Braucht die Schachweltmeisterschaft eine Reform?

von Stephan Oliver Platz
09.12.2018 – Alle 12 Partien der Weltmeisterschaft zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana endeten remis. Das gab es bisher noch nie. Benötigt die Weltmeisterschaft eine Reform. Stephan-Oliver Platz beleuchtet verschiedene Aspekte. | Fotos: Nikolai Dunaevsky (Agon)

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Wenig prickelnd: 12 Remispartien

Gedanken über den WM-Austragungsmodus

Die WM 2018 zwischen Magnus Carlsen und seinem Herausforderer Fabiano Caruana verfolgte ich zu Hause live über das Internet. Leider konnte ich diesmal nicht selber vor Ort sein, aber die Live-Kommentierung von GM Yasser Seirawan, GM Maurice Ashley und WGM Jennifer Shahade aus den USA war interessant genug. Garry Kasparow, Vishy Anand und Wladimir Kramnik wurden per Skype zugeschaltet und äußerten sich zum Spielgeschehen, wobei ich vor allem Kasparows Einschätzungen der Lage sehr beeindruckend fand, weil sie oft einen merkwürdigen Gegensatz zu den Computeranalysen darstellten, welche Maurice Ashley präsentierte. Weniger prickelnd erschienen mir die zwölf klassischen Partien, welche Carlsen und Caruana spielten, wobei ich allerdings weder den einen, noch den anderen Spieler dafür kritisieren möchte. Schließlich ging es um den Titel eines Weltmeisters und um eine ganze Menge Geld! Vor diesem Hintergrund wird Carlsens Entscheidung, die 12. Partie nicht auf Gewinn zu spielen, verständlich: Warum sollte er etwas riskieren, wenn er sich doch sicher war, das Schnellschachduell für sich entscheiden zu können? Das 3:0 im Stechen gab ihm vollkommen recht. Dennoch bleibt ein gewisses Unbehagen zurück: 12 x Remis hintereinander - soll das die Zukunft des Schachs sein?

Ungeeigneter Modus

Meine These: Der heutige Austragungsmodus einer WM im klassischen Schach ist nicht geeignet, einen spannenden und inhaltsreichen Kampfverlauf hervorzubringen, jedenfalls nicht, was die Partien mit langer Bedenkzeit angeht. Wir hatten von 1951 bis 1972 und noch einmal von 1985 bis 1993 eine Fülle hochspannender, auf 24 Partien angesetzte WM-Kämpfe. Warum eigentlich wurden seitdem mehrfach die Regeln geändert? Das betrifft nicht nur die Anzahl der zu spielenden Partien, sondern auch die Einführung des sogenannten "Tie-Breaks" mit immer weiter verringerter Bedenkzeit. Auch die Bedenkzeit für die regulären, "klassischen" Partien wurde im WM-Austragungsmodus im Laufe der Jahre immer mehr verringert. Bobby Fischer und Boris Spassky bekamen noch 2 1/2 Stunden Bedenkzeit für die ersten 40 Züge. Später waren es nur noch 2 Stunden. Heute sind es nur noch 1 Stunde und 40 Minuten bei einer Zugabe von 30 Sekunden je Zug von Anfang an. Hat diese dauernde Verkürzung der Bedenkzeit zu inhaltsreicheren und spannenderen Partien geführt? Wohl kaum. Und warum soll ein Tie-Break mit Schnellschachpartien dafür herhalten müssen, den "klassischen" Schachweltmeister zu küren? Muss ein Weltmeister im Marathon-Lauf (42 Kilometer) auch der beste 200- oder 100-Meter-Läufer sein?

Die negativen Folgen der Bedenkzeitverkürzung

Weil für die ersten 40 Züge deutlich weniger Bedenkzeit zur Verfügung steht, als dies früher der Fall war, kommt der Eöffnungsvorbereitung im Spitzenschach eine immer größere Bedeutung zu.  Bobby Fischer sprach in diesem Zusammenhang von "pre-arranged games" und meinte, das Schach sei "tot".  Wer die ersten 20 - 25 Züge einer Partie aus dem Gedächtnis herunterleiern kann, hat von vornherein einen großen Vorteil, nicht nur, weil diese Züge bereits zu Hause erprobt wurden, sondern auch, weil ihm für den Rest der Partie mehr oder sogar deutlich mehr Bedenkzeit zur Verfügung steht als seinem Gegner, der vielleicht schon zehn Züge vorher anfangen musste, selbst zu denken. Noch zusätzlich verschärft wird diese Situation durch die gestiegende Spielstärke der modernen Schachprogramme. Während früher ein ganzes Team von sowjetischen Spitzengroßmeistern Anatoli Karpow dabei half, Eröffnungsneuerungen für seine Wettkämpfe gegen Viktor Kortschnoj vorzubereiten, kann heute jeder technisch halbwegs Versierte ein solches Großmeister-Team in Form von "Stockfish", "Komodo", "Houdini", "Fritz" und anderen Schachprogrammen für sich arbeiten und analysieren lassen. Und warum sollte man diese technischen Möglichkeiten eigentlich ungenutzt lassen? Es käme doch auch kein Mathematiker auf die Idee, auf den Einsatz eines Computers zu verzichten und stattdessen mit dem Rechenschieber oder mit Papier und Bleistift zu arbeiten. Und doch bleibt die Gefahr bestehen, dass das Spitzenschach durch die ausufernde Analyse von "Eröffnungs-"varianten auf kurz oder lang zu mechanisch werden könnte. Wie könnte man diesem Trend entgegenwirken?

Mehr Bedenkzeit + längeres Match = Spannendere Partien

Spannendere und inhaltsreichere Partien erfordern meines Erachtens einerseits zusätzliche Bedenkzeit für die beiden Spieler und andererseits mehr Matchpartien. Wozu benötigen die Spitzengroßmeister mehr Bedenkzeit? Wer z. B. frühzeitig einen Bauern opfert für Kompensation (Entwicklungsvorsprung, offene Linien, mehr Raum, Angriffschancen), kann es sich nicht leisten, einen schwächeren Zug zu machen, denn das genügt bereits, um die Kompensation einzubüßen und in Verlustgefahr zu geraten. Wie soll man aber die stärksten Züge finden, wenn immer weniger Bedenkzeit zur Verfügung steht? Daher sollte meiner Meiung nach die Bedenkzeit für ein WM-Match wieder erhöht werden auf 2 1/2 Stunden für die ersten 40 Züge, und zwar in folgender Form:

Jeder Spieler bekommt 1 Stunde und 50 Minuten Bedenkzeit + 1 Minute Zugabe je Zug von Anfang an. Damit stehen für die ersten 40 Züge wieder 2 1/2 Stunden Bedenkzeit zur Verfügung und anschließend immer noch 1 Minute je Zug. Selbst wenn eine Partie 100 Züge dauern sollte, würde sie in spätestens 7 Stunden beendet sein. Und gerade für die Eröffnung und das Mittelspiel würde die zusätzliche Bedenkzeit sowohl dem Angreifer, wie dem Verteidiger zugutekommen. Gehaltvollere und spannendere Partien wären die Folge.

24 Partien sind besser als 12

Die Anzahl der Partien wurde von einst von 24 auf 12 halbiert! Wer kann da noch viel riskieren? Die erste Verlustpartie wiegt umso schwerer, je kürzer ein Match ist. Wenn 24 Partien zu spielen sind, kann selbst ein 0:2-Rückstand noch nicht vorentscheidend sein, wie u. a. aus dem WM-Kampf Spassky - Fischer 1972 zu ersehen ist.

Weg mit dem Tie-Break

Außerdem sollte man meines Erachtens nach dem Herausforderer wieder auferlegen, den Weltmeister zu besiegen, und zwar im klassischen Schach, nicht in Schnell- oder Blitzpartien. Diese Vorgabe würde wesentlich die Matchstrategie beeinflussen. Solange ein Stechen mit Schnell- oder Blitzpartien bei Gleichstand garantiert ist, besteht überhaupt keine Notwendigkeit, auf Gewinn zu spielen, weder für den Herausforderer, noch für den amtierenden Weltmeister. Diese Tatsache beeinflusste wesentlich den Verlauf der Schach-WM 2018!

Noch ein weiterer Gesichtspunkt spricht gegen ein Stechen mit Schnell- und Blitzpartien: Die Tagesform entscheidet. Jeder Schachspieler weiß es aus eigener Erfahrung: Übermüdet und schlecht ausgeschlafen braucht man zu einem Wettkampf im Blitz- oder Schnellschach gar nicht erst anzutreten! Übermüdung führt beinahe zwangsläufig zum Verlust. Und der Grad der Übermüdung nimmt sicherlich während eines anstrengenden WM-Kampfes immer mehr zu! Was bei Partien mit langer Bedenkzeit noch nicht so sehr ins Gewicht fällt, erweist sich bei knapper (Schnellschach) und knappster Bedenkzeit (Blitzschach) als entscheidend. Bei einem WM-Kampf im klassischen Schach geht es jedoch darum, den besten Schachspieler der Welt zu ermitteln. Dazu ist ein Stechen mit Schnell- und Blitzpartien nicht mehr als ein Notbehelf. Und außerdem: Es gibt doch eigene Weltmeisterschaften sowohl im Schnell-, wie auch im Blitzschach.

Zu lang und keine Sponsoren?

Das Argument, dass ein WM-Kampf über 24 Partien heute zu lange dauern und sich keine Sponsoren finden würden, überzeugt mich nicht. Wenn vier Partien pro Woche gespielt werden, endet die WM spätestens nach sechs (spannenden) Wochen. Und es muss ja nicht jedes Jahr eine WM stattfinden. Alle 2 - 3 Jahre sollte doch genügen.

Magnus Carlsen ist ein würdiger Weltmeister

Um nicht missverstanden zu werden, möchte ich noch eines hinzufügen:  Magnus Carlsen hat meines Erachtens verdient gewonnen. Er wäre mit großer Wahrscheinlichkeit auch einem "ausgeschlafeneren" Herausforderer im Schnellschach überlegen gewesen. Dennoch würde ich mir wünschen, dass die nächste Weltmeisterschaft in einem anderen, besseren Modus ausgetragen wird. Dieser Beitrag soll eine Diskussion hierüber anstoßen, nicht nur bei den zahlreichen Fans und Anhängern des königlichen Spiels, sondern auch bei den Verantwortlichen der FIDE.

 



Stephan Oliver Platz (Jahrgang 1963) ist ein leidenschaftlicher Sammler von Schachbüchern und spielt seit Jahrzehnten erfolgreich in der mittelfränkischen Bezirksliga. Der ehemalige Musiker und Kabarettist arbeitet als freier Journalist und Autor in Hilpoltstein und Berlin.

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