Sinne ein Nachfolger Laskers. Ebenso wie sein großer Vorgänger suchte und sucht er in der Schachpartie vor allem den Kampf. Er zieht schwierige Stellungen vor, aber wenn es sein muß, spielt er auch einfache Stellungen mit kaum zu überbietender Präzision. (…) Er fürchtet sich nicht vor einer Zersplitterung seiner Bauernstellung, wenn er dafür freies Figurenspiel erhält. In dieser Hinsicht geht er noch viel weiter als Tarrasch, der die Vorteile eines isolierten Damenbauern verteidigte. Botwinnik hat nicht nur keine Angst vor dem isolierten Damenbauern, er ist auch bereit, sich mit Doppelbauern und sogar Tripelbauern abzufinden." Hervorgehoben wird weiter Botwinniks gründliche Vorbereitung und seine Fähigkeit, diese den Schwächen des Gegners anzupassen. Auf diese Weise konnte er den 1957 gegen Wassili Smyslow und 1960 gegen Michail Tal verlorenen WM-Titel im Revanchewettkampf wieder zurückgewinnen.


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Quellen:

(a) Michail Botwinnik, Schacherinnerungen (Düsseldorf 1981), S. 133

(b) Michail Botwinnik, Schacherinnerungen (Düsseldorf 1981), S. 77

(c) Michail Botwinnik, Schacherinnerungen (Düsseldorf 1981), S. 135

(d) Dr. Max Euwe und H. Kramer, Das Mittelspiel, Band 12 (Hamburg 1964), S. 13

 




Stephan Oliver Platz (Jahrgang 1963) ist ein leidenschaftlicher Sammler von Schachbüchern und spielt seit Jahrzehnten erfolgreich in der mittelfränkischen Bezirksliga. Der ehemalige Musiker und Kabarettist arbeitet als freier Journalist und Autor in Hilpoltstein und Berlin.
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