Nachdruck mit freundlicher Genehmigung
Schach statt Mathe
An Hamburger Schulen werden künftig Boxer des Geistes fit gemacht
Von Dr. René Gralla
Der Mann am Mikro ist nicht mehr zu bremsen, er schießt die Silben wie ein
Rapper ab, fehlen bloß noch fette Beats vom DJ-Pult. "Die Bauern stürmen,
Rochade wird zur Lochade, ein Turm droht auf der f-Linie!" Bewegung im
Publikum, Mädchen und Jungen springen auf Bänke, die Stimme aus den
Lautsprecherboxen überschlägt sich fast. "Ole drückt auf's Tempo, er will es
wissen, ich halt das nicht mehr aus!"
Nein, das ist nicht das Finale einer neuen Dschungel- oder
Sonstwie-"Hol-mich-hier-raus"-Show, und kein Dieter Bohlen oder Dirk Bach
latscht gleich um die Ecke. Hier geht es um jenes Fach, das bisher der
Schrecken unzähliger Pennälergenerationen gewesen ist, und Björn Lengwenus,
der Mann am Mikro, moderiert gerade die Auftaktveranstaltung für das
Pilotprojekt "Schach statt Mathe". In der Turnhalle der Hamburger
Grundschule Genslerstraße tragen zwei Mädchen und zwei Jungen ein gemischtes
Doppel im Blitzschach aus, pro Partie und Spieler stehen maximal fünf
Minuten zur Verfügung. 200 Kinder feuern ihre Altersgenossen vorne an.
Mittendrin die noch amtierende Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig,
die auch den Weg nach Barmbek-Nord gefunden hat, zwei Kamerateams im
Schlepptau, schließlich ist Wahlkampf in der Hansestadt, die heiße Phase vor
dem Showdown am kommenden Sonntag. Und die Journalisten von Sat.1 und NDR
staunen nicht schlecht, dass man Schach wie Fußball kommentieren kann. Und
dass dieses anspruchsvolle Brettspiel überhaupt nicht langweilig ist,
sondern einen Saal zum Kochen bringt.

Bildungssenatorin Alexandra Dinges steht hinter dem Projekt
Ein Aha-Erlebnis nach vielen Monaten zäher Lobbyarbeit. Passend zum "Jahr
der Mathematik" 2008 hat Björn Lengwenus den Großversuch "Schach statt
Mathe" auf den Weg gebracht. Auslöser war eine Studie der Universität Trier.
Wissenschaftler hatten Grundschüler in Rheinland-Pfalz vier Jahre lang
begleitet und festgestellt: Kinder, die neben den Grundrechenarten auch
Schach trainierten, schnitten hinterher deutlich besser als der
Landesdurchschnitt ab. Ein überraschendes Ergebnis, das Björn Lengwenus,
Leiter einer Haupt- und Realschule und nebenbei Co-Autor des preisgekrönten
Schachlernprogramms "Fritz & Fertig", nun für den pädagogischen Alltag
nutzbar machen möchte. Dem umtriebigen 35-jährigen, der jeden Sommer
außerdem noch zusammen mit dem ARD-Talker Reinhold Beckmann an sozialen
Brennpunkten "Straßenfußball für Toleranz" organisiert, ist es gelungen, die
Chefin der Grundschule Genslerstraße mit seiner Begeisterung anzustecken.

Und so startet Monika Küsel-Pelz jetzt den bundesweit einmaligen Probelauf,
an dem 500 Kids im Alter zwischen fünf und zehn Jahren teilnehmen: Der
wöchentliche Mathematikunterricht wird um eine Stunde reduziert, stattdessen
stehen Rösselsprünge und Mattfallen auf dem Lehrplan. Das ortsansässige
Unternehmen Chessbase, Betreiber des weltweit größten Schachportals im
Internet, unterstützt den Großversuch mit Spielsätzen und Software, in zwei
Jahren soll eine erste Zwischenbilanz gezogen werden.
Ist es aber nicht reichlich gewagt in diesen Zeiten, da vielstimmig über
einen neuen Bildungsnotstand geklagt wird, ausgerechnet das Kernfach
Mathematik zu beschneiden, und das auch noch zu Gunsten eines Spiels?!
"Nein", sagt Björn Lengwenus im Interview mit dem Autor. Schach wirke wie
Gehirnjogging: Das befähige die Kinder, "zielorientiert zu arbeiten", so
dass sie "in verkürzter Zeit mehr lernen". Folgerichtig hat auch die
Bildungssenatorin das ungewöhnliche Projekt abgenickt. Alexandra
Dinges-Dierig wendet sich ausdrücklich gegen den verbreiteten Irrtum, eine
bloße Steigerung der Stoffmenge würde die Schüler schlauer machen: "Üben
allein entwickelt nicht das mathematische Verständnis", teilt sie auf
Nachfrage mit.


Hartnäckiger war da schon der Widerstand im Lehrerkollegium. Einige
fürchteten wohl, sich künftig vor der Klasse zu blamieren, weil manche noch
nicht einmal die Regeln des Schachspiels beherrschten. Die Kritiker sind
allerdings inzwischen verstummt, nach einem Crashkurs, in dem gestandene
Erzieher das Einmaleins der 64-Felder-Kunde pauken mussen. Anders die
Eltern, die Björn Lengwenus sofort auf seine Seite ziehen konnte. Und das
hat nicht zuletzt auch kulturelle Gründe: Migranten prägen den Stadtteil,
und gerade deswegen hat Björn Lengwenus mit seinem Plan bei Müttern und
Vätern offene Ohren und Herzen gefunden, weil "Schach einen ungeheuren
Stellenwert" genieße insbesondere in der türkischen und arabischen Community,
so sein Resümee. "Wer körperlich stark ist, der glänzt im Boxen, und wer gut
im Schach ist, der wird geachtet als Boxer des Geistes."
Und was sagen die Schüler zu "Schach statt Mathe"? "Das ist super!" strahlen
Rana (7), Gideon (8), Lea (9) und Niclas (10). Und Aylin (9) weiß es schon
ganz genau: "Ich will zur WM!"

Na dann - und vielleicht kriegen die zukünftigen Champs von der
Genslerstraße demnächst eine prominente Cheerleaderin. Senatorin
Dinges-Dierig, bisher bekennende Nichtspielerin, hat Björn Lengwenus noch in
der Turnhalle Genslerstraße spontan gefragt, ob er ihr Schach beibringen
mag. "Sie darf mich jederzeit anrufen", sagt Björn Lengwenus.