Boxen für's Hirn

22.02.2008 – Wenn das Lösen simpler Aufgaben erfolgreich als "Gehirnjogging" vermarktet werden kann, dann ist Schach - ganz klar - "Boxtraining" für den Geist. Als Lehrer an einer Haupt- und Realschule im Problembezirk Hamburg-Barmbek weiß Björn Lengwenus, wie er seine Kinder und Jugendlichen ansprechen muss, damit sie sich für Schach begeistern können. Mit dem gleichen Elan hat der Fritz&Fertig-Co-Autor daran gearbeitet, die Ergebnisse einer Studie, die in Trier durchgeführt wurde, auch in Hamburg umzusetzen. Schachunterricht fördert die Entwicklung von Kindern und verbessert deren Leistungen auch in den klassischen Schulfächern. Eltern und Lehrer der Grundschule Genslerstraße, ebenfalls in Hamburg-Barmbek, haben sich überzeugen lassen. In einem einzigartigen Projekt wurde eine Stunde Mathe zugunsten von Schachunterricht geopfert. Schach statt Mathe, heißt es dort nun. Mit der Firma ChessBase, deren Firmensitz nur ein paar Straßen von der Schule entfernt liegt, wurde ein engagierter Partner für die Aktion gefunden. Dr. René Gralla stellt das Projekt in einem Artikel des Neuen Deutschlands vor.Artikel beim ND...Nachdruck...

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Schach statt Mathe
An Hamburger Schulen werden künftig Boxer des Geistes fit gemacht

Von Dr. René Gralla

Der Mann am Mikro ist nicht mehr zu bremsen, er schießt die Silben wie ein Rapper ab, fehlen bloß noch fette Beats vom DJ-Pult. "Die Bauern stürmen, Rochade wird zur Lochade, ein Turm droht auf der f-Linie!" Bewegung im Publikum, Mädchen und Jungen springen auf Bänke, die Stimme aus den Lautsprecherboxen überschlägt sich fast. "Ole drückt auf's Tempo, er will es wissen, ich halt das nicht mehr aus!"

Nein, das ist nicht das Finale einer neuen Dschungel- oder Sonstwie-"Hol-mich-hier-raus"-Show, und kein Dieter Bohlen oder Dirk Bach latscht gleich um die Ecke. Hier geht es um jenes Fach, das bisher der Schrecken unzähliger Pennälergenerationen gewesen ist, und Björn Lengwenus, der Mann am Mikro, moderiert gerade die Auftaktveranstaltung für das Pilotprojekt "Schach statt Mathe". In der Turnhalle der Hamburger Grundschule Genslerstraße tragen zwei Mädchen und zwei Jungen ein gemischtes Doppel im Blitzschach aus, pro Partie und Spieler stehen maximal fünf Minuten zur Verfügung. 200 Kinder feuern ihre Altersgenossen vorne an.

Mittendrin die noch amtierende Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig, die auch den Weg nach Barmbek-Nord gefunden hat, zwei Kamerateams im Schlepptau, schließlich ist Wahlkampf in der Hansestadt, die heiße Phase vor dem Showdown am kommenden Sonntag. Und die Journalisten von Sat.1 und NDR staunen nicht schlecht, dass man Schach wie Fußball kommentieren kann. Und dass dieses anspruchsvolle Brettspiel überhaupt nicht langweilig ist, sondern einen Saal zum Kochen bringt.


Bildungssenatorin Alexandra Dinges steht hinter dem Projekt

Ein Aha-Erlebnis nach vielen Monaten zäher Lobbyarbeit. Passend zum "Jahr der Mathematik" 2008 hat Björn Lengwenus den Großversuch "Schach statt Mathe" auf den Weg gebracht. Auslöser war eine Studie der Universität Trier. Wissenschaftler hatten Grundschüler in Rheinland-Pfalz vier Jahre lang begleitet und festgestellt: Kinder, die neben den Grundrechenarten auch Schach trainierten, schnitten hinterher deutlich besser als der Landesdurchschnitt ab. Ein überraschendes Ergebnis, das Björn Lengwenus, Leiter einer Haupt- und Realschule und nebenbei Co-Autor des preisgekrönten Schachlernprogramms "Fritz & Fertig", nun für den pädagogischen Alltag nutzbar machen möchte. Dem umtriebigen 35-jährigen, der jeden Sommer außerdem noch zusammen mit dem ARD-Talker Reinhold Beckmann an sozialen Brennpunkten "Straßenfußball für Toleranz" organisiert, ist es gelungen, die Chefin der Grundschule Genslerstraße mit seiner Begeisterung anzustecken.

Und so startet Monika Küsel-Pelz jetzt den bundesweit einmaligen Probelauf, an dem 500 Kids im Alter zwischen fünf und zehn Jahren teilnehmen: Der wöchentliche Mathematikunterricht wird um eine Stunde reduziert, stattdessen stehen Rösselsprünge und Mattfallen auf dem Lehrplan. Das ortsansässige Unternehmen Chessbase, Betreiber des weltweit größten Schachportals im Internet, unterstützt den Großversuch mit Spielsätzen und Software, in zwei Jahren soll eine erste Zwischenbilanz gezogen werden.

Ist es aber nicht reichlich gewagt in diesen Zeiten, da vielstimmig über einen neuen Bildungsnotstand geklagt wird, ausgerechnet das Kernfach Mathematik zu beschneiden, und das auch noch zu Gunsten eines Spiels?! "Nein", sagt Björn Lengwenus im Interview mit dem Autor. Schach wirke wie Gehirnjogging: Das befähige die Kinder, "zielorientiert zu arbeiten", so dass sie "in verkürzter Zeit mehr lernen". Folgerichtig hat auch die Bildungssenatorin das ungewöhnliche Projekt abgenickt. Alexandra Dinges-Dierig wendet sich ausdrücklich gegen den verbreiteten Irrtum, eine bloße Steigerung der Stoffmenge würde die Schüler schlauer machen: "Üben allein entwickelt nicht das mathematische Verständnis", teilt sie auf Nachfrage mit.

Hartnäckiger war da schon der Widerstand im Lehrerkollegium. Einige fürchteten wohl, sich künftig vor der Klasse zu blamieren, weil manche noch nicht einmal die Regeln des Schachspiels beherrschten. Die Kritiker sind allerdings inzwischen verstummt, nach einem Crashkurs, in dem gestandene Erzieher das Einmaleins der 64-Felder-Kunde pauken mussen. Anders die Eltern, die Björn Lengwenus sofort auf seine Seite ziehen konnte. Und das hat nicht zuletzt auch kulturelle Gründe: Migranten prägen den Stadtteil, und gerade deswegen hat Björn Lengwenus mit seinem Plan bei Müttern und Vätern offene Ohren und Herzen gefunden, weil "Schach einen ungeheuren Stellenwert" genieße insbesondere in der türkischen und arabischen Community, so sein Resümee. "Wer körperlich stark ist, der glänzt im Boxen, und wer gut im Schach ist, der wird geachtet als Boxer des Geistes."

Und was sagen die Schüler zu "Schach statt Mathe"? "Das ist super!" strahlen Rana (7), Gideon (8), Lea (9) und Niclas (10). Und Aylin (9) weiß es schon ganz genau: "Ich will zur WM!"

Na dann - und vielleicht kriegen die zukünftigen Champs von der Genslerstraße demnächst eine prominente Cheerleaderin. Senatorin Dinges-Dierig, bisher bekennende Nichtspielerin, hat Björn Lengwenus noch in der Turnhalle Genslerstraße spontan gefragt, ob er ihr Schach beibringen mag. "Sie darf mich jederzeit anrufen", sagt Björn Lengwenus.



 

 

 

 


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